WORTWUCHS | Literaturlexikon

idiomatisch

Bedeutung

Das Adjektiv idiomatisch hat zwei Bedeutungen. Es beschreibt die feststehende Bedeutung mehrere Wörter, deren Sinn sich nicht über die Bedeutung der einzelnen Wörter erschließt. Die Wortverbindung hat dann eine eigene, neue Bedeutung. Eine solche Wortgruppe wird als Idiom bezeichnet. Außerdem kann der Begriff meinen, dass etwas ein Teilgebiet der Idiomatik ist. Diese befasst sich mit Idiomen, also mit regionalen oder auch sozialen Spracheigentümlichkeiten und Wortprägungen.

Das Wort dient vor allem dazu, zu fester Form verwachsene Sprechweisen - wie etwa geflügelte Wörter oder Routineformeln, also auch Gruß- oder auch Höflichkeitsformeln - übergreifend zusammenzufassen. Würden die einzelnen Wörter einer solchen Ausdrucksweise für sich betrachtet werden, würden sie den übergeordneten Sinn verlieren. Es ist also unmöglich, Einzelwörter einer solchen Wendung auszutauschen, umzustellen oder anderweitig zu veränden, ohne dass die Sprechweise oder Redewendung unverständlich wird. Zumeist kennen und nutzen nur Muttersprachler diese sprachlichen Eigenheiten, weshalb sie Menschen derselben Sprachkultur miteinander verbinden.
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Wird etwas in diesem Sinn als idiomatisch beschrieben, ist eine feststehenden Wortverbindung gemeint, die nur Personen eines bestimmten Umfeldes genau in dieser Form verwenden. Die norddeutsche Redewendung „ins Tüdeln geraten“ sagt zum Beispiel, dass jemand mit etwas durcheinander kommt. Als „ins Tüdeln und Tanzen geraten“ – also mit Einschub zweier beliebiger Wörter – ist der Ausdruck unmöglich. Außerdem wird er in anderen deutschen Landesteilen, wie etwa in Süddeutschland, nicht verwendet oder ist unbekannt.

Weiterhin gibt es allgemein verständliche Redensarten in einer Sprache, die nicht nur in der Mundart einer bestimmten Region oder Gruppe angewandt werden. Dann handelt es sich direkt um Begriffe mit übertragener Bedeutung, die selbst für etwas Konkretes stehen, das seine Einzelwörter nicht meinen. Ein Beispiel hierfür ist der Begriff „Weichei“, der kein besonders weich gekochtes Speiseei meint, sondern eine Person als Schwächling oder Weichling beurteilt.

Das Wort wird im Sprachgebrauch gelegentlich auch synonym zu den Begriffen speziell, eigenartig oder besonders verwendet wird, was letzten Endes darauf verweist, dass Idiomatisches für Außenstehende durchaus als besonders und eigenartig, da es teils unverständlich ist, wahrgenommen wird. Sehr häufige Wortkombinationen sind idiomatische Wendung, idiomatischer Ausdruck und idiomatische Gebärden (vgl. Fachjargon).

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Die zweite Bedeutung des Wortes idiomatisch findet in der Sprachwissenschaft Verwendung – also in Fachbüchern und an Hochschulen – und wird genutzt, wenn von der Forschung zu Idiomen, also der Idiomatik, oder innerhalb dieser von Idiomen gesprochen wird. Dabei werden die Idiome, sprich die festen Wendungen selbst, unter verschiedensten Gesichtspunkten untersucht, diese dargestellt, deren Sammlung erweitert und ihr Gesamtbestand zusammengefasst.

Das deutsche Fremdwort leitet sich vom griechischen Nomen ἰδίωμα (idiōma) ab, das als Besonderheit, Eigenart oder auch Eigentümlichkeit übersetzt wird. Erst im 16. Jahrhundert gelangte das Wort über das Lateinische mit der Bedeutung Sprache oder Mundart ins deutsche Sprachgebiet. In der Folge entwickelten sich, vermutlich anfangs in wissenschaftlichen Kreisen, weitere Bedeutungsebenen, die wir heute kennen.

Erstmals tritt das Wort um 1800 in deutschen Schriften in Erscheinung. Ein gewisser Zuwachs an Bekanntheit erlangte der Begriff um 1968. Seitdem hält sich das Wort konstant in unserem Sprachraum, wird aber weiterhin selten verwendet. Zumeist findet es sich in Fachschriften sowie wissenschaftlichen Texten.

1. Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München 1997
2. Quelle: Ngram Viewer

Beispiele

Michael brachte seinem Bruder zwei typische idiomatische Wendungen aus seinem Freundeskreis bei. Er rief „Gesichtshecke!“ und Assitoaster!“ und lachte auf.
Aber wenn er zusammen mit John MacEnroe in der Kommentatorenbox sitzt, sind seine Beiträge voller Einsicht, elegant und idiomatisch formuliert.
Joachim Huber, Matthias Tibaut, "Boris and Boris"
Wer sagt, dass er einen Frosch im Hals hat, benutzt eine idiomatische Wendung des Deutschen – das ist Fakt.
Thomas erklärte, dass er die idiomatischen Ausdrücke der Jugendsprache genauer untersuchte und seine Ziel darin bestehe, bald eine neue Studie darüber zu veröffentlichen.
Ein guter Mathematiklehrer kennt auch die idiomatischen Stolpersteine seines Faches.
Martin Spiewak, "Fack ju Schulhofdeutsch"

Grammatik

Positiv
Grundform
Komparativ
1. Steigerung
Superlativ
2. Steigerung
idiomatischidiomatischeram idiomatischsten
Starke Deklination
MaskulinFemininNeutralPlural
Nominatividiomatischeridiomatischesidiomatischeidiomatische
Genitividiomatischenidiomatischenidiomatischeridiomatischer
Datividiomatischemidiomatischemidiomatischeridiomatischen
Akkusatividiomatischenidiomatischesidiomatischeidiomatische
Schwache Deklination
MaskulinFemininNeutralPlural
Nominativder
idiomatische
das
idiomatische
die
idiomatische
die
idiomatischen
Genitivdes
idiomatischen
des
idiomatischen
der
idiomatischen
der
idiomatischen
Dativdem
idiomatischen
dem
idiomatischen
der
idiomatischen
den
idiomatischen
Akkusativden
idiomatischen
das
idiomatische
die
idiomatische
die
idiomatischen
Gemischte Deklination
MaskulinFemininNeutralPlural
Nominativein
idiomatischer
ein
idiomatisches
eine
idiomatische
keine
idiomatischen
Genitiveines
idiomatischen
eines
idiomatischen
einer
idiomatischen
keiner
idiomatischen
Dativeinem
idiomatischen
einem
idiomatischen
einer
idiomatischen
keinen
idiomatischen
Akkusativeinen
idiomatischen
ein
idiomatisches
eine
idiomatische
keine
idiomatischen

Synonyme

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