Die Katachrese ist ein rhetorisches Stilmittel, das uns in allen literarischen Gattungen begegnen kann. Als Katachrese werden jedoch unterschiedliche Sachverhalte bezeichnet. Einerseits wird so ein Wort benannt, das eine Sprachlücke schließt, wobei eine Aushilfsbezeichnung aus einem anderen Bedeutungsumfeld gebraucht wird (1) und weiterhin wird die unstimmige Verbindung mehrerer metaphorischer Bilder, die teils widersprüchlich sind, unter dem Begriff gefasst (2).

Der Begriff leitet sich aus dem Altgriechischen ab (κατάχρησις katáchrēsis) und mit Missbrauch übersetzen. Die Übersetzung zeigt außerdem, worum es im Zusammenhang mit der Figur geht: nämlich den Missbrauch eines Wortes oder einer Wortfolge [die entweder in einem fremden Kontext gebraucht werden oder eben unstimmige Sprachbilder miteinander verbinden. Schauen wir zur Veranschaulichung auf ein Beispiel.

(1)
Wir treffen uns am Fuß des Berges

Im obigen Beispiel ist die Katachrese die Verwendung des Wortes Fuß im Zusammenhang mit dem Berg. Der Fuß gehört in den Bereich der Anatomie und meint grundsätzlich den untersten Abschnitt eines Beines. Ein Berg ist eine massive Gesteinserhebung. Die beiden Begriffe gehören demnach verschiedenen Bereichen an, wobei der Fuß somit in einem anderen Bedeutungsumfeld gebraucht wird und den untersten Abschnitt einer Gesteinserhebung meint: Der Fuß des Berges ist eine Aushilsbezeichnung für eine Sprachlücke.

Eine Sprachlücke ist es deshalb, weil es keinen festen Begriff für diesen Abschnitt in der Alltagssprache gab und wenn dann ein Wort aus einem anderen Umfeld gebraucht wird, um das Gemeinte zu beschreiben, sprechen wir von einer Katachrese. In diesem Fall ist die Katachrese auch eine Wortneuschöpfung und demzufolge mit dem Neologismus verwandt. Ähnlich verhält es sich bei Tischbein und Schlüsselbart.

(2)
Auch ein blindes Huhn hat Gold im Mund

Eine weitere Bedeutung, welche die Katachrese hat, wird durch das obige Beispiel verdeutlicht: nämlich die Verbindung von nicht Zusammengehörendem. In diesem Fall sind es zwei Redewendungen (Auch ein blindes Huhn findet manchmal ein Korn / Morgenstund hat Gold im Mund), die zu einer eher komischen Aussage verschmolzen sind, die auf den Empfänger (Leser, Zuhörer) eine erheiternde Wirkung hat.

(2)
(2)
Über jeden Dorn im Fleisch
breitet sich einmal der Schleier des Vergessens.

Auch in diesem Beispiel werden zwei Redewendungen, die in der Sprache verankert sind, miteinander verbunden, die nicht zusammengehören. Im Gegensatz zum vorherigen Beispiel werden dabei nicht zwei Metaphern aufgebrochen und ungewohnt zusammengesetzt, sondern ganze Wendungen miteinander verwoben, die nicht zusammen passen (siehe auch: Metaphern-Beispiele).

Hinweis: Die Katachrese hat demzufolge, jedenfalls dann, wenn sie sprachliche Bilder verknüpft, einen komischen Effekt auf den Leser. Diese Wirkung der Katachrese wurde schon in der Antike genutzt, um Komik zu erzeugen. Diese Konstruktion ist aber nur dann als Stilmittel zu werten, wenn die Verbindung beabsichtigt ist – haben wir es hingegen mit einem Versprecher zu tun, ist es ein Stilfehler.

Wirkung und Funktion der Katachrese

Grundsätzlich ist es schwierig, einem Stilmittel ein klare und stets gültige Wirkung oder Funktion zuzuschreiben. Hierbei laufen wir nämlich Gefahr, die Stilfigur darauf zu reduzieren und nicht mehr zu prüfen, ob es sich wirklich so verhält. Dennoch möchten wir einige Hinweise geben.

Übersicht: Bedeutung, Wirkung, Funktion der Katachrese

  • Als Katachrese werden in der Wissenschaft zwei verschiedene Dinge bezeichnet. Einerseits meint sie das Übernehmen von Aushilfsbezeichnungen aus einem anderen Bedeutungsfeld (Tischbein, Schlüsselbart etc.) und andererseits beschreibt sie die Verbindung von sprachlichen Bildern, die nicht zueinander passen und sich teilweise ausschließen oder widersprüchlich erscheinen.
  • Die erste Bedeutung kann als konventionalisierte oder lexikalisierte Metapher bezeichnet werden. Das bedeutet, dass das sprachliche Bild nach der Bildung in den allgemeinen Wortschatz der Sprache übergegangen ist und eine sprachliche Lücke geschlossen hat.
  • Die zweite Verwendung des Wortes kann gemeinhin als Bildbruch benannt werden, also als das bewusste Verbinden sprachlicher Bilder, die eben nicht zueinander passen, weil die jeweiligen Audrucksteile miteinander im Konflikt stehen und somit konfligieren.
  • Sprechen wir in einer Analyse von der Katachrese, ist in der Regel die zweite Bedeutung gemeint, wohingegen die erste als sprachliches Bild abgehandelt wird. Dabei geht es grundsätzlich darum, dass der Einsatz eine gewisse Komik erzeugt – die Wirkung der Figur ist demnach komisch.
  • Die Katachrese kann entweder absichtlich oder versehentlich zum Einsatz kommen. Die Wirkung ist in beiden Fällen gleich. Allerdings können wir das Ganze nur als Stilmittel bezeichnen, wenn es absichtlich genutzt wird – verspricht sich jemand, ist das ein Stilfehler.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Katachrese
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001