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vergreifen

Form & Grammatik

Verb
Stichwort
vergreifen
Worttrennung
ver·grei·fen
Präsens
vergreift sich
Präteritum
vergriff sich
Partizip II
vergriffen
Perfekt
hat sich vergriffen
Hilfsverb
haben
Trennbarkeit
nicht trennbar

Gebrauch: In den erläuterten Verwendungen reflexiv: sich vergreifen; an mit Dativ. Vergriffen für nicht lieferbare Medien ist ein eigener adjektivischer Gebrauch.

Formen und Verwendung im Detail

Definition · kurz erklärt

Sich vergreifen kann einen Fehlgriff oder eine unangemessene Wahl bezeichnen. Mit an bekommt das Verb eine andere Bedeutung: Es geht dann um einen unzulässigen Zugriff auf eine Sache oder einen Übergriff gegen einen Menschen. Diese Verwendungen sollten nicht miteinander vermischt werden.

Bedeutungen

Beim Greifen oder Spielen einen Fehler machen

Eine Handbewegung erreicht etwas anderes als beabsichtigt. Beim Spielen eines Instruments kann das heißen, dass eine falsche Taste oder ein falscher Ton getroffen wird. Das einfache greifen bezeichnet für sich noch keinen solchen Fehler.

„Beim Stempeln vergreift Jo sich und nimmt den Datumsstempel statt des runden Vereinsstempels; auf dem Umschlag steht nun nur ein Datum.“

Jo greift zum anderen der beiden Stempel. Der sichtbare Abdruck macht die Abweichung von seiner beabsichtigten Auswahl konkret.

Eine unpassende Ausdrucksweise wählen

Übertragen kann eine Wortwahl oder ein Umgangston gemeint sein, der für die Situation unangemessen ist. Häufig heißt es sich im Ton oder im Ausdruck vergreifen. Die Beanstandung betrifft dann die Art der Äußerung, nicht notwendig ihren sachlichen Inhalt.

„Amir vergreift sich im Ton, als er einen berechtigten Einwand mit einer persönlichen Beleidigung vorträgt.“

Der Einwand und die beleidigende Form werden getrennt. Die Kritik am Ton widerlegt nicht automatisch den Einwand.

Unbefugt auf fremden Besitz zugreifen

Sich an fremdem Eigentum vergreifen kann heißen, etwas unerlaubt an sich zu nehmen. Die Verbindung enthält einen Vorwurf; sie bezeichnet nicht schon jeden versehentlichen Griff zum falschen Gegenstand.

„Im fiktiven Roman vergreift sich der Cousin an der Briefmarkensammlung: Er nimmt seltene Stücke heimlich an sich und erklärt sie später zu seinem Besitz.“

Die Sammlung gehört dem Cousin nicht, doch er eignet sich Stücke daraus an. Das ist von einem versehentlichen Griff zum falschen Album zu unterscheiden.

Einem Menschen Gewalt antun

Auf Menschen bezogen bezeichnet sich an jemandem vergreifen einen tätlichen Übergriff. Je nach Zusammenhang kann insbesondere sexuelle Gewalt gemeint sein. Der konkrete Zusammenhang muss erkennen lassen, welche Handlung beschrieben oder vorgeworfen wird.

„In der fiktiven Szene vergreift sich ein Gast an dem Wirt und stößt ihn absichtlich gegen den Tisch.“

Die Erzählung schildert einen körperlichen Übergriff und benennt ihn konkret. Eine sexuelle Handlung ist in diesem Beispiel nicht gemeint; in einem anderen Zusammenhang kann die Verbindung sie bezeichnen.

Synonyme: andere Wörter für vergreifen

Bei Fehlgriffen und unangemessenen Worten

danebengreifen · einen Fehlgriff tun · einen falschen Ton treffen · sich unpassend ausdrücken

Danebengreifen passt zur fehlgehenden Handbewegung. Sich unpassend ausdrücken erklärt die übertragene sprachliche Bedeutung. Einen Fehler machen ist weiter und sagt nicht, worin der Fehler besteht.

„Sie vergreift sich am Instrument“ betrifft das Spielen. „Sie vergreift sich im Ton“ kann dagegen ihre Art zu sprechen beanstanden.

Die Ergänzungen erhalten den Unterschied zwischen Musik und Umgangston.

Bei unerlaubtem Zugriff und Übergriffen

sich unerlaubt aneignen · unbefugt zugreifen · angreifen · Gewalt antun

Bei Besitz passt sich unerlaubt aneignen. Bei Menschen muss das Ersatzwort zur tatsächlich beschriebenen Handlung passen. Das allgemeine Wort berühren wäre häufig zu schwach; missbrauchen kann eine besondere Form des Übergriffs benennen und verlangt entsprechenden Kontext.

„Die Figur vergreift sich an der Vereinskasse“ betrifft unerlaubten Zugriff auf Geld. „Die Figur vergreift sich an einer Person“ ist kein Satz über einen bloßen Auswahlfehler.

Ein präziser Bericht nennt Handlung und Perspektive des Vorwurfs.

Beispiele und Verwendung

Die Rücknahme einer Formulierung

„»Ich habe mich im Ausdruck vergriffen«, sagt die Figur und ersetzt die abwertende Bezeichnung durch eine sachliche Beschreibung.“

Sie beanstandet ihre Wortwahl. Ob sie auch die zugrunde liegende Behauptung zurücknimmt, bleibt offen.

Den Gegenstand der Kritik nennen

„Die Erzählerin erklärt, dass sich der Mitarbeiter an fremdem Besitz vergriffen hat, und schildert anschließend die unerlaubte Entnahme.“

Die nähere Erklärung verhindert, dass der Vorwurf nur als unbestimmtes Wertwort stehen bleibt.

Grammatik und Beugung

Das starke Verb wird in diesen Bedeutungen reflexiv gebraucht: vergreift sich – vergriff sich – hat sich vergriffen. Das Reflexivpronomen steht im Akkusativ: ich vergreife mich, du vergreifst dich.

Bei sich an einem Gegenstand oder an einer Person vergreifen steht die an-Ergänzung im Dativ. Auch sich im Ton vergreifen enthält einen Dativ. Dieser Fall ist von dem Akkusativ des Reflexivpronomens zu unterscheiden.

Die Tabellen zeigen die reflexiven Reihen und die beiden vertrauten Aufforderungsformen. Solche Aufforderungen stehen häufig in einer Verneinung, etwa Vergreif dich nicht im Ton!

Sich vergreifen: Gegenwart und Vergangenheit

Sich vergreifen: Gegenwart und Vergangenheit
PersonPräsensPräteritumPerfekt
ichich vergreife michich vergriff michich habe mich vergriffen
dudu vergreifst dichdu vergriffst dichdu hast dich vergriffen
er/sie/eser/sie/es vergreift sicher/sie/es vergriff sicher/sie/es hat sich vergriffen
wirwir vergreifen unswir vergriffen unswir haben uns vergriffen
ihrihr vergreift euchihr vergrifft euchihr habt euch vergriffen
siesie vergreifen sichsie vergriffen sichsie haben sich vergriffen

Sich vergreifen: Vorvergangenheit und Zukunft

Sich vergreifen: Vorvergangenheit und Zukunft
PersonPlusquamperfektFutur IFutur II
ichich hatte mich vergriffenich werde mich vergreifenich werde mich vergriffen haben
dudu hattest dich vergriffendu wirst dich vergreifendu wirst dich vergriffen haben
er/sie/eser/sie/es hatte sich vergriffener/sie/es wird sich vergreifener/sie/es wird sich vergriffen haben
wirwir hatten uns vergriffenwir werden uns vergreifenwir werden uns vergriffen haben
ihrihr hattet euch vergriffenihr werdet euch vergreifenihr werdet euch vergriffen haben
siesie hatten sich vergriffensie werden sich vergreifensie werden sich vergriffen haben

Sich vergreifen: Konjunktiv und würde-Verbindung

Sich vergreifen: Konjunktiv und würde-Verbindung
PersonKonjunktiv IKonjunktiv IIwürde-Verbindung
ichich vergreife michich vergriffe michich würde mich vergreifen
dudu vergreifest dichdu vergriffest dichdu würdest dich vergreifen
er/sie/eser/sie/es vergreife sicher/sie/es vergriffe sicher/sie/es würde sich vergreifen
wirwir vergreifen unswir vergriffen unswir würden uns vergreifen
ihrihr vergreifet euchihr vergriffet euchihr würdet euch vergreifen
siesie vergreifen sichsie vergriffen sichsie würden sich vergreifen

Sich vergreifen: vertraute Aufforderungen

Sich vergreifen: vertraute Aufforderungen
AnredeImperativ
duvergreif dich! / vergreife dich!
ihrvergreift euch!

Schreibweise und Worttrennung

Die Worttrennung lautet ver·grei·fen. Das Verb ist nicht trennbar; mit zu heißt es sich zu vergreifen. Das Partizip vergriffen erhält kein zusätzliches ge-. Davon zu unterscheiden ist das Adjektiv vergriffen in eine vergriffene Ausgabe: Es bedeutet nicht mehr lieferbar und beschreibt keinen Fehlgriff der Ausgabe.

Redewendungen und feste Verbindungen

Sich im Ton vergreifen

Die feste Verbindung beanstandet eine unangemessene Art zu sprechen, beispielsweise eine beleidigende oder herabsetzende Formulierung.

„Mila sagt: »Ich teile deinen Einwand, aber du hast dich im Ton vergriffen.«“

Der Satz zeigt ausdrücklich, dass eine berechtigte Sache in unpassender Weise vorgetragen werden kann.