Versmaß (Metrum)
Das Versmaß, auch Metrum, beschreibt die regelmäßige rhythmische Ordnung eines Verses. In vielen deutschsprachigen Gedichten entsteht sie durch eine wiederkehrende Folge von Hebungen und Senkungen. Dieses Schema hilft beim Lesen und Analysieren; der tatsächlich gesprochene Rhythmus kann davon abweichen. Nicht jedes Gedicht hat ein durchgehend regelmäßiges Versmaß.
Versmaß bestimmen · Häufige Versfüße · Ein Beispiel Schritt für Schritt · Übungen · Lösungen
Eine Silbe ist eine grundlegende Einheit für die metrische Analyse. Beim Sprechen lassen sich Wörter in Silben gliedern. Das ist keine Gliederung nach Atemzügen: Mehrere Silben können in einem Atemzug gesprochen werden. Ziehen wir als Beispiel das zusammengesetzte Wort Baumhaus heran.
Dabei fällt auf, dass wir das Wort beim Sprechen auftrennen. Wir sprechen erst die Einheit Baum und im Anschluss daran das Wort Haus. Daraus können wir ableiten, dass das Wort aus zwei Silben besteht.
Dieses Prinzip könnten wir nun natürlich auf alle anderen Wörter, die wir in unserem Wortschatz führen, anwenden. Beispielsweise besteht das Wort Fahrrad ebenso aus zwei Silben wie das Substantiv Gespenst.
Und natürlich gibt es auch Wörter, die mehrere Silben haben und andere, die nur aus einer einzigen bestehen. So finden wir im Weihnachtsmann immerhin drei Silben und im Stern eine Silbe.
Am Weihnachtsmann und beim Gespenst können wir außerdem sehen, dass Silben nicht immer ganze Wörter sein müssen.
Die farbig markierten Teile zeigen Sprechsilben. Diese müssen weder eigenständige Wörter noch bedeutungstragende Wortbausteine sein. Aus einer Silbengrenze lässt sich deshalb keine Wortbedeutung ableiten.
Für das Versmaß untersuchen wir, wie sich Silben im ganzen Vers anordnen. Im hier behandelten akzentuierenden Vers unterscheiden wir metrisch hervorgehobene Stellen, die Hebungen, und metrisch schwächere Stellen, die Senkungen. Wortbetonungen sind dafür ein wichtiger Ausgangspunkt.
Betonung erkennen
Beginnen Sie mit einer natürlichen Aussprache. Markieren Sie zunächst die deutlichen Akzente mehrsilbiger Wörter. Prüfen Sie danach, welche Wörter im Satz besonders hervortreten und ob sich über mehrere Verse ein Muster erkennen lässt. Ein einsilbiges Wort ist nicht allein wegen seiner Wortart immer betont oder immer unbetont.
- Betonte Silben treten gegenüber benachbarten Silben hervor. Dabei können Lautstärke, Dauer und Tonhöhe zusammenwirken. Eine Hebung bezeichnet dagegen zunächst eine hervorgehobene Position im metrischen Schema.
- Unbetonte Silben treten relativ zurück. Die entsprechenden schwächeren Positionen im metrischen Schema heißen Senkungen. Ein Vortrag kann einzelne Wörter hervorheben, ohne dass daraus sofort ein anderes Grundmetrum folgt.
Schauen wir nochmals auf unser Beispielwort und versuchen, dieses aufzutrennen. Beginnen wir mit dem Gespenst, das offensichtlich aus zwei Silben besteht. Diese sind ge und natürlich spenst.
Beim Wort Gespenst liegt der Hauptakzent auf der zweiten Silbe: auf spenst. Ge tritt zurück. Entscheidend ist der Unterschied zwischen beiden Silben, nicht eine bestimmte Lautstärke.
Wortakzent, Satzakzent und Metrum sind nicht dasselbe. Im Wort Gespenst ist die zweite Silbe die Akzentstelle. Im Satz „Das Gespenst kommt heute“ kann je nach Aussageabsicht etwa heute besonders hervortreten. Zusammengesetzte Wörter können neben ihrem Hauptakzent einen Nebenakzent haben. Das metrische Schema ordnet dagegen die Positionen im Vers; im Vortrag müssen seine Hebungen nicht alle gleich stark hörbar sein.
Das Versmaß kennzeichnen
Es gibt verschiedene metrische Zeichensysteme. In diesem Artikel steht 'x für eine Hebung und x für eine Senkung. Andere Darstellungen verwenden zum Beispiel einen Strich und einen Bogen. Wichtig sind eine erklärte, einheitliche Notation und die Unterscheidung zwischen Schema und tatsächlichem Vortrag.
Schauen wir nun nochmals auf unser Gespenst, könnten wir die Hebung und Senkung natürlich auch anders darstellen. Anstatt eine Hebung und Senkung mit Orange und Blau zu kennzeichnen, nutzen wir einfach die jeweiligen Zeichen.
Hinweis: Es gibt auch noch die Möglichkeit, das Versmaß mithilfe eines Akzents zu kennzeichnen. Dabei wird ein kleiner Strich über die betonte Silbe gesetzt und alle unbetonten Silben bleiben ohne Kennzeichnung. (Gespénst)Prinzipiell ist es aber nur wichtig, die korrekte Reihenfolge zu erkennen, um das Versmaß zu bestimmen und dass wir bei einer einheitlichen Kennzeichnung bleiben.
Versmaß bestimmen
Wir haben nun das Betonungsmuster des Wortes Gespenst beschrieben: unbetont – betont. Dieses Muster entspricht einem Jambus. Für das Versmaß eines Gedichts müssen wir aber die ganze Zeile untersuchen. Ein Wort allein legt das Metrum seiner Umgebung nicht fest.
Diese Versfüße sind die metrische Gliederung eines Verses. Nehmen wir einfach an, unser Gedicht würde lediglich aus der Wiederholung von dem Wort Gespenst bestehen und in etwa folgendermaßen aussehen.
Gespenst. Gespenst
Wir könnten dies nun auch mithilfe der betonten und unbetonten Silben darstellen, um das Versmaß zu bestimmen. Das würde dann ungefähr so aussehen.
x'x. x'x!
Wir haben es also mit der Abfolge einer unbetonten und einer betonten Silbe zu tun. Eine unbetonte und eine betonte Silbe nennen wir in der Literaturwissenschaft Jambus. Weitere Beispiele wären neben dem Gespenst die Wörter Verstand oder auch Ersatz
Jambus, Jambus!
Wir benennen zunächst das Muster und dann die Zahl der Hebungen pro Vers: Jede der beiden Zeilen ist zweihebig jambisch. Da hier jeder Jambus genau eine Hebung enthält, stimmen die Zahl der Jamben und die Zahl der Hebungen innerhalb der Zeile überein.
zweihebiger Jambus | x'x, x'x!
Würde unser Gedicht allerdings folgendermaßen aussehen,
dreihebiger Jambus | x'x, x'x, x'x
enthielte jede Zeile drei Jamben mit insgesamt drei Hebungen. Beide Verse wären also dreihebig jambisch.
Versmaß und Versfüße
Neben dem Jambus begegnen uns weitere Versfüße. Die folgenden vier Muster sind für den Einstieg besonders nützlich. Sie beschreiben häufige Folgen von Hebungen und Senkungen, aber nicht die gesamte Vielfalt metrischer Formen.
Jambus
Den Jambus haben wir im Laufe des Artikels schon ausführlich untersucht. Er besteht grundsätzlich aus einer unbetonten und betonten Silbe und wird dabei mit x'x angegeben. Schauen wir dafür einmal die erste Strophe des Gedichts Die Stadt von Theodor Storm an.
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.
Die Farben zeigen hier das jambische Grundschema, keine verbindliche Vorleseanweisung. Beim Wort eintönig liegt der gewöhnliche Hauptakzent auf Ein-; die Markierung weist dagegen -tö- eine Hebung zu. Wortakzent und metrisches Schema fallen an dieser Stelle nicht glatt zusammen. Benennen Sie diese Spannung, statt den üblichen Wortakzent nur für das Schema zu verschieben.
Trochäus
Der Trochäus ist prinzipiell die Umkehrung des Jambus. Der Trochäus beschreibt folglich, dass eine betonte Silbe auf eine unbetonte trifft. Ein schönes Beispiel für den Trochäus ist übrigens das Wort Jambus, da die Silbe jam betont wird, wobei bus unbetont bleibt. ('xx). Als Beispiel soll uns ein Vers aus Schillers berühmtem Gedicht An die Freude dienen.
Daktylus
Das Versmaß im Daktylus ist nun schon ein wenig schwerer, jedenfalls dann, wenn wir es bestimmen und erkennen wollen. Der Daktylus wird aus einer betonten und zwei unbetonten Silben gebildet. Das Schöne hierbei: Das Wort Dak ty lus ist dabei selbst ein solcher, wenn wir genau hinhören. Darstellen könnten wir den Daktylus also folgendermaßen: 'xxx
Bei Zusammensetzungen wie Achterbahn, Autofahrt und Füllhalter liegt der Hauptakzent am Anfang. Solche Wörter sind dennoch keine sicheren Belege für zwei völlig unbetonte Folgesilben: Ein weiterer Wortbestandteil kann einen Nebenakzent tragen. Prüfen Sie deshalb ihre konkrete Einbindung in den Vers, statt aus dem Einzelwort automatisch einen Daktylus abzuleiten.
Aber natürlich begegnen uns auch in der Lyrik Beispiele, wo sich die Daktylen über mehrere Wörter erstrecken. Ein schönes Beispiel finden wir in einem Vers aus "Zum Beginn" von Erich Mühsam.
Die Markierung zeigt eine daktylische Lesart mit vier Hebungen. Am Ende steht nach der Hebung auf Knech- nur noch -te: Der letzte Versfuß ist um eine Senkung verkürzt. Der gesamte Vers muss also nicht aus vier vollständig ausgefüllten Dreiergruppen bestehen. Die Markierung ist ein Schema; etwa keine kann im Vortrag zusätzlich Gewicht bekommen.
Anapäst
In Bezug auf das Versmaß ist der Anapäst die Umkehrung des Daktylus. Dabei wird der Versfuß aus zwei unbetonten und einer betonten Silbe gebildet. Und auch der A na päst beschreibt sich gewissermaßen selbst und kann so dargestellt werden: x x 'x
Ein Betonungsmuster mit dem Hauptakzent auf der dritten Silbe haben beispielsweise Har mo nie, Sin fo nie oder auch E le fant und Di rek tion
Vom Wort zum Vers
Ein eigener Übungsvers zeigt das Vorgehen an einer vollständigen Zeile:
Der Regen fällt ins stille Tal.
- Natürlich lesen: Sprechen Sie die Zeile zunächst als verständlichen Satz, ohne einen Takt zu erzwingen.
- Silben erfassen: Der / Re / gen / fällt / ins / stil / le / Tal. Die Zeile hat acht Silben; die Schrägstriche markieren hier nur Silbengrenzen.
- Deutliche Akzente prüfen: Bei Regen liegt der Wortakzent auf Re-, bei stille auf stil-. In einer neutralen Lesart treten außerdem fällt und Tal gegenüber ihren Nachbarsilben hervor.
- Ein Schema erproben:
x 'x | x 'x | x 'x | x 'x. Der senkrechte Strich trennt jetzt Versfüße. Eine Senkung und eine Hebung bilden jeweils einen Jambus. - Die Zeile benennen: Vier Hebungen ergeben einen vierhebigen Jambus. Die letzte Silbe ist eine Hebung; der Vers hat eine männliche Kadenz.
Die Fußgrenzen müssen nicht mit Wortgrenzen zusammenfallen: Der erste Fuß endet hier innerhalb von Regen. Für ein echtes Gedicht wäre nun zu prüfen, ob auch die Nachbarverse dieses Muster stützen. Aus der einen Übungszeile folgt keine Aussage über ein ganzes Gedicht.
Auch die Kadenz bestimmt das Grundmetrum nicht allein. Ein jambischer Vers kann nach der letzten Hebung noch eine unbetonte Silbe haben und damit weiblich enden. Das lässt sich in der dritten Aufgabe vergleichen.
Versmaß üben
Die folgenden Verse sind eigens für diese Übungen geschrieben. Notieren Sie zunächst Ihre Lösung. Die kommentierten Lösungen stehen darunter.
1. Silben und Hebungen
Die Lampe brennt am kalten See.
Gliedern Sie die Zeile in Sprechsilben. Markieren Sie ein plausibles metrisches Schema und geben Sie Versfuß, Hebungszahl und Kadenz an. Erklären Sie mindestens eine Wortbetonung.
2. Gleich viele Silben, anderes Muster
Leise fallen weiße Blüten.
Bestimmen Sie wieder das Schema. Vergleichen Sie die Zeile mit Aufgabe 1: Was ist gleich, was unterscheidet sich? Prüfen Sie besonders den Versanfang und den Versausgang.
3. Eine zusätzliche Endsilbe
Im Garten blühen rote Rosen.
Bestimmen Sie das Metrum und vergleichen Sie die Zeile mit dem Beispiel „Der Regen fällt ins stille Tal“. Hat der neue Vers wegen seiner zusätzlichen Silbe auch eine zusätzliche Hebung? Begründen Sie.
Lösungen mit Begründung
1. Vierhebig jambisch
Silben: Die / Lam / pe / brennt / am / kal / ten / See.
Schema: x 'x | x 'x | x 'x | x 'x.
Lampe und kalten tragen ihren Wortakzent jeweils auf der ersten Silbe. Die dazwischenliegenden Wörter lassen sich ohne ungewöhnliche Wortbetonung in den Wechsel einfügen. Das ergibt vier jambische Füße und vier Hebungen. Die letzte Hebung liegt auf See; deshalb ist die Kadenz männlich. Die Achtzahl allein würde diese Lösung noch nicht beweisen.
2. Vierhebig trochäisch
Silben: Lei / se / fal / len / wei / ße / Blü / ten.
Schema: 'x x | 'x x | 'x x | 'x x.
Alle vier zweisilbigen Wörter haben hier den Hauptakzent auf ihrer ersten Silbe. Auf jede Hebung folgt eine Senkung: Das Grundmuster ist ein Trochäus. Wie in Aufgabe 1 gibt es acht Silben und vier Hebungen. Anders als dort beginnt die Zeile jedoch mit einer Hebung und endet nach der letzten Hebung noch mit einer Senkung. Ihre Kadenz ist weiblich. Gleiche Silbenzahl bedeutet also nicht gleiches Metrum.
3. Vier Hebungen, weiblicher Ausgang
Silben: Im / Gar / ten / blü / hen / ro / te / Ro / sen.
Schema: x 'x | x 'x | x 'x | x 'x x.
Die Hebungen liegen auf Gar-, blü-, ro- und Ro-. Bis zur vierten Hebung wechselt je eine Senkung mit einer Hebung. Die letzte Silbe -sen kommt als unbetonter Ausgang hinzu. Die Zeile ist deshalb weiterhin vierhebig jambisch, endet aber weiblich. Sie hat neun Silben und genauso viele Hebungen wie das achtsilbige Transferbeispiel. Die Endsilbe allein macht aus der Zeile keinen Daktylus.
Typische Fehler vermeiden
- Nur Silben zählen: Acht Silben passen in unseren Übungen sowohl zu vier Jamben als auch zu vier Trochäen. Entscheidend ist ihre Anordnung, nicht nur ihre Zahl.
- Wörter passend betonen: Verschieben Sie einen normalen Wortakzent nicht bloß, damit die Zeile zum erwarteten Schema passt. Prüfen Sie zuerst Aussprache, Silbenzahl, Nachbarverse und mögliche Abweichungen. Ein Widerspruch sollte beschrieben werden.
- Jede Hebung gleich laut sprechen: Das Schema ist keine Vorleseanweisung. Satzakzente, Nebenakzente und Pausen prägen den konkreten Rhythmus; sie können eine metrische Regelmäßigkeit abschwächen oder hervorheben.
- Die Endsilbe als neues Grundmuster werten: Ein weiblicher Versausgang oder ein verkürzter letzter Fuß kann zu einem regelmäßigen Metrum gehören. Betrachten Sie deshalb die gesamte Zeile und benennen Sie den Ausgang zusätzlich.
- Eine feste Wirkung behaupten: Aus „Jambus“ folgt nicht automatisch „ruhig“, aus „Trochäus“ nicht automatisch „hektisch“. Erklären Sie am konkreten Text, wie Wortwahl, Satzbau, Pausen und Rhythmus zusammenwirken.
- Jedes Gedicht einem der vier Füße zuordnen: Wenn kein durchgehendes Muster trägt, erzwingen Sie keines. Beschreiben Sie erkennbare Regelmäßigkeiten und Abweichungen. Eine einzelne schwierige Zeile beweist allerdings noch nicht, dass das gesamte Gedicht metrisch ungebunden ist.
Für die Einordnung Ihrer Beobachtungen hilft die Anleitung zur Gedichtanalyse. Weitere Lernangebote finden Sie in der Übungsübersicht.
