WORTWUCHS | Literaturlexikon

Das Kind mit dem Gravensteiner1

Detlev von Liliencron

  1. Ein kleines Mädchen von sechs, sieben Jahren,
  2. Mit Kornblumenaugen und strohgelben Haaren,
  3. Kommt mit einem Apfel gesprungen,
  4. Hat ihn wie einen Ball geschwungen,
  5. Von einer Hand ihn in die andre geflitzt,
  6. Dass er blendend im grellen Sonnenlicht blitzt.
  7. Sie sieht im Hofe hoch aufgetürmt
  8. Einen Holzstoß, und ist gleich hingestürmt.
  9. Und wie ein Kätzchen, katzenleicht,
  10. Hat sie schnell die Spitze erreicht,
  11. Und hockt nun dort, und will mit Begehren
  12. Den glänzenden, goldgelben Apfel verzehren.
  13. Da, holterdipolter! pardauz! pardau!
  14. Bricht zusammen der künstliche Bau.
  15. Wie bei Bergrutsch und Felsenbeben
  16. Haben Bretter und Scheite nachgegeben;
  17. Wie alle Neun im Kegelspiel,
  18. So alles übereinander fiel.
  19. Die Leute im Hofe haben’s gehört
  20. Und laufen hin entsetzt und verstört;
  21. Die Mutter liegt ohnmächtig, Gott erbarm,
  22. Einem raschen Nachbarn im hilfreichen Arm.
  23. Nun geht’s ans Räumen der Trümmer von oben,
  24. Vorsichtig wird Stück für Stück gehoben,
  25. Vorsichtig geht’s weiter in dumpfem Schweigen,
  26. Der Atem stockt: Was wird sich zeigen?
  27. Da – sitzt in einer gewölbten Halle
  28. Das lächelnde Kind wie die Maus in der Falle,
  29. Hat schon vergessen den Purzelschrecken,
  30. Und beißt in den Apfel und lässt sich’s schmecken.

[1] Als Gravensteiner wird eine Apfelsorte bezeichnet. Der Gravensteiner ist ein Sommerapfel, der von Ende August bis Mitte September erntereif ist.

Erläuterungen

Hintergrund

Detlev von Liliencrons Ballade Das Kind mit dem Gravensteiner aus dem Jahr 1909 erzählt von einem Unglück, das letzten Endes und zur Überraschung aller gut ausgeht.