Als Anagnorisis wird ein dramatisches Handlungselement bezeichnet. Die Anagnorisis beschreibt das Wiedererkennen zweier Personen im dramatischen Werk. Der Begriff geht auf die Poetik des Aristoteles zurück. Vorausgegangen ist dieser Anagnorisis der Irrtum, die Hamartia, während der Protagonist das wahre Wesen von Gegenspielern, Zuständen oder seiner selbst nicht erkennt. Die Anagnorisis ist demnach das Wiedererkennen oder Durchschauen der wahren Situation.

Der Begriff lässt sich aus dem Griechischen ableiten und mit Wiedererkennung übersetzen. Demzufolge verweist schon die Bedeutung des Wortes darauf, worum es hierbei grundsätzlich geht: nämlich um das Wiedererkennen zweier Figuren, was vor allem in Dramen nachzuweisen ist. Am wirkungsvollsten ist die Anagnorisis, wenn sie mit der Peripetie zusammenfällt, dem Höhe- und Wendepunkt eines Werkes.

Als Anagnorisis kann das Erkennen eines Freundes gelten, der vorher als Feind wahrgenommen wurde oder dass ein Fremder in Wahrheit der Geliebte, vielleicht auch ein Verwandter ist. Ein solches Erkennen führt oft zum Wendepunkt im Werk. So kehrt sich ein Geschehen, dass auf ein bitteres Ende hinauslief und endet gut (Komödie) oder ein Drama mit vermeintlich gutem Ende wandelt sich zur Katastrophe (Tragödie).

Als Beispiel kann die Odyssee von Homer angeführt werden. Hierbei sieht Odysseus seine Frau Penelope erst nach 20 Jahren der Irrfahrt wieder. Penelope selbst wurde in der Zwischenzeit von zahlreichen Freiern umworben, die vom Tod des Odysseus ausgehen. Als Odysseus zurückkehrt, erkennt ihn zuerst nur seine Amme Eurykleia und dann sein Gemahlin Penelope. Dieses Wiedererkennen ist eine Anagnorisis.

Anagnorisis im Film

Auch in der Drehbuchliteratur ist der Begriff erhalten geblieben. Hierbei geht es weniger um das Wiedererkennen zweier Personen, als um das Erkennen der Wahrheit. Diese Entdeckung ändert meist die Figurenkonstellation des Films und somit das Verhältnis der Figuren zueinander.

Beispielsweise kann die bedrohte Figur eine Waffe finden oder entdeckt eine besondere Fähigkeit und kann sich fortan anders verhalten. Vielleicht wird eine Figur, die hinters Licht geführt werden soll, zum Mitwisser und belauscht ein Gespräch oder findet geheime Aufzeichnungen und wird so über die intriganten Pläne informiert. Oder jemand findet ein Beweisstück und wird zum Zeugen, muss nun aber beschützt werden.

Wichtig ist, dass die Anagnorisis im Film immer das Handlungsfeld der Figuren verändert und dass das, was bisher angenommen wurde, sich als falsch erweist. Demzufolge ist die Szene des Erkennens meist, wie auch im aristotelischen Drama, mit einem Wende- oder Umschlagpunkt im Film verknüpft.

Anagnorisis bei Aristoteles

Aristoteles benannte die Anagnorisis in der Poetik nicht nur, sondern wies sie als eines der drei wesentlichen Bestandteile des Plots (Handlung) eines Dramas aus. Neben dieser gibt es, so Aristoteles, noch den Wendepunkt (Peripetie) und die emotionalen Handlungen (Pathos).

Aristoteles versteht unter der Anagnorisis das Wiedererkennen zweier Figuren, wie es in der römischen und griechischen Literatur üblich war, aber auch das Erkennen einer Wahrheit. Also ist seine Auffassung mit der Anagnorisis im Film zu vergleichen. Er definiert den Begriff als das Umschlagen von Unkenntnis in Kenntnis.

Außerdem führt er an, dass die Anagnorisis mit der Peripetie eines Werkes zusammenfallen sollte, um den größtmöglichen Effekt zu erzielen und beim Zuschauer am meisten Furcht und Mitleid zu erregen, was anschließend zur Katharsis, einer Reinigung des Zuschauers, führt.

Idealerweise fallen Anagnorisis und Peripetie im klassischen Drama zusammen.

Übersicht: Bedeutung, Funktion und Wirkung der Anagnorisis

  • Als Anagnorisis wird das Wiedererkennen zweier Personen im dramatischen Text bezeichnet. Allerdings kann der Begriff auch auf andere literarische Gattungen und außerdem den Film ausgeweitet werden, meint aber grundsätzlich das Gleiche.
  • Im Film und auch schon bei Aristoteles kann der Begriff aber auch das Erkennen selbst meinen. Es meint also die Tatsache, dass der Handelnde erfährt, wie es sich mit einem Sachverhalt tatsächlich verhält. Es ist folglich das Umschlagen von Unkenntnis in Kenntnis.
  • Oftmals leitet ein solches (Wieder-)erkennen einen Wendepunkte im Werk ein, der das Verhältnis der Figuren verändert und das Ende maßgeblich beeinflusst. Aristoteles verweist darauf, dass die Anagnorisis, die mit dem Wendepunkt zusammenfällt, den größtmöglichen Effekt erzielt.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Anagnorisis
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001