Das Pamphlet, auch Schmähschrift, Spottschrift und Streitschrift, ist eine schriftliche Abhandlung, die Kritik an Missständen nimmt, Personen und Institutionen angreift oder auch die Umsetzung konkreter Forderungen verlangt. Das Pamphlet hat sehr häufig einen polemischen, angreifenden Charakter und zeichnet sich oft durch einen leidenschaftlichen Stil aus. Unter diesem leiden in vielen Beispielen die Sachlichkeit der Argumentation und die rhetorische Gestaltung der Schmähschrift. Das primäre Ziel des Pamphlets ist somit das Anprangern oder das gezielte Herabsetzen einer Person oder Sache.

Der Ursprung des Begriffs ist unklar. Allerdings gibt es Ansätze, die versuchen, die Etymologie des Wortes zu ergründen. So findet sich in der Etymologicon Linguae Anglicanae (1607) der Hinweis, dass die Bezeichnung mit dem niederländischen Nomen Pampier verwandt ist, was sich mit kleines Papier oder Schrift übersetzen ließe. Eine andere Theorie führt die mittellateinische Liebesdichtung Pamphilus seu de amore (Pamphilus oder über die Liebe) an und nennt den titelgebenden Protagonisten als Ursprung.

Wesentlich ist allerdings, dass der Begriff einen Bedeutungswandel durchlebte. Ursprünglich beschrieb er zumeist kleinere Flugschriften, also eine einzeln verbreitete, nicht regelmäßig erscheinende Druckschrift von eher geringem Umfang, die ein aktuelles Thema des Tages oder der Zeit aufgriffen. Später meinte das Wort vornehmlich Schriften, die religiösen, politischen oder philosophischen Inhalt hatten und sich durch einen angreifenden, polemischen Stil und pejorativen Charakter auszeichneten sowie Misstände anprangerten.

Übersicht: Merkmale der Textsorte

  • Das Pamphlet meinte im ursprünglichen Sinne eine Flugschrift, bezeichnete später ein Genre, das noch recht wertneutral eine politische oder religiöse Streitschrift bezeichnete und ist nun durchaus negativ konnotiert. Das Pamphlet greift an, kritisiert und setzt Personen oder Insitutionen gezielt herab, wobei es häufig in einem eindeutigen Appell gipfelt.
  • Stilistisch zeichnet es sich durch einen anklagenden, aufdeckenden und fordernden Charakter aus. Ein wesentliches Merkmal ist die Herabsetzung des jeweiligen Gegners. Dafür werden oft Verkleinerungsformen (Diminutiv), Übertreibungen (Hyperbel) sowie Tiermetaphern gebraucht (vgl. Beispiel-Metaphern). Auch ein ironischer oder sarkastischer Unterton ist typisch.
  • Schmähschriften können in in Vers und Prosa verfasst sein. Für beides finden sich Beispiele. Allerdings überwiegt eindeutig der Anteil prosaischer Schriften. Sie waren außerdem von kleinerem Umfang und hatten in der Regel weniger als fünf Bogen Papier.
  • Ein erstes Hoch erlebte das Genre zur Zeit der Konfessionskriege im 16. und 17. Jahrhundert. Förderlich für die Verbreitung der kleineren Schriften, die meist nur eine Seite umfassten, war der kürzlich erfundene Buchdruck. Inhaltlich standen sich dabei unter anderem die Anhänger Martin Luthers, den theologischen Urheber der Reformation, sowie deren katholische Widersacher (bspw. Thomas Murner) gegenüber (→ Literaturepochen).
  • Im Laufe der Zeit rückten religiöse Themen allerdings in den Hintergrund und vor allem seit dem 19. Jahrhundert standen vermehrt soziale, politische und philosophische Fragen im Vordergrund der Pamphletliteratur. Pamphlete wurden außerdem verstärkt zu Propagandazwecken eingesetzt und dabei ganz gezielt an die jeweiligen Adressaten verteilt.
  • Die Verbreitung sowie der Vertrieb solcher Schmähschriften fand selten über den traditionellen Buchhandel statt. Bis ins 19. Jahrhundert war es gängig, dass ambulante Händler, Hausierer und Straßenverkäufer die Flugschriften zum Leser brachten. Erst später, als Pamphlete auch zum Zwecke der Propaganda und Meinungsbildung genutzt wurden, traten auch politische Parteien oder sonstige Gruppierungen als Verteiler in Erscheinung.
  • Die Person, die eine Schmähschrift anfertigt, wird als Pamphletist bezeichnet. Als Pamphletist machte sich der Venezianer Pietro Aretino einen Namen, der auch zahlreiche Auftragsarbeiten gegen hohe Bezahlung anfertigte. Bekannte Pamphlete sind unter anderem Der Hessische Landbote (1834) von Georg Büchner und J’accuse! (Ich klage an, 1898) von Emile Zola.

Pamphlet: Der Hessische Landbote (1834)

Der Hessische Landbote ist ein achtseitiges Pamphlet des deutschen Schriftstellers Georg Büchner, das in Zusammenarbeit mit dem Theologen Friedrich Ludwig Weidig entstand. Büchner gilt, auch wenn sein Œuvre (Gesamtwerk) recht überschaubar ist, also einer der wichtigsten Vertreter des Vormärz und außerdem als Revolutionär. Einige seiner Werke gelten als Exilliteratur.

Im Hessischen Landboten, der mit einem knappen Vorbericht beginnt, welcher den Leser informiert, wie dieser den illegale Text zu handhaben hat, greift Büchner die adlige Oberschicht und das reiche, liberale Bürgertum an. Die Schmähschrift beginnt mit dem Ausruf Friede den Hütten! Krieg den Palästen!, wodurch schon zu beginn der eindeutig appellative Charakter der Schrift offenbar wird. Der Text ist ein Aufruf zur Revolution.

Büchner und Weidig stellen durch viele Beispiele und Vergleiche die offensichtlichen Unterschiede zwischen Handwerkern, Bauern sowie Oberschicht dar und stellen dabei infrage, ob eine solche Verteilung der Macht angemessen sei. Dafür bedienen sie sich eines biblischen Bildes und fragen, ob die Unterschicht vielleicht zusammen mit dem Tier erschaffen wurde und von den Fürsten und Vornehmen beherrschat werden darf.

Dieses Bild wird unmittelbar mit den hohen Ausgaben des Landes Hessen in Verbindung gebracht, wobei die hohen Steuereinnahmen den vermeintlich sinnlosen Ausgaben gegenübergestellt werden. Das Pamphlet versucht, den Adressaten von der Notwendigkeit einer Revolution gegen die Oberschicht zu überzeugen.

Die attackierte Obrigkeit reagierte heftig auf die Schmähschrift, die wohl in einer Stückzahl von rund 1500 unters Volk bracht wurde. In der Folge wurde Büchner steckbrieflich gesucht, konnte sich allerdings 1835 in benachbarte Frankreich absetzen. Weidig wurde allerdings verhaftet und unmenschlichen Haftbedingungen ausgesetzt. 1837 kam er unter nie völlig geklärten Umständen ums Leben.

Pamphlet: J’accuse! (1898)

Ein weiteres Beispiel ist das Pamphlet J’accuse! (Ich klage an!) aus dem Jahr 1898 von Emile Zola. Zola, ein französischer Schriftsteller und Journalist, gilt als Begründer des gesamteuropäischen Naturalismus, wobei seine Schmähschrift J’accuse als eines der wichtigsten Dokumente bei der Bewertung der Dreyfus-Affäre gilt und bei der späteren Rehabilitierung des fälschlich wegen Landesverrats verurteilten Offiziers Alfred Dreyfus eine Schlüsselposition einnahm.

Drei Jahre vor der Veröffentlichung des Pamphlets wurde der Hauptmann Alfred Dreyfus wegen angeblicher Spionage, welche eine Zusammenarbeit mit dem Deutschen Reich unterstellte, zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Eine spätere Untersuchung des Falls ergab, dass Dreyfus unschuldig war und der Major Walsin-Esterházy die Tat begangen hatte. Der Generalstab hielt dennoch an der Verurteilung Dreyfus‘ fest.

Als Walsin-Esterházy kurzerhand freigesprochen wurde, begann Zola Informationen über den Fall zu sammeln und machte diese in seiner Streitschrift öffentlich. Dabei bezichtigte er zahlreiche Offiziere der Militärjustiz und einige Gutachter des Antisemitismus sowie der Lüge. Der offene Brief wurde auf den Titelseiten der Zeitung veröffentlicht, woraufhin Zola in der Folge der Verleumdung angeklagt wurde und nach England flüchtete.


Überschrift des Pamphlets J'accuse

Überschrift des Pamphlets J’accuse von Emile Zola (Mausklick für Vollansicht, Übersetzung bei yunus-rigo-prozess).


Das obige Beispiel zeigt die Überschrift des offenen Briefs, den Emile Zola veröffentlichte. Die Schrift spalete nach der Veröffentlichung die Bevölkerung in zwei Lager. Wer am Urteilsspruch festhielt, beteuerte direkt eine Nähe zu den konservativen Ansichten des Staates und der katholischen Kirche, wer eine Sympathie zu Zola bekundete und somit an die Unschuld Dreyfus‘ glaubte, hatte offenkundig eine liberale Einstellung.

Letztlich konnten sich die liberalen Kräfte bei der Parlamentswahl 1902 durchsetzen und verabschiedeten ein Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat. Am 11. Juli 1906 entschied ein Gericht, dass Dreyfus unschuldig sei und sprach ihn von den schweren Vorwürfen frei. Zolas Pamphlet nahm also starken Einfluss auf den Prozess, beeinflusste aber auch maßgeblich den Charakter der heutigen Französischen Republik.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zur Textsorte im Überblick

  • Das Pamphlet, auch Schmähschrift, ist eine attackierende, angreifende Textart, die sich oftmals durch einen polemischen Charakter auszeichnet und immer von kurzem Umfang ist. Ihr Ziel ist es, eine Person, Sache oder Institution öffentlich zu verunglimpfen und dadurch auf Missstände aufmerksam zu machen oder eigene Forderungen und Ansichten zu präsentieren. Pamphlete zeichnen sich in der Regel durch einen leidenschaftlichen Stil aus, wobei mitunter die rhetorische Gestaltung oder auch Sachlichkeit der Argumentation leidet.
  • Als literarisches Genre erlebten solche Schmähschriften nach der Erfindung des Buchdrucks ein Hoch. Dieser trug nämlich enorm zur Verbreitung der Flugschriften bei, die nicht über den Buchhandel, sondern über einzelne Personen oder Gruppierungen verteilt wurden.
  • Grundsätzlich kann das Pamphlet jegliches Thema behandeln. Im späten Mittelalter standen aber vor allem religiöse Themen im Vordergrund, wobei später eher soziale, politische und philosophische Fragen das Medium auszeichneten.

  • Hinweis: Das Pamphlet wird im Deutschen mitunter auch als Traktat bezeichnet. Jedoch meint das Traktat im Eigentlichen eine Abhandlung zu einem beliebigen Thema und muss nicht angreifend sein, auch wenn es sich durch einen dogmatischen Charakter auszeichnet.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Pamphlet
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001