Der lateinische Ausspruch carpe noctem lässt sich mit Pflücke die Nacht oder im übertragenen Sinne als Genieße die Nacht und Nutze die Nacht übersetzen. Der kurze Sinnspruch ist keinem literarischen Werk entnommen, sondern ist gewissermaßen das sprachliche Pendant zu carpe diem (lat.: Genieße den Tag), das ein wesentliches Motiv des Barocks, einer europäischen Epoche der Kunstgeschichte, darstellte. Carpe diem geht auf den letzten Vers der Ode An Leukonoë des Dichters Horaz zurück.

Horaz (65 v. Chr. – 8 v. Chr), eigentlich Quintus Horatius Flaccus, gilt neben Vergil, Properz, Tibull sowie Ovid als einer der bedeutsamsten Dichter des augusteischen Zeitalters. Er schrieb zahlreiche Oden, einige Satiren und eine handvoll Briefgedichte, die als Episteln bekannt sind. In den Lyrikbüchern des Horaz‘, die als Liber I–IV veröffentlicht wurden, findet sich die Ode An Leukonoë. Diese ist das elfte Gedicht des ersten Buches (Carmen I,11). In diesem Werk lautet die letzte Verszeile folgendermaßen:


[…] carpe diem, quam minimum credula postero.

Diese Verszeile besteht grundsätzlich aus zwei Teilen. Dabei bildet das bekannte carpe diem den Einstieg, was sich mit Genieße den Tag übersetzen lässt. Dieser Appell wird durch den Zusatz quam minimum credula postero ergänzt. Dieser bedeutet vertraue möglichst wenig auf den folgenden [Tag]!. Es geht prinzipiell also darum, im Hier und Jetzt, also in der Gegenwart, zu leben und nicht an das Morgen zu denken.

Daraus lässt sich allerdings ableiten, dass die Übersetzung Nutze den Tag teilweise an der Intention Horaz‘ vorbeigeht. Denn wer etwas nutzt, der verwendet es möglichst effektiv und versucht somit ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Wenn es aber darum geht, nicht an das Morgen zu denken, sollte der Tag mit Freude sowie Wohlbehagen angenommen und nicht unbedingt genutzt werden, um etwas für später zu erledigen.

Davon ausgehend, dass carpe noctem das sprachliche Gegenstück von carpe diem ist, wäre auch hierbei die Übersetzung Pflücke die Nacht oder Genieße die Nacht am treffendsten. Da es sich hierbei allerdings um kein geflügeltes Wort handelt, das auf eine literarische Vorlage zurückgeht, kann diese Wortfolge natürlich auch so verstanden werden, wie es beliebt und kann demnach auch als Nutze die Nacht übersetzt werden.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zu carpe noctem im Überblick

  • Der lateinische Sinnspruch carpe noctem ist die Umkehr des bekannten carpe diem von Horaz. Es bedeutet pflücke/genieße/nutze die Nacht. Der ursprünglichen Intention Horaz‘ folgend, ist eine Übersetzung, die auf den Genuss des Augenblicks abzielt (genießen/pflücken) treffend.
  • Der Ausspruch lässt sich in keinem literarischen Werk nachweisen und wird zumeist gebraucht, wenn zwar der eigentliche Sinn des ursprünglichen Zitats passend erscheint, aber der jeweilige Zeitpunkt irreführend erscheint (bspw. bei nächtlichen Aktivitäten, Lange Nacht der Museen etc.). Die Phrase carpe noctem findet sich auch oft als Slogan in der Black-Metal-Szene.
  • Im deutschsprachigen Musical Tanz der Vampire von Jim Steinman und Michael Kunze, das auf dem gleichnamigen Film von Roman Polanski basiert, findet sich der Ausspruch auch. So gibt es im zweiten Akt den Song Carpe noctem, der hier auch als Fühl die Nacht gedeutet wird.

  • Hinweis: Auf Horaz gehen übrigens noch allerhand weitere Wendungen in lateinischer Sprache zurück, wie etwa die Begrifflichkeiten in medias res oder ab ovo, die Erzähltechniken meinen sowie das bekannte sapere aude, welches zum Leitmotiv der Aufklärung avancierte.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Carpe noctem
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001