WORTWUCHS | Literaturlexikon

Nathan der Weise

Einleitung

Nathan der Weise ist ein 1779 veröffentlichtes Ideendrama von Gotthold Ephraim Lessing. Anhand mehrerer literarischer und historischer Quellen entwirft Lessing ein Theaterstück, das das Toleranzideal der Aufklärung und ein humanistisches Menschenbild zum Thema hat.

Das Drama spielt zur Zeit des Dritten Kreuzzuges 1192 in Jerusalem. Der Titel bezieht sich auf den jüdischen Kaufmann Nathan, um dessen Figur sich zu Ende des Dramas eine vollständige Harmonie zwischen Juden, Christen und Muslimen herstellt.

Wie Goethes Werk „Iphigenie auf Tauris“ zählt Lessings „Nathan der Weise“ bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert zum Bestandteil der Schullektüre. Während der Nazi-Dikatatur war das Stück verboten, weil in dem Stück ein vorbildliches Handeln eines Juden dargestellt wird.

Das Stück ist eines der Hauptwerke der deutschen Klassik und Ausdruck eines idealistischen Menschenbildes. Vor dem historischen Hintergrund des Kreuzzuges entwirft Lessing eine Gegenrealität, die von den Idealen der Aufklärung geleitet ist.

Szenenübersicht

SzeneInhaltsangabe
ERSTER AUFZUG
Einführung der Figur Nathans, (I, 1-3)
1. AuftrittNathan kommt von einer erfolgreichen Geschäftsreise nach Jerusalem zurück. Er erfährt von Daja, dass das Haus gebrannt hat und dass ein Tempelritter seiner Tochter Recha das Leben gerettet hat.
2. AuftrittWährend Recha ihren Retter für einen Engel hält, wendet sich Nathan gegen einen solchen Wunderglauben. Seiner Meinung nach solle man dem Retter durch konkrete Taten helfen.
3. AuftrittDer Schatzmeister des Sultans Al-Hafi bittet Nathan um Geld. Doch Nathan ist nicht bereit dem Sultan auszuhelfen. Er meint, dass der Sultan durch Verschwendung versucht, die Milde Gottes nachzuahmen.
Einführung der Figur des Tempelherrn (I, 4-6)
4. AuftrittDaja meldet einen Tempelherrn, der in der Nähe des Hauses Datteln von den Palmen stiehlt.
5. AuftrittIm Auftrag des Patriarchen versucht der Klosterbruder, den Kreuzritter als Spion zu gewinnen. Trotz des Waffenstillstands ist der Patriarch an der Erledigung Saladins interessiert. Der Klosterbruder ist selber nicht mit seinen Auftraggeber zufrieden, weswegen er sich über die Ablehnung des Tempelritters freut.
6. AuftrittDer Kreuzritter lehnt eine Einladung von Daja ab. Er möchte nichts mit Juden zu tun haben.
ZWEITER AUFZUG
Einführung in die Figur des Sultans Saladin (II, 1-3)
1. AuftrittIm Palast spielt Saladin mit seiner Schwester Schach. Er möchte Sittah mit dem englischen König Richard Löwenherz vermählen. Durch die gleichzeitige Hochzeit seines Bruders Malek mit der Schwester Richards soll Frieden geschlossen werden. Sittah stört sich an der geforderten Konversion, denn die Engländer fordern ihren Übertritt zum Christentum. Saladin fürchtet nur die Intrigen des Templerordens.
2. AuftrittDer Schatzmeister berichtet seinem Sultan von den leeren Kassen. Al-Hafi erläutert, dass er bereits Nathan um einen Kredit gebeten habe.
3. AuftrittSittah berichtet, was sie durch Al-Hafi über Nathan und sein Vermögen herausgefunden hat.
Begegnung zwischen Nathan und dem Tempelherrn (II, 4-8)
4. AuftrittRecha und Nathan warten auf den Tempelherren. Seine Ankunft wird von Daja gemeldet. Er schickt die Frauen ins Haus.
5. AuftrittDer Tempelritter versucht, dem Gespräch mit Nathan auszuweichen. Dieses gelingt nicht, da Nathan einen Brandfleck auf den Gewand des Ritters küsst. Langsam fallen die konfessionellen Barrieren und sie reden offen miteinander.
6. AuftrittDaja meldet, dass der Sultan nach Nathan verlangt.
7. AuftrittDie beiden verbindet eine Dankbarkeit gegenüber den Sultan. Der Templer gibt sich als Curd von Stauffen zu erkennen. Nathan erinnert sich an seinen toten Freund Wolf von Filnek.
8. AuftrittNathan bittet Daja seiner Tochter Recha auszurichten, dass der Tempelritter sie bald besuchen kommt.
Al-Hafis Abschied (II, 9)
9. AuftrittAl-Hafi möchte fortan wieder als Darwisch leben. Er berichtet Nathan von den Geldsorgen des Sultans und sorgt sich um seine finanzielle Situation.
DRITTER AUFZUG
Begegnung zwischen Recha und dem Tempelherrn (III, 1-3)
1. AuftrittDaja ist an einer Verbindung zwischen Recha und dem Templer interessiert. Sie hofft, durch sie wieder nach Europa zu kommen. Recha schämt sich für ihren Glauben, von einem Engel gerettet worden zu sein.
2. AuftrittDaja bedankt sich bei dem Tempelherrn für ihre Rettung. Dabei tritt sie nicht mehr als kleines Mädchen, sondern als attraktive Frau auf. Auf eine Frage Rechas nach seiner Tätigkeit als Fremdenführer geht er nicht ein. Er ist in Sorge um Nathan.
3. AuftrittDaja ist von dem Besuch des Ritters sehr enttäuscht.
Das Religionsgespräch (III, 4-7)
(vgl. Ringparabel)
4. AuftrittNur widerstrebend folgt Saladin Sittahs Plan, Nathan eine Falle zu stellen.
5. AuftrittNathan wird von dem Sultan als der Weise angesprochen. Nathan liefert eine Definition von Klugheit (= seinen eigenen Vorteil wahrzunehmen) und Weisheit (= die wahren Vorteile des Menschen zu erkennen). Der Sultan fragt Nathan, welche der drei Religionen die einleuchtenste für Nathan ist.
6. AuftrittIn einem langen Monolog versucht Nathan, auf Saladins Frage zu antworten. Er bittet den Sultan, ihn ein Märchen erzählen zu dürfen.
7. AuftrittNathan erzählt Saladin die Ringparabel (siehe Kasten). Dem Sultan gefällt Nathans Geschichte. Er sieht ein, dass er nicht der letzte Richter sein kann. Er bittet um Nathans Freundschaft. Außerdem bietet Nathan Saladin sein Vermögen an.
Der Konflikt des Tempelheern (III, 8-10)
8. AuftrittDer Tempelherr durchlebt einen Konflikt zwischen seiner Zuneigung zu Recha und seinen Ordenspflichten.
9. AuftrittIn einem Gespräch wirbt der Tempelherr um Rechas Hand. Er nennt Nathan seinen Vater. Doch Nathan reagiert kühlt. Er fragt den Ritter wiederum nach seinem Vater.
10. AuftrittDaja möchte weiterhin nach Europa zurückkehren. Sie erzählt dem Templer, dass Recha nur ein adoptiertes Christenmädchen, und nicht Nathans leibliche Tochter sei. Der Templer ist bestürzt.
VIERTER AUFZUG
Der Tempelherr sucht Rat beim Patriarchen (IV, 1-2)
1. AuftrittDer Tempelherr möchte sich vom Patriarchen beraten lassen. Er weiß nicht, wie er weiter um Recha werben soll. Der Klosterbruder denkt, dass der Templer als Spion für ihn arbeiten will.
2. AuftrittDer Patriarch fordert absoluten Gehorsam. Er sagt, dass ein Jude, der ein Christenkind aufzieht, auf den Scheiterhaufen verbrannt werden muss. Der Tempelherr verabschiedet sich mit der Begründung, zum Sultan gerufen worden zu sein.
Der Tempelherr sucht Hilfe beim Sultan (IV, 3-5)
3. AuftrittMan wartet auf den Tempelherrn. Währenddessen wird Nathans Geld geliefert. Saladin vergleicht ein Bild seines verschollenen Bruders mit dem Aussehen des Templers.
4. AuftrittDer Sultan erklärt sich dazu bereit, dem Tempelherr bei seiner Werbung um Recha behilflich zu sein. Saladin ist nicht erfreut, wie abfällig der Ritter von Nathan spricht.
5. AuftrittDie Geschwister bemerken eine Ähnlichkeit zwischen dem Tempelherrn und ihren vermissten Bruder.
Die Vorgeschichte der Adoption (IV, 6-8)
6. AuftrittDaja erhofft sich noch immer unter Christen zu kommen. Sie bittet Nathan der Hochzeit zuzustimmen.
7. AuftrittVom Klosterbruder erfährt Nathan, dass ein Jude gesucht werde, der ein Christenkind großgezogen hat. Der Klosterbruder hat aber selber vor 18 Jahren das Kind des Ritters Wolf von Filnek an Nathan übergeben. Zu der Zeit hatte Nathan bei einem von Christen verursachten Pogrom seine Frau und sieben Söhne verloren. Er war also sehr froh über die Aufgabe, für ein fremdes Kind zu sorgen. Der Klosterbruder erzählt, dass die Mutter des Kindes die Schwester von Conrad von Stauffen gewesen sei. Er erzählt von einem arabischen Notizbuch seines toten Herrn, das all dies beweisen kann.
8. AuftrittDaja berichtet, dass Recha in den Palast gerufen worden sei. Sie verneint, Nathan beim Patriarchen verraten zu haben.
FÜNFTER AUFZUG
Das Ende von Saladins Geldnot (V, 1-2)
1. AuftrittEine Tributzahlung aus Ägypten erreicht den Sultan. Er zeigt sich sehr großzügig.
2. AuftrittSaladin schickt Geld zu seinem Vater, der im Libanon Krieg führt.
Versöhnung zwischen Nathan und dem Tempelherrn (V, 3-5)
3. AuftrittDer Tempelherr macht sich Vorwürfe, Nathan durch seine Unterhaltung mit dem Patriarchen in Gefahr gebracht zu haben.
4. AuftrittAnhand des Notizbuches von Wolf von Filnek kann Nathan nun belegen, dass Recha mit dem Sultan verwandt ist. Die Verwandtschaftsverhältnisse klären sich auf.
5. AuftrittDer Tempelherr entschuldigt sich. Er bittet um Rechas Hand und ist verwundert, als er von Nathan an ihre Verwandten verwiesen wird. Sie gehen zum Palast.
Auflösung der Verwandtschaftsbeziehungen (V, 6-8)
6. AuftrittIn einem Gespräch berichtet Recha, dass ihr Daja ihre wahre Herkunft eröffnet hat.
7. AuftrittRecha bittet den Sultan, Nathan als Vater behalten zu dürfen.
8. AuftrittRecha beginnt zu weinen, als Saladin über die Rückgabe des Geldes an Nathan spricht. Saladin will nun den Tempelherrn mit Recha zusammenbringen. Doch Nathan schreitet ein und erläutert die Verwandtschaftsverhältnisse anhand des Notizbuches. Tatsächlich heiße der Tempelritter Leu von Filnek und sei der Bruder von Recha. Außerdem sei Wolf von Filnek der verlorene Bruder des Sultans Assad. Der Sultan erkennt die Handschrift seines Bruders in dem Notizbuch. Somit endet das Drama mit einer überkonfessionellen Familienzusammenführung.

Figuren

  • Nathan, Kaufmann aus Jerusalem
  • Saladin, Sultan der Sarazenen
  • Der junge Tempelherr, Curd von Stauffen, Christ und tapferer Ritter des Templerordens
  • Der Patriach, ein christlicher Fanatiker, der Gegenpart zu Saladin und Nathan
  • Der Klosterbruder, ehemaliger Diener von Saladins Bruder Assad, nun Diener des Patriachen
  • Daja, Witwe eines Kreuzfahrers, Gesellschafterin Rechas
  • Recha, Adoptivtochter Nathans, ihr richtiger Name ist Blanda von Filnek
  • Sittah, Schwester Saladins
  • Al-Hafi, Bettelmönch, Schachfreund Nathans und Schatzmeister des Sultans

Ringparabel

Die Ringparabel ist das Herzstück von Lessings Drama „Nathan der Weise.“ Sie versinnbildlicht alle Anschauungen über die Toleranzideale der Aufklärung. Lessing dichtet in seiner Ausführung der Ringparabel einen bereits häufig verwendeten literarischen Stoff um.

Bereits im 13. Jahrhundert hatte der Italiener Giovanni Boccaccios in seiner Novellensammlung „Decamerone“ eine ähnliche Geschichte verfasst. Anhand der Ringparabel versucht Nathan der Weise, einer unlösbaren Aufgabe aus dem Wege zu gehen. Er wird vom Sultan gefragt, welche der großen Glaubensgemeinschaften (Juden, Christen oder Muslime) nun Recht habe.

Zum Verständnis ist zu sagen, dass zu der Zeit des Stückes ein erbitterter Kampf um den Nahen Osten und die heiligen Städten in Jerusalem entbrannt ist. Es ist die Zeit des dritten Kreuzzuges. Selbstverständlich ist der Sultan an einer Lösung des blutigen Konfliktes interessiert. Nathan antwortet ihm mit der folgenden Geschichte, die als Ringparabel bekannt ist:


  • 1) Ein Ring mit der Kraft „vor Gott und den Menschen angenehm zu machen“ wird von einem Vater jeweils an seinen Lieblingssohn vererbt. Dieser kann ihn dann wieder an seinen Lieblingssohn weitervererben usw.
  • 2) Einmal gab es aber einen Vater, der keinen seiner Söhne bevorzugte. Er liebte alle gleichsam. Er ließ zwei weitere Ringe anfertigen, sodass niemand mehr wusste, welches der echte Ringe war.
  • 3) Die Söhne begannen über die Echtheit der Ringe zu streiten. Genauso wie Juden, Christen und Muslime über den wahren Gott streiten.
  • 4) In ihrem Streit ziehen die Brüder vor Gericht.
  • 5) Der Richter kann keine Entscheidung treffen. Er rät, die Echtheit jedes einzelnen Ringes durch Gottergebenheit und vorurteilslose Nächstenliebe zu beweisen. Am Ende der Zeit solle ein neues Gericht einberufen werden, um die Echtheit der Ringe zu prüfen. Dann werde ein weiserer Richter entscheiden.

Sonstiges

In der Figur Nathan des Weisen setzt Lessing seinem Freund Moritz Mendelssohn ein literarisches Denkmal. Der jüdische Aufklärer spielte in dem Leben Lessings eine bedeutende Rolle, da sich die beiden Intellektuellen der philosophischen Tradition der Aufklärung verpflichtet sahen.

Gleichzeitig suchte Lessing nach einer Möglichkeit, sein aufklärerisches Gottesideal stark zu machen. Lessings Gottesvorstellung war stark von rationalen Überlegungen geprägt. Diese Religiosität aus Verstandesgründen unterscheidet sich stark von den sogenannten Offenbarungsreligionen, die ihre Religiosität auf eine heilige Schrift (wie z.B. die Bibel, die Thora oder den Koran) gründen.

Insofern steht sie harmonische Eintracht zwischen den Religionen am Ende für die übergeordnete Gottesvorstellung aus Vernunftgründen und rationaler Überlegung. Im Sinne der Aufklärung war Lessing von der friedensstiftenden Macht der Vernunft überzeugt.

Gotthold Ephraim Lessing

Der Dichter Gotthold Ephraim Lessing wurde 1729 als Sohn eines strenggläubigen Pastors geboren.

Lessing wurde von seinem Vater unterrichtet und konnte bereits mit fünf Jahren auf hohem Niveau in der Bibel lesen. Auf Grund eines Stipendiums konnte Lessing seine schulische Laufbahn an einer Fürstenschule in Meißen mit großem Erfolg fortsetzen. Er wurde vorzeitig von der Schule entlassen und Begann Theologie in Leipzig zu studieren. Bald wechselte er nach Wittenberg, um Medizin zu studieren.

Lessing beschäftigte sich aber schon sehr früh mit Literatur und dem Theater. In Berlin lernte er den jüdischen Aufklärer Moses Mendelsohn kennen. Lessing war mit zahlreichen Figuren des kulturellen Lebens befreundet, darunter Goethe und Carl Philipp Emmanuel Bach. Ab 1770 war er Bibliothekar in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel.

Durch die Nähe zu den Fürsten von Wolfenbüttel war es Lessing möglich, ausgedehnte Reisen vorzunehmen, u.a. nach Italien. Lessing lebte in einer Zeit, in der das Gedankengut der Aufklärung allgegenwärtig war. Gleichzeitig wurde seine Zeit von der absolutistischen Herrschaft der Monarchen geprägt. Lessing ist einer der bedeutendsten Dramatiker Deutschlands und ein Vertreter der Aufklärung.


In a Nutshell

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