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Amphibolie: Bedeutung, Beispiele und Wirkung

Eine Amphibolie ist eine Mehrdeutigkeit, die aus dem grammatischen Aufbau einer Äußerung entsteht. Derselbe Satz lässt mindestens zwei Zuordnungen zu. Ein eigenes Beispiel lautet: „Ich beobachte den Mann mit dem Fernglas.“ Benutze ich ein Fernglas zum Beobachten – oder hat der beobachtete Mann eines bei sich?

Die Prüffrage: Kann ich dieselben Wörter zu zwei unterschiedlichen, grammatisch möglichen Aussagen ausformulieren? Dann lässt sich die Mehrdeutigkeit genau zeigen.

Wie entsteht eine Amphibolie?

Eine Wortgruppe kann sich auf verschiedene Teile des Satzes beziehen. Im Fernglas-Beispiel erläutert „mit dem Fernglas“ entweder das Beobachten oder den Mann. Keine der beiden Lesarten benötigt ein anderes Wörterbuchwort: Die Unklarheit betrifft die Verknüpfung. Der Zusammenhang löst sie häufig auf. Wenn die erzählende Person vorher ein Fernglas auspackt, wird die erste Deutung wahrscheinlicher.

Der Begriff begegnet auch in einer weiter gefassten Verwendung für zweideutige Rede. Hier steht die grammatische Mehrdeutigkeit im Mittelpunkt. Absichtlich eingesetzt kann sie Wortwitz oder Spannung erzeugen; unbeabsichtigt kann sie eine Mitteilung unklar machen. Dass ein Satz mehrdeutig ist, beweist für sich allein keine bewusste Absicht.

Zwei Lesarten sichtbar machen

Eigenes Beispiel · unklare Zuordnung

„Nora fotografiert den Jungen mit dem Tablet.“

Lesart 1: Nora verwendet das Tablet, um den Jungen zu fotografieren.
Lesart 2: Nora fotografiert den Jungen, der ein Tablet bei sich hat.

Welche Lesart näherliegt, hängt von der Situation ab. Wenn Nora vorher ihr Tablet einschaltet, spricht das für die erste Möglichkeit. Sind mehrere Jungen zu sehen und nur einer trägt ein Tablet, liegt die zweite nahe. Mehrdeutig bedeutet nicht, dass alle Lesarten in jedem Kontext gleich wahrscheinlich sind.

Eigenes Beispiel · unklarer Genitiv

„Die Kritik der Schülerin überraschte das Kollegium.“

Lesart 1: Die Schülerin kritisierte etwas oder jemanden.
Lesart 2: Jemand kritisierte die Schülerin.

Der Genitiv kann hier die Urheberin oder den Gegenstand der Kritik bezeichnen. Eindeutiger wären beispielsweise „Die Kritik, die die Schülerin äußerte“ beziehungsweise „Die Kritik an der Schülerin“. Solche Umformulierungen sind nützlich, wenn man in einem eigenen Sachtext Missverständnisse verhindern möchte.

Mehrdeutigkeit prüfen statt behaupten

  1. Die fragliche Stelle markieren: Welche Wortgruppe oder Beziehung ist unklar?
  2. Beide Lesarten ausformulieren: Schreibe zwei vollständige Sätze, die den Unterschied deutlich machen.
  3. Den Kontext prüfen: Bleiben wirklich beide Möglichkeiten offen, oder wird eine bereits ausgeschlossen?

Eine ungewöhnliche Behauptung ist nicht schon eine Amphibolie. Ebenso wenig reichen zwei frei erfundene Bedeutungen, die der Satz grammatisch gar nicht trägt. Die Erklärung sollte beim tatsächlichen Wortlaut bleiben. In einer gehörten Äußerung können Betonung und Pausen Hinweise geben; in einem geschriebenen Text können Satzzeichen und der Satzbau Klarheit schaffen.

Amphibolie und andere Arten der Mehrdeutigkeit

Das Wort „Bank“ kann ein Sitzmöbel oder ein Geldinstitut meinen. Diese Mehrdeutigkeit liegt im Wortschatz. Eine Amphibolie im hier behandelten engeren Sinn betrifft dagegen den Satzbau. Der Unterschied wird sichtbar, wenn man die einzelnen Wörter unverändert lässt und nur ihre Beziehungen erklärt.

Bei der Diaphora kann ein wiederholtes Wort in unterschiedlichen Bedeutungen auftreten. Eine Amphibolie braucht keine Wiederholung. Auch das Zeugma arbeitet mit einer besonderen Verknüpfung, doch dort wird ein gemeinsamer Ausdruck auf mehrere Glieder bezogen, zu denen er nicht auf dieselbe Weise passt. Verschiedene Verfahren können in einer Stelle zusammentreffen; sie sind nicht austauschbar.

Mehrdeutigkeit als kleine Pointe

Eigener Übungstext

„Ich habe den Nachbarn mit dem Fernglas gesehen“, erzählt Ada. „War es sein neues?“, fragt Ben. „Nein, meins. Er hatte gar keines.“

Möglicher Analyseabsatz: Adas erster Satz enthält eine Amphibolie, weil die Wortgruppe „mit dem Fernglas“ entweder das Sehen oder den Nachbarn näher bestimmen kann. Ben ordnet sie dem Nachbarn zu und fragt nach dessen Gerät. Adas Antwort macht dagegen deutlich, dass sie selbst durch ein Fernglas gesehen hat. Die kurze Szene entwickelt ihren Witz aus der zunächst unbemerkten unterschiedlichen Zuordnung.

Grenze: Die Szene zeigt ein Missverständnis, aber keine Täuschungsabsicht Adas. Für eine solche Deutung wäre ein zusätzlicher Hinweis nötig. Der sprachliche Effekt lässt sich auch ohne eine psychologische Zuschreibung vollständig erklären.

Übung: Einen Satz eindeutig machen

Formuliere „Die Unterstützung der Nachbarn war überraschend“ so um, dass klar wird: Die Nachbarn erhielten Hilfe.

Mögliche Lösung anzeigen

„Die Unterstützung für die Nachbarn war überraschend.“ Oder: „Es war überraschend, dass die Nachbarn Unterstützung erhielten.“ Beide Fassungen schließen die andere Lesart aus, nach der die Nachbarn selbst geholfen haben.

Weitere Figuren des Satzbaus und des Wortspiels findest du in unserer Stilmittel-Liste.