Wer lügen will, muss ein gut Gedächtnis haben
Form & Grammatik
- Stichwort
- Wer lügen will, muss ein gut Gedächtnis haben
- Form
- Wer-Satz mit wollen und Hauptsatz mit müssen; historische Adjektivform ein gut Gedächtnis.
Gebrauch: Historisch belegte Form; gut ohne Endung ist hier überliefert und kein modernes Beugungsmuster.
Definition · kurz erklärt
Wer Unwahres erzählt, muss sich seine erfundenen Angaben merken, um nicht in Widersprüche zu geraten.
Bedeutungen
Den Aufwand einer Lüge sichtbar machen
Eine erfundene Geschichte kann weitere Fragen nach sich ziehen. Dann müssen frühere Angaben mit späteren Antworten zusammenpassen. Der Spruch macht diesen zusätzlichen Aufwand pointiert sichtbar und kann vor unehrlichem Reden warnen. Ein gutes Gedächtnis macht die Lüge weder wahr noch moralisch besser; es betrifft nur die Schwierigkeit, die eigene Darstellung aufrechtzuerhalten.
Die Romanfigur behauptete erst, sie habe den Brief am Montag persönlich im Rathaus der Stadt abgegeben, später aber, sie sei erst am Dienstag zum ersten Mal in dieser Stadt gewesen. Wer lügen will, muss ein gut Gedächtnis haben.
Die beiden erfundenen Angaben passen zeitlich nicht zusammen. Dadurch wird die Darstellung fragwürdig; das Beispiel ist keine Anleitung zum besseren Täuschen.
Ein Erinnerungsfehler beweist keine Lüge. Auch ehrliche Menschen können sich irren oder eine Angabe korrigieren. Absicht und Widerspruch müssen getrennt beurteilt werden.
Ähnliche Sprichwörter und ihre Unterschiede
Lügen haben kurze Beine
Die kurzen Beine betonen, dass Lügen nicht weit tragen und auffliegen können. Der Gedächtnis-Spruch nennt einen konkreten Grund: Erfundenes muss über mehrere Aussagen hinweg zusammenpassen.
Der tatsächliche Fahrplan widerlegt die Ausrede: Die Lüge trägt nicht weit. Zwei verschiedene Uhrzeiten widersprechen einander: Der Erzähler verliert seine eigenen Angaben aus dem Blick.
Beispiele und Verwendung
Eine widersprüchliche Geschichte kommentieren
In jeder Fassung war ein anderer Zeuge dabei. Wer lügen will, muss ein gut Gedächtnis haben.
Im direkten Gespräch unterstellt der Spruch Unehrlichkeit. Bei bloßer Unsicherheit ist eine sachliche Rückfrage angemessener.
Grammatik
Wer bezeichnet eine allgemeine Person und ist Subjekt zu will; dieselbe Person ist im Hauptsatz mitgemeint. Lügen und haben bleiben nach den Modalverben Infinitive. Gut steht in der überlieferten Form ohne Endung. Heute lautet die gewöhnliche Nominalgruppe ein gutes Gedächtnis.
