Man darf dem Gerber das Leder nicht stehlen, um den Armen Schuhe daraus zu machen
Form & Grammatik
- Stichwort
- Man darf dem Gerber das Leder nicht stehlen, um den Armen Schuhe daraus zu machen.
- Form
- Verneinte dürfen-Konstruktion mit einem nachgestellten um-zu-Satz, der den Zweck nennt.
Gebrauch: Historisch belegter Spruch; als Einwand gegen eine fragwürdige Rechtfertigung verwendbar. Keine allgemeine rechtliche Einzelfallentscheidung.
Definition · kurz erklärt
Ein hilfreiches Ziel rechtfertigt nicht automatisch, dafür jemand anderem etwas wegzunehmen. Der Spruch verlangt, auch die verwendeten Mittel zu beurteilen.
Bedeutungen
Eine gute Absicht nicht auf Kosten eines Dritten verwirklichen
Der Gerber verarbeitet Häute zu Leder. Im Spruch soll ihm dieses Material gestohlen werden, damit daraus Schuhe für arme Menschen entstehen. Die Empfänger hätten einen Nutzen, der Gerber jedoch einen Schaden. Gerade diese Verbindung macht das Bild deutlich: Die Hilfe wird nicht verworfen, wohl aber die Vorstellung, ihr guter Zweck mache das unerlaubte Wegnehmen unbedenklich.
Für ein Nachbarschaftsfest möchte jemand ungefragt die Stoffvorräte einer anderen Gruppe verwenden. „Wir brauchen sie doch für einen guten Zweck“, sagt er. Die Organisatorin entgegnet: „Man darf dem Gerber das Leder nicht stehlen, um den Armen Schuhe daraus zu machen.“
Der hilfreiche Anlass erklärt den Wunsch nach Material, ersetzt aber keine Zustimmung der anderen Gruppe. Die Organisatorin kritisiert das Vorgehen. Sie sagt damit nicht, dass das Nachbarschaftsfest unterbleiben müsse.
Das Bild klärt keine schwierige Notlage oder rechtliche Streitfrage von selbst. Es lenkt den Blick auf die betroffenen Menschen und die Folgen einer Handlung. Ob Material tatsächlich fremd ist, ob eine Erlaubnis vorliegt und welche Alternativen bestehen, muss im konkreten Fall geklärt werden.
Ähnliche Sprichwörter und ihre Unterschiede
Der Zweck heiligt die Mittel
Die beiden Sprüche behandeln dieselbe Rechtfertigungsfrage. Der Zweck-Spruch benennt eine Haltung, die problematische Mittel durch das Ziel entschuldigt, und kann kritisch verwendet werden. Das Gerberbild weist diese Entschuldigung ausdrücklich zurück.
„Es dient doch dem Fest“ soll die ungefragte Entnahme rechtfertigen: Der Zweck soll die Mittel heiligen. „Fragt zuerst die andere Gruppe“ setzt die Grenze, die der Gerber-Spruch anschaulich macht.
Beispiele und Verwendung
Eine andere Möglichkeit suchen
„Wir können nach Reststoffen fragen oder einen Aufruf starten, statt die fremden Vorräte einfach zu nehmen.“
Die Alternative hält am hilfreichen Ziel fest und verändert den Weg dorthin. Der Spruch wird so zum Anlass einer konkreten Lösung.
Grammatik
Man ist das Subjekt; darf … nicht stehlen bezeichnet hier ein Verbot. Dem Gerber ist die Dativ-Ergänzung, das Leder das Akkusativobjekt. Im um-zu-Satz steht den Armen im Dativ Plural; Armen ist ein substantiviertes Adjektiv und wird großgeschrieben. Schuhe ist das Akkusativobjekt zu machen. Daraus bezieht sich auf das Leder. Vor der mit um eingeleiteten Infinitivgruppe steht ein Komma.
