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Deus ex machina

Deus ex machina ist ein lateinischer Ausspruch, der Gott aus der Maschine bedeutet. Diese Wendung bezeichnet das plötzliche Auftauchen einer Gottheit in der antiken Tragödie, die einen Konflikt löst. Im griechischen Drama gab es teils Konflikte, die sich nicht immer aus der Handlung des Werkes heraus auflösen ließen: die Lösung dieser Konflikte erfolgte von außen durch das überraschende Eingreifen einer Gottheit, welche mittels Hebemaschine über der Theaterbühne schwebte. Darüber hinaus wird Deus ex machina sprichwörtlich gebraucht, wenn durch das plötzliche und unmotiviert eintretende Eingreifen von äußeren Mächten in Theater und Alltag Konflikte gelöst werden (vgl. Dénouement).

Der Ausspruch ist eine Lehnübersetzung aus dem Griechischen und leitet sich von ἀπὸ μηχανῆς Θεός (~apò mēchanḗs theós), was gleichbedeutend ist, ab. Dieser Satz findet sich schon bei Dion Chrysostomos, einem antiken griechischen Philosophen und Schriftsteller. Heutzutage wird die Wendung immer noch vor allem im Zusammenhang mit einem dramatischen Werk gebraucht, findet allerdings auch für Filme und Literatur Anwendung oder wird ganz allgemein für das Lösen eines Konflikts in letzter Minute gebraucht.

Dieser Deus ex machina wurde ursprünglich im antiken Theater mithilfe eines Bühnenkrans, der sogenannten Theatermaschine, über die Bühne gehoben oder auf dem Bühnendach abgesetzt. Auf diese Weise wurde die Macht der Gottheiten dargestellt, die von oben auf das Geschehen auf der Bühne Einfluss nahmen, Konflikte auflösten und das Schicksal der Protagonisten plötzlich und überraschend wendeten.
Der Deus ex machina erschien hinter der Bühne oder auf der Bühne im griechischen Theater

Hinweis: Der Deus ex machina erschien von hinten über der Bühne des griechischen Theaters


Einsatz des Deus ex machina

Ein solcher Maschinengott, also eine außenstehende Macht, kam jedoch nicht in jedem dramatischen Werk der Antike zum Einsatz und stellte eher eine unerwünschte, obwohl mitunter auch notwendige, Möglichkeit dar, ein verworrenes Stück letzten Endes wieder auflösen zu können.

Ein Hinweis, dass eine Auflösung dieser Art nicht erstrebenswert war, findet sich in der Ars Poetica von Horaz, einem römischen Dichter der Antike. Die Ars Poetica ist eine Schrift, die in Hexametern verfasst ist. Sie nahm maßgeblichen Einfluss auf die Dichtkunst des Mittelalters, der Renaissance sowie des Klassizismus. Horaz schuf in der knappen Abhandlung zwar keine eigenständige Poetik, verwies allerdings auf Merkmale, die seiner Meinung nach wesentlich für die Ästhetik eines Werkes waren. Dort findet sich das Folgende:


nec deus intersit, nisi dignus vindice nodus / inciderit.
Übersetzung: kein Gott sei im Spiel, außer es gibt eine Verstrickung, die einen Befreier verlangt.

Folglich war es das erklärte Ziel, den Handlungsknoten eines Dramas durch die vorhandenen Protagonisten selbst aufzulösen und nicht eine externe Macht einzuführen, welche das verworrene Schauspiel zum Ende oder einer Lösung brachte. Also erst, wenn kein Mensch mehr in der Lage ist, den Konflikt des Dramas aufzulösen, sollte der Dichter zu einem Deus ex machina greifen, der eine Lösung präsentiert.

Streng genommen handelt es sich dabei immer um das Auftreten einer Gottheit. Beispielsweise ist es die Schutzgöttin Athene, die in der Tragödie Orestie des Dichters Aischylos als Deus ex machina fungiert. In der Tragödie ermordet Klytaimnestra ihren Mann Agamemnon (König von Mykene), welchen sie hasst, da er die gemeinsame Tochter Iphigenie den Göttern opferte. Daraufhin sinnt Orestes, der Bruder der Iphigenie und Sohn von Agamemnon und Klytaimnestra auf Rache und ermordet die eigene Mutter.

Daraufhin erscheinen die Erinyen (Rachegöttinnen) und außerdem der Schatten der ermordeten Mutter, diese fordern nun Rache an Orestes, denn immerhin musste Klytaimnestra für ihr Vergehen büßen. Die Situation ist folglich verzwickt, vor allem deshalb, weil Orestes nur auf das Ansinnen des Gottes Apollon gehandelt hat, weshalb der Streit über Rache und Blutrache unlösbar erscheint. Orestes bittet um Unterkunft bei Athene.
Die Rachegöttinnen erscheinen - nur Athena kann als Deus ex machina die Situation lösen

Orestes erscheinen die Rachegöttinnen – nur Athena kann die Situation als Deus ex machina auflösen.


Die Schutzgöttin Athene fungiert in der Folge als Deus ex machina, da sie überraschend erscheint sowie eine Lösung des Konflikts möglich macht. Würde Orestes nämlich sterben, würden die Schuldzuweisungen und gegenseitigen Rachegelüste ins Unendliche getrieben werden. Die handelnden Figuren sind demnach nicht in der Lage, den Konflikt aufzulösen. Athene agiert als Gericht, stellt sich auf die Seite Orestes und verspricht den Erinyen Gaben und die Verehrung der Bürger, um sie zu besänftigen.

In der literarischen Landschaft ist diese außenstehende Macht aber nicht immer eine Gottheit. Im Mittelalter sind es beispielsweise sehr häufig Hexen und Dämonen, die einen solchen dramatischen Konflikt auflösen, teilweise handelt es sich beim Deus ex machina aber auch um eine Person, die überraschend ins Spiel gebracht wird und die scheinbar unlösbare Situation plötzlich auflöst oder um das Erscheinen eines unerwarteten Heeres, eines Zauberers, eines Wunder, eine Naturkatastrophe oder Ähnliches.

Beispiele für den Deus ex machina

Wie beschrieben, geht die Wendung auf das griechische Drama der Antike zurück. Folglich finden sich auch in jener Zeit sowie in den künstlerischen Arbeiten der griechischen Dichter die ersten und vor allem sehr vielfältige Beispiele für den Gott aus der Maschine. Nachfolgend eine Auswahl, die griechische Werke berücksichtigt und einen Blick auf verschiedene Literaturepochen wagt.

Werk
(Autor, Jahr)
Deus ex machina
(Was? Wo? Wie?)
Medea
(Euripides, 431 v. Chr)
Medea wird von ihrem Mann Iason verlassen, der sie mit den gemeinsamen Kindern zurücklässt und aus der Stadt verbannt. Aufgrund einiger Ereignisse beschließt Medea, ihre Kinder zu töten, da sie damit rechnen muss, dass diese sonst von anderen getötet werden. Nach dem Mord an den eigenen Kindern kommt Iason zurück und möchte deren Tod rächen – plötzlich erscheint ein Drache, der Medea dem menschlichen Machtbereich entzieht und vom Gott Helios geschickt wurde.
Thesmophoriazusen
(Aristophanes, 411 v. Chr.)
Das Stück parodiert die Werke des Euripides, der häufig einen Deus ex machina einsetzt, um Situationen aufzulösen. Hierbei wird der Dichter, also Euripides selbst, zum eingesetzten Maschinengott, der als Frau verkleidet den Konflikt auflöst.
Wie es euch gefällt
(Shakespeare, 1623)
Am Ende des Stückes erfährt der Zuschauer, dass Herzog Friedrich auf dem Weg in den Ardenner Wald einem religiösen Menschen begegnete, der ihn zu einem friedliebenden Leben bekehrte, und deshalb Herzog Senior sein Herzogtum zurückgibt.
Tartuffe
(Molière, 1682)
In der letzten Szene des Stückes erscheint der Betrüger Tartuffe in Begleitung eines Polizisten, um die Familie Pernelle verhaften zu lassen. Tartuffe hatte sich zuvor durch Lügen den gesamten Besitz der Familie durch eine Schenkung erschlichen. Zur Überraschung aller verhaftet der Polizist daraufhin Tartuffe selbst, da dieser ein bekannter Betrüger ist.
Oliver Twist
(Dickens, 1837-1839)
Die Geschichte um den Waisenjungen Oliver Twist wird immer verworrener und nach einem missglückten Einbruch trachten diesem Diebe nach dem Leben, doch letztlich kann Oliver Zuflucht bei den Maylies finden. Am Ende stellt sich heraus, dass Rose Maylie die Tante Olivers ist und dieser urplötzlich der Gefahr entkommen ist sowie eine sichere Bleibe und darüber hinaus eine Familie hat.
Dreigroschenoper
(Brecht, 1928)
Der Ganove Mackie Messer heiratet – ohne die Einwilligung ihres Vaters – die Tochter des Bettlerkönigs. Um diesen Umstand zu sühnen, zeigt der Bettlerkönig Mackie bei der Polizei an, die ihn – weil er sie außerdem bestochen hat – nun verhaften will. Nach seiner Verhaftung kann Mackie allerdings fliehen und wird erneut gesucht, gefasst und soll nun hingerichtet werden. Kurz vor seinem Tod erscheint ein königlicher Bote und verkündet, dass Mackie sofort freigelassen, in den Adelsstand erhoben und ihm eine Rente von 10000 Pfund überreicht wird
Herr der Fliegen
(William Golding, 1954)
Am Ende des Romans erscheint plötzlich ein Schiff, das die Jugendlichen, die auf einer Insel gefangen sind, rettet. So wird die Situation, die sich im Werk stets zuspitzt, plötzlich aufgelöst und der Roman beendet.
Kurzübersicht: Das Wichtigste zum Deus ex machina im Überblick


  • Als Deus ex machina wird das Auftauchen einer Gottheit in der antiken Tragödie bezeichnet, die einen Konflikt löst, der nicht mehr aus der Handlung selbst zu lösen ist. Das Erscheinen einer solchen Gottheit kommt für den Zuschauer überraschend und beendet den Konflikt aprupt.
  • Zwar ist mit dem Begriff prinzipiell eine Gottheit gemeint, doch in der literarischen Landschaft finden sich zahlreiche Beispiele, die den Konflikt durch eine andere außenstehende Macht auflösen. Es kann sich hier auch um Hexen, Zauberer, Wunder etc. handeln. Wesentlich ist allenfalls, dass die Situation unlösbar erscheint und plötzlich aufgelöst wird.
  • Im Alltag bezeichnet der Begriff darüber hinaus sämtliche Situationen oder Notlagen, die durch einen plötzlichen Helfer gelöst werden oder die unerwartete Lösung einer Schwierigkeit.