WORTWUCHS | Literaturlexikon

epistemisch

Bedeutung

Das fachsprachliche Adjektiv epistemisch kann 3 Bedeutungen haben. So bezeichnet es Dinge oder Fakten, die auf das Wissen oder eine bestimmte Erkenntnis des Einzelnen ausgehend von der derzeitigen Situation bezogen sind. Im philosophischen Kontext meint es, dass sich etwas auf die Epistemologie, also die Erkenntnistheorie, bezieht. In der Grammatik können Modalverben epistemisch sein, wenn sie den Grad des Wissens eines Lebewesens, den der Sprechende bezeichnen will, näher beschreiben.

1
Ein epistemischer Sachverhalt ist dem Erkenntnisgewinn eines Menschen konkret zuträglich. Wer sich beispielsweise mit Studienarbeiten zu seinem Fachgebiet beschäftigt und auf einen Textabschnitt stößt, von dem er etwas Entscheidendes lernt, der beschäftigt sich mit einem epistemischen Inhalt. Es kommt also fast immer in wissenschaftlichen Texten vor.

2
Wird das Wort in einem philosophischen Kontext genutzt, bezieht es sich zumeist auf erkenntnistheoretische Aspekte. Die Erkenntnistheorie, die auch als Epistemologie oder aber Gnoseologie bezeichnet wird, ist ein Gebiet der Philosophie. Hier werden Fragen nach den Voraussetzungen für Erkenntnis, dem Zustandekommen von Wissen und Ähnliches untersucht.

3
In der Grammatik spricht man dann von epistemischen Modalverben, wenn sie den Grad des Wissens eines Wesens näher beschreiben. Modalverben drücken Notwendigkeiten und Möglichkeiten aus. Im Deutschen sind das dürfen, können, mögen, müssen, sollen und wollen. Epistemisch gebrauchte Modalverben charakterisieren die Einstellung des Sprechers zum Bezeichneten.

Wenn der Sprechende etwa den Satz formuliert:"Er müsste jetzt mit der Arbeit fertig sein.", gebraucht er das Modalverb müsste epistemisch. Somit zeigen epistemische Modalverben keine Wechselwirkung mit dem Subjekt des Satzes, sondern hängen von der Einschätzung des Sprechers ab. Es wird also eine Sicht der Dinge geäußert, die sich aus den gegenwärtigen Umständen begründet und dadurch einen vergangenen Sachverhalt wahrscheinlich macht.

Das deutsche Fremdwort epistemisch hat seinen Ursprung im griechischen Nomen epistéme für Wissen, Erkenntnis oder auch Einsicht, der unter Philosophen der klassischen Antike in Griechenland geläufig war. Hier hat somit keine Verschiebung der Bedeutung in die heutige Zeit stattgefunden.[1]

Erstmals lässt sich das Wort zu Beginn des 20. Jahrhudnerts im Deutschen nachweisen, kommt aber erst um die 1960er Jahre vermehrt deutschen Texten vor. Es hat sich danach um ein Vielfaches seit seinem Eintritt in die Sprache verbreitet und befindet sich heute auf einem stabilen Niveau. Trotz allem bleibt es – zumal es sich um ein sehr fachsprachliches Wort handelt – bis heute sehr selten.[2]

1. Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München 1997
2. Quelle: Ngram Viewer

Beispiele

Die Epistemische Logik wird auch als Wissenslogik bezeichnet. Sie setzt sich mit der Vermittlung und der Erkenntnis neuer Inhalte durch einen Einzelnen auseinander.
Aber kann eine substanzielle Einheit von epistemischer Vernunft und religiöser Offenbarung heute mehr sein als ein frommer Wunsch?
Otto Kallscheuer, "Vernunft des Herzens"
Mein Dozent ist eine epistemische Autorität und derjenige, der sich in diesem Fachgebiet besonders gut auskennt und auf den bei Fragen, die dieses Fachgebiet betreffen, gehört wird.
Für den Physiker von heute sind epistemische Modelle unerlässlich.
Reduktionistische Forschungsstrategien setzen sich zudem der Frage aus, ob denn die eine der beiden epistemischen Perspektiven beiseite geschoben werden kann oder ob wir auf eine komplementäre Verschränkung beider Wissensperspektiven angewiesen sind.
Jürgen Habermas, "Die Freiheit, die wir meinen"
„Er müsste mit dem Rasenmähen jetzt fertig sein.“, las er vor und legte das Buch auf den Tisch, "Aber ob das wirklich so ist, können wir nicht sagen, da hier das Modalverb „müssen“ epistemisch gebraucht wird.", schlussfolgerte er und strahlte in die leeren Blicke seiner Schüler.

Grammatik

Starke Deklination
MaskulinFemininNeutralPlural
Nominativepistemischerepistemischesepistemischeepistemische
Genitivepistemischenepistemischenepistemischerepistemischer
Dativepistemischemepistemischemepistemischerepistemischen
Akkusativepistemischenepistemischesepistemischeepistemische
Schwache Deklination
MaskulinFemininNeutralPlural
Nominativder
epistemische
das
epistemische
die
epistemische
die
epistemischen
Genitivdes
epistemischen
des
epistemischen
der
epistemischen
der
epistemischen
Dativdem
epistemischen
dem
epistemischen
der
epistemischen
den
epistemischen
Akkusativden
epistemischen
das
epistemische
die
epistemische
die
epistemischen
Gemischte Deklination
MaskulinFemininNeutralPlural
Nominativein
epistemischer
ein
epistemisches
eine
epistemische
keine
epistemischen
Genitiveines
epistemischen
eines
epistemischen
einer
epistemischen
keiner
epistemischen
Dativeinem
epistemischen
einem
epistemischen
einer
epistemischen
keinen
epistemischen
Akkusativeinen
epistemischen
ein
epistemisches
eine
epistemische
keine
epistemischen

Synonyme

  • epistemologisch
  • erkenntnisbezogen
  • erkenntnismäßig
  • erkenntnistheoretisch
  • wissensmäßig