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Ballade

Als Ballade wird eine Gedichtform bezeichnet. Meist handelt es sich um ein mehrstrophiges erzählendes Gedicht. Also um einen Text, der durch Verse und Strophen gegliedert und von Reimen geprägt ist (vgl. Reimformen, Reimschema), wobei sich sehr häufig ein festes Metrum findet, das allerdings nicht vorgegeben ist. Typisch für die Ballade ist, dass sie Merkmale der Lyrik, Epik sowie Dramatik verbindet, wodurch sie eine Mischform der drei Hauptgattungen darstellt. Unterschieden werden vor allem Volks- und Kunstballaden. Volksballaden zeichnen sich durch die mündliche Überlieferung und ihre Nähe zum Lied aus, wohingegen die Kunstballade schriftlich festgehalten wurde und sich durch einen Autoren auszeichnet. Spricht man von Balladen, so sind meist die Kunstballaden des 18., 19. und 20. Jahrhunderts gemeint, die von Bürger, Heine, Fontane, Goethe und Schiller geprägt wurden.

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Begriff

Das Nomen Ballade leitet sich vom italienischen ballata, welches ein Tanzlied bezeichnete, ab. Dieses Wort geht auf das lateinischen Verb ballare, das tanzen bedeutet, zurück. Als ballata wurde bereits seit dem 12. Jahrhundert (vgl. Trecento) ein kurzes, aber mehrstrophiges Tanzlied bezeichnet, das von den Tanzenden gesungen wurde und wiederkehrende Elemente zwischen den Liedstrophen hatte (vgl. Kehrreim) und darüber hinaus dem Reimschema AbbaA folgte.

Da das Wort auf das italienische Verb ballare für tanzen zurückgeht, verweist es somit schon auf die ursprüngliche Form der Ballade, die ein (Tanz-)Lied bezeichnete. Der wiederkehrende Teil der Urballade findet sich dann im 14. sowie 15. Jahrhundert in Frankreich wieder, wo die Gattung als ballade weiterentwickelt wurde.

Diese französische Weiterentwicklung zeichnete sich vor allem durch eine strenge lyrische Form aus und hat, einmal von wiederkehrenden Reimformen abgesehen, wenig mit der späteren Ballade gemein.

Im 18. Jahrhundert wurde die französische ballade aufgegriffen und von englischen Dichtern nachgeahmt. Außerdem wurde der Begriff für volksmäßige und oftmals leicht singbare Erzähllieder gebraucht und näherte sich dadurch wieder dem ursprünglichen Wortsinn an, wobei die Ballade nun schon ganz ähnliche Merkmale aufwies, wie sie in der Folge für die Gattung definiert wurden.

Das Erzähllied wurde gesungen und zeichnete sich dennoch durch erzählende Elemente aus, wobei dem Zuhörer eine Geschichte, meist von Heldentaten, erzählt wurde. Teils wurde das Lied in Dialogform vorgetragen, was dem Ganzen einen dramatischen Charakter verlieh. Ebendiese Bedeutungserweiterung sowie -übertragung prägten den Balladenbegriff. Diesem folgend ist die Ballade eine Mischform, die Liedhaftes (Lyrisches), Erzähltes und Dramatisches verbindet.

Hinweis: Weitere Informationen zur Geschichte der Ballade sowie zu den Ausprägungen der einzelnen Formen in Europa finden sich im Abschnitt Geschichte der Ballade, der sich am Ende dieses Beitrages findet.

Merkmale der Ballade

Grundsätzlich gilt, dass die Ballade verschiedene Merkmale der Epik, Lyrik und Dramatik vereint und somit eine Mischform bildet. Welche Merkmale das sind, ist aber nicht genau festgelegt. Deshalb ist die folgende Übersicht in vier Bereiche unterteilt. Im letzten finden sich alle Merkmale, die sich in nahezu jeder Ballade finden lassen und die anderen Bereiche zeigen typisch lyrische, epische sowie dramatische Elemente, die es in äußerst vielen Balladen gibt.

TypMerkmale
lyrische Elemente
Balladen können ganz verschiedene Merkmale des Gedichts aufweisen.
mehrstrophiger Aufbau (mehrere Verse bilden eine Strophe).
Einsatz verschiedener Reimformen, wobei sich häufig die Enden der Zeilen reimen (vgl. Endreim). So entsteht oft ein (nicht-festgelegtes) Reimschema. In vielen Balladen gibt es wiederkehrende Reime am Strophenende.
Oft gibt es ein festes Metrum (Jambus, Trochäus usw.), was die Ballade rhythmisch erscheinen lässt. Dieses kann aber auch unregelmäßig sein.
Wie auch das Gedicht, kann der Satzbau unüblich erscheinen und es finden sich oft Stilmittel, wie Symbole, Onomatopetika, Metaphern und Ähnliches.
Durch den Einsatz solcher Mittel kann die Sprache konzentriert und die Ballade besonders stimmungsvoll sowie atmosphärisch wirken.
Da viele Balladen ein regelmäßiges Metrum und eingängige Reimschema aufweisen, lassen sie sich meist sehr gut vortragen. Rhythmus und Form unterstreichen somit die Singbarkeit, was vor allem für ältere Texte der Gattung kennzeichnend ist, wo das Liedhafte im Vordergrund stand.
epische Elemente
Balladen können ganz verschiedene epische Merkmale ausweisen und gleichen in diesem Punkt Erzählungen und ähnlichen Textsorten.
Zumeist werden spannende Geschichten und Ereignisse erzählt, weshalb es oft einen Spannungsbogen gibt. Die Spannung steigt demnach im Laufe der Handlung und wird am Ende aufgelöst. Oftmals gibt es eine Einleitung, einen Höhepunkt und ein pointiertes Ende. In diesem Merkmal ähnelt die Gattung der Novelle, die ein unerhörtes Ereignis erzählt.
In der Ballade gibt es sehr häufig einen Erzähler, der die Geschichte von außen erzählt. Deutlich wird dies meist in der Einleitung sowie am Ende, wodurch dem Gedicht ein Rahmen gegeben wird. Dieser zeigt sich, wenn Figuren, Orte und Sonstiges beschrieben werden (vgl. Erzählperspektive), wobei dieser nicht mit dem lyrischen Ich verwechselt werden sollte.
Dieses beschreibende Element des Erzählers führt in der Regel dazu, das klar ersichtlich ist, wo die Handlung spielt (Ort), welche Figuren auftreten und dass sehr häufig im Präteritum gedichtet wird. Diese Zeitform ist nicht verbindlich, doch aber ein häufiges Merkmal in epischen Texten, das eben auch in äußerst vielen Balladen auftaucht.
dramatische Elemente
Häufig gibt es in Balladen einen Helden, der mit einem Konflikt, also einer problematischen oder bedrohlichen Situation, konfrontiert wird. Das ist typisch für das klassische Drama und eben auch für die Gedichtform.
Oftmals wird die Handlung durch die Dialoge der Figuren vorangetrieben. Teils gibt es keine Dialoge, aber doch die direkte Rede einer einzelnen Figur. Das bedeutet, dass eine Rede oder ein Gedanke im Wortlaut wiedergegeben wird. Oft stehen Rede und Dialog in Anführungszeichen.
Die Handlung spielt an sehr wenigen Orten und springt teils zwischen den jeweiligen Bildern. Dieser übersichtliche Rahmen ist kennzeichnend für das Drama und der szenische Wechsel kann als dramatisches Merkmal gelten.
Es gibt zumeist einen Spannungbogen in der Ballade, was klar als episches Merkmal gelten kann. Darüber hinaus lassen sich viele Balladen aber auch in Einleitung – die in die Ausgangssituation einführt – und Höhepunkt mit überraschender Wendung sowie die Auflösung des Konflikts aufteilen.


Folgt eine Ballade diesem Schema, erinnert dies an das klassische Drama, das sich in Exposition, erregendes Moment, Höhepunkt, Retardation und Katastrophe unterteilt. Teils finden sich nur auch nur einzelne Elemente.
allgemein
(finden sich oft)
Ein lebensveränderndes Ereignis wird in der Ballade gezeigt, das das Leben der Handelnden nachhaltig verändert.
Dieses Ereignis ist meist schicksalhaft und scheint demnach unabwendbar zu sein. Die Ballade dient hierbei der Exempelbildung und wird somit zum Beispiel für eine bestimmte – aber oft allgemeine – Auseinandersetzung.
Das Geschehen ist oft unerklärlich, geheimnisvoll und im gleichen Maße tragisch, wobei häufig numinose Kräfte, wie etwa Geister, Naturwesen oder Überirdisches, eine Rolle spielen und in das Geschehen eingreifen.

Merkmale am Beispiel

Wie in der Übersicht dargestellt, gibt es sehr verschiedene Merkmale, die sich aber nicht in jedem Text der Gedichtform ausmachen lassen. Deshalb bietet es sich an, einen Text, bei dem wir vermuten, dass es sich um eine Ballade handelt, mehrmals zu untersuchen.

Dabei kennzeichnen wir im ersten Durchlauf die lyrischen, im zweiten alle epischen und im dritten alle dramatischen Merkmale des Textes. Bei einer späteren Gedichtanalyse lässt sich dann nachweisen, dass es sich um eine Ballade handelt. Das Ergebnis könnte so aussehen:

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  • lyrisch
  • episch
  • dramatisch
  • allgemein

  • Balladenmerkmale in Der Erlkönig
  • 8 Strophen mit jeweils 4 Versen.
  • Durchgehend im Paarreim (aabb).
  • Versmaße wirken verstärkend; meist jambisch.
  • Eindringliche Wiederholungen (Repetitio, Alliteration).
  • Unüblicher Satzbau (Willst, feiner Knabe, du […]).
  • Lautmalerei wirkt verstärkend (säuselt, ächzend …).
  • Es gibt einen Spannungsbogen, der sich aufbaut.
  • Ein Erzähler beschreibt von außen.
  • Es werden Handlungsort und Figuren beschrieben.
  • Dialoge in der Handlung.
  • Durch die Rede wirkt der Text lebendig.
  • Nur ein Schauplatz (nächtlicher Wald).
  • Es gibt einen Helden, der in einen Konflikt gerät.
  • Ein lebensveränderndes Ereignis wird gezeigt.
  • Geschehen ist unerklärlich, geheimnisvoll, tragisch.
  • Numinose Kräfte treten in Erscheinung (Erlkönig).
Lyrisches in Der Erlkönig
  1. Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
  2. Es ist der Vater mit seinem Kind;
  3. Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
  4. er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
  5. Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
  6. Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
  7. Den Erlenkönig, mit Kron‘ und Schweif! –
  8. Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -!
  9. Du liebes Kind, komm geh mit mir!
  10. Gar schöne Spiele spiel‘ ich mit dir,
  11. Manch‘ bunte Blumen sind an dem Strand,
  12. meine Mutter hat manch gülden Gewand. –
  13. Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht
  14. was Erlenkönig mir leise verspricht? –
  15. Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
  16. In dürren Blättern säuselt der Wind. –
  17. Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
  18. Meine Töchter sollen dich warten schön;
  19. meine Töchter führen den nächtlichen Reihn,
  20. und wiegen und tanzen und singen dich ein. –
  21. Mein Vater, mein Vater und siehst du nicht dort
  22. Erlkönigs Töchter am düsteren Ort? –
  23. Mein Sohn, mein Sohn! Ich seh es genau!
  24. Es scheinen die alten Weiden so grau! –
  25. Ich liebe dich! Mich reizt deine schöne Gestalt;
  26. und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt. –
  27. Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
  28. Erlkönig hat mir ein Leids getan! –
  29. Den Vater grauset’s, er reitet geschwind,
  30. er hält in den Armen das ächzende Kind,
  31. erreicht den Hof mit Müh und Not;
  32. in seinen Armen das Kind war tot.
Episches in Der Erlkönig
  1. Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
  2. Es ist der Vater mit seinem Kind;
  3. Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
  4. er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
  5. Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
  6. Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
  7. Den Erlenkönig, mit Kron‘ und Schweif! –
  8. Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -!
  9. Du liebes Kind, komm geh mit mir!
  10. Gar schöne Spiele spiel‘ ich mit dir,
  11. Manch‘ bunte Blumen sind an dem Strand,
  12. meine Mutter hat manch gülden Gewand. –
  13. Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht
  14. was Erlenkönig mir leise verspricht? –
  15. Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
  16. In dürren Blättern säuselt der Wind. –
  17. Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
  18. Meine Töchter sollen dich warten schön;
  19. meine Töchter führen den nächtlichen Reihn,
  20. und wiegen und tanzen und singen dich ein. –
  21. Mein Vater, mein Vater und siehst du nicht dort
  22. Erlkönigs Töchter am düsteren Ort? –
  23. Mein Sohn, mein Sohn! Ich seh es genau!
  24. Es scheinen die alten Weiden so grau! –
  25. Ich liebe dich! Mich reizt deine schöne Gestalt;
  26. und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt. –
  27. Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
  28. Erlkönig hat mir ein Leids getan! –
  29. Den Vater grauset’s, er reitet geschwind,
  30. er hält in den Armen das ächzende Kind,
  31. erreicht den Hof mit Müh und Not;
  32. in seinen Armen das Kind war tot.
Dramatisches in Der Erlkönig
  1. Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
  2. Es ist der Vater mit seinem Kind;
  3. Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
  4. er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
  5. Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
  6. Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
  7. Den Erlenkönig, mit Kron‘ und Schweif! –
  8. Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. -!
  9. Du liebes Kind, komm geh mit mir!
  10. Gar schöne Spiele spiel‘ ich mit dir,
  11. Manch‘ bunte Blumen sind an dem Strand,
  12. meine Mutter hat manch gülden Gewand. –
  13. Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht
  14. was Erlenkönig mir leise verspricht? –
  15. Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
  16. In dürren Blättern säuselt der Wind. –
  17. Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
  18. Meine Töchter sollen dich warten schön;
  19. meine Töchter führen den nächtlichen Reihn,
  20. und wiegen und tanzen und singen dich ein. –
  21. Mein Vater, mein Vater und siehst du nicht dort
  22. Erlkönigs Töchter am düsteren Ort? –
  23. Mein Sohn, mein Sohn! Ich seh es genau!
  24. Es scheinen die alten Weiden so grau! –
  25. Ich liebe dich! Mich reizt deine schöne Gestalt;
  26. und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt. –
  27. Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
  28. Erlkönig hat mir ein Leids getan! –
  29. Den Vater grauset’s, er reitet geschwind,
  30. er hält in den Armen das ächzende Kind,
  31. erreicht den Hof mit Müh und Not;
  32. in seinen Armen das Kind war tot.
Hinweis: Die obigen Balladenmerkmale treffen auf den Erlkönig von Goethe zu. Nicht jede Ballade muss diese Merkmale aufweisen. Demnach geht es also darum, dass in einem Text mehrere der genannten Merkmale auftauchen.

Balladenarten

Balladen lassen sich anhand verschiedener Kriterien unterscheiden. Die bekanntesten Balladenarten sind wohl die Kunstballade, die von einem Dichter erfunden wurde, sowie die Volksballade, die mündlich überliefert wurde und somit eine Nähe zur Sage aufweist.

Die Einteilung in Volks- und Kunstballade ist aber sehr allgemein und unterscheidet Balladen nicht aufgrund des Inhalts, sondern aufgrund ihres Verfassers. Mit den Jahren haben sich deshalb noch zahlreiche Unterarten herausgebildet, die versuchen, Balladen aufgrund ihres Inhalts zu klassifizieren. Diese Begrifflichkeiten variieren zum Teil allerdings sehr stark und sind nicht eindeutig festgelegt.

Eine Übersicht könnte so aussehen:

BalladenartMerkmale
Unterscheidung aufgrund des Verfassers
Volksballade
(mittelalterliche) Frühform der Ballade, die stark an das Volkslied erinnert.
Wird mündlich überliefert, weshalb es keinen eindeutigen Autor gibt. Dennoch sind Volksballaden meist in der Hochsprache und nicht in Mundart oder Umgangssprache überliefert.
Greift Heldenlieder und Sagen auf. Dennoch erhebt die Volksballade keinen historischen Realitätsanspruch, wobei meist innerhalb der Texte auf ihre „Wahrheit“ verwiesen wird. Somit hat die Volksballade ihren „eigenen Wahrheitsanspruch„, der somit zwar enthistorisiert erscheint, aber sich durchaus an geschichtlichen Ereignissen orientiert.
Es handelt sich vordergründig um eine Liedform, die Episches, Lyrisches, Dramatisches verbindet. Sie erzählt eine Geschichte (Epik), weist meist die Metrik der Volksliedstrophe (2-6 Zeilen, Endreime) auf, zeigt Gefühlvolles im Refrain, der somit eindringlich wirkt, oder einzelnen Strophen (Lyrik) und wird sprunghaft, szenisch erzählt, wobei oft eine Dialogform genutzt wird (Drama).
Kunstballade
Balladenform, wie wir sie heute kennen. Gemeint sind hiermit vor allem die Balladen des 18., 19. und 20. Jahrhunderts. Es handelt sich vordergründig also um ein Gedicht, das epische und dramatische Elemente verwendet.
Sehr häufig münden Kunstballaden in einer Moral oder belehren ihre Leser und regen zum Nachdenken an. Die Kunstballade hat laut Schiller und Goethe die Aufgabe, den Menschen anzuregen, die dargestellte Balladenwelt mit seiner Lebenserfahrung zu vergleichen, wobei Goethe anmerkt, dass der Leser „die Literatur urteilend genießen“ solle.
Die Kunstballade ist schriftlich fixiert, wurde also von einem Dichter verfasst, überarbeitet und gewissermaßen als „Kunstwerk“ erschaffen.
Sie versteht sich somit als Kunstwerk, wenngleich thematisch natürlich dennoch historische Stoffe thematisiert werden können. Weitere Unterscheidungen der Kunstballade finden sich im Folgenden.
Unterscheidung aufgrund des Inhaltes
(Unterarten beziehen sich meist auf Kunstballaden)
numinose Ballade
  • zeigt den Kampf des Menschen mit (natur-)magischen Kräften
  • das Magische nimmt schicksalverändernden Einfluss
  • Unterarten: totenmagische („Die Braut von Korinth“) und naturmagische Ballade („Erlkönig“), Schicksalsballade („Die Kraniche des Ibykus“) [1]
historische Ballade
  • sind oft Volksballaden und somit mündlich überliefert
  • haben geschichtliche Begebenheiten zum Inhalt, interpretieren diese teils recht frei oder sind lediglich im historischen Kontext angesiedelt
  • Unterarten: Ritterballade („Der Handschuh“), Heldenballade („Ludwigslied“), Heiligen- und Legendenballade („Tannhauser“), Nationalballade („Miorița“), Sagen- und Mythenballaden („Ring des Polykrates“) [2]
Exempelballade
  • In einem beliebigen Umfeld, meist auf der Grundlage eines historischen Stoffes, wird ein allgemeiner Gedanke verfolgt und anhand eines konkreten Beispiels verdeutlicht.
  • Das (historische) Umfeld dient hierbei nur als Kulisse, um eine Idee, einen Wert oder einen Gedanken prägnant darzustellen.

  • Beispiel: So handelt Schillers Handschuh zwar vordergründig von König Franz, Kunigunde und einem Ritter, doch im Grunde wird das menschenverachtende Verhalten des Adels gezeigt und wie sich der Ritter über dieses erhebt. Es wird exemplarisch etwas gezeigt, das etwas Allgemeines verdeutlicht.
Ideenballade
  • Die Handelnden sind Teil einer Humanitätsidee, der sie untergeordnet sind.
  • Die Ideenballade soll zur ästhetischen Erziehung des Menschen beitragen.
  • Ort, Handlung und alle anderen Merkmale sind dieser zentralen Idee untergeordnet und eher Mittel zum Zweck.
  • Beispiele: „Die Bürgschaft“, „Der Zauberlehrling“
Technikballade
  • Balladentyp ist vor allem seit dem Realismus verbreitet.
  • Zeigt den Mensch im Kampf oder Umgang mit der Moderne sowie technischen Errungenschaften, die teils unkontrollierbar sind.
  • Der Umgang führt meist zu Katastrophe oder Unglück.
  • Beispiele: „John Maynard“, „Die Brück’ am Tay“
politische & soziale
Balladen
  • Die soziale Ballade greift soziale Themen und Motive der jeweiligen Zeit auf. Die politische Ballade befasst sich mit der Politik.
  • Beide Typen sind bereits seit dem 18. Jahrhundert und vor allem im Sturm und Drang belegt („Des Pfarrers Tochter von Taubenhain“).
  • Populär werden beide Formen aber vor allem im 19. und 20. Jahrhundert, wobei vor allem soziale Unterschiede thematisiert werden.
  • Spricht man heute von sozialen Balladen, meint man oft sozialkritische Balladen, die vor allem seit dem Naturalismus wesentlich wurden und soziale Missstände anprangerten („Legende vom toten Soldaten“).
Anmerkungen zu den Balladenarten
  • [1] Mitunter wird noch zwischen Geister- und Schauerballade unterschieden. Wir belassen es bei dem Oberbegriff „totenmagisch“, da – unserer Meinung nach – eine weitere Eingrenzung verwirrend und teils unnötig erscheint.

  • [2] Auch in Bezug auf die historische Ballade sind noch weitere Differenzierungen möglich. Grundsätzlich gilt aber, dass Balladen, die sich mit geschichtlichen Ereignissen befassen, unter diesem Oberbegriff gesammelt werden können und eine weitere Unterscheidung nicht unbedingt zielführend ist.

Bekannte Balladen

Archibald Douglas von Theodor Fontane, 1854 Volltext
Barbara Allen von Theodor Fontane, vor 1875 Volltext
Belsazar von Heinrich Heine, 1820 Volltext
Das Kind mit dem Gravensteiner von D. v. Liliencron, vor 1909 Volltext
Das Riesenspielzeug von Adelbert von Chamisso, 1831 Volltext
Der 6. November 1632 von Theodor Fontane, 1847 Volltext
Der Handschuh von Friedrich Schiller, 1797 Volltext
Der Knabe im Moor von Annette von Droste-Hülshoff, 1842 Volltext
Der Ring des Polykrates von Friedrich Schiller, 1797 Volltext
Der Schatzgräber von J. W. v. Goethe, 1797 Volltext
Der Taucher von Friedrich Schiller, 1797 Volltext
Der Zauberlehrling von J. W. v. Goethe, 1797 Volltext
Die Brück‘ am Tay von Theodor Fontane, 1880 Volltext
Die Bürgschaft von Friedrich Schiller, 1798 Volltext
Die Frauen von Nidden von Agnes Miegel, vor 1955 Volltext
Die Füße im Feuer von Conrad Ferdinand Meyer, vor 1882 Volltext
Die schlesischen Weber von Heinrich Heine, vor 1844 Volltext
Die Schnitterin von Gustav Falke, ??? Volltext
Die zwei Raben von Theodor Fontane, 1855 Volltext
Een Boot is noch buten!, Arno Holz, vor 1886 Volltext
Erlkönig von J. W. v. Goethe, 1782 Volltext
Gorm Grymme von Theodor Fontane, 1864 Volltext
Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland von Th. Fontane, 1889 Volltext
Johanna Sebus von J. W. v. Goethe, 1809 Volltext
John Maynard von Theodor Fontane, 1886 (?) Volltext
Nis Randers von Otto Ernst, vor 1901 Volltext
Pidder Lüng von D. v. Liliencron, vor 1902 Volltext

Geschichte der Ballade

In der Begriffdefinition wurde bereits deutlich, dass die Geschichte der Ballade vor allem von zahlreichen Umdeutungen geprägt ist. So ist es mitunter schwierig, einen Text eindeutig als Ballade zu werten. Wenn ein Text also balladeske Merkmale aufweist, sollte er stets im Zusammenhang seiner Entstehungszeit betrachtet werden.

Im Folgenden soll aufgezeigt werden, wie sich der Balladenbegriff in den vergangenen Jahrhunderten wandelte, welche Schwerpunkte bei der Balladendichtung gesetzt wurden, inwiefern sich die Lied- und Gedichtform wandelte und was man allgemein darunter verstand.


Epochen der Literatur als Zeitstrahl

Frankreich

Die Ursprünge der Ballade liegen im (Hoch-)mittelalter, wo unter dem italienischen Begriff balada Tanzlieder gefasst wurden, die von den Tanzenden selbst gesungen wurden, mehrere Strophen hatten und sich durch wiederkehrende Reime auszeichneten (vgl. Kehrreim).

In Frankreich taucht der Begriff bal(l)ade bereits im 12. Jahrhundert als Beschreibung von Tanzliedern auf. Er ähnelte somit dem Virelai, das ebenfalls ein Tanzlied beschreibt, das thematisch oftmals um die Liebe kreist und in seiner Gestaltung sehr frei ist. Eine Definition, die die Ballade abgrenzte, gab es noch nicht in eindeutiger Form.

Im 14. Jahrhundert änderte sich das und die Ballade wurde vor allem in der Troubadourdichtung, die zum Ausgangspunkt des Minnesangs werden sollte, kunstvoll weiterentwickelt. Die Ballade lässt sich nun als Gattung von anderen Formen unterscheiden. Sie galt nicht mehr als reines Tanzlied, sondern als Liedform mit klaren Regeln.

Im 15. Jahrhundert führte die Weiterentwicklung zur Formstrenge, die sich vom zuvor sehr freien Charakter stark unterscheidet. Die Ballade bestand nun aus drei gleichgebauten Strophen, welche sich reimten, wobei jede Verszeile ein Acht- oder Zehnsilber war.

Sie wurde nun von einem vier- oder fünfzeiligen Envoi begleitet, einer äußerst kurzen Schluss- und Widmungsstrophe, die einen einzeiligen Kehrreim aufwies, der auch die vorherigen drei Strophen abschloss. Die Ballade wies zumeist drei Reime auf und folgte dem Aufbau dreimal ababbcbC und dem Envoi aus bcbC (vgl. Reimschema).

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  • Reim (a)
  • Reim (b)
  • Reim (c)
  • Kehrreim

Ballade des dames du temps jadis
  1. Dictes moy où, n’en quel pays,
  2. Est Flora, la belle Romaine;
  3. Archipiada, ne Thaïs,
  4. Qui fut sa cousine germaine;
  5. Echo, parlant quand bruyt on maine
  6. Dessus rivière ou sus estan,
  7. Qui beaulté ot trop plus qu‘humaine?
  8. Mais où sont les neiges d’antan?
  9. Où est la très sage Helloïs,
  10. Pour qui fut chastré et puis moyne
  11. Pierre Esbaillart à Saint-Denis?
  12. Pour son amour ot cest essoyne.
  13. Semblablement, où est la royne
  14. Qui commanda que Buridan
  15. Fust gecté en ung sac en Saine?
  16. Mais où sont les neiges d’antan?
  17. La royne Blanche comme lis,
  18. Qui chantoit à voix de seraine;
  19. Berte au grant pié, Bietris, Allis;
  20. Haremburgis qui tint le Maine,
  21. Et Jehanne, la bonne Lorraine,
  22. Qu’Englois brulerent à Rouan;
  23. Où sont elles, Vierge souvraine?
  24. Mais où sont les neiges d’antan?
  25. Prince, n’enquerez de sepmaine
  26. Où elles sont, ne de cest an,
  27. Qu’à ce reffrain ne vous remaine:
  28. Mais où sont les neiges d’antan?
Ballade der Frauen von einst
  1. Sagt mir, in welchem Land
  2. ist Flora, die schöne Römerin,
  3. Alkibiades und Thaïs,
  4. seine Kusine,
  5. Echo, die spricht, wenn man Lärm macht
  6. auf dem Fluss oder dem Teich,
  7. und die von übermenschlicher Schönheit war?
  8. Doch wo ist der Schnee vom letzten Jahr?
  9. Wo ist die äußerst weise Heloïse,
  10. für die entmannt und später Mönch ward
  11. Petrus Abaelardus in Saint Denis?
  12. Für seine Liebe litt er solche Pein.
  13. Wo ist gleichermaßen die Königin,
  14. die befahl, dass Buridan
  15. in einem Sack in die Seine geworfen wurde?
  16. Und wo ist der Schnee vom letzten Jahr?
  17. Die Königin Lilienweiß,
  18. die mit Sirenenstimme sang,
  19. Bertha vom großen Fuß, Béatrix, Aélis,
  20. Eremberg, die das Maine besaß,
  21. und Jeanne, die gute Lothringerin,
  22. die die Engländer in Rouen verbrannten,
  23. wo sind sie, wo, hehre Jungfrau?
  24. Doch wo ist der Schnee vom letzten Jahr?
  25. Prinz, frage nicht in einer Woche,
  26. wo sie sind, nicht dieses Jahr!
  27. Uns bleibt nur dieser eine Reim:
  28. Wo ist der Schnee vom letzten Jahr?

England

In England gab es – dem französischen Vorbild folgend – zahlreiche Nachahmungen. Hier waren es vor allem Geoffrey Chaucer und John Gower, die Balladen verfassten. Teilweise aber auch in französischer Sprache. Ein wirkliche Veränderung erfuhr die Ballade aber erst einige Jahrhunderte später: nämlich im 18. Jahrhundert.

Denn hier gab es eine erste, tatsächlich vom ursprünglichen Begriff abweichende, Bedeutungswandlung: die Formstrenge, die noch der französischen Ballade zu eigen war, wurde verworfen und lediglich das Liedhafte blieb im Begriff ballad erhalten. Dieser wurde fortan vor allem für leicht singbare und meist volksmäßige Erzähllieder gebraucht, die bereits den Kern späterer Balladenformen aufwiesen.

Diese Erzähllieder zeichneten sich nicht nur durch Einfachheit aus, sondern erzählten sprunghaft und szenisch, bedienten sich, um das Erzählte voranzutreiben, teilweise der Dialogform und zeigten ein besonderes, oft schicksalhaftes, Ereignis. Meist erzählten sie episch von Heldentaten und waren durch den mehrstrophigen, oft gereimten Aufbau und die Verdichtung von Sprache gleichermaßen lyrisch. Sie vereinten somit bereits mehrere Merkmale aller drei Gattungen.

Das Zusammenspiel aller drei Formen der Poesie veranlasste Johann Wolfgang von Goethe viele Jahre später, nämlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die Ballade als lebendiges Ur-Ei zu bezeichnen, da sie eben alle drei Formen der Poesie vereint und somit Lyrik, Epik und Dramatik in ihr vorhanden sind. Und ebendieses lebendige Ur-Ei hat seinen Ursprung im England des 18. Jahrhunderts und brachte etwa Robin Hood oder die Chevy-Chase-Ballade hervor, welche wiederum ursächlich für die bekannte Chevy-Chase-Strophe ist.

„Es gibt nur drei echte Naturformen der Poesie: die klar erzählende, die enthusiastisch aufgeregte und die persönlich handelnde: Epos, Lyrik und Drama […] In dem kleinsten Gedicht findet man sie oft beisammen, und sie bringen eben durch diese Vereinigung im engsten Raume das herrlichste Gebilde hervor, wie wir an den schätzenswertesten Balladen […] gewahr werden.“ (J. W. v. Goethe, West-östlicher Divan, 1819)

Deutschland

Der englische Begriff ballad tauchte im ausgehenden 18. Jahrhundert, in etwa im Jahr 1770, auch in Deutschland auf und bezeichnete eine Textform, die gewissermaßen zwischen den Gattungen stand. Hier wurden anfangs vor allem spukhafte, schaurige und ungewöhnliche Inhalte aufgegriffen und in zahlreichen Werken verdichtet.

Aber auch wenn erst im 18. Jahrhundert der Begriff gebraucht wurde, beginnt die Entwicklung der deutschen Ballade bereits im Mittelalter, wo bereits Epen in historische Erzähllieder umgeformt wurden, die teils gefühlsbetont erschienen und letzten Endes die Volksballade begründeten, die von mündlicher Überlieferung geprägt ist, aber eben auch Lyrik, Epik und Dramatik vereint. Hierfür sind im Deutschen die Bernauerin oder die Ballade vom Mädchenmörder beispielhaft.

Die Volksballade wurde vorgetragen, ist aber als literarische Gattung schwer zu fassen. Sie stand neben anderen Formen, wie etwa dem Zeitungslied, einem historisches Lied in Versform, das über Aktuelles berichtete, sowie dem Bänkelsang, einem erzählendem Lied mit dramatisch-schaurigem Inhalt, das öffentlich zur Unterhaltung des Publikums von Bänkelsängern vorgetragen wurde.

Bänkelsang, eine Nebenform der Ballade, vor Publikum in Basel
Bänkelsänger in Basel

Neue Bedeutung erfuhr die Gattung erst im 18. Jahrhundert, als in literarischen Kreisen Versuche unternommen wurden, volkstümliche Dichtungen zu sammeln und verfügbar zu machen, wodurch viele Volksballaden erstmalig schriftlich festgehalten wurden. Als Beispiel kann hier Des Knaben Wunderhorn gelten, eine von 1805 bis 1808 erschienene Sammlung von Volksliedtexten, die von Achim von Arnim und Clemens Brentano herausgegeben wurde. In der Folge wurde die Auseinandersetzung mit der Gedichtform zunehmend populärer.

Auch in England erhöhte eine Sammlung volksläufiger Balladen die Bedeutung der Gattung selbst. Die Sammlung, die als Reliques of Ancient English Poetry veröffentlicht wurde, wurde vom Bischof und Dichter Thomas Percy veröffentlicht. Sie enthielt Arthusromanzen, Gedichte des 16. und 17. Jahrhunderts, Straßenlieder, volkstümliche und ritterlicher Abenteuergeschichten sowie Volksballaden.

Beinahe zeitgleich befasste sich Johann Wilhelm Ludwig Gleim mit der Gattung und trat als einer der ersten Dichter als Verfasser von Balladen in Erscheinung, die somit nicht nur als Überlieferung aus dem Volksmund festgehalten wurden. Er ist vor allem für Preußische Kriegslieder bekannt, die einen eindringlichen Ton durch den Einsatz der Chevy-Chase-Strophe erzeugten. Dies empfand auch Lessing so, so dass er Gleims vereinzelte Werke 1758 gesammelt herausgab und festhielt, dass Gleim einen neuen Bardenton getroffen hätte.

Sturm und Drang

Kurz darauf entstand 1773 Gottfried August Bürgers Leonore, die als erste deutsche Kunstballade gilt und aufgrund ihrer Unheimlichkeit sowie Warnung vor Blasphemie auch heute noch bekannt ist. Auch Ludwig Christoph Heinrich Höltys Romanzen, welche vor allem in der griechischen Mythologie angesiedelt sind, können als erste deutsche Vorstöße in diese Richtung gelten. Dies wurde dann im Sturm und Drang fortgesetzt und vor allem thematisch weiterentwickelt.

Diese Weiterentwicklung zeigt sich vor allem in den naturmagischen, numinosen Werken des jungen Goethe, wie etwa Der untreue Knabe und Erlkönig, setzt sich dann in zahlreichen Werken von Friedrich Schiller und Goethe fort und findet einen Höhepunkt im Balladenjahr 1797, in welchem innerhalb weniger Monate viele der bekanntesten Balladen Goethes und Schillers entstanden (Der Zauberlehrling, Der Handschuh, Die Kraniche des Ibykus usw.).

Exkurs zum Balladenjahr 1797. (Klick!)
Das Jahr 1797 gilt in der deutschen Literaturgeschichte als Balladenjahr, da hier viele der bekanntesten Balladen von Schiller und Goethe entstanden.

Goethe und Schiller, die sich 1794 kennenlernten, schrieben sich zwischen 1794 und 1805 zahlreiche Briefe. In diesem angeregten Briefwechsel tauschten sie sich unter anderem über Dichtung und Dichtkunst aus und befassten sich darüber hinaus mit der Theorie der literarischen Gattungen. Daraus ergaben sich zahlreiche Fragen, die die Rolle der Literatur diskutierten.

Unter anderem diskutierten sie die Rolle der Ballade und welche Funktion diese habe, wenn sie doch, so Goethe später, eines der „herrlichsten Gebilde“ der Literatur bildet, da sie sämtliche Gattungen in sich vereint. Schiller hielt etwa fest, dass der Dichter stets über das Naive hinausgehen müsse und „die Darstellung des Ideals“ das Wesentliche sei, weshalb die Kunstballade den Anspruch haben müsse, sittliche Lehren zu vermitteln.

So könnte man festhalten, dass der Ballade die Aufgabe zukommt, eine Idee zu vermitteln, deren Ausgestaltung (Ort, Handlung, Form) dieser höheren Idee untergeordnet ist. Demnach sollte sie den Leser zum Handeln oder zumindest Denken anregen und ihn durch eine straffe Handlung, sprachlichen Schwung und der dadurch erzielten Wirkung unmittelbar ansprechen und dadurch zur Bewertung und Anteilnahme – auch in Bezug auf das eigene Leben – anregen. Laut Goethe sollte ein Mensch „die Literatur urteilend genießen“.

Diesen Anspruch versuchten Goethe und Schiller in zahlreichen Balladen zu verwirklichen und entwickelten daraus eine Balladenart, die vor allem eine Idee in den Vordergrund stellt und versucht, diese äußerst anschaulich und einprägsam zu vermitteln. Vor allem Schillers Werke aus dieser Zeit sind die ersten Balladen, die als Ideenballaden bezeichnet werden können.


Balladen, die im Balladenjahr verfasst wurden:

  • Der neue Pausias und sein Blumenmädchen (Goethe)
  • Der Zauberlehrling (Goethe)
  • Der Schatzgräber (Goethe)
  • Die Braut von Korinth (Goethe)
  • Der Gott und die Bajadere (Goethe)
  • Legende (Goethe)
  • Der Taucher (Schiller)
  • Der Handschuh (Schiller)
  • Der Gang nach dem Eisenhammer (Schiller)
  • Der Ring des Polykrates (Schiller)
  • Ritter Toggenburg (Schiller)
  • Die Kraniche des Ibykus (Schiller)

Vor allem entwickelten die beiden Dichter, was vorerst vor allem in Schillers Werken deutlich wird, die Ideenballade, die eine humanitäre Idee in den Mittelpunkt stellte (s. obiger Exkurs). Noch stärker findet sich dies in Goethes späteren Balladen, wie etwa in Die Braut von Korinth oder Der Schatzgräber. Dennoch wandelt sich die Ballade in den nächsten Jahren wieder thematisch, wenngleich sehr häufig naturmagische Elemente erhalten bleiben.

Romantik

In der Romantik findet die Balladendichtung teils zu den Ursprüngen zurück: nämlich zum Liedcharakter. Sie wird wieder sangbarer, lässt sich im Vortrag also gut singen, was sich vor allem in regelmäßigen Versmaßen und sich wiederholenden Reimen niederschlägt.

In der Romantik sind weiterhin naturmagische Themen maßgeblich. Das lyrische Ich steht hierbei oft dem Unnatürlichen, dem Schaurigen und dem Unerklärlichem gegenüber. Das Dunkle der Seele, Mystische sowie Unergründbare galt den Romantikern als unerschöpflich, wobei die Wirklichkeit als begrenzt wahrgenommen wurde. So finden sich zahlreiche Balladen in jener Zeit, die auf dem Grat von Wirklichkeit und Traum wandeln und mit dem Übernatürlichem spielen.

Zu nennen wären etwa die Werke Tiecks, Brentanos, Eichendorffs, Mörikes oder auch Heines. Diese prägten die romantische Ballade und die romantische Literatur im Allgemeinen.

19./20. Jhd.

Das sangbare, liedhafte Element der romantischen Ballade wird im 19. Jahrhundert in zahlreichen Werken verworfen. Es kann sogar als Merkmal angeführt werden, dass sich die Balladendichtung dieser Zeit durch eine gewisse Nicht-Singbarkeit auszeichnete und darüber hinaus vor allem historischen Stoffen widmete, was sich teils bei Annette von Droste-Hülshoff und Ludwig Uhland ankündigt, aber vor allem in den Werken von August von Platen („Der Tod des Carus“) oder auch Theodor Fontane („Die Brück‘ am Tay“) deutlich wird.

Darüber hinaus sind balladeske Texte nun immer häufiger humorvoll, wobei im gleichen Zuge vermehrt soziale Misstände angeprangert oder thematisch ausgearbeitet werden (vgl. Vormärz), was sich etwa in den Texten Heines („Die schlesischen Weber“), Chamissos („Der Bettler und sein Hund) oder auch Herweghs („Vom Armen Jakob und von der kranken Lise“) überaus deutlich zeigt.

Insgesamt ist das Spektrum in diesen Jahren enorm und die Ballade wird auf vielen Ebenen – vor allem inhaltlich – entwickelt, genutzt und als Gedichtform (wieder-)entdeckt, so dass das 19. Jahrhundert als Geburtsstunde der Technikballade, sozialen, politischen und auch sozialkritischen Ballade gelten kann (vgl. Balladenarten).

Soziale, politische sowie sozialkritische Inhalte sind es dann auch, die die Ballade im 20. Jahrhundert bestimmen. Inhaltlich rückt die Ballade vermehrt in den Alltag. Waren es in den Jahrhunderten zuvor oftmals Helden oder historische Ereignisse sowie heroische Inhalte, die zahlreiche Balladen auszeichneten, sind es nun immer häufiger Alltagsstoffe Gegenstand der Balladendichtung, die sich somit vor allem mit den Bedürfnissen einfacher Menschen befasst.

Wichtige Vertreter sind hier Wedekind, Tucholsky, Ringelnatz oder auch Brecht, deren Balladen sich wieder vermehrt durch einen liedhaften Charakter auszeichnen, wodurch sich die Gedichtform wieder dem Bänkelsang und in Teilen auch dem Moritat, das eine schauerliche oder rührselige Geschichte zum Inhalt hat, annähert.

Dennoch muss festgehalten werden, dass die Ballade spätestens im 20. Jahrhundert vermehrt an Bedeutung verlor. Diese Entwicklung ist vor allem um die Jahrhundertwende festzumachen und demnach im Expressionismus, wobei sich eine Abkehr von der Gattung bereits im Naturalismus andeutete. Zwar verhalfen die Neuromantiker, wie etwa Agnes Miegel und Lulu von Strauß und Torney, der Ballade kurz nach der Jahrhundertwernde nochmals zur größeren Bedeutung, wobei erneut romantische Motive und Symbole aufgegriffen wurden („Die Frauen von Nidden“, Miegel), doch insgesamt blieb eine nachhaltige Erhöhung der Gattung, wie noch in der Romantik, aus.

Hinweis: Die obigen Ausführungen zur Geschichte der Gattung beziehen sich stets auf die wichtigsten Ausprägungen und Entwicklungen. Folglich sind die genannten Grenzen nicht starr und es gab zu jeder Zeit Vertreter und Werke, die von der hauptsächlichen Stoßrichtung abwichen und vermutlich findet sich für die angeführten Textbeispiele ein gegensätzliche Beispiele. Diese erscheinen in Bezug auf das Gesamtbild aber eher unbedeutend.

Zusammenfassung

Kurzübersicht: Das Wichtigste zur Ballade im Überblick:


  • Die Ballade ist eine Gedichtform. Es handelt sich um ein mehrstrophiges erzählendes Gedicht und somit um einen Text, der durch Verszeilen und Strophen gegliedert und von Reimen geprägt ist. Dabei findet sich häufig ein festes Metrum, das allerdings nicht vorgegeben ist.
  • In zahlreichen Werken steht außerdem die Singbarkeit des Textes und somit der öffentliche Vortrag im Vordergrund, was auf die Ursprünge der Ballade verweist. Reime und Metren steigern dabei die Singbarkeit.
  • Als wesentliches Merkmal gilt, dass die Ballade verschiedene Merkmale aller drei Gattungen der Literatur vereint und somit eine Mischform von Lyrik, Epik und Dramatik darstellt. Deshalb wurde die Gattung von Johann Wolfgang von Goethe als „lebendiges Urei“ der Dichtung bezeichnet.
  • Lyrisch ist die Ballade allein aufgrund ihrer Erscheinung, allerdings auch aufgrund der verdichteten Sprache, der Stimmung, die sie erzeugt und dem häufigen Einsatz wiederkehrender Teile (Reime, Zeilen etc.). Episch ist die Gattung, da sie zumeist linear erzählt wird, einen Spannungsbogen aufweist, mitunter eine belehrende Absicht verfolgt und bisweilen sogar ein Erzähler anwesend ist. Als dramatisch gilt, dass oftmals Dialoge und direkte Rede die Handlung vorantreiben und die Darstellung bisweilen szenisch ist sowie mitunter dem Aufbau eines Dramas folgt.
  • Sehr häufige Themen und Motive sind der Mensch im Umgang mit seinen Schwächen und Stärken oder einer äußeren Macht, die ihn schicksalhaft beeinflusst. Diese Macht kann sowohl etwas Magisches, die Gesellschaft als auch soziale Misstände und Ähnliches sein.
  • Man unterscheidet grob in zwei Balladenarten: Volks- und Kunstballade. Die Volksballade ist mündlich überliefert und stammt gewissermaßen aus dem Volk, weshalb es keinen eindeutigen Autor gibt. Im Gegensatz dazu steht die Kunstballade, die von einem Dichter erdacht und demnach als Kunstwerk angelegt wurde. Häufig münden Kunstballaden in einer Moral oder belehren ihre Leser und regen zum Nachdenken an.

Hinweis: Diese Kurzübersicht bezieht sich vordergründig auf die Kunstballade, die meist gemeint ist, wenn wir heute und vor allem im Deutschunterricht von Balladen sprechen. Sonstige Besonderheiten der Gattung sind aber im obigen Fachartikel benannt. Lediglich in dieser kurzen Zusammenfassung wurde darauf zum Zwecke der Übersicht verzichtet.


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