widerlich

Widerlich: Starken Ekel oder heftige Ablehnung hervorrufend. Bei der Beschreibung von Menschen oder Verhalten ist widerlich eine scharfe, abwertende Beurteilung und kein neutrales Charaktermerkmal.

Was bedeutet widerlich?

Widerlich kann zunächst eine körperliche Abneigung bezeichnen, etwa gegen einen Geruch oder Geschmack. Im übertragenen Gebrauch richtet sich die heftige Ablehnung gegen ein Verhalten oder eine Person. Das Wort sagt dann sowohl etwas über den Anlass als auch über die starke Reaktion der bewertenden Person aus.

In einer Charakterisierung ist deshalb Genauigkeit wichtig. „Er verhält sich widerlich“ erklärt noch nicht, ob jemand andere demütigt, Schaden ausnutzt oder eine bestimmte Grenze verletzt. Eine konkrete Beschreibung macht das Urteil nachvollziehbar. Als bloßes Schimpfwort kann widerlich dagegen die sachliche Analyse ersetzen und die ganze Person herabsetzen.

Eine literarische Figur kann etwas widerlich finden, das die Erzählung anders einordnet. Die eigene Analyse muss diese Perspektive kenntlich machen. Auch körperliches Aussehen, Armut oder eine fremde Gewohnheit sind kein Beweis für moralische Minderwertigkeit; eine entsprechende Abwertung kann vor allem die Haltung des Sprechers zeigen.

Auf den PunktWiderlich für wen – und aufgrund welcher Handlung? Das starke Urteil sollte einer Perspektive zugeordnet und durch den Text geprüft werden.

Beispiele und Verwendung

Die Erzählerin empfindet es als widerlich, dass der Gast über den Unfall seines Nachbarn spottet.

So ist es gemeint: Die moralische Ablehnung erhält einen konkreten Anlass.

Aus dem Abfluss kam ein widerlicher Geruch.

So ist es gemeint: Hier steht die körperlich unangenehme Wahrnehmung im Vordergrund.

Er nannte die alte Kleidung widerlich; die Szene zeigt dabei vor allem seine Geringschätzung der Trägerin.

So ist es gemeint: Das Urteil wird dem Sprecher zugeordnet und nicht als Charaktereigenschaft der betroffenen Person übernommen.

Typische Verbindungen: widerlich riechen, etwas widerlich finden, widerliches Verhalten. Verstärkend steht das Wort auch vor einem anderen Adjektiv, etwa widerlich süß.

Synonyme und Bedeutungsunterschiede

ekelhaft
Ist bei körperlichem Ekel sehr nah verwandt und kann ebenfalls als scharfe Abwertung gebraucht werden.
gehässig
Benennt genauer eine feindselige, verletzende Haltung. Das kann ein Grund sein, weshalb Verhalten als widerlich empfunden wird.
gemein
Beschreibt im entsprechenden Gebrauch eine verletzende oder unfaire Art. Es ist häufig genauer auf das Handeln bezogen, bleibt aber ebenfalls wertend.

Angenehm passt als Gegensatz einer sinnlichen Wahrnehmung. Achtenswert oder anständig kann bei Verhalten gegensätzlich wirken; die passende Gegenbeschreibung hängt vom gemeinten Grund der Ablehnung ab.

Widerlich in einer Charakterisierung

Die folgende Szene und die Musterformulierung sind eigens erfunden. Sie stammen aus keinem literarischen Werk.

Beispielsituation

In einer erfundenen Erzählung verliert eine Nachbarin durch einen Wasserschaden mehrere Erinnerungsstücke. Ein Besucher lacht über ihre Tränen und nennt die Gegenstände wertlosen Kram. Die Erzählerin bezeichnet seinen Spott als widerlich, während eine zweite Figur die beschädigten Fotos vorsichtig zum Trocknen auslegt.

  1. Beobachtung: Der Besucher verspottet den erkennbaren Verlust und spricht den Erinnerungen jeden Wert ab. Die Erzählerin reagiert mit ausdrücklicher Ablehnung.
  2. Deutung: Widerlich bezeichnet hier die Bewertung seines verletzenden Verhaltens, nicht eine äußerliche Eigenschaft.
  3. Grenze der Aussage: Die Analyse kann die Grausamkeit des Spotts beschreiben, ohne den Menschen insgesamt als wertlos zu behandeln. Über seine übrigen Beziehungen liefert die Szene keine Informationen.

Musterformulierung

Die Erzählerin bewertet den Spott des Besuchers als „widerlich“. Sein Lachen über die Tränen und die Abwertung der Erinnerungsstücke begründen diese starke Ablehnung innerhalb der Szene. Die vorsichtige Hilfe der zweiten Figur verdeutlicht im Kontrast, welche Anteilnahme fehlt.

Der Absatz zitiert nur das ausdrücklich erfundene Szenenwort und ordnet es der Erzählerin zu. Er ersetzt die Handlung nicht durch ein pauschales Schimpfwort, sondern erklärt dessen Anlass.

Übertrage diese Vorgehensweise auf deine Lektüre: Nenne die konkrete Handlung oder Äußerung und belege sie am vorliegenden Text. Die Anleitung zur Charakterisierung zeigt, wie du solche Einzelbeobachtungen zu einem begründeten Gesamtbild verbindest.

Grammatik und richtige Schreibweise

Wortart
Adjektiv (Eigenschaftswort)
Worttrennung
wi·der·lich
Verwandtes Nomen
der Widerwille; die Widerlichkeit

Widerlich wird mit wider- geschrieben, ohne zusätzliches e. Formen sind ein widerlicher Geruch und mit widerlichen Bemerkungen. Als Verstärkung eines anderen Adjektivs bleibt die Form unverändert: eine widerlich süße Creme. Die Steigerung drückt das Ausmaß der empfundenen Ablehnung aus, nicht eine objektive Rangordnung von Menschen.

Grundformwiderlich
Komparativwiderlicher
Superlativam widerlichsten

Beugung: Welche Endung passt?

Vor einem Nomen erhält das Wort eine Endung. Sie richtet sich nach Fall, Geschlecht, Zahl und Begleitwort. Die Endungen sind unten hervorgehoben.

Stark – ohne Artikel
FallMaskulinFemininNeutrumPlural
Nominativwiderlicherwiderlichewiderlicheswiderliche
Genitivwiderlichenwiderlicherwiderlichenwiderlicher
Dativwiderlichemwiderlicherwiderlichemwiderlichen
Akkusativwiderlichenwiderlichewiderlicheswiderliche
Schwach – mit bestimmtem Artikel
FallMaskulinFemininNeutrumPlural
Nominativder widerlichedie widerlichedas widerlichedie widerlichen
Genitivdes widerlichender widerlichendes widerlichender widerlichen
Dativdem widerlichender widerlichendem widerlichenden widerlichen
Akkusativden widerlichendie widerlichedas widerlichedie widerlichen
Gemischt – mit ein oder kein
FallMaskulinFemininNeutrumPlural
Nominativein widerlichereine widerlicheein widerlicheskeine widerlichen
Genitiveines widerlicheneiner widerlicheneines widerlichenkeiner widerlichen
Dativeinem widerlicheneiner widerlicheneinem widerlichenkeinen widerlichen
Akkusativeinen widerlicheneine widerlicheein widerlicheskeine widerlichen

Die Pluralformen der gemischten Beugung sind mit kein gezeigt, weil ein keinen Plural hat. Nach einem Verb wie sein oder wirken steht das Eigenschaftswort normalerweise ohne diese Endung. Mehr dazu: Adjektive verwenden und beugen.

Wortbildung und Herkunft

Sprachlich gehört widerlich zum Bereich des Widerstrebens und Widerwillens. Für die heutige Verwendung ist der Unterschied zwischen körperlichem Ekel und übertragener Ablehnung entscheidend. Aus dem Wort allein lässt sich nicht entnehmen, ob eine Bewertung angemessen oder voreingenommen ist.

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