Isegrim: Der Wolf in Fabeln und Tierdichtung
Fabeltiere · Name, Rolle und Charakterisierung
Isegrim ist eine traditionelle Bezeichnung für den Wolf, besonders in der Tierdichtung. Bekannt ist er als Gegenspieler des Fuchses Reineke. Je nach Text erscheint der Wolf etwa gierig, rücksichtslos oder überheblich; mitunter wird er selbst überlistet. Diese Rollen erklären jedoch nicht jeden Wolf in jeder Fabel.
Für eine Charakterisierung ist deshalb wichtig: Isegrim ist ein Name, Wolf eine Tierbezeichnung und gierig eine mögliche Eigenschaft. Welche Eigenschaft passt, ergibt sich aus einer Handlung und ihrer Darstellung. An Goethes Reineke Fuchs und unterschiedlichen Fabeln lässt sich dieser Unterschied besonders gut erkennen.
Begriff & Ursprung
Der Name wird auf den althochdeutschen Männernamen Isangrīm zurückgeführt, dessen Bedeutung als Eisenhelm erklärt wird. Die ältere Wortgeschichte darf nicht mit dem heutigen Klang von grimmig oder einer frei gebildeten Erklärung aus „Eisen“ und „knurren“ gleichgesetzt werden.
In der europäischen Tierdichtung begegnen unterschiedliche Namensformen. Zum älteren Überlieferungszusammenhang gehören der lateinische Ysengrimus und die Geschichten um den Fuchs Renart. Im Deutschen ist die Paarung Isegrim und Reineke geläufig. Sie verbindet zwei bestimmte literarische Figuren; daraus folgt keine einheitliche Handlung für alle Wolf-und-Fuchs-Geschichten.

Welche Eigenschaften hat Isegrim als Wolf?
In vielen Begegnungen mit einem schwächeren Tier verfügt der Wolf über körperliche Macht. Gegenüber dem Fuchs kann ihm dagegen dessen List überlegen sein. Ein und dieselbe Figur kann Macht ausüben und in einer anderen Situation selbst zum Opfer einer Täuschung werden. Die folgenden Begriffe helfen bei einer genaueren Beschreibung.
| Eigenschaft | Passende Handlung | Nicht vorschnell behaupten |
|---|---|---|
| gierig | Der Wolf beansprucht mehr, als ihm nach einer Vereinbarung zusteht, oder nimmt einem anderen dessen Anteil. | Hunger allein belegt noch keine Gier. |
| rücksichtslos | Er verfolgt sein Ziel, obwohl dadurch eine andere Figur zu Schaden kommt. | Eine Bezeichnung wie „böse“ ersetzt nicht die Erklärung, wem er wie schadet. |
| ungerecht | Er missachtet begründete Einwände, gemeinsame Regeln oder vereinbarte Ansprüche. | Eine bloße Meinungsverschiedenheit ist noch kein Beweis für Unrecht. |
| überheblich | Er verlässt sich auf seine Überlegenheit und unterschätzt eine andere Figur. | Aus körperlicher Stärke allein ergibt sich diese Haltung nicht. |
Isegrim bei Goethe: Wer erzählt über wen?
In Goethes Reineke Fuchs, erster Gesang, tritt Isegrim am Hof des Löwen mit Beschwerden gegen Reineke auf. Der Dachs Grimbart, ein Verwandter des Fuchses, verteidigt diesen und erhebt seinerseits Vorwürfe gegen den Wolf.
Grimbart erzählt unter anderem von einem Fischraub: Reineke habe sich für tot gestellt, sei auf einen Wagen geworfen worden und habe Fische hinunterbefördert. Isegrim habe sie verzehrt und dem Fuchs nur Gräten übriggelassen. In dieser Darstellung erscheint Isegrim gierig und unfair gegenüber seinem Gefährten.
Der Zusatz in dieser Darstellung ist wichtig. Hier berichtet eine beteiligte Figur, die Reineke entlasten will. Eine genaue Analyse kennzeichnet die Aussage daher als Grimbarts Darstellung und unterscheidet sie von einer unmittelbar erzählten Handlung oder einem neutralen Urteil. Das macht die Deutung nicht wertlos; es zeigt, wie sorgfältig du mit ihrer Grundlage umgehst.
Der Wolf und das Lamm: Macht statt überzeugender Gründe
In der Äsop zugeschriebenen Fabel Der Wolf und das Lamm sucht der Wolf einen Anlass, um das Lamm anzugreifen. In der hier betrachteten deutschen Fassung wirft er ihm zunächst vor, das Wasser zu trüben. Das Lamm weist darauf hin, dass das Wasser vom Wolf zu ihm fließt. Dennoch lässt der Wolf von seinem Vorhaben nicht ab und bringt weitere Vorwürfe vor.
Die Deutung ungerecht ist dadurch begründbar, dass der Wolf den sachlichen Einwand nicht gelten lässt. Er verwendet seine Behauptungen als Vorwand für ein bereits verfolgtes Ziel. Seine körperliche Macht setzt sich schließlich gegen die besseren Gründe des Lammes durch.
Das Lamm deshalb einfach als „dumm“ zu bezeichnen, würde die Handlung verfehlen. Sein Einwand kann zutreffen, obwohl es sich gegen die Gewalt nicht durchsetzt. Die Fabel zeigt somit auch den Unterschied zwischen recht haben und Recht bekommen.
Ein Gegenbeispiel: Der Wolf kann auch Freiheit wählen
In Jean de La Fontaines Der Wolf und der Hund steht ein anderer Gegensatz im Mittelpunkt. Der magere Wolf interessiert sich zunächst für das gut versorgte Leben des Hundes. Als er erfährt, dass dazu auch die Kette gehört, lehnt er dieses Leben ab. Die hier zugrunde gelegte deutsche Übertragung stammt von Ernst Dohm.
Der Wolf lässt sich in dieser Entscheidung als freiheitsliebend verstehen: Er gibt der eigenen Unabhängigkeit den Vorrang vor der angebotenen Versorgung. Die Fabel bietet damit einen guten Grund, das Schema „Wolf = böse und gierig“ nicht ungeprüft auf jeden Text zu übertragen.
Isegrim charakterisieren: eine begründete Musteranalyse
Der folgende Absatz ist eine eigene Musteranalyse zu Grimbarts Bericht in Goethes erstem Gesang, kein Zitat. Er verbindet Beobachtung und Deutung und benennt zugleich die Perspektive.
In Grimbarts Darstellung verhält sich Isegrim gegenüber Reineke gierig und unfair. Der Dachs berichtet, dass der Wolf die gemeinsam erlangten Fische allein frisst und dem Fuchs nur Gräten zurücklässt. Damit missachtet Isegrim in diesem Bericht den Anspruch seines Gefährten auf einen Anteil. Allerdings spricht hier ein Verwandter Reinekes, der den Fuchs verteidigen möchte. Die Eigenschaftszuweisung ist deshalb zunächst als Ergebnis dieser parteilichen Schilderung zu kennzeichnen; für ein umfassendes Urteil über Isegrim müssen weitere Stellen des Werkes hinzukommen.
Was an diesem Absatz wichtig ist
- Er nennt die konkrete Handlung, statt Gier aus der Tierart abzuleiten.
- Er erklärt den verletzten Anspruch: der Anteil an einer gemeinsamen Beute.
- Er benennt die sprechende Figur und ihr Interesse.
- Er begrenzt das Urteil, ohne die Deutung wieder zurückzunehmen.
Eigene Übungssituation: hungrig oder gierig?
Erfundene Situation: Zwei Tiere vereinbaren, einen Vorrat zu teilen. Der Wolf frisst heimlich auch den Anteil seines Gefährten und behauptet danach, es sei nichts mehr da gewesen.
Hier lässt sich gierig mit dem Griff nach dem fremden Anteil begründen; die falsche Behauptung kann zusätzlich unehrlich stützen. Würde der Wolf nur seinen eigenen Anteil aufessen, wäre dieselbe Deutung nicht ausreichend belegt. Das Beispiel zeigt, warum eine Charakterisierung die Umstände der Handlung mitlesen muss.
Weiteres Fabelbeispiel: Der Löwe, Wolf und Fuchs
Die folgende, Äsop zugeschriebene Fabel stand bereits in diesem Artikel. Sie zeigt einen Wolf, der dem Fuchs durch eine Anschuldigung schaden möchte. Die List des Fuchses wendet sich anschließend gegen ihn. Der Text enthält eine drastische Gewaltdarstellung.
Ein alter Löwe lag krank in seiner Höhle; alle Tiere besuchten ihn; nur der Fuchs zögerte. Der Wolf ergriff diese erwünschte Gelegenheit, seinem Todfeind zu schaden, und brachte die harte Klage gegen ihn vor: es sei Stolz und Verachtung, daß er seinem Herrn und König nicht den schuldigen Besuch mache.
Wie der Wolf noch so sprach, kam gerade der Fuchs dazu und vernahm aus dem Schluß der Rede, daß er verleumdet worden sei. Kaum sah er den Zorn des Löwen, als er auch schon schnell eine List bei der Hand hatte, sich zu verteidigen. Demütig bat er den Löwen um die Erlaubnis, reden zu dürfen, und als er sie mit Mühe erhalten hatte, sprach er:
"Gibt es wohl ein Tier, das mehr um das Leben unseres großmütigen Königs besorgt wäre als ich? Kaum hatte ich Kunde von Eurer Krankheit erhalten, als ich auch schon unermüdlich nach einem Mittel suchte, Eure Gesundheit herzustellen. Glücklich habe ich es vor einer Stunde gefunden."
Bei dieser Rede legte sich der Zorn des Löwen, und er fragte schnell, was das für ein Mittel sei.
"Hülle deinen Bauch und deine Rippen", sagte der Fuchs, "in eine frisch abgezogene, noch warme Wolfshaut, so bist du wiederhergestellt."
Erfreut ließ der Löwe dem Wolf lebendig die Haut abziehen. Dies Geschäft besorgte der Fuchs selbst und raunte dem Wolf zu: "Wie du mir, so ich dir."
Für die Deutung lohnt ein Blick auf beide Absichten: Der Wolf versucht, die Abwesenheit des Fuchses gegen diesen zu verwenden. Der Fuchs verteidigt sich nicht nur, sondern setzt eine tödliche Vergeltung in Gang. Seine erfolgreiche List macht ihn deshalb nicht automatisch zur moralisch guten Figur. Mehr zur Unterscheidung von Geschick und Bewertung erklärt die Seite zum Fuchs in der Fabel.
Grammatik: Wolf und Isegrim richtig verwenden
Wolf ist ein maskulines Nomen. Der Plural lautet Wölfe. Im Genitiv Singular sind des Wolfes und des Wolfs möglich. Das Nomen hat keine Steigerungsformen.
| Kasus | Singular | Plural |
|---|---|---|
| Nominativ · wer? | der Wolf | die Wölfe |
| Genitiv · wessen? | des Wolfes / des Wolfs | der Wölfe |
| Dativ · wem? | dem Wolf | den Wölfen |
| Akkusativ · wen? | den Wolf | die Wölfe |
Isegrim als Figurenname kann ohne Artikel stehen: Isegrim erhebt eine Beschwerde. Ein Genitivbeispiel lautet Isegrims Verhalten, ohne Apostroph. In einer Verbindung mit der Tierbezeichnung heißt es etwa das Verhalten des Wolfes Isegrim.
Daneben gibt es Isegrim auch als substantivische Bezeichnung: der Isegrim. Die veraltete übertragene Bedeutung für einen mürrischen Menschen ist von der konkreten Tierfigur zu unterscheiden. Für deine Analyse reicht meist der Name, den die verwendete Ausgabe vorgibt.
Deutungen prüfen: zwei Aufgaben
1. Eine Behauptung genauer machen
Verbessere: „Isegrim ist gierig. Das erkennt man daran, dass er ein Wolf ist.“
Mögliche Lösung anzeigen
„In Grimbarts Bericht erscheint Isegrim gierig, weil er die Fische allein frisst und Reineke nur die Gräten überlässt.“ Die überarbeitete Aussage nennt Handlung, Anlass der Bewertung und Perspektive. Die Tierart dient nicht als Ersatz für einen Beleg.
2. Ein Gegenbeispiel einordnen
Warum passt „gierig“ nicht ohne Weiteres zur Entscheidung des Wolfes in Der Wolf und der Hund?
Lösung anzeigen
Der Wolf lehnt gerade die bessere Versorgung ab, als er die damit verbundene Unfreiheit erkennt. Seine Entscheidung lässt sich hier mit Freiheitsliebe begründen. Eine Eigenschaft aus einer anderen Fabel darf nicht an die Stelle dieser Handlung treten.
