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Hysteron-Proteron

Als Hysteron-Proteron wird ein rhetorisches Stilmittel bezeichnet, welches in sämtlichen literarischen Gattungen Verwendung findet. Das Hysteron-Proteron kehrt die logische oder zeitliche Abfolge eines Ereignisses um. Demzufolge wird ein Vorgang, der zeitlich später eintritt, vor dem früheren oder es werden Ursache und Wirkung vertauscht. Verwandt ist das Stilmittel mit dem Anachronismus.

Der Begriff leitet sich von den altgriechischen Nomen hýsteron (ὕστερον) und próteron (πρότερον) ab, wobei sich hýsteron mit das Spätere und próteron mit das Frühere übersetzen lässt. Demzufolge verweist bereits die Übersetzung des Wortes auf die grundsätzliche Bedeutung: das Spätere wird vor dem Früheren benannt, obwohl es natürlich erst danach geschehen kann. Schauen wir zur Veranschaulichung auf ein Beispiel.


Ihr Mann ist tot und lässt Sie grüßen.

Der obige Beispielsatz ist Johann Wolfgang von Goethes Faust entnommen und stammt aus dem Gespräch zwischen Mephistopheles und Marthe. Wesentlich ist hierbei, dass der Tod eines Menschen am Ende seines Lebens eintritt. Wer tot ist, kann nicht mehr grüßen. Diese Äußerung ist außerdem ironisch zu verstehen, da der tote Mann im Drama tatsächlich durch Mephistopheles aus dem Jenseits grüßt. Dennoch wird zeitliche Abfolge im Beispiel auf den ersten Blick vertauscht und erscheint vor allem Marthe als Hysteron-Proteron.


Lasst uns sterben und uns in die Waffen stürzen!

Das obige Beispiel ist dem Epos Aeneis von Vergil, einem lateinischen Dichter, entnommen. Auch in diesem Fall handelt es sich um ein Hysteron-Proteron, da die zeitliche und logische Abfolge im Satz vertauscht wird. In der Regel wird erst zu den Waffen gegriffen, um unter Umständen danach zu sterben. Nicht andersherum.


Ich heiße somit Doris und bin getauft und christlich und geboren.

Das Beispiel stammt von Irmgard Keun, einer deutschen Schriftstellerin, und ist dem Werk Das kunstseidene Mädchen entnommen. Auch hier kommt es zu einer Vertauschung der tatsächlichen Abfolge der Ereignisse. Üblicherweise wird man geboren, dann wird der Name festgelegt und unter Umständen findet danach eine Taufe statt. Doris vertauscht diese Ereignisabfolge in ihrem Satz und bricht so mit der Chronologie.

Hysteron-Proteron und Anachronismus

Hystera-Protera und Anachronismen sind miteinander verwandt. Als Anachronismus wird das falsche zeitliche Einordnen von Ereignissen, Personen und Dingen oder Vorstellungen bezeichnet. Hier geht es allerdings weniger um die Umkehr einer zeitlichen Abfolge innerhalb weniger Wörter, sondern um das bewusste oder auch unbewusste falsche Einordnen historischer Zusammenhänge.

Der Anachronismus kann demnach als Stilmittel funktionieren, wenn die zeitlichen Ereignisse bewusst falsch eingeordnet werden sowie außerdem als Stilfehler vorliegen. Ein Stilfehler ist der Anachronismus dann, wenn durch mangelnde Kenntnis einer Zeit oder Literaturepoche Ereignisse falsch sortiert werden. Ein Beispiel:


Aristoteles beglückwünschte Kolumbus zur Entdeckung Amerikas.

Im obigen Beispielsatz werden die Entdeckung Amerikas, welche im Jahr 1492 war, und die Lebzeiten des griechischen Philosophen Aristoteles vermengt. Allerdings lebte Aristoteles rund 350 Jahr v. Chr. und somit knapp 1800 Jahre vor der Entdeckung der Neuen Welt. Hierbei wurden also historische Zusammenhänge falsch zugeordnet, was als Anachronismus zu werten ist und unter Umständen ein Stilfehler wäre.

Der wesentliche Unterschied beider Figuren ist nun, dass das Hysteron-Proteron vor allem darauf basiert, dass die logische Reihenfolge von Ereignissen falsch wiedergegeben wird, wohingegen der Anachronismus zumeist einen größeren Zeitrahmen umfasst und außerdem vor allem auf historische Begebenheiten abzielt.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zur Stilfigur im Überblick

  • Das Hysteron-Proteron ist die Umkehr der logischen oder zeitlichen Abfolge eines Ereignisses, das Spätere wird demzufolge vor dem Früheren genannt. Die Hystera-Protera können als Satzfiguren gelten, da die syntaktische Ordnung gebrochen wird.
  • Die Wirkung des Stilmittels kann einerseits witzig sein, weil mit der Erwartungshaltung des Empfängers (Leser, Zuschauer, Zuhörer) gespielt wird und andererseits kann die Figur einen überraschenden Effekt auf den Empfänger haben.
  • Verwandt ist die Redefigur mit dem Anachronismus. Dieser beschreibt allerdings das falsche zeitliche Einordnen von Ereignissen und nicht nur die unlogische Abfolge von Ereignissen innerhalb eines Satzes oder einer Wortfolge, wie das Hysteron-Proteron.

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