WORTWUCHS | Literaturlexikon

morbide

Bedeutung

Das Adjektiv morbide hat drei Bedeutungen. So kann es sich entweder auf den körperlichen Zustand beziehen und meint dann krank, kränkelnd, todesnah oder gar todgeweiht oder es bezieht sich auf Gedanken oder Stimmungen und meint hier, dass diese von Tod, Verfall sowie Vergänglichkeit beherrscht werden. Darüber hinaus kann das Wort bedeuten, dass etwas im Verfall begriffen ist, wobei meist der innere Verfall gemeint ist und somit vor allem sittliche und moralische Zustände.

Wird ein Körper, ein Gegenstand oder ein Zustand als morbide beschrieben, dann wird damit aber in jedem Fall ausgedrückt, dass etwas stirbt, verfällt oder zumindest dem Untergang geweiht ist - sei es auch nur gedanklich.
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Im medizinischen Zusammenhang werden Lebewesen als morbide bezeichnet, die (stark) erkrankt sind. Hier ist gemeint, dass der Körper Widerständen von außen nicht mehr oder nur schlecht standhalten kann und vermutlich sterben wird. Das Wort wird aber auch für kränkliche Lebewesen verwendet oder kann zur Beschreibung des Äußerlichen genutzt werden, wenn ein Lebewesen lediglich krank aussieht. Beispielsweise könnte die morbide Blässe der Wangen auf eine Krankheit schließen lassen. Daher können auch blasse Farben im übertragenen Sinne mit dem Fremdwort bezeichnet werden.

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Aber auch Gedanken und Stimmungen können als morbide bezeichnet werden, wenn sie um den Tod, den Verfall oder die Vergänglichkeit im Allgemeinen kreisen. Demnach können auch Inhalte mit ebendiesem Wort bezeichnet werden - etwa dann, wenn sich ein Gespräch unentwegt um das Thema Tod dreht.

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Darüber hinaus kann sich das Wort auf Dinge beziehen, die im Begriff sind, zu verfallen. Zumeist sind hiermit Werte, also sittliche und moralische Zustände, gemeint, weshalb eine Gesellschaft als morbide bezeichnet werden kann, wenn sie moralische Werte verwirft oder überschreitet. Es werden dabei zumeist abstrakte Dinge und keine konkreten, wie etwa ein Bauwerk oder Ähnliches, mit dem Wort bezeichnet.

In der Dekadenzdichtung wurde Vergänglichkeit zum Kulturgut und ist ein wesentliches Merkmal der literarischen Epoche des Fin de Siècle, in der Endzeitstimmung, Lebensüberdruss sowie Weltschmerz und die Faszination des Todes prägend sind.

Das Wort morbide, teils auch ohne den abschließenden Vokal als morbid geschrieben, entstammt dem gleichbedeutenden französischen Begriff morbide, das als krank oder ungesund übersetzt wird. Dieses hat seinen Ursprung im lateinischen morbidus, mit dem ein krankhafter Zustand oder etwas Krankmachendes beschrieben wurde.[1]

Die deutsche Sprache kennt den Begriff seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Bis zur Zeit der Jahrhundertwende um 1900 nahmen literarische Strömungen um die Dekadenzdichtung zu.

Vermutlich begründet sich daher auch die starke Zunahme des Wortes in deutschen Schriften dieser Zeit. Etwa 100 Jahre später, also seit der Jahrtausendwende, ist die Verwendung des Begriffes hierzulande wieder rückläufig.[2]

Das abgeleitete Substantiv lautet Morbidität, das es lediglich in der Einzahl gibt. Gegenwörter, also sprachliche Gegenteile, sind geheilt oder gesund und in Bezug auf Gedanken und Stimmungen hoffnungsfroh oder auch zuversichtlich.

1. Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München 1997
2. Quelle: Ngram Viewer

Beispiele

Ihr Gesicht hatte etwas Morbides an sich, das faszinierte – die leicht eingefallenen Wangen, das schmale Gesicht und der Rauch, der wie in Zeitlupe aus ihrem Mund strömte.
Der junge Mann ist morbide im letzten Stadium und wird den Kamp gegen die Krankheit vermutlich nicht schaffen.
Gangster und Cowboys, Farmer, Geistliche, Rockstars, Filmstars, Spieler - vor allem: zerrüttete Familien - bevölkern diesen morbiden Kosmos.
Der Spiegel, "Kultur-Cowboy in allen Sätteln"
Ein morbides Stillleben – es zeichnet sich durch eine halb abgebrannte Kerze, einen Totenschädel und einige welke Laubblätter aus.
Der Spaziergang über einen Friedhof hat zweifelsohne etwas Morbides an sich.
Jetzt wird auf Fotostrecken im Internet der Charme des Morbiden kunstvoll dokumentiert. Besucher, die das Gelände verbotenerweise betreten haben, preisen die Klinik sogar als „Beelitz Heilstätten von Pankow“.
Thomas Schubert, "Der morbide Charme des Ex-Kinderkrankenhauses von Weißensee"
Unsere Gesellschaft ist krank und kann als morbide bezeichnet werden. Wir haben schon vor Jahrzehnten unseren moralischen Kompass verloren.

Grammatik

Starke Deklination
MaskulinFemininNeutralPlural
Nominativmorbidermorbidesmorbidemorbide
Genitivmorbidenmorbidenmorbidermorbider
Dativmorbidemmorbidemmorbidermorbiden
Akkusativmorbidenmorbidesmorbidemorbide
Schwache Deklination
MaskulinFemininNeutralPlural
Nominativder
morbide
das
morbide
die
morbide
die
morbiden
Genitivdes
morbiden
des
morbiden
der
morbiden
der
morbiden
Dativdem
morbiden
dem
morbiden
der
morbiden
den
morbiden
Akkusativden
morbiden
das
morbide
die
morbide
die
morbiden
Gemischte Deklination
MaskulinFemininNeutralPlural
Nominativein
morbider
ein
morbides
eine
morbide
keine
morbiden
Genitiveines
morbiden
eines
morbiden
einer
morbiden
keiner
morbiden
Dativeinem
morbiden
einem
morbiden
einer
morbiden
keinen
morbiden
Akkusativeinen
morbiden
ein
morbides
eine
morbide
keine
morbiden

Synonyme

  • anfällig
  • angegriffen
  • angekränkelt
  • angeschlagen
  • krankheitsanfällig
  • kränkelnd
  • kränklich
  • labil
  • nicht widerstandsfähig
  • schwach
  • schwächlich
  • ungesund
  • düster
  • melancholisch
  • schwermütig
  • trübsinnig
  • brüchig
  • dekadent
  • im Verfall begriffen
  • krank
  • marode
  • morsch
  • verdorben
  • von Zerfall gekennzeichnet