augenscheinlich

Augenscheinlich heißt offenbar oder offensichtlich: Etwas lässt sich nach dem erkennbaren Eindruck feststellen oder annehmen. Das Wort gehört eher zur gehobenen und schriftlichen Sprache.

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Bedeutung und Lesarten

Ein augenscheinlicher Mangel fällt bei der Betrachtung ins Auge. In „Sie hat augenscheinlich lange gewartet“ kann der Sprecher aus sichtbaren Hinweisen auf die Wartezeit schließen. Der Satz stellt das Ergebnis als naheliegend dar, ersetzt aber keine genaue Kenntnis des Ablaufs.

Das Wort ist nicht mit scheinbar gleichzusetzen. Scheinbar kann hervorheben, dass etwas nur so wirkt, tatsächlich aber anders ist. Augenscheinlich enthält diese Widerlegung nicht. Wenn die Aussage eine Vermutung bleibt, helfen Zusätze wie nach den vorliegenden Hinweisen oder offenbar dabei, ihren Status verständlich zu machen.

Beispiele und Verwendung

Die folgenden Beispiele sind eigens für diese Erklärung formuliert.

Der augenscheinliche Schaden beschränkte sich auf den abgebrochenen Griff.

Gemeint ist der erkennbare Schaden; Verdecktes wird dadurch nicht ausgeschlossen.

Die beiden hatten augenscheinlich bereits miteinander gesprochen.

Der Satz gibt eine aus Hinweisen gewonnene Einschätzung wieder.

Trotz augenscheinlicher Ähnlichkeit unterschieden sich die Materialien im Gewicht.

Der äußere Eindruck wird von einer anderen messbaren Eigenschaft getrennt.

Ähnliche Wörter und Unterschiede

offensichtlich
Liegt nahe und ist im Alltag verbreiteter. Auch hier kommt es auf die Begründung der behaupteten Klarheit an.
augenfällig
Betont, dass ein Merkmal deutlich hervortritt und leicht bemerkt wird.
scheinbar
Kann ausdrücken, dass der Eindruck täuscht. Diese Bedeutung darf nicht unbemerkt in augenscheinlich hineingelesen werden.

Schreibweise und Grammatik

Wortart und Schreibweise

Wortart: Adjektiv.

Augenscheinlich wird zusammengeschrieben. Vor einem Nomen steht eine gebeugte Form: ein augenscheinlicher Unterschied. Auf den ganzen Sachverhalt bezogen bleibt die Form unverändert: Er wusste augenscheinlich Bescheid.

Steigerung

Die Wortform lässt sich in geeigneten Vergleichen steigern, doch Ausdrücke wie augenscheinlicher sind im Alltag selten. Für sachliche Texte sind deutlicher erkennbar oder nach mehr Hinweisen belegt oft präziser. Ein Schluss wird nicht durch die Steigerung automatisch sicher.

Beugung vor einem Nomen

Die Tabellen zeigen die Adjektivform im Positiv. Die Endung ist hervorgehoben. Wähle die Spalte nach dem grammatischen Geschlecht des Nomens; im Plural gilt dieselbe Spalte für alle Genera. Bei der gemischten Beugung steht im Plural zum Beispiel keine, weil ein keinen Plural besitzt.

Starke Beugung – ohne Artikel
FallMaskulinum · SingularFemininum · SingularNeutrum · SingularPlural · alle Genera
Nominativaugenscheinlicheraugenscheinlicheaugenscheinlichesaugenscheinliche
Genitivaugenscheinlichenaugenscheinlicheraugenscheinlichenaugenscheinlicher
Dativaugenscheinlichemaugenscheinlicheraugenscheinlichemaugenscheinlichen
Akkusativaugenscheinlichenaugenscheinlicheaugenscheinlichesaugenscheinliche
Schwache Beugung – nach der, die, das
FallMaskulinum · SingularFemininum · SingularNeutrum · SingularPlural · alle Genera
Nominativaugenscheinlicheaugenscheinlicheaugenscheinlicheaugenscheinlichen
Genitivaugenscheinlichenaugenscheinlichenaugenscheinlichenaugenscheinlichen
Dativaugenscheinlichenaugenscheinlichenaugenscheinlichenaugenscheinlichen
Akkusativaugenscheinlichenaugenscheinlicheaugenscheinlicheaugenscheinlichen
Gemischte Beugung – nach ein/eine; Plural nach keine
FallMaskulinum · SingularFemininum · SingularNeutrum · SingularPlural · alle Genera
Nominativaugenscheinlicheraugenscheinlicheaugenscheinlichesaugenscheinlichen
Genitivaugenscheinlichenaugenscheinlichenaugenscheinlichenaugenscheinlichen
Dativaugenscheinlichenaugenscheinlichenaugenscheinlichenaugenscheinlichen
Akkusativaugenscheinlichenaugenscheinlicheaugenscheinlichesaugenscheinlichen

Die Grammatik der Adjektive erklärt, wie Artikel, Fall und Endung zusammenwirken.

Im eigenen Text verwenden

Erfundenes Anwendungsbeispiel – kein Zitat aus einem literarischen Werk.

Ausgangssituation: In einer erfundenen Erzählung kommt eine Figur in den Raum und beantwortet sofort eine Frage, die erst vor ihrer Ankunft gestellt worden war. Die Analyse kennt keinen weiteren Beleg.

Möglicher Absatz:

Die Figur kennt augenscheinlich den Gegenstand des Gesprächs, denn sie beantwortet die noch offene Frage unmittelbar. Wie sie davon erfahren hat, bleibt unklar. Die Szene legt Vorwissen nahe, beweist aber kein heimliches Mithören.

Das Wort markiert einen naheliegenden Schluss. Die nachfolgende Einschränkung benennt genau, was aus der Beobachtung nicht folgt. So bleibt die Interpretation überprüfbar.

Kurzer Wortcheck

Bedeutet augenscheinlich immer „nur scheinbar, in Wahrheit nicht“?

Nein. Es bezeichnet eine offensichtliche oder nach dem Eindruck naheliegende Feststellung. Eine Täuschung ist damit nicht automatisch behauptet.

Weitere passende Wörter findest du in der Adjektivliste mit Auswahl und Wortvergleich.