drahn
Form & Grammatik
Verb- Stichwort
- drahn
- Worttrennung
- drahn
- Partizip II
- gedraht (regional belegt)
- Hilfsverb
- haben
- Gebrauch
- Österreichisch, regional umgangssprachlich; eine belegte Perfektform ist hat gedraht.
Drahn bezeichnet im österreichisch-wienerischen Sprachgebrauch ausgelassenes nächtliches Vergnügen. Gemeint sein kann, die Nacht durchzufeiern oder sich dem geselligen Nachtleben hinzugeben. Die mundartlich geprägte Form begegnet besonders in regionalen und literarischen Texten.
Die Nacht zum Tag machen
Das Wort enthält mehr als die bloße Angabe, dass jemand wach bleibt. Wer nachts arbeitet oder wegen einer Sorge nicht schlafen kann, ist deshalb noch nicht am Drahn. Im Mittelpunkt steht das Vergnügen, häufig in Gesellschaft und außerhalb des üblichen Tagesablaufs.
Ein literarischer Text kann dieses Verhalten unterschiedlich bewerten: als Ausgelassenheit, als Flucht vor Verpflichtungen oder als kurze Erholung. Diese Deutung muss aus der jeweiligen Szene kommen. Das Wort allein erlaubt weder ein Urteil über eine Abhängigkeit noch über die gesamte Lebensweise einer Figur.
Verständliche Umschreibungen
| Ausdruck | Schwerpunkt | Grenze |
|---|---|---|
| die Nacht durchfeiern | Langes nächtliches Vergnügen | Für heutige Leser meist unmittelbar verständlich. |
| sich nachts vergnügen | Nächtliche Unterhaltung | Neutraler und weniger ausgelassen. |
| die Nacht zum Tag machen | Verschobener Tagesrhythmus | Kann auch Arbeit oder andere Aktivitäten meinen. |
| zechen | Geselliges Trinken | Stellt Alkohol stärker in den Mittelpunkt. |
| ausgehen | Unternehmung außerhalb der Wohnung | Weder Nacht noch lange Dauer notwendig. |
Zwei Satzpaare mit Erklärung
„Er will heute wieder drahn.“ – „Er will heute wieder die Nacht durchfeiern.“ Die zweite Fassung erklärt den regionalen Ausdruck. Sie bewahrt die Verbindung von Vergnügen und nächtlicher Dauer, verliert aber die örtliche Sprachfärbung.
„Sie möchte ausgehen.“ – „Sie möchte die Nacht durchfeiern.“ Ausgehen kann schon einen kurzen Theaterbesuch meinen. Die zweite Fassung wäre daher zu stark, wenn ein Text nur eine kleine abendliche Unternehmung beschreibt.
Eine mundartliche Verbform
Drahn ist hier ein Verb, kein Adjektiv. Als substantivierter Infinitiv wird es großgeschrieben: das Drahn. Bei mundartlichen Texten sollten die jeweiligen überlieferten Formen beachtet und nicht nach einem erfundenen standardsprachlichen Muster vereinheitlicht werden. Für eine heutige Erläuterung eignet sich der Infinitiv durchfeiern.
Eine belegte Perfektform ist hat gedraht. Sie gehört zu drahn im Sinn des nächtlichen Feierns. Das gleich geschriebene Draht für einen dünnen Metallstrang ist dagegen ein Substantiv und hat damit grammatisch nichts zu tun.
„Die Freunde haben bis in die Nacht gedraht.“ Dieser eigene Beispielsatz beschreibt ein abgeschlossenes nächtliches Vergnügen. In einer überregional verständlichen Fassung heißt es: „Die Freunde haben bis in die Nacht gefeiert.“ Die Umschreibung bewahrt hier die Handlung; die regionale Färbung geht verloren.
Der Infinitiv drahn wird nicht getrennt. In regionalen Erzählungen ist die tatsächlich verwendete Form wichtig: Sie sollte bei einem Zitat erhalten bleiben. Die Perfektform lässt sich nicht mit einem erfundenen Präteritum oder einer pauschal an drehen angeglichenen Reihe ergänzen.
Regionale Literatur lesen
Erkläre das Wort knapp und untersuche dann, welche Funktion das Nachtleben für die Figur hat. Sucht sie Gesellschaft, Anerkennung oder Abstand von ihrem Alltag? Die regionale Form kann zum Ton der Erzählung beitragen. In einer eigenen sachlichen Inhaltsangabe ist eine klare Umschreibung meist hilfreicher, als den seltenen Ausdruck ohne Erklärung zu wiederholen.
