Als Zäsurreim wird ein Reimform im Versinnern bezeichnet. Grundsätzlich unterscheidet man dabei in drei Formen des Zäsurreims. Entweder reimen sich hier die Wörter vor der Zäsur einer Zeile oder die Wörter vor den Zäsuren zweier Verse. Außerdem wird der Reim zwischen einem Wort vor einer Zäsur innerhalb des Verses und dem Versende Zäsurreim genannt.

Als Zäsur wird ein (gedanklicher) Einschnitt innerhalb einer Verszeile bezeichnet. Dieser Einschnitt fällt beim Lesen auf, weil wir an dieser Stelle eine kurze Sprechpause machen. Die Zäsur gliedert einen Vers somit in Sprecheinheiten (Kola) und kann metrisch, syntaktisch oder lautlich sein. Schauen wir auf ein Beispiel.


Was dieser heute baut,  |  reißt jener morgen ein:

Diese alexandrinische Verszeile ist einer Strophe des Sonetts Es ist alles eitel von Andreas Gryphius entnommen. Lesen wir diese laut, merken wir, dass wir automatisch nach baut eine kurze Sprechpause machen. Genau dieser Einschnitt ist es, den wir grundsätzlich als Zäsur bezeichnen (→ Zäsur).

Erste Variante des Zäsurreims
Was sie heute baut und klaut,  |  reißt jene morgen ein:

Für dieses Beispiel wurde der Vers von Andreas Gryphius leicht abgewandelt. Wir sehen hierbei, dass vor der Zäsur die Wörter baut und klaut einen Reim bilden, also sehr ähnlich klingen. Diese Form ist die erste Variante, die wir mit dem Begriff Zäsurreim beschreiben und erinnert an den Binnenreim.

Zweite Variante des Zäsurreims
Uns ist in alten Mæren  |  wunders vil geseit
von Helden lobebæren,  |  von grôzer arebeit,
von freuden, hôchgezîten,  |  von weinen und von klagen,
von küener recken strîten  |  muget ír nu wunder hœren sagen.

Übersetzung der Strophe nach Helmut Brackert:
In alten Geschichten wird uns vieles Wunderbare berichtet:
von ruhmreichen Helden, von hartem Streit, von glücklichen Tagen
und Festen, von Schmerz und Klage, vom Kampf tapferer Recken:
Davon könnt auch Ihr jetzt Wunderbares berichten hören.


Das obige Beispiel ist die erste Strophe des Nibelungenliedes, der insgesamt noch 2400 weitere folgen. Das Nibelungenlied ist ein mittelalterliches Heldenepos, das ungefähr zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstand und ist die wichtigste deutsche Ausformung der Nibelungensage (→ Literaturepochen).

Die Strophe zeigt die zweite Variante des Zäsurreims. Hierbei reimen sich jeweils die nachfolgenden Wörter zweier Verszeilen vor der Zäsur. Zusätzlich finden auch die jeweiligen Versenden einen Reim im nachfolgenden Vers. Als Zäsurreim gelten somit Mæren und lobebæren sowie hôchgezîten und strîten.

Dritte Variante des Zäsurreims
Ich esse, was ich seh‘,  |  am liebsten grünen Klee

Dieses Beispiel für den Zäsurreim haben wir uns kurzerhand ausgedacht und keinem bekannten Werk entnommen. Es zeigt die dritte Variante dieser Reimform: nämlich die Endreimbindung eines Wortes, das unmittelbar vor der Zäsur steht. Hierbei reimen sich also die Wörter seh‘ und Klee.

Das Wichtigste im Überblick

  • Der Zäsurreim ist eine Reimform, die meist im Versinnern zu finden ist. Nur bei einer Variante des Reimes finden sich die entsprechenden Wörter in zwei verschiedenen Zeilen.
  • Wir unterscheiden drei Formen der Reimform. Entweder reimen sich die Wörter einer Verszeile unmittelbar vor der Zäsur und erinnern somit an den Binnenreim oder es reimen sich die Wörter, die in nachfolgenden Zeilen vor der jeweiligen Zäsur stehen. Eine dritte Form ist der Reim zwischen einem Wort vor der Zäsur und dem letzten der einzelnen Zeile.
  • Der Zäsurreim kann ein Gedicht rhythmisieren und maßgeblich die Lesart bestimmen. Fallen solche Reime mit den Endungen der einzelnen Versfüße zusammen, kann dies leiernd und klappernd, fast monoton, klingen. Häufig finden wir Zäsurreime in der Lyrik des Mittelalters.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Zäsurreim
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001