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übergehen

Form & Grammatik

Verb
Stichwort
übergehen
Worttrennung
über·ge·hen
Präsens
übergeht (nicht beachten); geht über (Übergang)
Präteritum
überging; ging über
Partizip II
übergangen; übergegangen
Perfekt
hat übergangen; ist übergegangen
Hilfsverb
haben (nicht trennbar); sein (trennbar)
Infinitiv
zu übergehen (nicht trennbar); überzugehen (trennbar)
Trennbarkeit
bedeutungsabhängig; Betonung auf gehen oder auf über

Jagd-/Seemannssprache und gehobenes Überfließen gesondert erklären. Sich übergangen fühlen beschreibt das persönliche Erleben.

Ergänzungen: jemanden/etwas übergehen (Akkusativ); zu etwas übergehen (Dativ); in etwas oder auf jemanden übergehen (Akkusativ)

Formen und Verwendung im Detail

Definition · kurz erklärt

Übergehen kann nicht beachten oder auslassen bedeuten: übergeht, hat übergangen. Das trennbare Verb bezeichnet dagegen einen Wechsel oder Übergang: geht über, ist übergegangen. Betonung, Satzbau und Partizip unterscheiden die beiden Verben.

Bedeutungen

1 Einwände und Bedürfnisse nicht beachten

Nicht trennbar kann übergehen heißen, einen Einwand, Wunsch oder Anspruch bewusst nicht zu beachten. Auch körperliche Bedürfnisse wie Hunger oder Müdigkeit können übergangen werden. Ob jemand einen Hinweis überhaupt bemerkt hat, muss der Zusammenhang zeigen.

„Die Gruppenleitung übergeht den bereits erläuterten Einwand und legt den Termin trotzdem fest.“

Der Einwand wird nicht berücksichtigt. Seine sachliche Berechtigung und die Gründe der Entscheidung müssen zusätzlich geprüft werden.

2 Etwas in einer Folge auslassen

Ein Kapitel, Thema oder Arbeitsschritt wird nicht behandelt. Anders als beim bewussten Missachten einer Bitte kann hier einfach eine vorläufige Auswahl gemeint sein. Wörter wie zunächst oder vorerst erklären die Absicht.

„Beim Vorlesen übergeht Jo zunächst die Anmerkungen und liest nur den Haupttext.“

Die Anmerkungen werden ausgelassen. Zunächst lässt offen, ob Jo später darauf zurückkommt.

3 Eine Person nicht berücksichtigen

Wer jemanden übergeht, beachtet die Person nicht oder berücksichtigt sie etwa bei einer Auswahl nicht. Sich übergangen fühlen beschreibt die Sicht der betroffenen Person; es beweist allein noch keine unfaire Entscheidung.

„Bei der Einteilung der Sprecherrollen übergeht die Leiterin Sam, obwohl er sich gemeldet hat.“

Sam erhält hier keine Rolle. Ob eine andere Aufgabe vorgesehen ist und weshalb er nicht gewählt wird, erzählt der Satz nicht.

4 Selten: über etwas hinweggehen

Nicht trennbar kann das Verb selten auch ein tatsächliches Hinweggehen meinen. Jagdsprachlich bezeichnet es das unbemerkte Überqueren einer Spur oder das Vorbeigehen an Niederwild, ohne es wahrzunehmen. Diese Fachverwendung ist keine absichtliche Missachtung.

„Im Jagdbericht übergeht die suchende Gruppe eine Fährte, ohne sie zu erkennen.“

Der Fachzusammenhang macht die unbemerkte Spur deutlich. Für einen gewöhnlichen Bericht ist geht an der Spur vorbei oft verständlicher.

5 Einen anderen Besitzer bekommen

Trennbar kann eine Sache in den Besitz oder die Verfügung einer anderen Person oder Stelle gelangen. Auf jemanden übergehen nennt den neuen Empfänger; aus dem Verb allein folgt kein bestimmter rechtlicher Weg.

„In der erfundenen Vereinsgeschichte geht die kleine Sammlung auf den neu gegründeten Archivverein über.“

Die Zuordnung der Sammlung ändert sich. Ob eine Schenkung, ein Kauf oder eine andere Vereinbarung zugrunde liegt, bleibt offen.

6 Mit etwas anderem beginnen oder die Seite wechseln

Zur nächsten Tätigkeit übergehen heißt, die bisherige zu beenden und eine andere aufzunehmen. Dazu übergehen, etwas zu tun beschreibt eine neue Praxis. Auf die andere Seite oder in ein anderes Lager übergehen betrifft dagegen die Zugehörigkeit.

„Nach den Rückfragen geht die Gruppe dazu über, die Szene gemeinsam zu spielen.“

Sie beginnt eine andere Arbeitsphase. Die Formulierung erklärt den Wechsel, nicht schon den Erfolg der Probe.

7 In einen anderen Zustand übergehen oder sich vermischen

Ein Stoff oder Vorgang kann in ein anderes Stadium übergehen. Bei Farben, Formen oder Eindrücken kann gemeint sein, dass eine klare Grenze fehlt. Der jeweilige Zusammenhang entscheidet zwischen Zustandswechsel und fließender Verbindung.

„Im Bühnenlicht geht das Blau der Rückwand langsam in Violett über.“

Der Farbeindruck verändert sich ohne scharfe Grenze. Es wird keine Person übergangen und kein Gegenstand verkauft.

8 Seemannssprache: Wasser schlägt herüber oder Ladung rutscht

Auf einem Schiff können Wellen übergehen, also herüberschlagen. Von der Ladung gesagt bedeutet übergehen, dass sie auf eine Seite rutscht. Die beiden Vorgänge gehören zum selben Fachbereich, sind aber nicht identisch.

„Im Seefahrtsroman geht während der schweren See ein Teil der Ladung über.“

Die Ladung rutscht zur Seite. Ein übergehender Brecher wäre dagegen eine Welle; das Subjekt legt die Lesart fest.

9 Gehoben: überfließen

Trennbar kann übergehen gehoben auch überfließen heißen. Gemeint ist etwa Flüssigkeit oder Schaum, die über einen Rand treten. Im Alltag ist überlaufen meist eindeutiger.

„Im erzählenden Text steigt der Schaum im Becher, bis er übergeht.“

Der Schaum tritt über den Rand. Hat den Becher übergangen wäre ein anderes Verb und hieße etwa, ihn bei einer Reihenfolge ausgelassen zu haben.

10 Jägersprache: kein Kalb oder Kitz haben

Von weiblichem Schalenwild gesagt bezeichnet übergehen jagdsprachlich das Ausbleiben eines Kalbs oder Kitzes. Die seltene Fachlesart ist nicht aus einer allgemeinen Ortsbewegung abzuleiten.

„Der Jagdbericht hält fest, dass die Hirschkuh in diesem Jahr übergegangen ist.“

Im ausdrücklich genannten Fachzusammenhang geht es um den Nachwuchs. Ohne diesen Kontext wäre der Satz für viele Leser unklar.

übergehen: Synonyme und andere Wörter

Bei fehlender Beachtung

Ignorieren betont bewusste Nichtbeachtung. Auslassen passt dagegen zu einem nicht behandelten Abschnitt und kann auch ein Versehen bezeichnen.

„Sie übergeht seinen Einwand“ kann Ignorieren meinen. „Sie übergeht beim Vorlesen zwei Zeilen“ kann schlicht eine Auslassung beschreiben.

Ein Ersatzwort darf nicht unbemerkt Absicht hinzufügen oder entfernen.

Bei einem Übergang

Wechseln, in etwas anderes übergehen und sich verändern können je nach Kontext nahe beieinanderliegen. Den Besitzer wechseln passt speziell zum Eigentumswechsel.

„Die Gruppe geht zum Schreiben über“ nennt eine neue Tätigkeit. „Die Gruppe wechselt den Raum“ nennt einen anderen Ort.

Dass beide Sätze einen Wechsel enthalten, macht ihre Ergänzungen nicht austauschbar.

Beispiele und Verwendung

„Mara hat die Frage übergangen; anschließend ist sie zum nächsten Punkt übergegangen.“

Haben und übergangen gehören zur fehlenden Berücksichtigung. Sein und übergegangen gehören zum Wechsel des Themas. Der kurze Satz zeigt beide Verben nebeneinander.

„Die Erzählerin schreibt, dass die Farben ineinander übergehen.“

Im Nebensatz steht die gebeugte Form übergehen am Ende und wird zusammengeschrieben. Die Verschmelzung von Eindrücken ist keine bewusste Nichtbeachtung.

„Er fühlt sich bei der Abstimmung übergangen.“

Die Formulierung nennt sein Erleben. Eine sachliche Begründung für einen Vorwurf muss der weitere Text liefern.

Grammatik und Beugung

Die Worttrennung lautet über·ge·hen. Nicht trennbar und auf gehen betont heißt es übergeht – überging – hat übergangen. Eine betroffene Person oder Sache steht im Akkusativ: jemanden, einen Einwand oder ein Kapitel übergehen. Der zu-Infinitiv lautet zu übergehen. Trennbar und auf über betont heißt es geht über – ging über – ist übergegangen, mit zu überzugehen. Typisch sind zu einer Tätigkeit übergehen (Dativ), in einen Zustand übergehen (Akkusativ) und auf jemanden übergehen (Akkusativ). Die zweite Reihe enthält Personenformen etwa für Tätigkeits- oder Parteiwechsel; bei Ladung, Wasser oder Wild passen nur die jeweiligen Sach- beziehungsweise Tierbezüge. Reflexives sich gehört bei sich übergangen fühlen zur ganzen Verbindung mit fühlen; es macht übergehen nicht zu einem allgemeinen reflexiven Verb.

Nicht beachten oder auslassen: Präsens, Präteritum, Perfekt
PersonPräsensPräteritumPerfekt
ichich übergeheich übergingich habe übergangen
dudu übergehstdu übergingstdu hast übergangen
er/sie/eser/sie/es übergehter/sie/es überginger/sie/es hat übergangen
wirwir übergehenwir übergingenwir haben übergangen
ihrihr übergehtihr übergingtihr habt übergangen
siesie übergehensie übergingensie haben übergangen
Nicht beachten oder auslassen: Plusquamperfekt und Zukunft
PersonPlusquamperfektFutur IFutur II
ichich hatte übergangenich werde übergehenich werde übergangen haben
dudu hattest übergangendu wirst übergehendu wirst übergangen haben
er/sie/eser/sie/es hatte übergangener/sie/es wird übergehener/sie/es wird übergangen haben
wirwir hatten übergangenwir werden übergehenwir werden übergangen haben
ihrihr hattet übergangenihr werdet übergehenihr werdet übergangen haben
siesie hatten übergangensie werden übergehensie werden übergangen haben
Nicht beachten oder auslassen: Konjunktiv I und II
PersonKonjunktiv IKonjunktiv II
ichich übergeheich überginge
dudu übergehestdu übergingest
er/sie/eser/sie/es übergeheer/sie/es überginge
wirwir übergehenwir übergingen
ihrihr übergehetihr überginget
siesie übergehensie übergingen
Nicht beachten oder auslassen: Vergangenheit im Konjunktiv
PersonKonjunktiv IKonjunktiv II
ichich habe übergangenich hätte übergangen
dudu habest übergangendu hättest übergangen
er/sie/eser/sie/es habe übergangener/sie/es hätte übergangen
wirwir haben übergangenwir hätten übergangen
ihrihr habet übergangenihr hättet übergangen
siesie haben übergangensie hätten übergangen
Nicht beachten oder auslassen: Aufforderungen
AnredeForm
duübergeh! / übergehe!
ihrübergeht!
Sieübergehen Sie!
Nicht beachten oder auslassen: infinite Formen
FormWortlaut
Infinitivübergehen
zu-Infinitivzu übergehen
Partizip Iübergehend
Partizip IIübergangen
Wechsel oder Übergang: Präsens, Präteritum, Perfekt
PersonPräsensPräteritumPerfekt
ichich gehe überich ging überich bin übergegangen
dudu gehst überdu gingst überdu bist übergegangen
er/sie/eser/sie/es geht überer/sie/es ging überer/sie/es ist übergegangen
wirwir gehen überwir gingen überwir sind übergegangen
ihrihr geht überihr gingt überihr seid übergegangen
siesie gehen übersie gingen übersie sind übergegangen
Wechsel oder Übergang: Plusquamperfekt und Zukunft
PersonPlusquamperfektFutur IFutur II
ichich war übergegangenich werde übergehenich werde übergegangen sein
dudu warst übergegangendu wirst übergehendu wirst übergegangen sein
er/sie/eser/sie/es war übergegangener/sie/es wird übergehener/sie/es wird übergegangen sein
wirwir waren übergegangenwir werden übergehenwir werden übergegangen sein
ihrihr wart übergegangenihr werdet übergehenihr werdet übergegangen sein
siesie waren übergegangensie werden übergehensie werden übergegangen sein
Wechsel oder Übergang: Konjunktiv I und II
PersonKonjunktiv IKonjunktiv II
ichich gehe überich ginge über
dudu gehest überdu gingest über
er/sie/eser/sie/es gehe überer/sie/es ginge über
wirwir gehen überwir gingen über
ihrihr gehet überihr ginget über
siesie gehen übersie gingen über
Wechsel oder Übergang: Vergangenheit im Konjunktiv
PersonKonjunktiv IKonjunktiv II
ichich sei übergegangenich wäre übergegangen
dudu seist übergegangen / du seiest übergegangendu wärst übergegangen / du wärest übergegangen
er/sie/eser/sie/es sei übergegangener/sie/es wäre übergegangen
wirwir seien übergegangenwir wären übergegangen
ihrihr seiet übergegangenihr wärt übergegangen / ihr wäret übergegangen
siesie seien übergegangensie wären übergegangen
Wechsel oder Übergang: Aufforderungen
AnredeForm
dugeh über! / gehe über!
ihrgeht über!
Siegehen Sie über!
Wechsel oder Übergang: infinite Formen
FormWortlaut
Infinitivübergehen
zu-Infinitivüberzugehen
Partizip Iübergehend
Partizip IIübergegangen

Feste Verbindungen

Zur Tagesordnung übergehen

Die Verbindung kann wörtlich heißen, die vorgesehenen Punkte zu behandeln. Übertragen bedeutet sie auch, nach einem Vorfall wieder zum gewöhnlichen Ablauf zurückzukehren. „Nach der Entschuldigung geht die Runde zur Tagesordnung über.“ Der Satz sagt, dass die Beratung fortgesetzt wird; ob der Streit tatsächlich geklärt ist, bleibt offen.

Die Augen gehen jemandem über

Die Verbindung kann starke Überwältigung ausdrücken; gehoben kann sie auch Weinen meinen. „Beim Anblick der aufwendig gebauten Miniaturstadt gehen der Besucherin die Augen über.“ Hier steht das Staunen im Vordergrund. Erst weitere Hinweise würden festlegen, ob tatsächlich Tränen gemeint sind.