Das Reimschema bezeichnet die Endung eines Verses und dessen Verhältnis zu anderen Versen innerhalb eines Gedichtes. Anders ausgedrückt, können wir mithilfe des Reimschemas angeben, welche Endungen sich in einer lyrischen Strophe oder dem ganzen Gedicht aufeinander reimen und diese Reimfolgen durch wiederkehrenden Buchstaben angeben.

In diesem Zusammenhang fallen dann Kürzel wie ABAB oder ABBA und meinen damit keine schwedische Popgruppe, sondern die einzelnen Reime in einem Werk. Würden wir beispielsweise die erste Strophe aus Heinrich Heines Gedicht Die Wanderratten betrachten, könnte uns auffallen, dass sich die unterstrichenen Wörter aufeinander reimen.


Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.

Das bedeutet, dass diese Wörter sehr ähnlich und fast gleich klingen. Wie etwa Sonne und Wonne oder Maus und Haus, wodurch das Gedicht einen ganz eigenen Rhythmus bekommt. Allerdings können wir in Heines Werk auch feststellen, dass sich Ratten zwar auf satten und Haus auf aus reimt, doch nicht andersherum. Haus und Ratten klingt eben nicht gleich und reimt sich demzufolge auch nicht.

Um das Reimschema nun klar zu erkennen, müssten wir die obige Unterteilung ein wenig verändern, sodass das Reimschema deutlicher hervortreten kann. Idealerweise markieren wir hierfür die Wörter, die sich aufeinander reimen, in unterschiedlichen Farben. Eventuell nutzen wir dafür farbige Textmarker.


Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.

Nun sehen wir ganz deutlich, welche Wörter sich aufeinander reimen und können das Reimschema des Textes bestimmen. Prinzipiell könnten wir festhalten, dass das Reimschema zweimal rot und zweimal grün ist. Oder noch ein wenig genauer ausgedrückt: rot, rot, grün, grün.

In der Literaturwissenschaft hat man sich allerdings darauf verständigt, gleiche Buchstaben zu verwenden, um das Reimschema zu kennzeichnen und nutzt keine Farben. Das liegt darin begründet, dass Farben nicht in jedem Medium fehlerfrei dargestellt werden können und vielleicht auch daran, dass nicht alle Menschen die gleichen Textmarker zu Hause haben?

Also setzen wir nun für das Rote den Buchstaben A und für die grüne Markierung den Buchstaben B ein. Allerdings hat man sich außerdem auf eine Kleinschreibung bei der Angabe des Reimschemas verständigt, weshalb unsere Buchstaben a und b sind.

a
a
b
b
Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.
Das Reimschema in der ersten Strophe des Gedichts wäre also aabb. Diese Buchstabenfolge wird als Paarreim bezeichnet. Da dieses Muster sehr eingängig und einfach ist, taucht der Paarreim häufig in Kinderliedern oder Zaubersprüchen auf und ist somit eines der häufigsten Reimschemata.

Hinweis: Am Ende des Beitrags finden Sie noch eine Übersicht aller gängigen Reimschemata, die uns in der Lyrik begegnen können. Vorab möchten wir das Gezeigte aber noch anhand eines anderen Werkes illustrieren und die grundsätzliche Vorgehensweise durch weitere Beispiele verdeutlichen.

Reimschema erkennen

Das vorgestellte Prinzip lässt sich nun natürlich übertragen. Das bedeutet, dass wir in einem Gedicht immer die Endungen gleichfarbing markieren, die sich aufeinander reimen. Es muss nämlich nicht immer ein Paarreim sein, der sich hinter einem Gedicht verbirgt.

Schauen wir uns gemeinsam das Dinggedicht Der Panther von Rainer Maria Rilke an und markieren auch hierbei die unterschiedlichen Reime. Das Reimschema ist dabei ein wenig komplexer, folgt aber dennoch einem durchschaubaren und wiederkehrendem Muster.

a
b
a
b

c
d
c
d

e
f
e
f

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Wir können im obigen Gedicht abermals ein fortlaufendes Muster erkennen, das in den einzelnen Zeilen wiederkehrend ist. So reimt sich Stäbe auf gäbe und hält auf Welt. Demnach könnten wir festhalten, dass sich der erste Vers einer Strophe auf den dritten und der zweite Vers auf den vierten reimt.

In Heines Werk reimte sich immer die nachfolgende Zeile auf die vorherige, weshalb wir das Ganze zum Paarreim erklärten (aabb). In Rilkes Gedicht finden wir allerdings das Reimschema abab, was mit dem Begriff Kreuzreim, weil die Reime ineinander verkreuzt sind, bezeichnet wird.

Hinweis: Die anderen Buchstaben, also c, d, e und f sind nur dafür da, um die verschiedenen Reime voneinander zu unterscheiden. Prinzipiell ist das Reimschema natürlich abab. Allerdings reimt sich der erste Vers der zweiten Strophe nicht auf den ersten Vers der ersten Strophe, weshalb wir einen neuen Buchstaben zum Kennzeichnen benutzen.

Reimschema im Überblick

Natürlich gibt es weitere Reimschemata neben Kreuz- und Paarreim. Da aber nicht unendliche Kombinationen möglich sind, unterscheidet man zwischen zehn Formen.

In der Folge finden Sie nun eine übersichtliche Liste der einzelnen Arten. Allerdings möchten wir anmerken, dass die letztgenannten Reimschemata wirklich selten sind. Schüler sollten sich vor allem auf die ersten 7 Schemata konzentrieren und die anderen Muster allenfalls streifen.

Hinweis: Das Wichtigste ist nämlich, dass uns Unregelmäßigkeiten beim Lesen auffallen, weshalb eine genaue Kenntnis der Bezeichnungen für sehr seltene Sonderfälle nicht immer notwendig ist. In diesem Fall ist es meist ausreichend, die Abfolge der Reime durch die Buchstabenfolge anzugeben.

Paarreim

Das Reimschema des Paarreims haben wir in Heines Werk schon kennengelernt. Es beschreibt, dass sich zwei aufeinanderfolgende Verse reimen. Das Reimschema ist hierbei aabb (ccdd, eeff usw.).

a
a
b
b
Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.

Kreuzreim

Das Reimschema im Kreuzreim haben wir in Rilkes Gedicht gefunden. Es bedeutet, dass sich die erste Zeile einer Strophe auf die dritte und die zweite auf die vierte reimt. Der Kreuzreim wird auch als Wechselreim bezeichnet. Das Reimschema im Kreuzreim ist immer abab (cdcd, efef usw.).

a
b
a
b
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Umarmender Reim

Das Reimschema im umarmenden Reim finden wir in einem Aphorismus von Goethe. Der umarmende Reim wird mitunter auch umfassender Reim, Blockreim, umschließender Reim oder eingebetteter Reim genannt. Dennoch folgt er strikt dem Reimschema abba (cddc, effe usw.). Der Name geht darauf zurück, dass ein Reimpaar ein anderes einschließt, also gewissermaßen umarmt.

a
b
b
a
Ein reiner Reim ist sehr begehrt,
doch den Gedanken rein zu haben,
die edelste von allen Gaben,
das ist mir alle Reime wert.

Haufenreim

Im Haufenreim haben wir ein sehr deutliches Reimschema. Hier wechseln sich die reimenden Endungen nicht ab, sondern bleiben innerhalb einer Strophe immer gleich. Die Reime sind also gewissermaßen angehäuft. Im nachfolgenden Gedicht finden wir folglich das Reimschema aaaa (bbbb, cccc usw.).

a
a
a
a
auf den hohen Felsenklippen
sitzen sieben Robbensippen
die sich in die Rippen stippen
bis sie von den Klippen kippen

Verschränkter Reim

Das Reimschema im verschränkten Reim können wir im Gedicht „Der Kuß im Traume“ von Karoline von Günderrode nachvollziehen. Hierbei werden die einzelnen Reimpaare gewissermaßen ineinander verschränkt. Das Reimschema folgt hierbei dem Muster abcabc.

a
b
c
a
b
c
Der Tag ist karg an liebesüßen Wonnen,
Es schmerzt mich seines Lichtes eitles Prangen
Und mich verzehren seiner Sonne Gluthen.
Drum birg dich Aug‘ dem Glanze irrd’scher Sonnen!
Hüll‘ dich in Nacht, sie stillet dein Verlangen
Und heilt den Schmerz, wie Lethes kühle Fluten

Schweifreim

Im Schweifreim ist das Reimschema eine Verbindung bereits bekannter Reimschemata. Hierbei werden die ersten beiden Verse aus einem Paarreim gebildet, worauf sich in den folgenden Zeilen ein umarmender Reim anschließt. Ein Beispiel finden wir in Matthias ClaudiusAbendlied. Das Reimschema ist aabccb.

a
a
b
c
c
b
Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar;
der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.

Kettenreim

Das Reimschema im Kettenreim wirkt auf den ersten Blick ein wenig komplizierter. Jedoch folgt das Schema ebenfalls einem festen Muster, das wir erkennen können. In Goethes Gedicht Im ernsten Beinhaus war’s finden wir eine schöne Strophe, die diesem Reimschema entspricht. Der Kettenreim wird auch als Terzine oder Terzinreim bezeichnet. Das Reimschema ist hier aba bcb cdc.

a
b
a
b
c
b
c
d
c
Im ernsten Beinhaus war’s, wo ich beschaute
Wie Schädel Schädeln angeordnet paßten;
Die alte Zeit gedacht‘ ich, die ergraute.
Sie stehn in Reih‘ geklemmt‘ die sonst sich haßten,
Und derbe Knochen, die sich tödlich schlugen,
Sie liegen kreuzweis, zahm allhier zu rasten.
Entrenkte Schulterblätter! was sie trugen
Fragt niemand mehr, und zierlich tät’ge Glieder,
Die Hand, der Fuß, zerstreut aus Lebensfugen.

Kehrreim

Der Kehrreim hat kein striktes Reimschema, sondern kann jedes Mal anders gestaltet sein. Vielmehr geht es hierbei um die Wiederholung eines oder mehrerer Verse innerhalb des Werks.

Das kann ein wiederkehrendes Element vor einer Strophe (Anfangskehrreim), am Ende jeder Strophe (Endkehrreim), zwischen den Strophen (Binnenkehrreim) oder auch zwischen der zweiten, dritten oder vierten Strophe (periodischer Kehrreim). Außerdem kennen wir den binnenstrophigen Kehrreim, der sich auf die Wiederkehr in einer einzigen Strophe beschränkt.

Was sich kompliziert liest, ist es eigentlich gar nicht. Denn jedes Lied, das einen Refrain hat, bildet in diesem folglich das Reimschema des Kehrreims.

Es wird also immer einer bestimmte Zeile nach jeder Strophe wiederholt. Wir bezeichnen das Ganze auch als Kehrreim, wenn sich dabei im Laufe des Liedes einzelne Teile des Refrains ändern.

Körner(-reim)

In einem Körner, auch Körnerreim, finden sich in den einzelnen Strophen selbst keine Reimpaare. Allerdings beziehen sich die Reimendungen auf die nachfolgenden Strophen des lyrischen Textes. Das heißt, dass ein Werk auch nach dem Muster abcd efgh abcd efgh funktionieren kann. Dadurch kann mithilfe des Reimschemas ein Bezug zwischen den einzelnen Strophen des Werkes hergestellt werden

Waise

Die Waise bezeichnet einen Vers innerhalb einer Strophe, der sich nicht in das übergeordnete Reimschema einordnet. Sie steht dabei oft am Ende einer Strophe und passt – jedenfalls in puncto Reimschema – nicht zu den anderen Versen, die mitunter einem bestimmten Reimschema folgen. Der Buchstabe b illustriert im nachfolgenden Gedicht die Reim-Waise.

a
b
a
Manches gleicht sich sehr.
Beim Laufenlernen und im Alter
fällt das Gehen schwer.
Abschließender Hinweis zum Reimschema

Natürlich gibt es auch Gedichte, die keinem einzigen Reimschema folgen. Das bedeutet also, dass wir auch annehmen können, wenn keines der vorgestellten Reimschemata passt, dass sich das Werk schlicht und ergreifend nicht reimt. Vor allem in aktueller Lyrik finden sich selten solche Reimformen.

Wir hoffen, dass in diesem Beitrag alle Fragen rund ums Reimschema beantwortet wurden. Sollten Ihrerseits noch weitere Fragen bestehen, freuen wir uns über eine Nachricht oder ein Feedback.

Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Reimschema
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001