WORTWUCHS | Literaturlexikon

Theodor Storm

Hans Theodor Woldsen Storm (bekannt als Theodor Storm), *14. September 1817 in Husum (Herzogtum Schleswig), ✝4. Juli 1888 in Hanerau-Hademarschen, war ein norddeutscher Autor zur Zeit des Realismus, der er maßgeblich prägte. Sein Œuvre umfasst Lyrik und Kurzprosa, vor allem Novellen und Märchen, deren Wirkung bis in die heutige Zeit reichen.

Mit seinen Gedichten über Heimat und Landschaft, Liebe, Ehe, Familie und Leidenschaft knüpfte er an die Spätromantik an, sodass er auch als letzter Romantiker bezeichnet wird.

Diese Themen lassen sich anfänglich auch in seinen Novellen finden. Davon zeugen Stimmungs- und Erinnerungsnovellen wie Immensee. Abgelöst werden diese dann von realistischen Schicksalsnovellen, wie Viola tricolor und Pole Poppenspäler sowie Chroniknovellen, wie Aquis submersus.

Eine seiner bekanntesten Novellen ist die Spukgeschichte Der Schimmelreiter, die auch heute noch zur vielbehandelten Lektüre im Deutschunterricht gehört.

Der heimatliebende Familienmensch arbeitete als Anwalt und Richter und zog aus allen Lebensbereichen Stoffe für sein literarisches Werk. Der Austausch mit bedeutenden Autoren seiner Zeit und die umfangreiche Lektüre der zeitgenössischen Weltliteratur unterstützten und prägten sein Dichtertum.

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Lebenslauf

  • Am 14. September 1817 erblickt Hans Theodor Woldsen Storm in Husum, einer Hafenstadt im Herzogtum Schleswig, am Markt 9 das Licht der Welt. Er ist der erste Sohn des Rechtsanwalts Johann Casimir Storm und dessen Frau Lucie, geborene Woldsen. Theodor ist das erste von sieben Kindern.

  • Storms Mutter stammt aus einer angesehenen Patrizierfamilie. Ihr musikalisches Talent gibt sie an ihre Kinder weiter.

  • 1818 zieht die Familie erstmals um und lässt sich im Haus in der Neustadt 56 nieder.

  • 1820 wird Storms Schwester Helene geboren und der Großvater Simon Woldsen stirbt. Daraufhin zieht die Familie 1821 in das Haus der Großeltern in die Hohle Gasse 3. Hier werden weitere fünf Geschwister geboren. Storms Schwester Lucie verstirbt bereits im Kindesalter (1822-1829).

  • Im Herbst 1821 kommt Storm mit vier Jahren in die Klippschule, eine private Grundschule ohne behördliche Anerkennung. Sie wird von Mutter Amberg geleitet, einer strengen Frau, die Storm Madame Amberg nennt.
  • Lena Wies ist die ältere Schwester seines Kindermädchens Katharina. Bei regelmäßigen Besuchen lässt er sich von ihr plattdeutsche Geschichten erzählen. Später resümiert Storm, dass er von ihr das Erzählen gelernt habe.

  • Von 1826 bis 1835 ist er Schüler der Husumer Gelehrtenschule, einem humanistischen Gymnasium, wo er eine sehr umfassende Bildung erhält. Darauf legt vor allem der Vater großen Wert. So lernt Theodor Storm sowohl alte Sprachen wie Latein und Griechisch als auch Dänisch und Französisch.
  • Storm liest Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, obwohl beide Dichter nicht Unterrichtsgegenstand sind.
  • Bereits mit fünfzehn Jahren schreibt Storm Gedichte. Das erste überlieferte Gedicht ist An Emma von 1833. Sein Stil ist von der Poesie der Antike geprägt. Darüber hinaus verfasst er in diesen Jahren auch erste Prosatexte.

  • Am 27. Juli 1834 wird das erste Mal ein Gedicht von Theodor Storm veröffentlicht. Im Husumer Wochenblatt wird Sängers Abendlied abgedruckt.
  • Auch im Dithmarscher und Eiderstedter Boten erscheinen vier Gedichte und einige journalistische Texte.

  • Im September 1835 findet die Abschiedsfeier der Gelehrtenschule statt und Storm, dessen dichterisches Talent mittlerweile bekannt ist, hält die Abschlussrede.
  • Ab Oktober 1835 besucht Storm das angesehene Katharineum, ein Gymnasium in Lübeck. Er schließt eine Freundschaft mit Ferdinand Röse, der als Dichter und Philosoph bekannt wird.
  • Neben dem Deutschunterricht, der zeitgenössische Literatur vermittelt, macht Röse ihn mit Heinrich Heines Buch der Lieder, Joseph von Eichendorffs Dichter und ihre Gesellen und Lyrik von Johann Ludwig Uhland vertraut und zeigt ihm Goethes Faust.
  • Die Lektüre beeinflusst Storms Enwicklung als Lyriker. Ferner stellt Röse ihm den jungen Dichter Emanuel Geibel, der sich zu dieser Zeit als Lyriker einen Namen macht, vor. Er wird Storms Freund und Vorbild, aber auch Konkurrent. Mit seinen Freunden verkehrt Storm in literarischen Kreisen, besucht Theater und unternimmt zahlreiche Ausflüge.
  • In Theodor Storms literarischen Anfängen finden sich Töne der Romantiker Clemens Brentano und E.T.A. Hoffmann und des Dichters Adalbert Stifter.

  • 1836 an Weihnachten bei Verwandten in Altona verliebt sich der neunzehnjährige Storm in die neun Jahre jüngere Bertha von Buchan. Sie ist die Tochter eines böhmischen Kunsthändlers. Sie wird ihm für mindestens fünf Jahre zur Muse.
  • Storms Neigung zu vorpubertären Mädchen lässt sich bis in sein Spätwerk erkennen (vgl. Gerd Eversberg).

  • 1837 beendet Storm seine Schulzeit und beginnt mit seinem Jurastudium an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel.
  • Theodor Storm wird Mitglied in der Burschenschaft Albertina, einer Studentenverbindung, die sich ein Jahr zuvor gegründet hatte. Außerdem nimmt er regelmäßig an Versammlungen der Studentenverbindung Corps Holsatia teil.
  • Im selben Jahr schreibt er das Märchen Hans Bär und Gedichte mit erotischer Färbung für Bertha, unter anderem die Ballade Lockenköpfchen (vgl. Deutsche Balladensammlung).

  • Im September 1837 verlobt sich Storm Hals über Kopf mit der siebzehnjährigen Emma Kühl von der nordfriesischen Insel Föhr. Als Zwölfjähriger war er bereits in sie verliebt gewesen.

  • Im Februar 1838 löst Emma Kühl die Verlobung wieder, weil Storm sich nicht mehr bei ihr meldet.
  • Er studiert drei Semester in Berlin an der Friedrich-Wilhelms-Universität. Darüber hinaus hat er großes Interesse am Theater und unternimmt eine Studienreise nach Dresden.
  • Im selben Jahr werden Gedichte in den Hamburger Neuen Pariser Modeblättern veröffentlicht.

  • 1839 kehrt Storm an die Universität Kiel zurück.
  • Er befreundet sich mit den Brüdern Christian Matthias Theodor Mommsen und Carl Johannes Tycho Mommsen, die später als Historiker und Philologe bekannt werden. Eine Zeit lang wohnen sie zusammen.
  • Theodor Mommsen und Storm verbindet die große Bewunderung des Lyrikers Eduard Mörike. Mit Kritik, aber auch Unterstützung begleitet Theodor Mommsen den literarischen Werdegang Storms.

  • Ab 1841 stellt Storm gemeinsam mit den Brüdern Mommsen eine Sammlung von Anekdoten, Schwänken, Liedern, Märchen, Sagen und Sprichwörtern aus Schleswig und Holstein zusammen.

  • Im Herbst 1842 macht Theodor Storm Bertha von Buchan einen Heiratsantrag, wird aber von ihr zurückgewiesen, was ihn zutiefst bestürzt.
  • Nach seinem juristischen Staatsexamen im Oktober lebt Storm wieder in Husum und ist vorerst in der Kanzlei seines Vaters tätig. 1843 eröffnet er eine eigene Rechtsanwaltskanzlei.
  • Storm gründet den Singverein, einen Gesangsverein für Männer und Frauen, welchen er als Dirigent und Solist (Tenor) begleitet. Storm gibt der 15-jährigen Dorothea Jensen Gesangsunterricht. Sie ist die Tochter eines Kaufmanns und Senators.

  • 1843 bringen Storm und die Brüder Mommsen das Liederbuch dreier Freunde heraus, dass die Jugendlyrik der drei Freunde enthält. Darin sind mehr als vierzig Beiträge von Storm enthalten, die sich oft um die Jugendliebe Bertha von Buchan drehen.

  • Im Januar 1844 verlobt sich Storm mit seiner Cousine Constanze Esmarch, der Tochter des Bürgermeisters von Segeberg. Da sein Vater gegen das Heiraten in der Familie ist, wird den beiden eine zweijährige Verlobungszeit auferlegt. Ein Briefwechsel zwischen den Verlobten beginnt, der heute ein umfangreiches Bild der bürgerlichen Ehe des 19. Jahrhundert widerspiegelt.
  • Im selben Jahr gibt es Veröffentlichungen im Volksbuch für das Jahr 1844, das vor allem Texte aus Schleswig, Holstein und Lauenburg berücksichtigte.

  • 1845 zieht Storm in das Haus in der Neustadt 56.
  • 1845 lässt der Sprachwissenschaftler Karl Viktor Müllenhoff die Textsammlung Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg von Storm und den Brüdern Mommsen drucken. Ganz ähnlich wie die Märchensammlung der Brüder Grimm, wird die Sammlung zu einem beliebten Hausbuch und bietet Dichtern – etwa Hans Christian Andersen oder Detlev von Liliencron – Stoff für eigene Werke.

  • Ab Juli 1845 stehen Schleswig, Holstein und Lauenburg unter dänischer Herrschaft. Gegen diese Fremdherrschaft erhebt sich drei Jahre später die Bevölkerung. Storm wird sich maßgeblich daran beteiligen.

  • 1846 heiraten Storm und Constanze im Rathaus von Segeberg. Aus der Ehe gehen sieben Kinder hervor.[1]
  • Storm liefert weitere Beiträge für die Volksbücher.

  • Storm fehlt in seiner Ehe die erwartete Leidenschaft und so beginnt er 1847 ein Liebesverhältnis zu Dorothea Jensen. Er kennt die Neunzehnjährige seit Jahren. Sie inspiriert ihn zu leidenschaftlichen Liebesgedichten, die im Gedichtzyklus Ein Buch der roten Rose zusammengefasst sind. Einige Gedichte werden im Volksbuch veröffentlicht.
  • Constanze erträgt das Liebesverhältnis mit Fassung bis Storm sich von der Beziehung löst. Dorothea verlässt Husum und Storm findet in seine Ehe zurück. Davon zeugen Abschiedsgedichte wie beispielsweise Die Zeit ist hin oder Weiße Rosen. Die Geburt der Söhne Hans und Ernst schweißt das Paar enger zusammen.

  • 1849 engagiert sich Storm während der Schleswig-Holsteinischen Erhebung, einer Volksbewegung, die sich gegen die dänische Vorherrschaft und für die nationale Unabhängigkeit Schleswig-Holsteins einsetzt.
  • In dieser Unruhezeit entstehen politische Gedichte wie Oktoberlied, Ostern, Im Herbst 1850 oder Gräber an der Küste.
  • Storm beteiligt sich mit seiner Unterschrift an einer Petition gegen den dänischen König.
  • Er schreibt die erste Fassung der Novelle Immensee, die von den spätromantischen und frührealistischen Werken anderer Dichter geprägt ist. Ferner entsteht das Märchen Der kleine Häwelmann, das er seinem Sohn Hans widmet. Kunstmärchen von E.T.A. Hoffmann und Andersen dienen ihm als Vorbild.

  • 1850 erleidet Schleswig-Holstein eine Niederlage bei Idstedt und Friedrichstadt wird beschossen. Nach dem dänisch-preußischen Friedensschluss bleibt Storm gegenüber Dänemark unversöhnt, indem er sich weigert, eine Loyalitätserklärung gegenüber der dänischen Krone abzugeben.

  • 1851 gibt Storm selbstständig das Buch Sommergeschichten und Lieder heraus, das Prosastücke, Märchenszenen und Gedichte sowie eine zweite Fassung von Immensee enthält.

  • 1852 setzt er der Kleinstadt Husum mit seinem bekannten Gedicht Die Stadt ein Denkmal.
  • Im selben Jahr entzieht ihm der dänische Schleswigminister Friedrich Ferdinand Tillisch die Advokatur, also das Amt des Rechtsanwalts.
  • Storm verlässt daraufhin Husum, bemüht sich um Anstellungen und reist schließlich – allerdings angewiesen auf die finanzielle Unterstützung des Vaters – nach Berlin. Er hat Kontakt zur Familie des Direktors des Kreisgerichts Potsdam, Karl Gustav von Goßler, und so wird ihm dort eine unbezahlte Stelle angeboten.
  • Die zweite Fassung von Immensee wird als Einzelausgabe veröffentlicht und Storm erlangt größere Bekanntheit als Dichter. Außerdem erscheint die erste Sammlung seiner Gedichte.

  • 1853 bemüht sich Storm um eine Anstellung im preußischen Justizdienst und man ernennt ihn im Oktober zum preußischen Gerichtsassessor[2] – zunächst wieder ohne Bezahlung. Gleich eines Referendars durchläuft er alle gerichtlichen Abteilungen.
  • Storm, der in Husum bereits ein gestandener Rechtsanwalt war, liefert den Richtern Zuarbeiten, ohne Stimmrecht und nach wie vor angewiesen auf die finanzielle Unterstützung des Vaters.
  • Die Familie zieht mehrfach innerhalb von Potsdam um. Das preußische Rechtssystem und das Arbeitspensum verlangen Storm geistig und körperlich einiges ab und belasten ihn sehr.
  • Storm versucht sich die Dichtkunst zu bewahren, trotz all der schwierigen finanziellen und beruflichen Umstände und der Sehnsucht nach der norddeutschen Heimat.
  • Er verkehrt im Rütli, einer literarischen Gruppe, die sich ein Jahr zuvor aus der literarischen Gesellschaft Tunnel über der Spree gebildet hatte. So macht er die Bekanntschaft mit den Autoren Paul Johann Ludwig von Heyse und Wilhelm von Merckel und dem Kunsthistoriker Friedrich Eggers.
  • Zu seinem Freundeskreis gehören außerdem der Schriftsteller Theodor Fontane und der Historiker Franz Theodor Kugler. Durch die Anerkennung seines dichterischen Schaffens innerhalb dieses Kreises entsteht Neues, wie etwa das Gedicht Meeresstrand.

  • Am 16.02.1854 macht ein Zusammentreffen mit Eichendorff im Hause Kugler Eindruck auf Storm, da er diesen bereits in seinen literarischen Anfängen als sehr einflussreich empfunden hatte.
  • Im selben Jahr schreibt Storm die Novelle Ein grünes Blatt. Wie in seiner Lyrik spiegeln sich auch hier politische Ziele wider, wenn er zu einem „zur Verteidigung der Heimat notwendigen Krieg“ aufruft (an Fontane im Frühling 1853).

  • 1855 entsteht die Novelle Angelika, die biografische Züge enthält. Die Figur der Angelika ist inspiriert von seiner einstigen Geliebten Dorothea Jensen. Storm beurteilt die Novelle als literarisch eher schwaches Werk. Die Sehnsucht nach der Heimat schmälert sein literarisches Schaffen.
  • Im selben Jahr reist Storm im August mit seinen Eltern nach Heidelberg, wo sein Vater studiert hatte. Besonders eindrucksvoll ist für Storm der Besuch bei Mörike in Stuttgart. Seine Skizzen und Reisenotizen dienen ihm später als Grundlage für Meine Erinnerungen an Eduard Mörike (1876).

  • 1856: Storm steht in Kontakt mit Ludwig Pietsch, der die Novelle Immensee illustriert.
  • Im selben Jahr wird er zum Kreisrichter in Heiligenstadt ernannt und zieht daraufhin mit seiner Frau und den zu dieser Zeit vier Kindern ins katholische Eichsfeld nach Thüringen.
  • Zunächst beziehen sie ein Grundstück, das Storms Vater erwirbt, am Kasseler Tor. Dort betreibt Storms Bruder Otto eine Gärtnerei. Dennoch zieht die Familie nur ein Jahr später in eine Wohnung in der Wilhelmstraße 73.
  • Das Jahresgehalt von 500 Talern reicht nicht aus, um finanziell unabhängig vom Vater zu sein.
  • Die Familie knüpft Kontakte zu angesehenen Familien. Zum Landrat Alexander von Wussow verbindet Storm eine enge Freundschaft.

  • 1859 gründet er auch in Heiligenstadt einen Gesangsverein, der auf über fünfzig Teilnehmer und Teilnehmerinnen wächst. Die Konzerte des Vereins sind äußerst angesehen.
  • In Storms literarischem Schaffen während der Heiligenstädter Zeit zeigt sich seine wachsende Kritik an Gesellschaft, Politik und Religion beziehungsweise am Katholizismus. Mit zahlreichen Novellen gelingt ihm der Durchbruch als Dichter des Realismus.

  • 1860 schreibt er als Hommage an seine Frau Constanze die Novelle Späte Rosen. Sie zeigt seine tiefe Zuwendung und Leidenschaft.

  • 1861 tritt Storms sich entwickelnde realistische Erzählhaltung in der Novelle Drüben am Markt hervor, in der er auf humorvolle Weise das kleinstädtische Bürgertum beschreibt.
  • Im selben Jahr schafft er mit der Novelle Veronica einen klaren Standpunkt für eine Ehe, die auf Vertrauen und Verbundenheit der Seelen basiert. Er lehnt die kirchliche Eheschließung ab.

  • 1862 schreibt Storm unter anderem die Novelle Im Schloss, die seine demokratische Anschauung zeigt. Es geht um menschliche Vernunft und die Befreiung des Menschen aus der Vorherrschaft des Adels und der Kirche.

  • 1863 arbeitet Storm an Märchen wie Bulemanns Haus, Die Regentrude und Der Spiegel des Cyprianus.

  • 1864 führt der Sieg der preußisch-österreichischen Truppen über Dänemark dazu, dass Storm endlich wieder in sein geliebtes – nun deutsches – Husum zurückkehren kann.
  • Storm verabschiedet sich aus dem preußischen Staatsdienst in Heiligenstadt. In Husum wird er ehrenvoll zum Landvogt gewählt, ein Amt, in dem Verwaltungsaufgaben ausgeführt werden. Noch im März desselben Jahres tritt er das Amt an.
  • Die Familie bezieht das Haus in der Süderstraße 12. Sie leben in direkter Nachbarschaft mit Storms jüngerem Bruder Aemil, der Arzt und mit Constanzes Schwester Charlotte verheiratet ist.
  • Auf dem Höhepunkt seiner juristischen Karriere angekommen, ist Storm nun finanziell unabhängig von seinem Vater.
  • Eine Reihe politischer Gedichte wie Gräber in Schleswig oder Und haben wir unser Herzoglein entstehen. Andere Gedichte wie Ein Sterbender, Mein jüngstes Kind und Beginn des Endes zeugen von Storms Auseinandersetzung mit dem Thema Tod und Sterben. Das Gedicht Crucifixus zeigt Storms konsequente Abwendung vom Christentum.
  • Seine Landvogtstelle ermöglicht Storm, schriftstellerisch tätig zu sein, und er beendet das in Heiligenstadt begonnene Märchen Der Spiegel des Cyprianus und die Novelle Von Jenseit des Meeres.

  • Am 24. Mai 1865 stirbt Constanze plötzlich nach der Geburt des siebenten Kindes, der Tochter Gertrud, am Kindbettfieber. Storm fällt in tiefe Trauer und zweifelt das Weiterleben ohne seine Frau an. Er stürzt in eine Schaffenskrise.
  • Die Hausangestellte des Freundes von Wussow, die englische Miss Mary Pyle, kümmert sich fortan um die Kinder.
  • Im Gedichtzyklus Tiefe Schatten verarbeitet Storm seine tiefe Trauer über den Verlust der geliebten Ehefrau.
  • Mit viel Arbeit zwingt sich Storm ins Leben zurück, er musiziert und er schreibt, trifft Freunde und geht in die Natur.
  • Die Reise mit seinem Freund Pietsch nach Baden-Baden, um den russischen Schriftsteller Iwan Turgenjew zu besuchen, lässt ihn aufatmen und beeindruckt ihn. Dennoch fühlt er sich nicht aus der Resignation befreit.

  • Storm trifft Dorothea Jensen wieder. Der Kontakt war nie ganz erloschen und die alte Leidenschaft lodert wieder auf.
  • 1866, also nachdem das Trauerjahr abgelaufen ist, heiratet Storm Dorothea in Geestdorf Hattstedt. Sie ziehen in ein Haus an der Wasserreihe 31, das Storm mit Unterstützung des Vaters erwirbt. Das Haus, in dem die Familie bis 1880 wohnt, ist heute das Theodor-Storm-Museum.
  • Nach dem Friedensschluss vom 23. August 1866 verringert sich Storms Jahresgehalt von 6000 auf 4200 Mark, sodass er erneut Geldsorgen hat.

  • 1867 wird das Amt des Landvogts aufgehoben und Storm wird in den Justizdienst zurückversetzt zum preußischen Amtsrichter.

  • 1868 bringt die Ehe mit Dorothea eine gemeinsame Tochter, Friederike Ernestine Constanze (* 4. November 1868; † 1939), hervor.

  • Im selben Jahr erscheint die erste Auflage der sechsbändigen Ausgabe seiner Sämtlichen Schriften.

  • 1870 gibt Storm das lyrische Hausbuch aus deutschen Dichtern seit Claudius heraus.
  • Storms Erzählungen erscheinen in renommierten Zeitschriften wie Westermann´s illustrirte deutsche Monatshefte oder auch in der Deutschen Rundschau, sodass sich die Veröffentlichungen finanziell lohnen.

  • Außerdem freundet er sich mit dem Illustrator Hans Speckter an.

  • Der fünfzehnjährige Ferdinand Tönnies, der später als Soziologe bekannt wird, kommt als Korrekturleser in Storms Haus und wird mit der Zeit ein Freund.

  • 1872 entsteht die Novelle Draußen im Heidedorf, in der Storm einen Fall aus seiner juristischen Praxis aufgreift und endgültig im Realismus ankommt.
  • Im selben Jahr reist Storm nach Süddeutschland und Österreich. Er trifft auf den Schriftsteller Paul Heyse und ist ferner Gast auf Schloss Leopoldskron bei Salzburg. Dort lebt er bei dem Politiker und Schriftsteller Julius Alexander Schindler, der unter dem Pseudonym Julius von der Traun Erzählungen verfasst.
  • 1874 zeigt die Novelle Viola tricolor Storms wiedererweckten Lebenswillen. Thematisiert wird der eher schwierige Start seiner zweiten Ehe. Geschrieben ist das Werk – und das ist seinerzeit modern – aus der Perspektive der Frau.
  • Im selben Jahr ernennt man Storm zum Oberamtsrichter. Ferner schreibt er Pole Poppenspäler. Bei der Novelle handelt es sich um eine Erzählung für Jugendliche. Sie ist bei Storm die einzige ihrer Art und gehört im 19. Jahrhundert zur erfolgreichsten schulischen Lektüre.
  • Außerdem stirbt 1874 Storms Vater. An Emil Kuh, einen Autor und Literaturkritiker, schreibt er einen ergreifenden Brief über die Bestattung.

  • 1875 verarbeitet Storm die gescheiterte Musiklaufbahn seines Sohnes Karl in der Erzählung Ein stiller Musikant.

  • Storm entwickelt die Chroniknovelle, indem er die Handlung seiner Erzählung in die Vergangenheit versetzt, in ihr aber seine aktuelle Kritik an Adel und Kirche zum Ausdruck bringt.

  • 1876 entsteht seine erste Chroniknovelle Aquis submersus, die vom Scheitern Liebender aus unterschiedlichen Ständen erzählt.

  • 1877 beginnt Storm einen freundschaftlichen Briefwechsel mit Gottfried Keller und mit dem Literaturprofessor Erich Schmidt.

  • 1878 entsteht die Novelle Carsten Curator, in der Storms Kummer um den alkoholsüchtigen Sohn Hans zum Ausdruck kommt.
  • In der Chroniknovelle Renate thematisiert Storm den Konflikt zwischen protestantischem Glauben und dem rationalen Bürgertum des 19. Jahrhunderts.

  • 1879 setzt sich Storm im Gedicht Geh nicht hinein weiter mit der Todesthematik auseinander. Im selben Jahr stirbt seine Mutter.

  • 1880 lässt sich Storm pensionieren und fasst den Plan, Husum zu verlassen.
  • Storm verkauft sein Elternhaus und zieht gemeinsam mit seiner Familie nach Hademarschen, wo auch sein Bruder Johannes lebt. In der Hauptstraße lässt Storm eine großzügige Villa bauen. Der neue Wohnort und der Garten inspirieren den Schriftsteller und so entsteht in Hademarschen Storms Spätwerk. Er beendet die bereits 1879 begonnene Novelle Die Söhne des Senators.
  • Eine produktive Phase des Schreibens schließt sich an und in den folgenden Jahren entstehen mehrere Novellen.
  • In die Hademarschener Zeit fallen auch bedeutende Briefwechsel mit Heyse, Keller und Fontane.

  • 1881 verarbeitet Storm das tragische Schicksal seines Sohnes Hans in der Novelle Der Herr Etatsrat. Er sucht darin nach Antworten auf die Fragen nach Ursache und Schuld.
  • Storm verteidigt die Gattung der Novelle, nachdem sie in einem Kommentar in einer Zeitung herabgesetzt und als oberflächliche und minderwertige Kunstform bezeichnet wird. So beschreibt er die „heutige Novelle“ als „die Schwester des Dramas und die strengste Form der Prosadichtung“.
  • Die Novelle wäre durchaus würdig, tiefe menschliche Probleme zu behandeln. Sie verlange einen zentralen Konflikt, von dem alles ausgeht und wäre somit „die geschlossenste Form“, die den höchsten Anforderungen an die Kunst gerecht würde (vgl. Eine zurückgezogene Vorrede aus dem Jahre 1881).

  • 1882 kritisiert Storm erneut das Bürgertum der Gründerzeit und den Familienverfall mit der Novelle Hans und Heinz Kirch.
  • Im selben Jahr verleiht ihm der bayrische König Ludwig II. den Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst.

  • 1884 entsteht Zur Chronik von Grieshuus, eine „romantische Novelle“, wie Storm an Heyse schreibt.
  • Auf einer Reise nach Berlin schwelgt Storm in Erinnerungen und trifft alte Freunde wie Fontane, den Maler Adolph von Menzel, Theodor Mommsen, Pietsch und von Wussow. Im Saal des Englischen Hauses wird ihm zu Ehren eine Feier ausgerichtet.

  • 1885 schafft Storm mit der Novelle John Riew‘ ein sehr starkes Beispiel realistischer Erzählkunst. Sie zeichnet sich durch die Vielfalt an Perspektiven durch mehrere Ich-Erzähler aus.
  • 1885 entsteht Storms letzte Chroniknovelle Ein Fest auf Haderslevhuus. Diese Erzählung ist die einzige, die Storm im Mittelalter spielen lässt.

  • Im Mai 1886 reist Storm gemeinsam mit seiner Tochter Elsabe und seinem Freund Tönnies nach Weimar. Dort wird Storm vom Herzog empfangen und er nimmt an der Jahresversammlung der Goethe-Gesellschaft teil.
  • Storm schreibt die Novelle Bötjer Basch. Im Juli beginnt er mit der Arbeit an der Novelle Der Schimmelreiter.
  • Sorgen um seine Kinder und schwere Krankheiten beeinflussen das dichterische Schaffen. Im Dezember stirbt der Sohn Hans.

  • 1887 lenken ihn eine Reise nach Sylt und die Feier seines 70. Geburtstages ab. Der Dichter wird in ganz Deutschland geehrt und er erhält die Ehrenbürgerwürde der Stadt Husum.
  • Die Novellen Ein Doppelgänger und Ein Bekenntnis entstehen. Durch den sich ausbreitenden Magenkrebs ist sich Storm des nahen Endes bewusst. Er verfasst den Vierzeiler In schwerer Krankheit.

  • 1888 beendet Storm, todkrank, sein letztes Werk. Die Novelle Der Schimmelreiter erzählt das tragische Schicksal von Hauke Haien, einem Deichgrafen, der an der Gewalt der Nordsee scheitert.
  • Mit dieser Novelle dringt Storm in die Bereiche der Psychologie und des Mythos ein. Mit der balladenhaften Kraft der Sprache, der inneren Dramatik der Handlung und der Erbarmungslosigkeit des Dargestellten hebt er sich sowohl von seinem eigenen Werk als auch dem seiner Zeitgenossen ab.
  • Beispielsweise zeichnen Gottfried Keller oder Eduard Mörike in ihren Werken eine eher bürgerlich-schwermütige, teilweise idylillische oder märchenhaft-romantische Welt.

  • Am 4. Juli 1888 stirbt Theodor Storm in Hanerau-Hademarschen an Magenkrebs. Am 7. Juli wird er in der Familiengruft der Woldsens auf dem Sankt Jürgen-Friedhof in Husum beigesetzt.
  • [1] Hans (* 25. Januar 1848; † 5. Dezember 1886), Ernst (* 30. Januar 1851), Karl (* Juni 1853), Lisbeth (* 10. Juni 1855), Lucie (1860), Elsabe (* Januar 1863) und Gertrud (* 4. Mai 1865).

  • [2] Als Gerichtsassessor wurde früher, teilweise auch heute noch, ein Richter auf Probe bezeichnet. Also ein Richter, der noch nicht zum Richter auf Lebenszeit ernannt worden.

Werke

  • Lyrik (Auswahl)
    • An Emma, 1833
    • Sängers Abendlied, 1834
    • Bettlerliebe, um 1843
    • Dämmerstunde, 1843
    • Abends, 1845
    • Abseits, 1847
    • Rote Rosen, 1847
    • August, 1849
    • Die Kinder, 1852
    • Die Stadt, 1852
    • Abschied, 1853
    • Aus der Marsch, 1854
    • Für meine Söhne, 1854
    • Am Aktentisch, um 1855
    • April, 1859
    • Knecht Ruprecht, 1862
    • Beginn des Endes, 1864
    • Der Lump, 1864
    • Der Zweifel, 1864
    • Tiefe Schatten, 1865
    • Der Beamte, 1867
    • Am Geburtstage, 1868
    • Begrabe nur dein Liebstes, 1870
    • Constanze, 1870
    • An Klaus Groth, 1872
    • Geh nicht hinein, 1879
    • An Frau Do, 1883
    • Die Liebe
    • Über die Heide
    • Die Nachtigall
    • Oktoberlied
    • Von Katzen
    • Meeresstrand
    • Unter Sternen
    • Weihnachtslied

  • Novellen
    • Marthe und ihre Uhr, 1848
    • Im Saal, 1848
    • Immensee, 1849
    • Im Sonnenschein, 1854
    • Angelika, 1855
    • Auf dem Staatshof, 1859
    • Veronica, 1859
    • Späte Rosen, 1860
    • Im Schloß, 1862
    • Auf der Universität, 1863
    • Abseits, 1863
    • Unterm Tannenbaum, 1864
    • Von Jenseit des Meeres, 1865
    • In St. Jürgen, 1867
    • Eine Malerarbeit, 1867
    • Eine Halligfahrt, 1871
    • Draußen im Heidedorf, 1872
    • Pole Poppenspäler, 1874
    • Waldwinkel, 1874
    • Beim Vetter Christian, 1874
    • Viola tricolor, 1874
    • Ein stiller Musikant, 1875
    • Psyche, 1875
    • Im Nachbarhause links, 1875
    • Aquis submersus, 1876
    • Renate, 1878
    • Carsten Curator, 1878
    • Eekenhof, 1879
    • Die Söhne des Senators, 1880
    • Der Herr Etatsrat, 1881
    • Hans und Heinz Kirch, 1882
    • Zur Chronik von Grieshuus, 1884
    • John Riew, 1885
    • Ein Fest auf Haderslevhuus, 1885
    • Bötjer Basch, 1887
    • Ein Doppelgänger, 1887
    • Ein Bekenntnis, 1887
    • Sylter Novelle, 1887
    • Der Schimmelreiter, 1888

  • Märchen (Auswahl)
    • Hans Bär, 1837
    • Der kleine Häwelmann, 1849
    • Hinzelmeier, 1850
    • Bulemanns Haus, 1862
    • Die Regentrude, 1862
    • Der Spiegel des Cyprianus, 1862


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