WORTWUCHS | Literaturlexikon

Michael Kohlhaas

Einleitung

Michael Kohlhaas ist eine Novelle von Heinrich von Kleist. Im Jahr 1808 veröffentlichte Kleist bereits ein Fragment des Textes in der von ihm gegründeten Literaturzeitschrift Phöbus, wobei das vollständige Werk erst im Jahr 1810 in Kleists Erzählungen veröffentlicht wurde.

Unter Verwendung historischer Fakten entwickelte Kleist eine eigene Geschichte, die sich lose auf die historische Person des Michael Kohlhaas bezog, dem im Jahre 1532 auf Anordnung des Junkers von Zaschwitz zwei Pferde gestohlen wurden. Nach einem erfolglosen Rechtsstreit soll Michael Kohlhaas die Stadt Wittenberg in Brand gesetzt haben. Schließlich wurde der historische Kohlhaas im Jahre 1540 hingerichtet (zuvor hatte er seine Pferde zurück erhalten).


KURZE ZUSAMMENFASSUNG


Die Erzählung handelt von dem gleichnamigen Pferdehändler Michael Kohlhaas aus Brandenburg. Zunächst ist Kohlhaas auf dem Weg nach Sachsen, um dort ein Geschäft zu realisieren. Allerdings wird er an der Burg des Junkers Wenzel von Tronka aufgehalten.

Dies geschieht unter der vorgehaltenen Beschuldigung, dass Kohlhaas keinen Passierschein besitzt. In der Folge werden Kohlhaas Pferde durch den adligen Landherrn von Tronka in Besitz genommen. Durch die entstandene Ungerechtigkeit sieht sich der rechtschaffene Pferdehändler Kohlhaas in seiner Ehre verletzt. Er versucht rechtlich beim Kurfürsten von Sachsen gegen von Tronka vorzugehen. Jedoch gelingt es Kohlhaas nicht, sich gegen die Interessen der Familie von Tronka durchzusetzen.

Letztlich schwört Kohlhaas Rache und stellt eine kleine Armee zusammen, mit der er die Burg seines Widersachers angreift. Im Kampf töten die Angreifer nahezu alle Burgbewohner. Einzig Wenzel von Tronka gelingt die Flucht. Es kommt zu einer brutalen Verfolgungsjagd durch Mittel- und Ost-Deutschland an deren Ende Michael Kohlhaas schlussendlich festgesetzt und verhaftet wird.

Bei einer Wiederaufnahme des zuvor abgewiesenen Rechtsverfahrens wird von Tronka schuldig gesprochen. Allerdings wird darüber hinaus Michael Kohlhaas für seine Brandschatzungen, die als Landfriedensbruch bezeichnet werden, zum Tode verurteilt.

Inhaltsangabe

Der Roßhändler Michael Kohlhaas ist auf dem Weg von Brandenburg nach Sachsen, um ein Paar seiner Pferde zu verkaufen. An der Burg des Junkers Wenzel von Tronka wird Kohlhaas allerdings unter dem Vorwand keinen Pass zu besitzen widerrechtlich an der Durchreise gehindert. Als Pfand wird Kohlhaas von den Bediensteten Tronkas aufgefordert, dem Burgvogt zwei seiner Pferde zu übergeben.

In Dresden wird Michael Kohlhaas über die Unrechtmäßigkeit dieser Forderung aufgeklärt. Er erfährt, dass Wenzel von Tronka kein Recht hatte, ihn auf Grund eines fehlenden Passes an der Weiterreise zu hindern. Er kehrt zur Tronkenburg zurück und sieht seine Pferde in einem schlechten Zustand: Sie sind durch Feldarbeit und schlechte Unterbringung vollkommen gezeichnet. Eine Beschwerde Kohlhaas wird höhnisch abgewiesen. Darüber hinaus wurde Kohlhaas Knecht Herse von den Getreuen Wenzel von Tronkas auf Grund seines Widerstand gegen die schlechte Behandlung der Tiere übelst zugerichtet.

Michael Kohlhaas ist von der Ungerechtigkeit des Vorgehens von Tronkas überzeugt und beschließt, den willkürlichen Junker vor einem Gericht in Dresden anzuklagen. Er hofft auf Gerechtigkeit. Kohlhaas verlangt, die Kosten für die Wiederauffütterung der Pferde und für die Krankenpflege seines Knechts Herse von Tronka erstattet zu bekommen. Es dauert nahezu ein Jahr bis Kohlhaas erfahren muss, dass seine Klage abgewiesen wurde. Dieses geschah insbesondere auf Grund der Einflussnahme zweier Verwandter Wenzel von Tronkas.

Kohlhaas ist von der Ungerechtigkeit zutiefst enttäuscht. Doch lässt er sich nicht entmutigen. Er glaubt an die Möglichkeit, Gerechtigkeit zu erlangen und erhofft sich Unterstützung von einem befreundeten Stadthauptmann und dem Kurfürsten von Brandenburg. Doch anstatt die erwünschte Hilfe zu erlangen, stirbt seine Frau Lisbeth an einer Verletzung, die sie sich bei der Zurückweisung durch einen Wachsoldaten am Hof des Kurfürsten zugezogen hat.

Michael Kohlhaas ist von der Unmöglichkeit überzeugt, eine Wiedergutmachung auf ordentlichen Weg zu erhalten. Deswegen schart er seine Knechte um sich und beschließt, die Tronkerburg anzugreifen. Der Angriff glückt und es gelingt Kohlhaas, die gesamte Burg niederzubrennen. Allerdings flieht Wenzel von Tronka nach Wittenberg. Kohlhaas belagert die Stadt und verlangt die Auslieferung seines Widersachers.

Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, greift er mehrmals Wittenberg an. Friedrich von Meißen gelingt es nicht, Michael Kohlhaas zur Strecke zu bekämpfen, obwohl er ein 500 Mann starkes Heer aufgebracht hat. Es heißt, dass Kohlhaas Kampftaktik zu flexibel und unkonventionell ist.

Der bekannte Reformator Martin Luther verfasst eine Schrift, in der er Michael Kohlhaas einen gottverlassenen Frevler und Aufrührer nennt. Dennoch kommt es zu einem gütlichen Gespräch zwischen Kohlhaas und Luther, nach dem sich Luther bei dem Kurfürsten von Sachsen für eine Amnestie der Strafen Kohlhaas einsetzt. Luther erkennt das Unrecht und die Verzweiflung, aus dem heraus sich Michael Kohlhaas entschlossen hat, Rache zu üben.

In der Hoffnung, durch die Amnestie endlich einen gerechten Prozess gegen Tronka durchführen zu können, entlässt Kohlhaas seine Bediensteten und begibt sich nach Dresden. Obwohl es zunächst so aussieht, als ob Wenzel von Tronka einer Bestrafung zugeführt werden kann, gelingt es der einflussreichen Familie erneut, gegen Michael Kohlhaas vorzugehen. Kohlhaas wird verhaftet und in einen Kerker gesperrt. Auch das Eintreten des Kurfürsten von Brandenburg vermag es nicht mehr, Michael Kohlhaas aus der Gefangenschaft zu befreien.

Da die Sachsen den Kaiser in Wien über den Fall Kohlhaas informiert haben, hat der Skandal auch für die Obrigkeit eine entscheidende Bedeutung bekommen. Michael Kohlhaas gilt als gefährlicher Aufrührer und Rebell gegen die herrschende Ordnung. Auch ein letztes Eingreifen des Kurfürsten von Sachsen kann Kohlhaas nicht retten: Er wird zum Tode verurteilt. Der Kurfürst von Sachsen hatte sich zuletzt für das Leben von Kohlhaas eingesetzt, weil er heraus gefunden hat, dass Kohlhaas einen Zettel mit einer Prophezeiung bei sich trägt, der über das zukünftige Geschick seiner Familie Auskunft gibt.

Bevor Kohlhaas enthauptet wird, wirft er noch einen Blick auf seine Pferde. Mit Genugtuung erkennt er, dass seiner Klage endlich stattgegeben wurde und von Tronka für die Ernährung seiner geschundenen Pferde bezahlen musste. Als letzte Entwicklung der Geschichte verschluckt Kohlhaas den Zettel mit einer Prophezeiung, die der Kurfürst von Sachsen gerne in seinen Besitz gebracht hätte. Nach dem Tode ihres Vaters werden Kohlhaas Söhne von dem Kurfürsten von Brandenburg zu Rittern geschlagen.

Sonstiges

Zu Beginn der Erzählung wird Michael Kohlhaas als einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit beschrieben. Diese Einleitung des Protagonisten verweist bereits auf eine die Geschichte bestimmende Paradoxie.

Nachdem Michael Kohlhaas Wunsch nach Gerechtigkeit durch den Einfluss der adeligen Familie von Tronka scheitert, entschließt sich der gedemütigte Pferdehändler zu einer brutalen Racheaktion. Bei dieser zerstört er die Burg seines Widersachers und schreckt auch nicht davor zurück, die Stadt Wittenberg zu belagern.

Diese Paradoxie, zwischen dem Verlangen nach eigener Gerechtigkeit und der Ausübung von Gewalt gegen Andere, tritt in der Schlussszene der Erzählung offen zutage. In dieser freut sich Michael Kohlhaas kurz vor seiner Hinrichtung sichtlich über die Verurteilung Wenzel von Tronkas.

Heinrich von Kleist

Heinrich von Kleist hat seine Eltern früh verloren und wuchs deswegen in schwierigen Verhältnissen auf. Bis zu seinem Freitod am 22. März 1811 scheiterte er sowohl persönlich als auch beruflich (z.B. als Herausgeber einer Zeitschrift) mehrere Male. Nichtsdestotrotz stammt er aus einer sehr angesehenen Adelsfamilie Preußens.

Seine Heimatstadt ist Frankfurt an der Oder. Mit 14 Jahren trat er in das Vorzeigeregiment Garde ein und beteiligte sich auf Seite der Preußen an dem Ersten Koalitionskrieg 1793-75 gegen die französische Armee Napoleons (vgl. Vormärz). Es heißt, dass er in dieser Zeit mit der Literatur der Aufklärung in Kontakt gekommen ist. In der Armee erlebte er den Konflikt zwischen der individuellen Freiheit und der Pflichterfüllung (man denke an das Drama um den Prinzen Friedrich von Homburg).

So stammten zahlreiche hoch dekorierte Offiziere aus seiner Familie, er aber entfloh dem Militärdienst, um sich als Gelehrter oder Schriftsteller einen Namen zu machen. Mit diesem Entschluss enttäuschte er seine Familie. Kleist fand keine Anerkennung unter den Schriftstellern seiner Zeit, vor allem die Lichtgestalten der Weimarer Klassik Goethe und Schiller äußerten sich mehrfach kritisch zu ihm.

Letztendlich erschoss Kleist zuerst die schwerkranke Henriette Vogel am Ufer des Wannsees bei Berlin – oder sie erschoss sich selbst. Die Umstände sind bis heute ungeklärt! – und danach sich selbst.

Zusammen mit den Schriftstellern Jean Paul und Hölderlin bildet Kleist eine Gegenklassik, also eine Literatur, die sich der herrschenden idealistischen Tradition seiner Zeitgenossen widersetzt und einen eigenständigen Wert besitzt. Die Bedeutung Kleist wurde erst lange nach seinem Tod erkannt.

In einem Brief an seine Schwester Ulrike vom 05. Februar 1801 klagt Kleist darüber, dass die Sprache nicht dazu tauge, die Seele zu malen. Es ließen sich nur zerrissene Bruchstücke abbilden. In dieser kritischen Hinterfragung der dichterischen Möglichkeit ist Kleist den Schriftstellern des 20. Jahrhunderts ähnlicher als seinen Zeitgenossen (z.B. Hugo von Hofmannsthal, der dasselbe Problem in seinem Prosa-Werk „Ein Brief“ behandelt).

Bei der Behandlung von Kleist-Texten gilt es – wie bei jedem anderen literarischen Text – noch genauer hinzuschauen, wie der Verweis auf die Novelle Die Verlobung in St. Domingo von 1811 unterstreicht. Inmitten einer starken emotionalen Erregung ändert sich der Name der Hauptfigur Gustav in August, einem Anagramm desselben Namens.

In den weitverbreiteten Hamburger Leseheften wird dieser poetologische Kunstgriff als Fehler des Autors übergangen und auch vielen Lesern fällt der einmalige Namenswechsel der Hauptfigur nicht auf. Tatsächlich verdeutlicht aber gerade das Durcheinander-Wirbeln der Buchstaben die Zerrüttung des literarischen Charakters und scheint ein bewusstes Stilmittel zu sein.

Hier wird ersichtlich, dass es Kleist insbesondere um die Wiederbelebung einer Spontanität geht, die durch den zivilisatorischen Prozess der Moderne verloren gegangen ist. In Bezugnahme auf den Brief an seine Schwester kann davon ausgegangen werden, dass es Kleist um die spontane Darstellung seiner Seele mit den Mitteln der Sprache gegangen ist und seine Dichtung in einem großen Maß vom Affekt bestimmt ist: Der Dichter ringt also förmlich um die Zur-Schau-Stellung seiner Seelenwelt.

Hörbuch: Michael Kohlhaas

Abschnitte des Hörbuchs
01. Teil (Länge: 10 Minuten)
02. Teil (Länge: 6 Minuten)
03. Teil (Länge: 13 Minuten)
04. Teil (Länge: 8 Minuten)
05. Teil (Länge: 11 Minuten)
06. Teil (Länge: 6 Minuten)
07. Teil (Länge: 10 Minuten)
08. Teil (Länge: 5 Minuten)
09. Teil (Länge: 10 Minuten)
10. Teil (Länge: 15 Minuten)
11. Teil (Länge: 10 Minuten)
12. Teil (Länge: 5 Minuten)
13. Teil (Länge: 5 Minuten)
14. Teil (Länge: 13 Minuten)
15. Teil (Länge: 4 Minuten)
16. Teil (Länge: 9 Minuten)
17. Teil (Länge: 12 Minuten)
18. Teil (Länge: 8 Minuten)
19. Teil (Länge: 5 Minuten)
20. Teil (Länge: 10 Minuten)
21. Teil (Länge: 6 Minuten)
22. Teil (Länge: 3 Minuten)
23. Teil (Länge: 9 Minuten)
24. Teil (Länge: 9 Minuten)
25. Teil (Länge: 11 Minuten)
26. Teil (Länge: 12 Minuten)

In a Nutshell

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