Georg Büchner verfasste Leonce und Lena anlässlich eines 1836 ausgerufenen Wettbewerbs der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung. Allerdings versäumte Büchner die Einsendefrist und erhielt sein Manuskript ungelesen zurück. Erst 1895 wurde die Komödie in München uraufgeführt.

Obwohl Leonce und Lena als (harmloses) Lustspiel bezeichnet wird, ist das Drama eine deutliche Polit-Satire der gesellschaftlichen Verhältnisse in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Leonce und Lena ist ein literarisches Zeugnis von Büchners Modernität und seinem beißendem Spott gegenüber den herrschenden Verhältnissen in der Zeit des Vormärz.

Der Prinz Leonce ist der Sohn des Königs Peter vom Reiche Popo, einem kleinen Staat, der an die vielen Kleinstaaten vor Gründung des Deutschen Reichs 1871 erinnert. Leonce ist von seiner Affäre zu der Tänzerin Rosetta gelangweilt und beendet die Beziehung. Er ist allerdings keinesfalls mit der Entscheidung seines Vaters einverstanden, ihn mit der ihm unbekannten Prinzessin Lena aus dem Königreich Pipi zu verheiraten. Der Prinz entschließt sich zu fliehen.

Mit seinem treuen Diener Valerio, einem faulen Genussmenschen, reist er Richtung Süden. Auf dem Weg nach Italien begegnen die beiden Reisenden unverhofft zwei Frauen. Es handelt sich um die Prinzessin Lena aus dem Königreich Pipi, die ebenfalls mit ihrer Dienerin vor der Zwangshochzeit mit dem ihr fremden Leonce geflohen ist.

Ohne die Identität des anderen zu kennen, verlieben sich Leonce und Lena. Sie beschließen gemeinsam in ihre Heimat zurückzukehren und gegen den Willen ihrer Familien zu heiraten. Im Königreich Popo wird bereits alles für die Hochzeit vorbereitet, doch König Peter und sein Zeremonienmeister sind beunruhigt, weil das Brautpaar nicht anwesend ist. Vom Schloss kann man das ganze Königreich überblicken, sodass kurz vor der Hochzeit vier Gestalten entdeckt werden.

Es handelt sich um die beiden Diener und Leonce und Lena, die allerdings als Automaten verkleidet nicht erkannt werden. König Peter entscheidet sich, die Hochzeit „in effigie“ an den Automaten vorzunehmen, das heißt symbolisch, da von den beiden Königskindern keine Spur ist.

Nach der Zeremonie nehmen Leonce und Lena ihre Masken ab, doch anstelle ihren Eltern einen Streich gespielt zu haben, erkennen sie, dass sie dem Wunsch ihrer Eltern entsprochen und den für sie vorherbestimmten Partner geheiratet haben.

SzeneInhaltsangabe
1. Akt
1. SzeneIn einem Gespräch mit seinem Erzieher, dem Hofmeister, wird Leonce vorgestellt. Er bekundet seine Langeweile gegenüber den Lehrinhalten („Mein Herr, was wollen Sie von mir? Mich auf meinen Beruf vorbereiten? Ich habe alle Hände voll zu thun, ich weiß mir vor Arbeit nicht zu helfen.“) und spottet über die Regierungsarbeit des Kleinstaats Popo. Der Sohn des Königs ist ein melancholischer Mensch, der sich im Müßiggang übt.

Nachdem der Hofmeister abgegangen ist, klagt Leonce (auf einer Bank liegend) in einem lamentierenden Monolog über sein eintöniges Schicksal („O wer einmal jemand Anders sein könnte! Nur ’ne Minute lang. –“). Valerio betritt angetrunken die Bühne. Er erzählt von seiner Leidenschaft für den Müßiggang („Herr, ich habe die große Beschäftigung, müßig zu gehen, ich habe eine ungemeine Fertigkeit im Nichtsthun, ich besitze eine ungeheure Ausdauer in der Faulheit.“) und wird von Leonce als Gleichgesinnter erkannt („Komm an meine Brust!“)

2. SzeneWährenddessen wird König Peter in seinem Ankleidezimmer vorgestellt. Während er von zwei Dienern angekleidet wird, läuft er fast nackt herum. Er versucht sich zu erinnern, warum er ein Knoten in sein Schnupftuch gemacht hat (er ist sehr vergesslich).

Es stellt sich heraus, dass er den Knoten gemacht hat, um sich an sein Volk zu erinnern, dem er als König vorsteht. In einer anschließenden Sitzung vor dem Staatsrat berichtet der König von der Notwendigkeit, seinen Sohn zu verheiraten. Allerdings vergisst er alsbald worüber er reden wollte und die Sitzung wird beendet.

3. SzeneIn einem reich geschmückten Saal trifft Leonce auf seine Geliebte Rosetta, eine Tänzerin. Es zeigt sich jedoch, dass er auch von der Liebe zu ihr gelangweilt ist. Er beklagt sich über seine viele Arbeit („Ich habe die entsetzliche Arbeit … Nichts zu thun“) und spricht vom Müßiggang („O dolce far niente“). Ebenso sagt Leonce, dass er am Absterben der Liebe zu Rosetta größeren Gefallen finde, als an der Liebe zu ihr („O, eine sterbende Liebe ist schöner, als eine werdende.“)

Im Gespräch ist Leonce immer wieder im Traum versunken und verletzt Rosetta mit seinen harten Worten („Gib Acht! Mein Kopf! Ich habe unsere Liebe darin beigesetzt.“) Rosetta beklagt noch einmal im Abgehen ihr Schicksal als Verstoßene Geliebte des Prinzen. Wieder alleine denkt der Prinz über das Wesen der Liebe, wird aber von Valerio unterbrochen, der ihn mit sinnlichen Genüssen zu locken sucht. Doch Leonce Stimmung ist getrübt und er droht seinem Freund Prügel an. Valerio rennt fort, in der Verfolgung stolpert der Prinz und fällt hin. Just in diesem Moment tritt der Präsident des Staatsrats hinzu, der den Prinzen über seine Vermählung mit der Prinzessin Lena aus Pipi unterrichtet.

Die Prinzessin werde am kommenden Tag eintreffen. Gleichzeitig wird Leonce darüber in Kenntnis gesetzt, dass er am Tag der Hochzeit die Regierung des Staats übernehmen soll. Nachdem der Staatsrat abgegangen ist, unterhalten sich Valerio und Leonce über die Aufgaben eines Königs. Valerio erzählt im spöttischen Ton von Ausflügen in Kutschen und schicken Klamotten, doch Leonce wünscht sich etwas ganz anderes („Valerio! Valerio! Wir müssen was Anderes treiben.“). Schließlich kommen die Beiden auf die Idee nach Italien zu flüchten, um der geplanten (Zwangs-)Hochzeit aus dem Weg zu gehen.

4. SzeneAls Braut geschmückt beklagt sich die Prinzessin Lena bei ihrer Gouvernante über die geplante Hochzeit mit dem ihr fremden Prinzen Leonce. Lena ist nicht damit zufrieden, von einem Tag auf den anderen verheiratet zu werden und ihre Freiheit zu verlieren. Ihre Gouvernante sagt, dass sie eine Idee hat und führt die Prinzessin aus dem Garten.
2. Akt
1. SzeneAuf einem freien Feld in der Nähe eines Wirtshauses unterhalten sich Leonce und Valerio über die geplante Hochzeit und die Liebe. Der Prinz erzählt, dass er eine Frau heiraten möchte, die seinen Vorstellungen entspricht („Ich habe das Ideal eines Frauenzimmers in mir und muß es suchen.“). Zur gleichen Zeit spazieren Lena und ihre Gouvernante durch die Landschaft und bestaunen die Natur.
2. SzeneIm Garten vor dem Wirtshaus versucht Valerio den Prinzen für die Genüsse des Wirtshauses zu begeistern und bietet ihm ein Weinglas („Nimm diese Glocke, diese Taucherglocke und senke dich in das Meer des Weines, daß es Perlen über dir schlägt.“). Doch Leonce übt sich in schwermütigen Gedanken („Komm Valerio, wir müssen was treiben, was treiben. Wir wollen uns mit tiefen Gedanken abgeben.“). Während Leonce melancholisch in die Landschaft schaut, treten Lena und ihre Gouvernante auf. Valerio und die Gouvernante streiten sich zuerst, doch Leonce und Lena scheinen sich sofort zu verstehen.
3. SzeneIn einem Zimmer der Wirtshauses gesteht Lena der Gouvernante, ihr Interesse für Leonce, insbesondere zu seinem melancholischen Wesen („Er war so alt unter seinen blonden Locken.“). Sie will heraus in den Garten, um ihn zu suchen.
4. SzeneIm Garten des Wirtshauses, bei Nacht und Mondschein. Lena sitzt zunächst alleine auf dem Rasen, wird aber alsbald von Leonce in ein Gespräch über das Leben und den Tod verwickelt. Sie ergänzen ihre Gedanken solange, bis Leonce Lena zu küssen versucht. Diese entzieht sich aber dem Annäherungsversuch des Prinzen, woraufhin dieser sich in den nahen Fluss zu stürzen versucht. Er wird aber von Valerio aufgehalten.
3. Akt
1. SzeneLeonce gesteht Valerio, dass er Lena heiraten möchte, von der er noch nicht mal ihren Namen kennt. Er ist sich aber seiner und ihrer Liebe bewusst. Valerio erkennt die Radikalität dieser Entscheidung und bittet den Prinzen darum, Minister zu werden, wenn er Leonce dabei hilft, die unbekannte Fremde zu heiraten.
2. SzeneAuf einem freien Platz vor dem Schloss von König Peter in Popo haben sich der König, der Schulmeister, der Landrat und einige Bauern versammelt. Man übt das Jubilieren, um während der Hochzeitszeremonie eine gute Stimmung entstehen zu lassen. Auf die Frage des Landrats, wie es den Untertanen gehe, berichtet der Schulmeister, dass sie reichlich Spiritus in sich „eingießen“, um die Hitze zu ertragen. Der Landrat erinnert die Bauern, dass sie sich laut Programm „von freien Stücken, reinlich gekleidet, wohlgenährt, und mit zufriedenen Gesichtern längs der Landstraße aufstellen“ sollen. Man übt gemeinsam das lateinische „vivat“ zu rufen.
3. SzeneIn einem großen Saal des Schlosses erwartet die schicke Hochzeitsgesellschaft das Eintreten des Brautpaars. Doch weder Leonce noch Lena sind da. Dieser Umstand stellt den König vor eine große Herausforderung, denn er hatte zu Protokoll gegeben, dass sich jeder über die Hochzeit freuen solle. Er ist unsicher, ob er sich kompromittieren würde, wenn er sich selber nicht freut. Also hält er alle Leute an sich zu freuen.

Da das Schloss auf einem Hügel steht und das Königreich auch sehr klein ist, kann man das Land sehr gut einsehen. Nach allen Richtungen wird nach dem Prinz und der Prinzessin Ausschau gehalten. Plötzlich entdeckt ein Bediensteter sich nähernde Gestalten. Doch die Eintreffenden sind allesamt maskiert, auch Valerio, der mehrere Masken abnimmt und zu sprechen beginnt.

Er erklärt, dass er zwei „weltberühmte Automaten“ mit sich führe. Der König denkt nach, und fragt den Präsidenten des Staatsrats, ob man nicht die beiden Marionetten anstelle der Abwesenden Brautleute vermählen könnte (In diesem Zusammenhang wird der Ausspruch „in effigie“ gebraucht, der auf den Umstand verweist, dass ein zum Tode Verurteilter trotz seiner Abwesenheit „in effigie“ gehenkt werden kann, wenn man ein Bild von ihm aufhängt – es handelt sich also um eine symbolische Hinrichtung, wie es sich bei der Hochzeitszeremonie um eine symbolische Hochzeit handeln soll).

Nachdem der Hofprediger die beiden Automaten in einer kurzen Predigt zu Mann und Frau erklärt hat, nimmt Prinz Leonce seine Maske ab. Als auch die Prinzessin die Maske abnimmt, erkennt die Hochzeitsgesellschaft, dass doch das richtige Brautpaar getraut wurde. Erst in diesem Moment erfahren die beiden von ihrer Herkunft. Die beiden erkennen, dass sie ihrem Schicksal nicht entrinnen konnten, sind aber dennoch zufrieden (obwohl sie sich zuerst als Betrogene gefühlt haben). Der gerührte König übergibt seinem Sohn die Regierungsgeschäfte. Leonce bittet alle Leute nach Hause zu gehen, aber am nächsten Tag wiederzukommen. Es soll die ganze Hochzeit noch einmal von vorne wiederholt werden.

In einem abschließenden Gespräch zwischen den Helden, erläutert Leonce ein satirisches Regierungsprogramm. Valerio wird zum Staatsminister befördert.

  • König Peter vom Reiche Popo
  • Prinz Leonce, sein Sohn, verlobt mit
  • Prinzessin Lena vom Reiche Pipi
  • Valerio
  • Die Gouvernante
  • Der Hofmeister
  • Der Ceremonienmeister
  • Der Präsident des Staatsraths
  • Der Hofprediger
  • Der Landrath
  • Der Schulmeister
  • Rosetta
  • Bediente, Staatsräthe, Bauern etc.

Georg Büchner wurde 1813 in Goddelau im Großherzogtum Hessen geboren und kam als Sohn des Arztes Karl Ernst Büchner zur Welt. Er war das erste von acht Kindern, von denen jedoch zwei kurz nach der Geburt starben. Zu seinen Geschwistern zählen die bekannte Frauenrechtlerin Luise Büchner und der Fabrikant und Politiker Wilhelm Ludwig Büchner. Ab 1816 lebte die Familie in dem nicht weit entfernten Darmstadt.

Im Alter von elf Jahren wechselte Büchner an das neu-humanistische Pädagogium, von dessen Leiter Wilhelm Dilthey Büchner Latein Unterricht erhielt. Im Alter von 18 Jahren begann Büchner ein Studium der Medizin in Straßburg. Büchner interessierte sich bereits während seiner Schulzeit für den Freiheitskampf und seine Helden (so hielt er anlässlich einer Schulfeier eine Rede über Cato, der aus Protest gegen Cäsar und aus Liebe zur Freiheit im antiken Rom Selbstmord beging).

In Frankreich erlebte er das liberale Klima der Julirevolution von 1830. 1933 musste er allerdings wieder ins Großherzogtum Hessen zurückkehren und setzte sein Studium in Gießen fort. Aus Unzufriedenheit gegenüber den gesellschaftlichen Umständen gründete er mit einigen Freunden eine Geheimgesellschaft nach französischen Vorbild, die Gesellschaft für Menschenrechte. Im Juli wurde der Hessische Landbote gedruckt, eine radikal politische Streitschrift mit dem Motto „Friede den Hütten! Krieg den Palästen.“

Büchner geriet zunehmend in Konflikt mit den Autoritäten des Herzogtums, was dazu führte, dass er sich im März 1835 nach Straßburg flüchtete. Aus dieser Zeit datieren viele Texte Büchners, wie z.B. Dantons Tod, Lenz aber auch Leonce und Lena. Im Oktober 1836 zog Büchner nach Zürich, wo er an dem in Straßburg begonnenen Fragment Woyzeck weiterarbeitete, es aber nicht beenden konnte. In Zürich wurde ihm für eine Arbeit über das Nervensystem der Doktor der Philosophie verliehen.

Allerdings erkrankte Büchner an Typhus und starb im Alter von 23 Jahren im Exil. Obgleich seines frühen Todes zählt Büchner zu den bedeutendsten Schriftstellern deutscher Sprache. Seine Literatur ist durch eine sehr große Modernität gekennzeichnet, wodurch Büchner für viele später geborene Schriftsteller zu einem wichtigen Autor wurde. Der seit 1923 vergebene Georg-Büchner-Preis ist der wichtigste Preis der Deutschen Literatur.

Das Lustspiel „Leonce und Lena“ ist eine knallharte Satire der deutschen Kleinstaaterei und seiner Fürsten und Könige. Allein die Bezeichnung der beiden Königreiche „Popo“ und „Pipi“ verdeutlicht diesen satirischen Charakter des Werks.

Indem vom Schloss des Königs Peters alle Grenzen des Landes überblickt werden können, wird die absurde Größe des Königreichs offensichtlich. Darüber hinaus überwindet Büchners Drama die sentimentale Gefühlsverklärung (Melancholie) und die Motive der Romantik (Apparat), indem das Stück die Zitate der romantischen Verfahren in einer dem Vormärz zugehörigen spottenden Ironie auflöst.