Märchen sind eine der Textformen, denen wir schon im Kindesalter lauschen und begegnen. Sie sind uns vertraut und die wichtigsten Merkmale eines Märchens sind sogar den Kleinsten unter uns bekannt. Dabei haben wir gewisse Erwartungen, wenn der Wolf in den Text geführt wird und schaudern, wenn eine Hexe in die Geschichte steigt. Glücklicherweise wissen wir aber, dass am Ende alles gut wird, denn wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Und natürlich kennt jeder den typischen Anfang der grimmschen Kinder- und Hausmärchen, die in der Regel mit Es war einmal beginnen und mit der oben genannten Phrase enden. Aber natürlich sind das nicht die einzigen Merkmale und weiterhin treffen diese Wendungen auch nur auf einige und vornehmlich deutsche oder dänische Märchen zu.

Grund genug, einmal ins Detail zu schauen und die Merkmale des Märchens herauszustellen, die sich wie ein roter Faden durch die zahlreichen Texte ziehen und anhand derer wir relativ sicher ein Märchen von einer Erzählung oder Kurzgeschichte abgrenzen können.

Merkmale eines Märchens

Wir haben uns bei der Präsentation für eine einfache Listenform entschieden. Zu jedem Punkt finden Sie unter der Übersicht der Merkmale noch einige Hinweise oder Erklärungen.

  • Oftmals werden Märchen mit der Phrase Es war einmal… eingeleitet und enden mit Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute oder auch Und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.
  • Märchen enthalten prinzipiell nichts Wirkliches und sind eher in einer wunderbaren oder abstrakten Welt angesiedelt.
  • Der Ort und die Zeit sind unbestimmt und werden nicht näher erläutert.
  • Tiere, Dinge und Pflanzen kommen häufig als Helfer vor und haben ganz bestimmte Charaktereigenschaften (→ Fabeltiere und ihre Eigenschaften)
  • Dem Held wird eine Aufgabe gestellt, die er im Verlauf der Geschichte lösen muss. Das gelingt auch immer.
  • Allerdings hat der Held meist eine Schwäche, die ihm mitunter zum Verhängnis wird und die Aufgabe gefährdet oder das Problem überhaupt erst provoziert.
  • Sprüche, Lieder und Verse spielen eine zentrale Rolle im Märchen. Häufig gibt es Zauberformeln oder magische Reime.
  • Zahlen spielen eine zentrale Rolle im Märchen. Beispielsweise sind die Ziffern 3, 7 und 12 typische Merkmale.
  • Die Geschichte endet immer glücklich, wobei häufig eine Moral ans Ende gesetzt wird.
  • Häufig ist der Verfasser des Märchens unbekannt, da es aus Sammlungen (Volksmärchen) stammt.

Hinweis: Natürlich kommen nicht alle aufgezählten Merkmale in jedem Märchen vor. Dennoch können wir die meisten dieser Aspekte im Märchen nachweisen oder wiederfinden. Schauen wir beispielsweise auf Rotkäppchen, fällt auf, dass die meisten Punkte zutreffend sind.

Merkmale im Märchen anhand von Rotkäppchen

Nun ist es natürlich einfach, irgendwelche Merkmale zu nennen, ohne diese auch exemplarisch aufzuzeigen. Deshalb möchten wir Ihnen nun die wesentlichen Aspekte anhand des Märchens Rotkäppchen beispielhaft aufzeigen und mit Textbeispielen belegen.

Rotkäppchen eignet sich übrigens ideal, da alle angeführten Merkmale auch wirklich darin enthalten sind. Das muss allerdings nicht immer so sein und mitunter begegnen uns Märchen, die den ein oder anderen Aspekt nicht enthalten, wobei sie dennoch märchenhaft erscheinen.

Es war einmal

Die Einleitung wird bei Rotkäppchen mit der typischen Phrase „Es war einmal“ geschaffen. Lassen Sie sich nicht vom Wort Dirne irritieren. So wurde das Märchen ursprünglich publiziert und veröffentlicht. Erst spätere Bearbeitungen ersetzten das Wort.

Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wußte gar nicht was sie alles dem Kinde geben sollte.

Das Märchen ist nicht wirklich, nicht real

Zwar könnten wir anführen, dass einige Menschen behaupten, dass sie sich mit den Tieren in ihrer Umgebung unterhalten, doch prinzipiell ist das natürlich nicht real. In Rotkäppchen spricht der Wolf allerdings und auch die Rettung des jungen Mädchens ist eher als sonderbar oder surreal einzuschätzen.

Schauen wir in den Text, wird offenkundig klar, dass Rotkäppchen und Großmutter zwar vom Wolf vespeist wurden, doch guter Dinge wieder aus seinem Inneren klettern. Und auch das Aufschneiden des Jägers hindert den Wolf nicht daran, noch einige Meter zu laufen, um erst dann zu straucheln und tot umzufallen. Das ist in unserer Realität allerdings nicht möglich.

Wie er ein paar Schnitte gethan hatte, da sah er das rothe Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang das Mädchen heraus und rief „ach, wie war ich erschrocken, wie wars so dunkel in dem Wolf seinem Leib!“

Und dann kam die alte Großmutter auch noch lebendig heraus und konnte kaum athmen. Rothkäppchen aber holte geschwind große Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, daß er gleich niedersank und sich todt fiel.

Die Heldin im Märchen

Rotkäppchen ist die Heldin des Märchens und weist dabei außerdem die typischen Merkmale auf. Prinzipiell ist es ihre Aufgabe, der Großmutter einen Korb mit Leckerein zu überbringen und den geraden Weg dabei zu nehmen.

Allerdings verschuldet sie es selbst, dass der Wolf die Großmutter und sie selbst frisst, indem sie sich nicht an die Weisung der Mutter hält und vom Weg abkommt. Dadurch erhält der Wolf einen Vorsprung und die kleine Intrige nimmt ihren Lauf.

[…] und wenn du hinaus kommst, so geh hübsch sittsam und lauf nicht vom Weg ab […]

[…] „wenn ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe, der wird ihr auch Freude machen; es ist so früh am Tag, daß ich doch zu rechter Zeit ankomme,“ lief vom Wege ab in den Wald hinein und suchte Blumen.

Rotkäppchen hat also eine Schwäche (Unachtsamkeit, ist nicht folgsam), die ihr zum Verhängnis wird. Ihre Mission oder Aufgabe (Korb zur Großmutter bringen) wird dadurch gefährdet und dennoch durch das Mädchen gelöst.

Hinweis: In der ursprünglichen Form des Textes weist auch Rotkäppchen die typische Moral auf, indem erzählt wird, dass es der Wolf erneut versucht. Dieses Mal hält sich das Mädchen allerdings an die Weisung der Mutter und kommt guter Dinge ans Ziel.

Rothkäppchen aber hütete sich und gieng gerade fort seines Wegs und sagte der Großmutter daß es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte

Ort und Zeit sind nicht benannt

Natürlich spielt das Märchen an bestimmten Schauplätzen. Nämlich Rotkäppchens Zuhause, dem Wald und dem Haus der Großmutter.

Allerdings sind diese nicht geografisch einzuordnen. Wir wissen also nicht, wo das Märchen spielt oder ob die Geschichte im Norden oder Süden angesiedelt ist, geschweige denn, ob es reale Städte in der Nähe gibt.

Ähnliche Behauptungen können wir im Zusammenhang mit der Zeit anstellen. Wir erfahren nicht, in welchem Jahr uns der Wolf begegnet, welcher Monat ist oder zu welcher Uhrzeit sich Rotkäppchen auf den Weg macht.

Hinweis: Dieser kleiner Trick hat natürlich auch einen Hintergrund. Das Märchen wird somit nämlich allgemein und kann für viele Menschen gleichermaßen gelten.

Das glückliche Ende im Märchen

Und natürlich endet auch Rotkäppchen glücklich und birgt sogar eine Moral für den Leser oder auch Zuhörer. So werden das Mädchen und die Großmutter aus dem Bauch des Wolfes befreit und Rotkäppchen lernt, dass es sich an die Weisungen der Mutter halten sollte.

Dieses Merkmal ist übrigens fast in jedem Märchen zu finden, wodurch eine klare Unterscheidung zum Kunstmärchen und anderen märchenhaften Erzählungen möglich wird.

Da waren alle drei vergnügt; der Jäger zog dem Wolf den Pelz ab und gieng damit heim, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein den Rothkäppchen gebracht hatte, und erholte sich wieder, Rothkäppchen aber dachte „du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen, wenn dirs die Mutter verboten hat.“

Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Merkmale eines Märchens
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001