Als Zäsur wird in der Verslehre (Metrik) ein gesetzmäßig festgelegter Einschnitt, also eine kurze (Sprech-)Pause, innerhalb eines Verses bezeichnet. Die Zäsur kann als syntaktischer, lautlicher und metrischer Einschnitt wahrgenommen werden. Man unterscheidet zwischen Zäsuren, die eine feste Position haben (z.B. Alexandriner) und beweglichen Zäsuren (z.B. Blankvers).

Der Begriff leitet sich aus dem Lateinischen ab (caesura) und lässt sich mit Einschnitt übersetzen. Folglich zeigt schon die Übersetzung, worum es grundsätzlich geht: einen Einschnitt [innerhalb einer Verszeile, der syntaktisch, lautlich oder metrisch vollzogen wird]. Schauen wir dafür auf eine beispielhafte Zäsur.

a
b
b
a
Du siehst, wohin du siehst, | nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, | reißt jener morgen ein:
Wo jetzt noch Städte stehn, | wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäferskind | wird spielen mit den Herden.

Das obige Beispiel ist die erste Strophe des Sonetts Es ist alles eitel von Andreas Gryphius. Wir haben für diesen Beitrag die modernisierte Fassung gewählt, um das Verständnis der Zäsur nicht durch die ungewohnte Schreibweise zu beeinflussen. Weiterhin haben wir die Zäsur farblich markiert.

Das Gedicht ist durchgängig in Alexandrinern verfasst, einem Versmaß das sehr stark die Lyrik des Barocks bestimmte (→ Literaturepochen). Im strengen Alexandriner muss nach der dritten Hebung der jambischen Verse eine Zäsur erfolgen. Somit sollte sie nach den Wörtern siehst, baut, stehn und -kind zu finden sein.

Sprechen wir die Strophe nun laut, merken wir, dass nach diesen Wörtern automatisch eine Atempause eingelegt wird, die die verschiedenen Sprecheinheiten voneinander trennt. Eine solche Sprecheinheit wird als Kolon (Mehrzahl: Kola) bezeichnet. Die Zäsur ist demzufolge der sprachliche Leerraum, der die einzelnen Kola in einer Verszeile voneinander trennt (siehe auch → Trikolon).

Das bedeutet also, dass man die Zäsur grundsätzlich hören kann. Sprechen wir die obigen Verse laut und deutlich, machen wir unwillkürlich nach den Wörtern siehst, baut, stehn, -kind eine (Sprech-)Pause und genau dieser sprachliche Einschnitt wird als Zäsur bezeichnet.

Zäsur im engeren und weiteren Sinne

Bisher wurde die Zäsur beschrieben, wie sie im weitesten Sinne verstanden und beispielsweise im Deutschunterricht vermittelt wird. Jedoch kann die Zäsur auch im engen Sinne gemeint sein.

Das obige Beispiel von Andreas Gryphius hat nach den ersten drei Hebungen einen Einschnitt. Dieser wird durch eine Atempause, die wir beim Sprechen machen, deutlich und auch im Text hervorgehoben, weil ein Komma in der Mitte die Kola trennt und inhaltliche Gegensätze den Einschnitt unterstreichen (vor allem werden diese in Vers 2 [„bauen / einreißen“] und Vers 3 [„Stadt / Wiese“] deutlich → Antithese).

Das bedeutet aber auch, dass der bestimmende Versfuß (Jambus) dreimalig vor der Zäsur und dreimalig danach zu finden ist, wodurch die Zäsur die einzelnen Hebungen nicht auftrennt, sondern Sprecheinheiten gliedert. Die unbetonten und betonten Silben sowie die Zäsur heben wir dafür einmal hervor.


Du siehst wohin du siehst  |  nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut  |  reißt jener morgen ein:
Wo jetztnoch Städte stehn  |  wird eine Wiese sein
Auf der ein Schäfers kind  |  wird spielen mit den Herden.

Man sieht hierbei, dass die Zäsur zwar den Vers, aber nicht den Jambus (unbetont, betont) aufbricht, so dass dieser vollständig ist und somit durch sechs Silben mit je einer Hebung und Senkung vor und nach der Zäsur vorliegt. So wird die Zäsur im weitesten Sinne beschrieben und gebraucht.

Hinweis: Der erste und vierte Vers haben 13 Silben, der zweite und dritte jeweils 12. Demnach sind am Ende der 1. und 4. Verszeile zwei unbetonte Silben. Folglich ist der Jambus hierbei nicht „vollständig“. Man bezeichnet dies als katalektischen Vers. Das hat jedoch nichts mit der Zäsur selbst zu tun.

Spricht man von einer Zäsur im engeren Sinne, wird der sprachliche Einschnitt inmitten der Versfüße vollzogen. Das bedeutet, bezogen auf unser obiges Beispiel, dass der Jambus nicht vollständig vor dem sprachlichen Einschnitt, sondern zwischen den zusammengehörenden Silben aufgetrennt wäre.


xX  xX  x | X  xX  xX  xX
xX  xX  x | X  xX  xX  xX
xX  xX  x | X  xX  xX  xX
xX  xX  x | X  xX  xX  xX

Um dieses Prinzip zu verdeutlichen, sind wir im obigen Beispiel auf die Darstellung von unbetonten und betonten Silben ausgewichen. Der Jambus, der aus der Abfolge einer unbetonten und einer betonten Silbe besteht, wurde dabei durch die Zäsur aufgebrochen, was die Zäsur im engeren, strengeren Sinne meint.

Das Wichtigste im Überblick

  • Die Zäsur meint einen sprachlichen Einschnitt, der auf einer syntaktischen, metrischen sowie lautlichen Ebene vollzogen werden kann. Für gewöhnlich machen wir eine Sprechpause.
  • Folglich werden somit Sprecheinheiten voneinander getrennt. Diese werden als Kola bezeichnet. Nach Lehre der antiken Rhetorik umfasst ein Kolon jeweils sieben bis sechzehn Silben.
  • Man unterscheidet außerdem in feste Zäsuren, deren Position in manchen Gedichtsformen vorgeschrieben sind und in freie Zäsuren, deren Position beweglich sein darf.
  • Die Zäsur kann einen Text also maßgeblich rhythmisieren. Fallen Versfuß, Wortende und Zäsur auf eine Stelle, kann dies nahezu leierhaft wirken. Werden diese Einheiten stark durchbrochen, kann dies jedoch unharmonisch oder auch holpernd erscheinen.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Zäsur
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001