Praeparatio: Bedeutung, Beispiele und Wirkung
Die Praeparatio bereitet das Publikum auf einen folgenden Gedanken vor. Die sprechende Person kündigt etwa eine schwierige Erklärung, eine überraschende Forderung oder eine möglicherweise verletzende Bemerkung an. Diese Vorbereitung soll beeinflussen, wie das Folgende aufgenommen wird: aufmerksam, geduldig, wohlwollend oder mit einer bestimmten Erwartung.
Erst vorbereiten, dann aussprechen
Eigenes, erfundenes Beispiel
„Was ich jetzt vorschlage, klingt zunächst ungewöhnlich. Hört bitte erst meine Gründe: Wir sollten die Aufführung verschieben.“
Die Forderung könnte Widerstand auslösen. Deshalb bittet die Sprecherin vorab darum, die Begründung abzuwarten. Sie behauptet noch nicht, dass die Verschiebung richtig ist. Die Praeparatio schafft vielmehr einen Rahmen, in dem das Publikum die überraschende Aussage erst einmal prüfen soll.
Ein anderer Schwerpunkt zeigt sich hier: „Ich muss etwas ansprechen, das mir unangenehm ist: Die verteilten Aufgaben sind seit Wochen nicht erledigt.“ Der erste Satzteil bereitet eine Kritik vor und kennzeichnet sie als heikel. Die Bemerkung wird dadurch nicht automatisch höflich oder berechtigt; ihre sprachliche Vorbereitung ist nur ein Teil der gesamten Gesprächsführung.
Das Verhältnis zum folgenden Satz ist entscheidend
- Ankündigung finden: Welche Worte richten die Aufmerksamkeit auf das noch Kommende?
- Erwartung bestimmen: Soll das Publikum geduldig sein, sich nicht vorschnell ärgern oder eine Einschränkung beachten?
- Fortsetzung prüfen: Welche folgende Aussage macht diese Vorbereitung nachvollziehbar?
Ein schlichter Übergang wie „Nun zum zweiten Punkt“ gliedert zunächst nur den Vortrag. Für die Praeparatio ist charakteristisch, dass die Aufnahme eines kommenden Inhalts vorbereitet oder abgesichert wird. Ebenso wenig genügt eine Ankündigung allein: Wenn der Text anschließend gar nicht auf den angekündigten Gedanken eingeht, solltest du diese Leerstelle in der Deutung berücksichtigen.
Prodiorthose, Correctio und Praesumptio
Prodiorthose oder Prodiorthosis: Diese Bezeichnung wird insbesondere für eine vorbereitende Warnung oder Absicherung vor etwas Schockierendem, Anstößigem oder besonders Heiklem verwendet. Sie lässt sich als eine engere Form der Publikumsvorbereitung behandeln, nicht als Name für jede beliebige Einleitung.
Correctio: Hier wird ein bereits verwendeter Ausdruck nachträglich berichtigt: „Das war ungeschickt – nein, rücksichtslos.“ Die Praeparatio wirkt dagegen voraus.
Praesumptio: Sie greift einen möglichen Einwand vorweg und setzt sich mit ihm auseinander. Die Praeparatio kann das kommende Argument vorbereiten, ohne einen konkreten Einwand auszuformulieren.
Auch die Captatio benevolentiae, das Gewinnen von Wohlwollen, kann sich damit verbinden. Ein freundlicher Einstieg ist jedoch nicht schon deshalb eine Vorbereitung auf eine problematische Passage. Die Funktionen müssen jeweils am Text gezeigt werden.
Eine Praeparatio analysieren
Erfundene Beispielszene
Ein Gruppenmitglied erklärt nach einer misslungenen Generalprobe: „Bitte hört meinen Vorschlag zu Ende, bevor ihr ihn ablehnt. Ich möchte die schwierigste Szene vorerst streichen und dafür den Schluss noch einmal proben.“
Möglicher Analyseabsatz: Die Bitte, den Vorschlag zunächst vollständig anzuhören, bildet eine Praeparatio. Sie rechnet mit Widerstand gegen das Streichen einer Szene und fordert einen Aufschub des Urteils. Dadurch erhält der folgende Vorschlag einen ausdrücklich begründungsbedürftigen Status. Zugleich präsentiert sich die sprechende Figur als jemand, der eine kontroverse Lösung dennoch zur Diskussion stellen will.
Der Text lässt offen, ob die Gruppe tatsächlich widersprechen wird. Die Vorbereitung zeigt zunächst die Erwartung der Figur, nicht die sichere Reaktion der anderen. Auch eine längere Vorgeschichte des Konflikts darf aus der einen Bitte nicht erfunden werden. Zusätzliche Textstellen könnten eine solche Deutung stützen oder widerlegen.
Vorbereitung kann beruhigen oder Spannung steigern
Eine behutsame Ankündigung kann dem Gegenüber Zeit geben, sich auf schwierige Informationen einzustellen. Sie kann die kommende Aussage aber auch größer und bedrohlicher erscheinen lassen, als sie ist. „Jetzt kommt etwas, das euch völlig überraschen wird“ erzeugt zum Beispiel eine starke Erwartung. Für die Wirkung zählen deshalb nicht nur die vorbereitenden Wörter, sondern auch ihr Verhältnis zur tatsächlichen Fortsetzung.
Übung: Was wird vorbereitet?
„Der nächste Abschnitt ist etwas komplizierter. Achtet zunächst nur darauf, wer mit wem spricht; die Einzelheiten klären wir danach.“ Erkläre in einem Satz, welche Reaktion diese Einleitung fördern soll.
Eine mögliche Lösung
Die Einleitung bereitet auf Verständnisprobleme vor und gibt eine begrenzte erste Leseaufgabe, damit das Publikum nicht sofort an den Einzelheiten hängen bleibt. Eine konkrete Gegenposition wird nicht vorweggenommen; deshalb ist Praeparatio hier passender als Praesumptio.
Der Begriff
Die lateinische Fachbezeichnung lautet Praeparatio; die Schreibung mit ae ist gebräuchlich. In einer deutschen Erklärung hilft die Umschreibung „vorbereitende Hinführung“. Weitere Verfahren der Gedankenführung findest du in unserer Stilmittel-Übersicht.
