apriorisch
Apriorisch: Unabhängig von einer entsprechenden Erfahrung durch Denken begründet; ein philosophischer Gegenbegriff zu aposteriorisch.
Die Begründung kommt nicht aus einer Beobachtung
Apriorisch bezeichnet eine Erkenntnis oder Begründung, die nicht auf einer entsprechenden Erfahrung beruht, sondern durch Denken erschlossen wird. Das Wort ist vor allem in der Philosophie gebräuchlich. Die Frage lautet nicht bloß, wann jemand etwas erfahren hat, sondern worauf sich die Geltung seiner Aussage stützt.
Ein einfaches Beispiel lässt sich an einer festgelegten Bedeutung zeigen: Wenn ein Fünfeck als Figur mit fünf Seiten bestimmt ist, muss man nicht erst alle tatsächlich gezeichneten Fünfecke zählen, um diese Seitenzahl aus dem Begriff zu erschließen. Ob eine bestimmte Zeichnung tatsächlich ein Fünfeck ist, muss dagegen am vorliegenden Gegenstand geprüft werden.
Apriorisch bedeutet deshalb nicht angeboren. Dass jemand Wörter und Begriffe erst lernen muss, ist eine andere Frage als die Art, wie eine Aussage begründet wird. Ebenso wenig bezeichnet das Adjektiv einfach eine unbelegte Vermutung. Eine apriorische Begründung soll Gründe liefern und nicht das Begründen ersetzen.
Eigene Beispiele erläutert
- „Die Seitenzahl folgt im Beispiel apriorisch aus der vereinbarten Definition des Fünfecks.“ Entscheidend ist hier die festgelegte Bedeutung, nicht eine Zählung möglichst vieler Zeichnungen.
- „Der Text untersucht, ob eine bestimmte Annahme apriorisch begründet werden kann.“ Der Satz formuliert eine Prüfungsfrage. Er nimmt das Ergebnis der philosophischen Untersuchung nicht vorweg.
- „Die frühe Vermutung war nicht schon deshalb apriorisch begründet.“ Eine Behauptung vor einer Untersuchung ist noch keine erfahrungsunabhängig gerechtfertigte Erkenntnis.
Apriorisch, rational und vorher
- aposteriorisch
- Bezeichnet eine Begründung, die auf Erfahrung angewiesen ist. Beide Wörter unterscheiden Begründungsarten, keine Klassen besonders kluger und weniger kluger Menschen.
- rational
- Beschreibt ein durch nachvollziehbare Überlegungen bestimmtes Vorgehen. Auch die vernünftige Auswertung von Beobachtungen kann rational sein und zugleich eine aposteriorische Grundlage haben.
- vorher
- Ist eine Zeitangabe. Ein zeitlich früher Einfall ist nicht automatisch apriorisch; eine später aufgeschriebene begriffliche Begründung wird nicht allein dadurch aposteriorisch.
- angeboren
- Bezieht sich auf die Herkunft eines Merkmals oder einer Anlage. Apriorisch betrifft hier die Grundlage von Erkenntnis und Begründung.
Geläufige fachliche Verbindungen sind apriorische Erkenntnis, eine apriorische Begründung und apriorisch erschließen. In einführenden Texten sollte man den jeweils betrachteten Gedankengang zeigen, statt lediglich das Fremdwort einzusetzen.
Grammatik und Schreibweise
Wortart: Adjektiv. Geschrieben wird apriorisch in einem Wort. Davon unterscheidet sich die getrennt geschriebene Wendung a priori. Vor Nomen stehen Endungen: ein apriorisches Urteil. In Die Annahme wird apriorisch begründet bleibt das Adjektiv unverändert.
Steigerung
Für die philosophische Zuordnung bildet man gewöhnlich keine Steigerungsreihe. Ein zusätzlicher Gedankenschritt macht eine Begründung nicht einfach apriorischer. Soll ein Argument stärker von bestimmten Voraussetzungen ausgehen, sollte genau diese Veränderung benannt werden. Beugung und Vergleich sind auseinanderzuhalten: ein apriorischer Ansatz steht in der Grundform mit Endung.
Beugung vor einem Nomen
Die Tabellen zeigen die Formen des hier erklärten Adjektivs. Die hervorgehobene Endung richtet sich nach Artikel, Fall, Geschlecht und Zahl des Nomens. Die Pluralspalte gilt für alle grammatischen Geschlechter. Bei der gemischten Beugung steht im Plural etwa keine oder meine; ein hat keinen Plural.
| Fall | Maskulinum · Singular | Femininum · Singular | Neutrum · Singular | Plural · alle Genera |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | apriorischer | apriorische | apriorisches | apriorische |
| Genitiv | apriorischen | apriorischer | apriorischen | apriorischer |
| Dativ | apriorischem | apriorischer | apriorischem | apriorischen |
| Akkusativ | apriorischen | apriorische | apriorisches | apriorische |
| Fall | Maskulinum · Singular | Femininum · Singular | Neutrum · Singular | Plural · alle Genera |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | apriorische | apriorische | apriorische | apriorischen |
| Genitiv | apriorischen | apriorischen | apriorischen | apriorischen |
| Dativ | apriorischen | apriorischen | apriorischen | apriorischen |
| Akkusativ | apriorischen | apriorische | apriorische | apriorischen |
| Fall | Maskulinum · Singular | Femininum · Singular | Neutrum · Singular | Plural · alle Genera |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | apriorischer | apriorische | apriorisches | apriorischen |
| Genitiv | apriorischen | apriorischen | apriorischen | apriorischen |
| Dativ | apriorischen | apriorischen | apriorischen | apriorischen |
| Akkusativ | apriorischen | apriorische | apriorisches | apriorischen |
Zwei Fragen an dieselbe Zeichnung
Erfundene Unterrichtssituation: Eine Gruppe beschäftigt sich mit selbst gezeichneten Fünfecken. Die Lehrperson trennt eine Begriffsfrage und eine Frage zum tatsächlich vorliegenden Blatt.
Dass ein Fünfeck nach unserer Definition fünf Seiten hat, erschließen wir aus dem Begriff. Ob Lara auf ihrem Blatt ein Fünfeck gezeichnet hat, müssen wir dagegen nachsehen. Die erste Begründung ist im Beispiel apriorisch; die zweite braucht eine Beobachtung.
Was der Vergleich leistet: Er hält die Begriffsbestimmung und die Überprüfung eines konkreten Gegenstands auseinander. Die Zeichnung kann falsch beschriftet sein, ohne dass sich dadurch die vereinbarte Definition ändert.
Das ist ein einfaches Lernbeispiel, keine vollständige Darstellung aller philosophischen Positionen. Bei anspruchsvollen Fragen ist oft gerade umstritten, welche Erkenntnisse sich unabhängig von Erfahrung begründen lassen. Der Begriff hilft, diese Frage genauer zu stellen.
Weitere Wörter zum Beschreiben, Vergleichen und Auswählen findest du in der Adjektivliste.
