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Gottfried August Bürger

Gottfried August Bürger, *31. Dezember 1747 in Molmerswende im Harz, ✝8. Juni 1794 in Göttingen, war ein volkstümlicher Dichter zur Zeit der Aufklärung (vgl. Literaturepochen).

Er verkehrte mit dem sogenannten Göttinger Hainbund[1], wobei sich sein literarisches Schaffen vordergründig dem Sturm und Drang zuordnen lässt.

Sein Werk zeichnet sich vor allem durch (Kunst-)Balladen, wie etwa Lenore (1773), aus. Darüber hinaus ist seine Übersetzung und umfassende Erweiterung der Lügengeschichten um den Baron von Münchhausen weltbekannt.

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Lebenslauf

  • Am 31. Dezember 1747 kommt Gottfried August Bürger als Sohn des Pfarrers Johann Gottfried Bürger und dessen Frau Gertraud Elisabeth, geborene Bauer, in Molmerswende im Harz zur Welt.

  • Sein Vater legt wenig Wert auf die Ausbildung des Sohnes und so ergreift Bürgers Großvater, Jakob Philipp Bauer, die Initiative und nimmt den Jungen zu sich nach Aschersleben.

  • Von 1760-1763 besucht er hier zuerst die Stadtschule und dann das Pädagogium in Halle[2]. In dieser Zeit entsteht außerdem die Freundschaft zum Lyriker Leopold Friedrich Günther Goeckingk.

  • 1764 beginnt Bürger auf Drängen des Großvaters ein Studium der Theologie an der Universität in Halle, das ihn selbst aber nur wenig interessiert.
  • Im selben Jahr stirbt sein Vater und Bürger ist auf die finanzielle Unterstützung des Großvaters angewiesen.
  • Die Bekanntschaft mit dem deutschen Philologen Christian Adolph Klotz weckt sein Interesse an der Beschäftigung mit klassischer Literatur und Bürger verfasst erste poetische Texte.

  • Im Jahr 1768 wechselt Gottfried August Bürger zum Jurastudium an die Universität Göttingen.
  • Aufgrund der wilden Lebensführung Bürgers, die durchaus als unstet, exzessiv oder gar sittenwidrig bezeichnet werden kann, entzieht ihm der Großvater die Geldzuwendungen.
  • Schon während des Studiums betreibt Bürger gemeinsam mit seinem Kommilitonen und Freund Johann Erich Biester Studien zu Shakespeare. Er beginnt mit Übersetzungen von Shakespeare und Homer. Die Auseinandersetzung mit dieser Lektüre prägt ihn nachhaltig und beeinflusst sein dichterisches Schaffen.
  • Bürger widmet Biester seine Übersetzung des Macbeth, welche 1783 erscheint.
  • In Göttingen lernt Bürger Heinrich Christian Boie kennen, der ihm Freund und literarischer Berater wird. Außerdem kommt er in Kontakt mit dem Göttinger Hainbund um Hölty, Voß und Stolberg.

  • 1771 werden erste Gedichte im Göttinger Musenalmanach unter der Redaktion von Johann Christian Dieterich veröffentlicht.
  • Im selben Jahr erscheinen außerdem Auszüge des Versuchs einer deutschen Ilias[3] in Jamben in der Deutschen Bibliothek der schönen Wissenschaften.
  • Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Christoph Martin Wieland und Voß drängen Bürger zur Fortsetzung. Allerdings hemmt die Kritik Friedrich Gottlieb Klopstocks an der gewählten Versform seinen Schaffensdrang und er setzt die Arbeit daran nicht fort.

  • 1772 erhält Bürger durch Boies Hilfe die Amtmannstelle[4]
  • in Altengleichen mit Sitz in Gelliehausen bei Göttingen.

  • Durch die Anstellung gewinnt er die Anerkennung des Großvaters zurück, der ihn daraufhin erneut finanziell unterstützt.
  • In seinem Amt untersteht Gottfried August Bürger der Familie Uslar. Die Familienverhältnisse der Familie Uslar zeichnen sich durch Streit und Intrigen aus, sodass er kaum Möglichkeiten einer Rechtsprechung hat. Außerdem lohnt sich die Stelle finanziell weniger als erhofft. Bürger ist knapp bei Kasse.
  • Nun hat Bürger durch seine beruflichen Verpflichtungen wenig Zeit für seine dichterische Arbeit.
  • Das Bemühen um andere Stellen bleibt erfolglos, denn er hat aufgrund der schwierigen Arbeitsbedingungen, die sich durch eigene Nachlässigkeit und Unordnung steigern, keinen guten Ruf bei der hannoverschen Regierung.

  • 1773 bringt ihm die Ballade Lenore große Anerkennung ein und wird zu seiner berühmtesten Dichtung. Bürger gelingt hierbei auf eindrucksvolle Weise die volkstümlichen Elemente der Luther- und Kirchenliedsprache mit der Volkssprache zu verbinden.
  • 1774 erscheint die Lenore im Göttinger Musenalmanach.

  • Am 22. November 1774 heiratet Bürger die Tochter des Amtmanns Johann Carl Leonhart zu Niedeck, Dorothea Marianne Leonart, genannt Dorette. Gemeinsam ziehen sie nach Wöllmarshausen, wo sie bis 1784 wohnen.

  • Bürger wird Zügellosigkeit nachgesagt, weil er er sich in die jüngere Schwester seiner Frau, Auguste Maria Wilhelmine Eva, verliebt. Fortan führen sie eine Beziehung zu dritt.
  • Auguste zieht nach dem Tod des Schwiegervaters 1777 mit in das Haus der Eheleute. Bürger besingt sie in seinen Werken als Molly.
  • Den öffentlichen Skandal der außerehelichen Beziehung zu seiner Schwägerin verarbeitet Bürger in Beichte eines Mannes.
  • Die von der Gesellschaft verpöhnte Dreierbeziehung bringt mehrere Kinder von beiden Frauen hervor.[5]

  • 1775 nimmt die Freimaurerloge Zum goldenen Zirkel Bürger als Mitglied auf, deren Redner er von 1777 bis zu seinem Tod ist.
  • Im selben Jahr stirbt Bürgers Mutter. Aber auch der finanzielle Nachlass befreit Bürger nicht von seinen Geldnöten. Nicht nur die finanziellen Sorgen, auch häufige Krankheitsfälle erschweren Bürger das Leben.

  • 1776 will Bürger, angeregt durch Boie, weitere Teile der Ilias in der Zeitschrift Deutsches Museum herausgeben, was ihm lobende Worte durch Johann Wolfgang von Goethe einbringt.
  • Friedrich Leopold Stolberg liefert allerdings eine Übersetzung in Hexametern, so dass Bürgers anfängliche Bemühungen vorerst nicht weiter bearbeitet und somit unterbrochen werden.

  • 1778 bis 1794 übernimmt Bürger die Redaktion des Göttinger Musenalmanachs und erlangt durch die Herausgabe einer Sammlung seiner Gedichte deutschlandweite Bekanntheit.
  • Unter anderem dichtet er Des Pfarrers Tochter von Taubenheim (1778) und verarbeitet darin einen von ihm verteidigten Prozess gegen eine Kindsmörderin.
  • Bürger versucht außerdem, sein Konzept der Volkstümlichkeit, also dass alle Poesie volkstümlich sein soll, auszuarbeiten. Diese Versuche bleiben aber vor allem fragmentarisch, wie etwa die unvollendeten Ausführungen zur Popularität der Poesie.

  • Zwischen 1778 bis 1781 entstehen die Gedichte über Molly, unter anderen Molly’s Werth, An die kalten Vernünftler, Untreue über Alles und An Molly. Vor allem in seiner Liebeslyrik, die in der Tradition von Empfindsamkeit und Anakreontik[6] steht, lässt sich die Einheit aus Leben und Werk erkennen.

  • 1780 pachtet Bürger das Gut Appenrode, um seine materielle Lage zu verbessern. Auch diese Bemühungen scheitern, so dass er es 1784 nur mit Schuldenlast wieder los wird.

  • 1783 gibt Bürger seine von zahlreichen Auseinandersetzungen geprägte Amtmannstelle auf.

  • 1784 stirbt Dorette in Folge der Geburt der dritten Tochter.
  • Im selben Jahr zieht Bürger nach Göttingen und erhält eine Stelle als Privatdozent an der Universität. Er hält Vorlesungen über Ästhetik, deutsche Stilistik sowie Sprache und Philosophie.

  • 1785 im Juni heiratet Bürger seine über alles geliebte Molly.
  • Sein Glück über diese Verbindung bringt Bürger in seinem Hohen Lied von der Einzigen zum Ausdruck. Für Bürger selbst gilt dies als Höhepunkt seiner Dichtkunst.

  • 1786 und 1789 (2. erweiterte Ausgabe) übersetzt und bearbeitet Bürger die von Rudolf Erich Raspe niedergeschriebenen Lügengeschichten um den historischen Karl Friedrich Hieronymus Freiherr von Münchhausen.
  • Bis heute gelten Bürgers Übersetzungen der Wunderbaren Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Müchhausen als bekannteste ihrer Art.

  • 1786 stirbt Molly nach der Geburt einer Tochter. Dies ist für Bürger einer der härtesten Verluste.

  • Im November 1787 erhält Bürger die philosophische Doktorwürde und wird zum außerordentlichen Professor ernannt.
  • Da er trotz Ehrungen keine Festanstellung hat, ist Bürger erneut in finanzieller Not. Seine Bitten um Unterstützung bei der hannoverschen Regierung werden allerdings abgewiesen.

  • Der Trauer um die verstorbene Molly verleiht Bürger in mehreren Sonetten Ausdruck, wodurch er die Erinnerung an seine große Liebe in diversen Werken lebendig hält.

  • 1789 wird Bürger zum außerordentlichen Professor für Ästhetik ernannt.
  • Gemeinsam mit August Wilhelm Schlegel, den Bürger sehr schätzt, arbeitet er an einer Übersetzung von Shakespeares Sommernachtstraum.
  • Im selben Jahr schreibt die Schriftstellerin und Schauspielerin Elise Hahn ein Gedicht, in welchem sie ihre Begeisterung für Bürgers Gedichte beschreibt und dem Dichter ihre Liebe erklärt. Daraus entsteht ein Briefwechsel zwischen Bürger und Hahn.
  • 1790 heiratet Gottfried August Bürger Elise Hahn, die er selbst als sein Schwabenmädchen bezeichnet. Die Ehe verläuft unglücklich, da Elise ihren Mann mehrfach betrügt. Außerdem gilt sie als verschwenderisch und streitsüchtig.
  • Auch die Geburt des gemeinsamen Sohnes Agathon am 1. August 1791 kann die Ehe nicht retten.

  • Am 15. und 17. Januar 1791 erscheint eine vernichtende Kritik Über Bürgers Gedichte in der Allgemeinen Literatur-Zeitung. Sie wurde anonym von Friedrich Schiller verfasst und schwächt das angeschlagene Selbstbewusstsein Bürgers noch zusätzlich.[7]

  • In dieser Zeit verdient Bürger seinen Lebensunterhalt vor allem mit Übersetzungen. Außerdem erkrankt er an Schwindsucht.

  • Am 31. März 1792 lässt sich Bürger von Elise scheiden. Da sie vom Gericht wegen Untreue schuldig gesprochen wird, verliert sie auch ihre Mitgift von 1177 Talern.

  • In Folge der Schwindsucht verliert Bürger seine Stimme, was ihn fortan daran hindert, weitere Vorlesungen zu halten. Statt seines Gehalts erhält Bürger eine einmalige Unterstützung von 50 Talern durch die Universität.

  • Am 8. Juni 1794 stirbt Gottfried August Bürger im Alter von 46 Jahren. Er wird auf dem Bartholomäusfriedhof in Göttingen beigesetzt. Zu seiner Beerdigung kommen nur einer seiner Söhne und seine beiden Ärzte.
Exkurs: Einordnung und Meinung von Bürgers Leben (Klick!)
Bürgers Lebenslauf zeigt die schwierige Situation vieler Autoren des 18. Jahrhunderts, in der Poesie und ein bürgerlicher Beruf sich gegenseitig beeinträchtigen. Bürger bekam nicht die Gelegenheit, sein literarisches Potential voll zu entfalten. Seine Position als Amtmann nahm viel Zeit und Muße in Anspruch, die ihm folglich für sein literarisches Schaffen fehlten.

Auch mangelte es an Erfahrungen und Austausch mit Gleichgesinnten. So schreibt er in einem Brief an Boie: „Ich strebe, was Größeres zu umfassen. Wenn ich nur aus diesem isolierten Winkel herauswäre und auf dem vollen Markt des menschlichen Lebens besser mich umsehen könnte.“ (an Boie, 15. September 1776)

Persönliche Schicksalschläge warfen ihn zusätzlich zurück, hemmten das Schreiben und isolierten ihn. Viele Schreibversuche scheiterten oder verliefen im Sande. Statt sich durchzubeißen und effektiv eine Sache zu Ende zu bringen, gab er oft auf und ließ sich durch die Kritiken anderer entmutigen.

So schrieb einst Goethe über Bürger: „Es ist traurig anzusehen, wie ein außerordentlicher Mensch sich gar oft mit sich selbst, seinen Umständen, seiner Zeit herumwürgt, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen. Tauriges Beispiel Bürger.“ (Maximen und Reflexionen, 1833)

Trotz aller Hemmnisse und Schwierigkeiten gilt Bürger als einer der bedeutendsten Dichter des Sturm und Drang, da er aufgrund der Volkstümlichkeit eine unmittelbare Verbindung zu einem weitgefächerten Publikum hatte. Mit seiner Lenore schaffte Bürger einen entscheidenden Beitrag zur Balladenpoesie. Und auch die Rezeption Bürgers Gedichte (zahlreiche Übersetzungen und Vertonungen) zeigt seine Einflussnahme auf die literarische Welt.

  • [1] Der Göttinger Hainbund ist eine deutsche literarische Gruppe im Sturm und Drang, die die Natur verehrt. Gegründet am 12. September 1772 von Johann Heinrich Voß, Ludwig Christoph Heinrich Hölty, den Grafen Stolberg, Johann Martin Miller, Gottlieb Dieterich von Miller, Johann Friedrich Hahn und Johann Thomas Ludwig Wehrs in Göttingen.

  • [2] Als Pädagogium wurde eine schulische Bildungseinrichtung mit überdurchschnittlichen Anforderungen bezeichnet.

  • [3] Die Ilias ist ein Vers-Epos aus Mythen und Erzählungen um den Trojanischen Krieg und die Olympischen Götter (Linktipp: fabelwesen.net). Sie wird dem antiken Dichter Homer zugeschrieben.

  • [4] Bürger hat die Gerichtshalterstelle inne, ist also für die Rechtsprechung in Altengleichen zuständig. Er untersteht der Familie Uslar, die wiederum der großbritannischen Regierung in Hannover untersteht.

  • [5] Bürger hatte fünf Kinder von den beiden Schwestern: Dorette bringt 1775 Antoinette zur Welt, die bereits 1777 stirbt. 1778 kommt Marianne Friederike zur Welt (✝1862). 1782 bekommt Molly einen Sohn, der den Namen August Emil trägt. Um das Kind möglichst zu verheimlichen, wächst der Junge bei Bürgers Schwester Friederike Müllner auf. Emil wird Buchhändler und stirbt 1841 in Leipzig. Durch Dorette erblickt Auguste Wilhelmine 1784 das Licht der Welt, die nur wenige Monate nach der Geburt stirbt. 1786 bringt Molly ein weiteres Kind zur Welt, Anne Auguste Henriette Ernestine. Das Mädchen wächst bei Mollys Schwester Anna in Bissendorf auf. Ein sechstes Kind gebiert Bürgers dritte Ehefrau Elise Hahn 1791. Der Sohn Agathon, der schwächlich und vermutlich geistig behindert ist, stirbt 1813.

  • [6] Als Anakreontik wird eine literarische Stilrichtung in der Zeit des Rokokos Mitte des 18. Jahrhunderts bezeichnet. Sie ist nach dem altgriechischen Lyriker Anakreon benannt und geht auf die Lyriksammlung Anakreonteia zurück. In der Anakreontik werden vor allem Themen wie Liebe, Natur, Freundschaft, Wein und Geselligkeit behandelt.

  • [7] Schiller und auch Goethe wenden sich im Zuge der Französischen Revolution vom Konzept der Volkstümlichkeit des Sturm und Drang ab, während Bürger weiter daran festhält. Dieser Umstand veranlasst Schiller zur Kritik an Bürger, der von anderen aufgrund seiner Volkstümlichkeit nach wie vor geschätzt wird.

Werke

  • Lyrik (Auswahl)
    • Lenore, Ballade, 1773
    • Der Bauer an seinen durchlauchtigen Tyrannen, Gedicht, 1773
    • Der Raubgraf, Ballade, 1775
    • Die Weiber von Weinsberg, Ballade, 1776
    • Das Lied vom braven Manne, Ballade, 1777
    • Neue weltliche hochteutsche Reime, unter dem Pseudonym M. Jocosus Hilarius, 1777
    • Gedichte, Gedichtband mit 8 Kupferstichen von Chodowiecki, 1778
    • Des Pfarrers Tochter von Taubenhain, Ballade, 1781
    • Der wilde Jäger, Ballade, 1785
    • Gedichte, Band 2, Gedichtband 1781

  • Erzählungen
    • Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen: wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt, Lügengeschichte, 1786

  • Übersetzungen (Auswahl)
    • Ilias von Homer, in Jamben, blieb fragmentarisch, 1771/76/84
    • Anthia und Abrokomas von Xenophon von Ephesos, 1775
    • Proben einer Übersetzung von Ossians Gedichten, In: Deutsches Museum, 1. Band, 1779
    • Macbeth von William Shakespeare, 1784
    • Jugendjahre von Benjamin Franklin, 1792

  • Schriften & Reden (Auswahl)
    • Über Volkspoesie In: Daniel Wunderlichs Buch, 1776
    • Über den moralischen Mut, Freimaurerrede, 1781
    • Ermunterung zur Freiheit, Freimaurerrede, 1790


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