Sermocinatio: Bedeutung, Beispiele und Wirkung

Die Sermocinatio lässt innerhalb einer Darstellung eine andere Person zu Wort kommen. Ein Sprecher oder Erzähler gestaltet ihre Rede so, dass ihre Haltung, Lage oder Eigenart anschaulich wird. Das kann ein kurzer Ausspruch, ein längeres Gespräch oder ein Selbstgespräch sein. Besonders deutlich wird die rhetorische Funktion, wenn jemand eine fremde Stimme in die eigene Rede einbaut.

Eine fremde Stimme hörbar machen

Eigenes, erfundenes Beispiel

Eine Schülerin wirbt für einen barrierefreien Eingang: „Stellt euch einen Besucher vor, der vor der Treppe wartet. Er könnte sagen: ‚Die Einladung gilt offenbar allen. Aber wie soll ich mit meinem Rollstuhl durch diese Tür kommen?‘“

Die Schülerin berichtet nicht nur, dass der Eingang ein Problem darstellt. Sie entwirft eine betroffene Person und gibt ihr eine eigene Stimme. Die Frage lässt den Widerspruch zwischen Einladung und Zugang unmittelbar hervortreten. „Er könnte sagen“ kennzeichnet die Worte als Vorstellung; sie sind kein nachgewiesenes Zitat eines wirklichen Besuchers.

Eine solche Stimme muss nicht sachlich oder überzeugend wirken. Der eigene Redner kann einen Gegner auch übertrieben selbstzufrieden sprechen lassen. Dann charakterisiert die Passage nicht nur die vorgestellte Person, sondern zeigt zugleich, wie der Redner sie dem Publikum präsentieren will.

Drei Fragen zur Erkennung

  1. Stimmen unterscheiden: Wer hält die Rede oder erzählt? Wer erhält innerhalb dieser Darstellung das Wort?
  2. Gestaltung beobachten: Welche Ausdrücke, Fragen oder Satzformen lassen eine bestimmte Haltung erkennen?
  3. Funktion bestimmen: Soll die fremde Stimme Verständnis ermöglichen, Kritik zuspitzen oder eine Gegenposition vorführen?

Direkte Rede ist dabei ein häufiges Mittel, aber noch keine ausreichende Erklärung. In einem Roman kann sie zunächst ein gewöhnliches Gespräch darstellen. Für die Benennung als rhetorische Sermocinatio ist besonders interessant, wie eine Stimme innerhalb der übergeordneten Darstellung eingesetzt und für deren Zweck gestaltet wird.

Sermocinatio, Dialogismus und Ethopoiie

Sermocinatio: Der Blick liegt auf dem sprechenden Vorführen einer Person. Ein einziger ausführlicher Ausspruch kann genügen.

Dialogismus: Dieser verwandte Begriff betont häufig das Nachbilden eines Gesprächs oder das Wechselspiel von Positionen. Ein Redner kann dabei beide Stimmen übernehmen. Die Benennungen überschneiden sich und werden auch füreinander gebraucht.

Ethopoiie: Hier steht die Darstellung eines Charakters im Vordergrund. Eine passende Rede kann dazu dienen; Charakterdarstellung ist jedoch auch über Verhalten und Gewohnheiten möglich. Deshalb sind Ethopoiie und Sermocinatio nicht in jeder Verwendung deckungsgleich.

Wird einem Gegenstand oder einem abstrakten Begriff eine menschliche Stimme gegeben, kann zusätzlich eine Personifikation vorliegen. Ein erfundenes Gespräch zwischen menschlichen Figuren braucht dagegen keine Personifikation. Bei einer Charakterisierung untersucht man, was die Wortwahl über die dargestellte Figur erkennen lässt.

Prosopopoeie oder Prosopopoiie wird ebenfalls im Umfeld von Personifikation und fingiertem Sprechen verwendet. Die Bezeichnung kann sich auf das Erschaffen einer sprechenden Gestalt beziehen, etwa wenn eine Stadt ihre Bewohner anspricht. Die Begriffe sind nicht uneingeschränkt austauschbar: Eine Personifikation muss keine Rede enthalten; eine Sermocinatio kann eine gewöhnliche menschliche Person sprechen lassen. Entscheidend bleibt die im jeweiligen Text gestaltete Stimme.

Eine gestaltete Stimme analysieren

Erfundene Beispielszene

In einer Rede über ein geschlossenes Jugendzentrum heißt es: „Versetzen wir uns in Leon. Er steht mit seinem Ball vor der verriegelten Tür: ‚Zu laut auf dem Platz, zu spät im Park. Und hier dürfen wir auch nicht mehr rein. Wo sollen wir denn hin?‘“

Möglicher Analyseabsatz: Der Redner führt mit Leon eine erfundene Stimme ein, an der die Folgen der Schließung greifbar werden. Die verkürzten Formulierungen „zu laut“ und „zu spät“ bündeln erlebte Verbote. Die anschließende Frage stellt den fehlenden Aufenthaltsort heraus. Durch diese Sermocinatio erscheint die Schließung aus der Perspektive eines betroffenen Jugendlichen statt allein als organisatorische Entscheidung.

Die Figur wirkt in dieser Szene ratlos und verärgert. Daraus folgt weder, dass alle Jugendlichen so denken, noch dass Leon eine reale Person ist. Gerade bei fingierter Rede muss die Analyse zwischen der dargestellten Haltung und einer belegten Meinung wirklicher Menschen unterscheiden. Die sprechende Figur bleibt vom übergeordneten Redner gestaltet.

Wirkung und Grenze

Eine konkrete Stimme kann eine abstrakte Debatte lebendig machen und Perspektivwechsel ermöglichen. Sie kann auch einseitig sein: Wenn ein Redner seinen Gegner nur unsinnig sprechen lässt, entsteht ein leicht angreifbares Zerrbild. Prüfe deshalb, ob die vorgeführte Position fair erscheint und ob der Text den Status der Äußerung erkennen lässt.

Übung: Rede oder bloßer Bericht?

A) „Die Besucherin ist mit den Öffnungszeiten unzufrieden.“ B) „Stellen wir uns die Besucherin vor: ‚Wenn ich Feierabend habe, ist die Tür schon zu. Wann soll ich denn kommen?‘“ Welche Fassung führt eine fremde Stimme vor?

Lösung anzeigen

B macht die vorgestellte Person selbst zur Sprecherin. Die rhetorische Gestaltung lässt ihren konkreten Konflikt hörbar werden. A berichtet ihre Unzufriedenheit, ohne eine Rede zu gestalten. Beide Fassungen sind erfundene Beispiele.

Begriff im Überblick

Die Fachbezeichnung lautet die Sermocinatio. In einer verständlichen Analyse kannst du ergänzend von einer gestalteten fremden Stimme oder einer fingierten Rede sprechen, sofern die Worte tatsächlich erfunden sind. Weitere Verfahren der Rede findest du in der Stilmittel-Übersicht.