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Adelbert von Chamisso

Adelbert von Chamisso, * 30.01.1781 als Louis Charles Adelaide de Chamisso auf dem Schloss Boncourt in der Champagne (Frankreich), † 21.08.1838 in Berlin, gilt als bedeutender deutscher Naturforscher und Dichter.

Dem französischen Muttersprachler gelang es, sehr wichtige Werke in deutscher Sprache zu verfassen. Großer Bekanntheit erfreuen sich hierbei das Kunstmärchen Peter Schlemihls wundersame Reise und das Gedicht Das Riesenspielzeug.

Die Ambivalenz, zweier Nationen anzugehören und stets einen Platz in der Gemeinschaft zu finden, spiegelt sich in seinem Werk wider. Als Vertreter der Romantik bekam sein Schaffen immer realistischere Tendenzen, wobei er zum bedeutenden Vorbild der Vormärzliteratur wurde (vgl. Epochen).

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Lebenslauf

  • 1781: Adelbert von Chamisso wird am 30.01. als Louis Charles Adelaide de Chamisso auf dem Schloss Boncourt in der Champagne in Frankreich geboren. Er ist das vierte von sieben Kindern des Grafen Louis Marie de Chamisso.

  • Die Wirren der Französischen Revolution lässt die Familie 1790 über die Niederlande und Süddeutschland ins Exil fliehen. Sie lassen sich schließlich 1796 in Berlin nieder.
  • Der junge Adelbert tritt in den preußischen Dienst, wird Page[1] der Königin Friederike Luise und besucht das Französische Gymnasium. Mit 15 Jahren erlernt er die deutsche Sprache.

  • 1798 beginnt seine Militärlaufbahn als Fähnrich[2] im Berliner Regiment.

  • Chamissos Interesse gilt den aufklärerischen Schriften Jean Jaques Rousseaus und Schillers Dichtung. Über diese eignet er sich bürgertümliche Moralvorstellungen an, die ihn zeit seines Lebens prägen. Dies bedeutet aber auch eine Distanzierung vom Stand der eigenen Familie.
  • Als diese 1801 ins napoleonische Frankreich zurückkehren darf, bleibt Adelbert (wie er sich ab diesem Zeitpunkt selber nennt) in Berlin. Sowohl finanzielle als auch geistige Gründe erwecken in ihm eine Heimatverbundenheit.

  • Ab 1803 nimmt er an Vorlesungen August Wilhelm Schlegels teil, welcher als Mitbegründer der Romantik gilt, und gründet mit Julius Eduard Hitzig, Karl August Varnhagen und anderen die literarische Gruppe Nordsternbund.
  • Der Nordsternbund hat sich den Leitgedanken der Frühromantik verpflichtet. 1804-1806 geben sie einen Musenalmanach heraus, in dem Chamisso erstmals deutsche Gedichte publiziert.

  • Auf preußischer Seite kämpfend, erleidet Chamisso 1806 die Niederlage gegen Napoleon in Hameln, welche eine persönliche Niederlage nach sich zieht. Als Franzose fühlt er sich heimatlos und isoliert, empfindet sich aber im Kreis deutsch-national gesonnener Romantiker fehl am Platz.

  • Chamisso verlässt den Militärdienst und versucht vergeblich, in Frankreich Fuß zu fassen. In der französischen Hauptstadt Paris übersetzt er Literaturvorlesungen Schlegels, wird Freimaurer[3] in der Loge Châlons-sur-Marne und schließt sich letzlich dem Kreis um Frau von Staël an, einer französischen Schrifstellerin, der er ins Exil in die Schweiz folgt. Frau von Staël musste Frankreich verlassen, da ihre Werke als unfranzösisch galten, Deutschland idealisierten und somit indirekt Napoleon kritisierten.

  • Im Frühjahr 1812 wagt Chamisso einen Neustart, worüber er Folgendes schreibt:
„Ich will alle Naturwissenschaften mehr oder weniger umfassen und in einigen Jahren als ein gemachter Mann und ein rechter Kerl vor mir stehen.“
  • Zurück in Berlin gehört er den Separationsbrüdern an, dem literarischen Freundeskreis um E.T.A. Hoffmann. Er beginnt an der Unversität vor allem botanische Studien, die vom deutschen Befreiungskampf gegen Napoleon unterbrochen werden.
  • Darüber verzweifelt verarbeitet er dieses Erleben in seinem Kunstmärchen Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Dieser verkauft dem Teufel statt seiner Seele seinen Schatten, wird somit aber aus der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen und wandert heimatlos mit Siebenmeilenstiefeln durch die Welt.
  • Da er das Angebot des Teufels, den Schatten gegen die Seele zurückzutauschen, ausschlägt, verbringt er nun sein Leben auf Reisen als Naturforscher. Die autobiografischen Züge und die genauen Beschreibungen der Seelenzustände seiner Figuren, bescheren dem Werk nach der Veröffentlichung 1814 einen sagenhaften Erfolg.

  • Gleich dem Protagonisten seiner Erzählung, nimmt Chamisso von 1815-1818 als Botaniker an einer Expedition in den Pazifik und die Arktis teil. Unter der Führung des russischen Kapitäns Otto von Kotzebue erstellt er Karten, nimmt die Flora Alaskas auf und schildert die Lebensgewohnheiten der Eskimos und Aleuten.
  • In diesen Schilderungen kritisiert er die dort herrschenden russischen Kolonialherrschaft.

  • Anders als sein Held Peter Schlemihl, erhält Chamisso nach seiner Rückkehr soziale Anerkennung und wird so 1819 zum Ehrendoktor der Berliner Universität ernannt. Außerdem wird er wissenschaftlicher Sachbearbeiter am Botanischen Garten des Königlichen Herbariums.

  • 1819 heiratet er außerständisch die langjährige Freundin Antonie Piaste, die Pflegetochter seines Freundes Hitzig. Aus der Ehe gehen sieben Kinder hervor.

  • In den Folgejahren veröffentlicht er die Forschungsergebnisse der Expedition und wird als Botaniker, Zoologe, Ethnograph und Sprachforscher bekannter. Die Berliner Akademie der Wissenschaften wählt ihn 1835 zum Mitglied.

  • Auch auf seine Dichtung zeigt die Weltreise Wirkung. 1831 veröffentlicht er ältere Gedichte, die bis dato in seinem Poetischen Hausbuch verborgen waren in einer Gesamtausgabe und ernet dafür sensationellen Ruhm.
  • 1836 erscheint sein Reisetagebuch, in dem er den „naturphilosophisch-poetischen Kram“ der deutschen Dichter ablehnt. Der Romantiker Chamisso entwickelt sich thematisch zum Realisten, der sich der wissenschaftlichen Erfahrung und dem moralischen Einsatz verpflichtet fühlt.

  • Inspiriert von den politischen Chansons Pierre Jean Bérangers, schreibt Chamisso als erster volkstümliche soziale Gedichte in Deutschland. Sein sozialkritisches Flugblattgedicht Die alte Waschfrau bringt 1838 einer Berliner Mutter in Not Spenden in Höhe von 150 Reichstalern ein.
  • Das Gedicht macht ihn zum Vorbild der Vormärzliteratur. Während die Vormärzliteraten radikal-demokratisches Gedankengut vertreten, spricht sich Chamisso öffentlich für Reformen in einer konstitutionellen Monarchie aus.[4]

  • Von 1832-1838 überarbeitet er, anfänglich gemeinsam mit Gustav Schwab, den Deutschen Musenalmanach. Heinrich Heine erklärt ihn zum Mittler zwischen den Generationen, indem er Folgendes über Chamisso schreibt:
„Obgleich Zeitgenosse der romantischen Schule, an deren Bewegungen er teilnahm, hat doch das Herz dieses Mannes sich in der letzten Zeit so wunderbar verjüngt, daß er in ganz andere Tonarten überging, sich als einer der eigentümlichsten und bedeutendsten modernen Dichter geltend machte und weit mehr dem jungen als dem alten Deutschland angehört.“
  • Adelbert von Chamisso stirbt am 21.08.1838 an Lungenkrebs in Berlin und wird auf dem Friedhof in Berlin-Kreuzberg beigesetzt.

  • Zu Ehren Chamissos wurden diverse Pflanzen- und Tiergattungen nach ihm benannt, wie auch die während der Expedition entdeckten Inseln seinen Namen erhielten. Seit 1985 vergibt die Robert Bosch Stiftung den Adelbert-von-Chamisso-Preis, den Literaturpreis für deutschsprachige Migrantenliteratur.

[1] Als Page bezeichnete man seit dem 18. Jahrhundert Hofbedienstete. Meist übernahmen junge Adlige diese Aufgaben, um selbst auf ihre späteren Aufgaben vorbereitet zu werden.

[2] Fähnrich ist ein militärischer Dienstgrad. In Preußen waren Fähnriche Offiziersanwärter und ursprünglich adliger Herkunft. Später war dies allerdings keine Voraussetzung mehr und bürgerliche Bildung wurde zur Zugangsvoraussetzung für den Dienstgrad.

[3] Als Freimaurer wurde ein Bund freier Menschen bezeichnet, die die Überzeugung teilten, dass die stete Arbeit an sich selbst zu einem besseren und menschlicheren Verhalten führt.

[3] Die konstitutionelle Monarchie ist eine Form der Monarchie und somit eine Staatsform. Hier wird die Macht des Monarchen durch eine Verfassung beschränkt.

Werke

  • Adelberts Fabel, 1806
  • Fortunati Glückseckel und Wunschhütlein, 1806
  • Der Rechte Barbier, 1806 (nach Johann Peter Hebels Der Barbierjunge von Segringen)
  • Peter Schlemihls wundersame Geschichte, Märchenerzählung, 1814
  • Bemerkungen und Ansichten einer Entdeckungsreise, 1821
  • De animalibus quibusdam e classe Vermium Linnaeana in circumnavigatione terrae, 1821 (gemeinsam mit Carl Wilhelm Eysenhardt)
  • Untersuchung eines Torfmoores bei Greifswald und ein Blick auf die Insel Rügen., 1824
  • Ueber die Torfmoore bei Colberg, Gnageland und Swinemünde., 1825
  • Die Sonne bringt es an den Tag, Ballade, 1827
  • Salas y Gomez, Ballade, 1829
  • Frauen-Liebe und Leben, Liederzyklus, 1830
  • Lieder im Skizzenbuch von Franz Kugler, 1830
  • Das Riesenspielzeug, 1831
  • Gedichte, 1831
  • Die Weiber von Winsperg, 1831
  • Der deutsche Musenalmanach, seit 1832 (Herausgeber, zusammen mit Gustav Schwab)
  • Reise um die Welt in den Jahren 1815–1818, Tagebuch, 1836
  • Über die Hawaiische Sprache, 1837


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