Synchyse: Bedeutung, Beispiele und Wirkung
Eine Synchyse ist eine stark verschränkte, schwer überschaubare Wortstellung. Wörter, die inhaltlich und grammatisch zusammengehören, stehen so durcheinander, dass ihre Beziehungen erst rekonstruiert werden müssen. Die Bezeichnung kann ein bewusstes sprachliches Verfahren oder eine misslungene Formulierung beschreiben. Ungewöhnlichkeit allein beweist noch keine künstlerische Absicht.
Wenn die Wortfolge den Zusammenhang verdeckt
Deutsche Sätze erlauben viele Umstellungen: „Am Abend leuchten die Lampen“ ist ohne Weiteres verständlich. Bei einer Synchyse geht die Verschiebung wesentlich weiter. Mehrere zusammengehörige Einheiten werden so ineinander geschoben, dass Leser nicht sofort erkennen, welches Attribut zu welchem Nomen oder welcher Satzteil zu welchem anderen gehört.
Gerade bei diesem seltenen Begriff ist Vorsicht sinnvoll. Die grammatischen Möglichkeiten unterscheiden sich zwischen Sprachen und Epochen. Eine in lateinischer Dichtung mögliche Verschachtelung lässt sich nicht einfach als natürlich klingender deutscher Satz nachbauen. Die folgenden deutschen Beispiele sind deshalb bewusst künstliche Lehrbeispiele und keine Literaturzitate.
Ein Satz wird durcheinandergestellt
Überschaubare Fassung:
„Die hellen Lampen erleuchten den Rand der dunklen Straße.“
Stark verschränkte Lehrfassung:
„Die hellen der dunklen erleuchten Lampen Straße den Rand.“
In der Lehrfassung werden „die hellen Lampen“ und „der dunklen Straße“ auseinandergerissen und ineinander verschoben. Zusammengehören jeweils „die hellen … Lampen“ und „der dunklen … Straße“. Erst mit dieser Zuordnung lässt sich der Satz wieder ordnen. Hinzu kommt die ungewöhnliche Position von „den Rand“. Das Ergebnis ist im heutigen Alltagsdeutsch keine empfehlenswerte Formulierung, zeigt aber die gemeinte Verwirrung der Beziehungen.
Zum Vergleich: „Den Rand der dunklen Straße erleuchten die hellen Lampen“ ist gut verständlich. Hier steht zwar das Objekt am Anfang, seine Bestandteile bleiben jedoch beieinander. Diese normale Möglichkeit des deutschen Satzbaus sollte nicht allein wegen ihrer Abweichung vom ersten Beispielsatz zur Synchyse erklärt werden.
Eine schwierige Wortfolge untersuchen
- Zusammengehörige Wörter verbinden: Welche Artikel, Adjektive und Nomen passen in Form und Bedeutung zueinander?
- Eine einfache Fassung herstellen: Ordne die vorhandenen Wörter um, ohne die Aussage oder ihre Bezüge zu verändern.
- Die Abweichung erklären: Welche Beziehungen werden durch die ursprüngliche Anordnung verdeckt oder überlagert?
Das Umstellen ist eine Verständnishilfe, keine Verbesserung eines historischen Textes. Seine auffällige Form kann gerade für Rhythmus, Mehrdeutigkeit oder einen besonderen Sprechton wichtig sein. Wenn sich mehrere Lesarten ergeben, sollte eine Analyse diese Unsicherheit nicht durch eine scheinbar eindeutige Übersetzung verdecken.
Hyperbaton, Inversion und Anakoluth
Ein Hyperbaton trennt in einer verbreiteten engeren Verwendung zusammengehörige Wörter durch eingeschobene Bestandteile. Eine Synchyse wird als besonders weit gehende, verwirrende Verschränkung beschrieben. Die Grenze ist dabei fließend und von der jeweiligen Figurentradition abhängig.
Inversion bezeichnet allgemein eine auffällige Umstellung. Nicht jede solche Umstellung erschwert das Verständnis. Ein Anakoluth ist dagegen ein Bruch in einer begonnenen Satzkonstruktion. Bei einer Synchyse kann der Zusammenhang noch rekonstruierbar sein, obwohl die Reihenfolge stark gestört wirkt.
Auch ein Chiasmus ist nicht automatisch eine Synchyse: Seine überkreuzte Anordnung kann gerade klar und symmetrisch wirken. Die schematische Reihenfolge einiger Wörter reicht daher nicht, um Verworrenheit zu belegen.
Wirkung nur aus dem Zusammenhang ableiten
Erfundene Unterrichtssituation: Eine Figur soll in einer Schreibübung nachts durch eine fremde Stadt gehen. Ihr Bericht enthält den stark verschränkten Lampensatz.
Möglicher Analyseansatz: Die Wortfolge trennt die Substantive „Lampen“ und „Straße“ von ihren jeweiligen Artikeln und Adjektiven. Die Zuordnungen müssen beim Lesen erst hergestellt werden. In einem durchgehend entsprechend gestalteten Nachtbericht könnte diese Synchyse die erschwerte Orientierung sprachlich unterstützen.
Das ist eine mögliche Deutung, keine Eigenschaft jedes verschränkten Satzes. In einer einzelnen Schülerformulierung käme ebenso ein unbeabsichtigter Satzfehler infrage. Eine verantwortliche Analyse braucht zusätzliche Hinweise auf eine systematische Gestaltung.
Übung: auffällig oder verworren?
Prüfe den Satz „Auf dem leeren Platz stand plötzlich ein roter Wagen“. Liegt allein wegen der Stellung von Ort und Subjekt eine Synchyse vor?
Lösung
Nein. Die Wortfolge ist im Deutschen üblich; Artikel, Adjektive und Nomen bleiben klar zugeordnet. Eine Ortsangabe am Satzanfang ist kein Beleg für eine verwirrende Verschränkung.
Weitere Figuren des Satzbaus findest du in der Stilmittel-Liste.
