Der Vers ist eine Einheit, die uns aus lyrischen Texten, also der Poesie, bekannt ist. Der Vers bezeichnet eine dichterische Wortfolge innerhalb eines Gedichts und wird üblichweise in Zeilen gesetzt. Deshalb bezeichnen wir den Vers häufig auch als Zeile, auch wenn wir korrekterweise von einer Verszeile sprechen müssten. Demnach ist jede Zeile eines Gedichts ein Vers.

Der Vers besteht aus metrischen und rhythmischen Einheiten, die das Gedicht in irgendeiner Form rhythmisieren. Dieser Rhythmus muss selbstredend nicht gleichbleibend sein, sondern kann durchaus von Vers zu Vers stark variieren. Ist der Rhythmus eines Verses allerdings gleichbleibend oder weist bestimmte Muster auf, können diese durch das Metrum beschrieben werden (→ Versmaß).

Mehrere Verse bilden eine Strophe, wodurch eine klare Einteilung in lyrischen Texten möglich ist. Zwar gibt es moderne Lyrik, die versucht, diese Muster zu brechen, doch grundsätzlich können wir von einer einheitlichen Gestaltung sprechen.

Hinweis: Das Wort Vers leitet sich dabei aus dem Lateinischen ab (versus, von vertere) und bedeutet in etwa „umwenden“ (des Pfluges), „wenden“ oder auch „drehen“.

Gebundene Rede im Vers

Im Gegensatz zu Werken in Prosa, weist der Vers eine gebundene Rede auf. Das bedeutet, dass der Vers an Regeln der Rhythmik, des Klangs oder auch des Aufbaus gebunden ist und eben nicht einfach als Fließtext erscheint, wie beispielsweise eine typische Kurzgeschichte (→ Reimschema, Merkmale der Kurzgeschichte).

Ziehen wir, um den Unterschied zu verdeutlichen, als Beispiel die erste Strophe aus Heinrich Heines Die Wanderratten heran, die aus vier Versen gebildet wird.

a
a
b
b
Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.

Uns könnte auffallen, dass durch die vorgegebene Form des Verses eine Lesart provoziert wird. Wir halten am Ende jeder Verszeile ein und lesen anschließend den nächsten Vers.

Dieser Effekt wird selbstverständlich durch den Zeilenumbruch erzielt, der außerdem den Paarreim des Werkes unterstreicht und ebenso bedingt. Stellen wir uns vor, Heine hätte die Verse nicht in einer Strophe untergebracht, sondern schlicht und ergreifend in zwei einzelne Sätze verfrachtet.

Es gibt zwei Sorten Ratten: Die hungrigen und satten. Die satten bleiben vergnügt zu Haus, die hungrigen aber wandern aus.

Wenn die Verstruktur nun aufgebrochen und die Sätze als Fließtext gelesen werden, gibt es zwar immer noch Grenzen durch die Interpunktion (Punkt, Komma, Doppelpunkt), doch fällt der Paarreim des Werks weniger stark ins Gewicht und in der Folge verändert sich natürlich auch unsere Lesart.

Diesen Aspekt können wir als großen Unterschied zwischen gebundenen (Verse) und ungebundenen (Prosa) Texten benennen, wodurch das Gedicht selbstverständlich ganz unterschiedliche Spielräume eröffnen kann, die in einer Gedichtinterpretation spannend sein können. Denn warum wurde ein Vers an dieser Stelle umgebrochen, warum nicht erst ein Wort später?

Versmaß (Metrum) und Vers

Eine Verszeile innerhalb eines Gedichts besteht meist aus mehreren Silben. Zwei Silben bilden einen Versfuß, der das Metrum (→ Versmaß) eines Gedichts beschreibt. Die gängigsten Versfüße sind wohl Jambus und Trochäus, bei denen sich unbetonte und betonte Silben abwechseln.

Dabei werden Verse aufgrund der Anzahl ihrer Versfüße in der Germanistik unterschiedlich benannt. Davon ausgehend, dass die kleinste metrische Einheit der Versfuß ist, der aus zwei Silben besteht, würde ein solcher so aussehen: x x’. Das wäre übrigens ein Jambus.

Hinweis: Üblicherweise werden nach diesem Schema betonte und unbetonte Silben ausgewiesen. x steht hierbei für eine unbetonte Silbe im Vers und x‘ für eine betonte. Gebräuchlich ist auch die Unterteilung in x X, wobei der große Buchstabe für die betonte Silbe steht.

Bezeichnung der Verse aufgrund ihrer Versfüße

  • Monometer: Besteht ein Vers nur aus einem einzigen Versfuß, wird er als Monometer beschrieben. Mindestens besteht er folglich aus zwei Silben.
  • Dimeter: Ist eine Verszeile, die aus zwei Versfüßen gebildet wird und demzufolge mindestens vier Silben beinhaltet.
  • Trimeter: Hierbei befinden sich in einer einzigen Zeile drei Versfüße, also mindestens sechs Silben, die den Vers bilden.
  • Tetrameter: Besteht aus vier Versfüßen innerhalb einer einzigen Verszeile, wobei acht Silben den Vers ausmachen.
  • Pentameter: Besteht aus fünf Versfüßen innerhalb eines einzelnen Verses. Folglich haben wir es mit zehn Silben pro Verszeile zu tun. (Hinweis: gilt vor allem für antike Metrik, siehe: Pentameter)
  • Hexameter: Meint, dass ein Vers aus sechs Versfüßen gebildet wird. Der Hexameter ist eine der wesentlichen Verse der antiken Dichtung, wobei ganze Werke in dieser Form verfasst wurden.

Hinweis: Eine Sonderform des Hexameters ist der Alexandriner, der aus sechs jambischen Versfüßen gebildet wird. Der antike Hexameter wird jedoch ausschließlich in Daktylen geschrieben, weshalb in einigen wissenschaftlichen Abhandlungen eine strenge Unterscheidung vorgenommen wird.

Wenn der Vers nicht „aufgeht“

Wir haben eine Unterteilung in Monometer, Dimeter, Trimeter usw. vorgenommen und vorab beschrieben, dass ein Versfuß mindestens aus zwei Silben besteht. Nun kann es natürlich vorkommen, dass ein Vers aus einer ungeraden Anzahl von Silben gebildet wird.

Wenn der letzte Versfuß demnach nicht „vollzählig“ ist, spricht man gemeinhin von einem katalektischen Vers. Ist der Versfuß jedoch „vollzählig“, wird dies als akatalektisch bezeichnet.

Ist der Vers um einen Versfuß, also zwei Silben, verkürzt, spricht man von einem brachykatalektischen Vers (halbvollzählig). Ist er allerdings um eine oder auch mehrere Silben zu lang, wird dies als hyperkatalektisch (überzählig) bezeichnet.

Hinweis: Dieser letzte Abschnitt ist nicht für den regulären Deutschunterricht relevant und muss in den seltensten Fällen gelernt werden. Wichtig ist hierbei allenfalls, dass wir wissen, dass manche Schemata und Regeln nicht in jedem Gedicht aufgehen und dennoch ein einheitliches Metrum haben.

Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Vers
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001