grässlich
Grässlich: Entsetzen oder starkes Unbehagen auslösend; im Alltag auch sehr unangenehm oder als Verstärkung im Sinn von äußerst verwendet. Die heutige Schreibung lautet grässlich.
Was bedeutet grässlich?
Grässlich drückt eine starke negative Bewertung aus. Ein Anblick kann Entsetzen hervorrufen, ein Geräusch unerträglich wirken oder eine Erfahrung äußerst unangenehm sein. Wie stark das Wort gemeint ist, hängt vom Zusammenhang ab. Im Alltag wird es oft übertreibend verwendet, etwa bei schlechtem Wetter oder einem misslungenen Essen.
Auf eine Person bezogen sagt grässlich zunächst, dass jemand sie stark ablehnt oder ihr Verhalten sehr unangenehm findet. Es benennt noch keine genaue Charaktereigenschaft. Eine Person kann wegen ihrer Rücksichtslosigkeit, ihrer verletzenden Bemerkungen oder bloß wegen eines persönlichen Konflikts so bezeichnet werden. Für eine sachliche Analyse muss dieser Grund sichtbar werden.
Daneben verstärkt das Wort andere Aussagen. Wer sich grässlich langweilt, beschreibt einen hohen Grad der Langeweile. Das ist kein Urteil über seinen Charakter. Die Verwendung als Verstärker ist deshalb von einer direkten Personenbeschreibung zu unterscheiden.
Beispiele und Verwendung
Das grässliche Kreischen des defekten Lautsprechers ließ alle zusammenzucken.
So ist es gemeint: Die negative Wirkung wird an einer konkreten Wahrnehmung deutlich.
„Er ist grässlich“, sagt die Figur, nachdem ihr Bruder ihren Brief vor allen vorgelesen hat.
So ist es gemeint: Die Äußerung zeigt ihre Ablehnung. Die öffentliche Bloßstellung erklärt, worauf sie sich in der Szene bezieht.
Wir hatten uns die Fahrt spannend vorgestellt, langweilten uns aber grässlich.
So ist es gemeint: Grässlich verstärkt hier das Verb. Es beschreibt keine dauerhafte Eigenschaft der Reisenden.
Typische Verbindungen: ein grässlicher Anblick, sich grässlich benehmen, grässlich frieren, etwas grässlich finden.
Synonyme und Bedeutungsunterschiede
- Grauenhaft
- Kann ebenfalls Entsetzen oder eine stark negative Bewertung ausdrücken. Der konkrete Grad ergibt sich bei beiden Wörtern aus dem Kontext.
- grausam
- Bezieht sich auf das Zufügen oder Zulassen von Leid. Ein grässliches Geräusch ist unangenehm, aber nicht selbst grausam.
- eklig
- Betont vor allem Ekel. Grässlich kann auch Angst, Ärger oder heftige Abneigung ausdrücken, ohne dass Ekel gemeint ist.
Angenehm, erfreulich oder schön passen je nach Bezugswort als Gegenwörter. Für Verhalten ist meist eine genauere positive Eigenschaft hilfreicher als ein pauschales Lob.
Grässlich in einer Charakterisierung
Die folgende Szene und die Musterformulierung sind eigens erfunden. Sie stammen aus keinem literarischen Werk.
Beispielsituation
Die Erzählerin nennt ihre neue Mitschülerin grässlich, weil diese während eines Streits einen privaten Brief herumzeigt. Wenige Seiten später hilft dieselbe Mitschülerin einem jüngeren Kind. Die erste Bezeichnung stammt weiterhin aus der verletzten Perspektive der Erzählerin.
- Beobachtung: Die Mitschülerin verletzt die Privatsphäre der Erzählerin. Diese reagiert mit einer stark ablehnenden Bezeichnung.
- Deutung: Grässlich macht hier besonders die Bewertung durch die Erzählerin sichtbar.
- Grenze der Aussage: Die Bezeichnung darf nicht ungeprüft als abschließendes Urteil des gesamten Textes übernommen werden. Die spätere Hilfe liefert eine weitere Seite der Figur.
Musterformulierung
Die Erzählerin bezeichnet ihre Mitschülerin nach der öffentlichen Bloßstellung als grässlich. Das Wort verdeutlicht zunächst ihre Verletzung und Ablehnung. Präziser lässt sich das gezeigte Verhalten als rücksichtslos beschreiben, weil ein privater Brief gegen den Willen seiner Verfasserin herumgereicht wird.
Die Musterformulierung trennt fremdes Urteil und eigene Analyse. Sie erklärt anschließend, welches Verhalten hinter der pauschalen Wertung steht. So erhält die Charakterisierung einen überprüfbaren Inhalt, statt lediglich ein scharfes Wort zu wiederholen.
Übertrage diese Vorgehensweise auf deine Lektüre: Nenne die konkrete Handlung oder Äußerung und belege sie am vorliegenden Text. Die Anleitung zur Charakterisierung zeigt, wie du solche Einzelbeobachtungen zu einem begründeten Gesamtbild verbindest.
Grammatik und richtige Schreibweise
- Wortart
- Adjektiv (Eigenschaftswort)
- Worttrennung
- gräss·lich
- Verwandtes Nomen
- die Grässlichkeit
Die frühere Schreibung gräßlich begegnet noch in älteren Texten und in unserem historischen Listeneintrag. In der heutigen Rechtschreibung steht nach dem kurzen ä ein ss: grässlich. In grässlich kalt bleibt das verstärkende Wort unverändert; vor einem Nomen wird es gebeugt.
Beugung: Welche Endung passt?
Vor einem Nomen erhält das Wort eine Endung. Sie richtet sich nach Fall, Geschlecht, Zahl und Begleitwort. Die Endungen sind unten hervorgehoben.
| Fall | Maskulin | Feminin | Neutrum | Plural |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | grässlicher | grässliche | grässliches | grässliche |
| Genitiv | grässlichen | grässlicher | grässlichen | grässlicher |
| Dativ | grässlichem | grässlicher | grässlichem | grässlichen |
| Akkusativ | grässlichen | grässliche | grässliches | grässliche |
| Fall | Maskulin | Feminin | Neutrum | Plural |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | der grässliche | die grässliche | das grässliche | die grässlichen |
| Genitiv | des grässlichen | der grässlichen | des grässlichen | der grässlichen |
| Dativ | dem grässlichen | der grässlichen | dem grässlichen | den grässlichen |
| Akkusativ | den grässlichen | die grässliche | das grässliche | die grässlichen |
| Fall | Maskulin | Feminin | Neutrum | Plural |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | ein grässlicher | eine grässliche | ein grässliches | keine grässlichen |
| Genitiv | eines grässlichen | einer grässlichen | eines grässlichen | keiner grässlichen |
| Dativ | einem grässlichen | einer grässlichen | einem grässlichen | keinen grässlichen |
| Akkusativ | einen grässlichen | eine grässliche | ein grässliches | keine grässlichen |
Die Pluralformen der gemischten Beugung sind mit kein gezeigt, weil ein keinen Plural hat. Nach einem Verb wie sein oder wirken steht das Eigenschaftswort normalerweise ohne diese Endung. Mehr dazu: Adjektive verwenden und beugen.
Wortbildung und Herkunft
Das Wort wurde aus dem Niederdeutschen übernommen; als ältere Form ist mittelniederdeutsch greselīk überliefert, verbunden mit dem Hervorrufen von Schauder. Die weitere Herkunft ist nicht sicher geklärt. Eine scheinbar passende Ähnlichkeit mit einem heutigen Wort liefert deshalb noch keine verlässliche Herleitung.
