Als Dystopie, auch Anti-Utopie und Mätopie, wird in der Literatur das Gegenstück der positiven Utopie (vgl. Eutopie) bezeichnet. Die Dystopie ist eine Erzählung, welche ein negatives Zerrbild der zukünftigen Menschheit zeigt. Diese Zukunft ist von einer Gesellschaft geprägt, die sich zum Negativen entwickelt hat. Häufige Themen sind die Versklavung der Menschheit und allgemein die Beschneidung sämtlicher Freiheiten, was oftmals durch eine übermächtige Technik bedingt wird, die zwar vom Menschen selbst entworfen wurde, aber zukünftig nicht mehr zu händeln ist. Darüber hinaus zeigt die Dystopie oftmals den totalitären Staat und dessen Machtmittel, wobei nur kleine Gruppen Privilegien genießen und der Lebensstandard in Unter- und Mittelschicht unter dem Niveau zeitgenössischer Gesellschaften liegt. Häufig findet sich in solchen Dystopien ein Protagonist, der ebendiese gesellschaftlichen Verhältnisse hinterfragt und spürt, dass etwas im Argen liegt, wobei er in der Folge gegen das System oder die Machthaber aufbegehrt.

Der Begriff setzt sich aus der altgriechischen Vorsilbe dys- (δυς), die sich mit miss-, un- oder übel- übersetzen lässt, und dem Nomen tópos (τόπος), das Ort bedeutet, zusammen. Somit handelt es sich bei der Dystopie um einen üblen Ort. Entscheidend ist allerdings, dass der Begriff vor allem als Gegenstück für Utopie gebraucht wird, was im eigentlichen Wortsinn aber paradox erscheinen kann.

Die Utopie ist nämlich im Eigentlichen ein Nicht-Ort (aus altgriechisch ou- für „nicht-“ und tópos für „Ort“) und meint demnach den Entwurf einer fiktiven, meist zukünftigen, Gesellschaftsordnung. Allerdings wird der Begriff zumeist für gute und positive Gesellschaftsbilder gebraucht, was tatsächlich aber durch den Begriff der Eutopie gefasst wird. Demnach wäre die Utopie der Oberbegriff für Eutopie und Dystopie, wohingegen Dystopie und Eutopie tatsächliche Gegensätze bilden. Im folgenden Beitrag wird die Utopie allerdings – dem allgemeinen Sprachgebrauch folgend – als Gegenstück der Dystopie verstanden.

Übersicht: Merkmale der Dystopie

  • Die Dystopie kann häufig als Kritik der gesellschaftlichen Zustände einer Zeit aufgefasst werden, da sie aufzeigt, welche möglichen, aber noch nicht realen, Zustände durch eine etwaige Entwicklung zukünftig Realität werden könnte. Zumeist bedient sie sich dabei naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und steht diesen kritisch gegenüber, wodurch technologische Entwicklungen und ähnliche Tendenzen angegriffen werden.
  • Die ersten literarischen Dystopien finden sich erst im Zuge der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts. Zwar gab es schon in den literarischen Epochen zuvor kritische Stimmen, die sich gegen den Fortschritt oder die Naturwissenschaften im Allgemeinen wandten, doch finden sich zuvor in der Literatur keine verschriftlichten Zukunftsvisionen, die ein negatives Gesellschaftsbild zeigten, das durch den Fortschritt und die Wissenschaften bedingt war.
  • Diese Zerstörung des Fortschrittsglaubens, der dann literarisch verarbeitet wurde, lässt sich vor allem an vier Punkten festmachen. 1) Die technische Entwicklung nahm ein bisher ungekanntes Ausmaß an, das mitunter erschreckend erschien, wobei erstmalig Menschen durch Maschinen ersetzt werden. 2) Die Jahre zwischen 1890 und 1914 sind folglich in vielen Bereichen von einem ganz bestimmten Lebensgefühl bestimmt: Als wesentliches Merkmal gilt eine Untergangsstimmung. Bedingt wurde diese vor allem durch den nahenden Epochenwechsel. Diese Verfallsstimmung äußerte sich in einer pessimistischen Weltsicht, einem starken Lebensüberdruss, aber im gleichen Maße in Zukunftseuphorie, aber ebenso Zukunftsangst sowie einer Wendung gegen den Fortschritt und folglich gegen den Naturalismus (vgl. Fin de Siècle). 3) Die bewohnbaren Räumen und Flächen im Allgemeinen waren in der Hand von Personen, Organisationen, Institutionen sowie Regierungen: der wirtschaftliche und bewohnbare Raum wurde folglich erstmalig als begrenzt und aufgeteilt wahrgenommen, wobei 4) viele Länder vermehrt zentralisiert verwaltet wurden und so die wesentlichen Aufgaben auf einen kleinen Kreis konzentrierten.

Grundzüge dystopischer Gesellschaften. Meist finden sich mehrere der Merkmale in Dystopien.


  • Industrie und Wirtschaft arbeiten mit maximaler Effizienz. Der produzierte Überschuss wird entweder von einer verschwenderischen Bevölkerung konsumiert, fließt in kriegerische Auseinandersetzungen oder wird von den (technischen) Machthabern verwertet. Allgemein gilt, dass die gezeigte Wirklichkeit enorm fortschrittlich und modern erscheint.
  • Oberflächlich wird ein utopisches Bild entworfen. Die Welt ist frei von Krankheiten, Armut, Konflikt und emotionalen Problemen. Auf den zweiten Blick stellt sich aber heraus, dass ebendiese Privilegien nur durch umfassende gesellschaftliche Einschränkungen, Gewalt und Machtmissbrauch gegenüber Personen, Gruppen oder Gesellschaften möglich wird.
  • Viele Wirtschaftszweige sowie Konzerne, die Lebenswichtiges herstellen/fördern, sind privatisiert und unterliegen somit nicht der Regulierung einer staatlichen Aufsicht. Die Konsequenz ist oftmals, dass die unteren Schichten dieser Gesellschaft – da sie sich die Versorgung nicht leisten können – keinen Zugang zu Wasser oder ähnlichen Dingen haben.
  • Die verschiedenen Schichten der Gesellschaft sind eindeutig definiert und voneinander abgegrenzt. Zumeist fehlt es hierbei an Durchlässigkeit, was bedeutet, dass der Wechsel zwischen den verschiedenen Schichten kaum möglich ist oder gänzlich untersagt wird. Folglich werden die Bewohner der dystopischen Ordnung in der Regel in ihre Rolle, die meist mit bestimmten Aufgaben und Privilegien verbunden ist, hineingeboren.
  • Das System wird von einer kleinen Gruppe geführt, die einer privilegierten Oberschicht angehört. Das Gefälle zu den anderen Schichten wird hierbei besonders deutlich – die Oberschicht zeichnet sich durch einen enormen Luxus aus, hat Zugang zu Luxusgütern und Nahrung – wohingegen andere Teile der Bevölkerung oft auf Nahrungsergänzungsmittel oder minderwertige Nahrung zurückgreifen. Darüber hinaus haben die untersten Schichten keinerlei (politisches) Mitspracherecht in Bezug auf Entscheidungen.
  • Häufig wird hierbei die Individualität des Einzelnen beschnitten, wobei oftmals gilt, dass Bildung, eigene Gedanken und Ansichten – die unter Umständen das System angreifen könnten – strikt untersagt sind und verboten werden. Dieses Verbot ist häufig in den einzelnen Gruppe verankert, wobei man sich fürchtet, eigene Gedanken zu äußern und nicht infrage stellt, warum es sich so verhält und sich demnach fügt.
  • Dabei sichert oft ein gigantischer Propagandaapparat die Ergebenheit der Bevölkerung gegenüber dem Staat. Dieser wird oftmals durch eine einzelne Führerfigur symbolisiert, die in einem hohen Maße verehrt, teils sogar vergöttert wird (vgl. Apotheose). Diese Verehrung wird durch einen großen Personenkult deutlich (Statuen, Plakate etc).
  • Die Oberschicht gibt und lebt vor, dass das eigene System das einzige ist, das richtig und gut ist: folglich wird die restliche Welt, die nicht Teil des Systems ist, verabscheut und „gefürchtet“. Diese Ansichten werden der breiten Masse aufgezwungen, wobei es teils staatliche Apparate gibt, die vorschreiben, was überhaupt gedacht oder angenommen werden darf. Gesichert wird dies durch militarisierte Polizeikräfte und ein Rechtssystem, dem die „gerechte“ Rechtssprechung fehlt. Auffällig ist auch, dass oftmals eine gebildete Mittelschicht, die das Ganze hinterfragen könnte, fehlt.
  • Sollte es eine Wirklichkeit außerhalb des Systems geben, ist diese zumeist von den Machthabern vorgetäuscht. Dabei werden äußere Feindbilder entworfen, die das Fortbestehen der Gesellschaft gefährden, wobei es erforderlich ist, sich verstärkt den Ideen und Idealen des Systems zu unterwerfen – folglich wird ein äußerer Druck aufgebaut und eine externe Bedrohung konstruiert, um die inneren Strukturen zu bewahren.

  • Häufige Themen / Inhalte: Bevölkerungsexplosion, enormer wissenschaftlicher Fortschritt, Versklavung der Menschheit / Unterdrückung bestimmter Schichten, Vernichtung oder Einschränkung der Freiheit des Menschen, andauernde(r) Bedrohung / Kriegszustand, mitunter postapokalyptisches Szenario.

Dystopie-Beispiele (Literatur)

  • Chronologische Übersicht von literarischen Dystopien

    • Der Großinquisitor von Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1880)
    • Die Zeitmaschine von H. G. Wells (1895)
    • Lord of the World (Der Herr der Welt) von Robert Hugh Benson (1907)
    • Die Insel der Pinguine von Anatole France (1908)
    • Die andere Seite von Alfred Kubin (1909)
    • Wir von Jewgeni Iwanowitsch Samjatin (1920)
    • Die Macht der Drei von Hans Dominik (1922)
    • Berge, Meere und Giganten von Alfred Döblin (1924)
    • Tschewengur von Andrei Platonowitsch Platonow (1929)
    • Die Baugrube von Andrei Platonowitsch Platonow (1930)
    • Schöne neue Welt (Brave New World) von Aldous Huxley (1932)
    • Der Krieg mit den Molchen von Karel Čapek (1936)
    • Nacht der braunen Schatten (Swastika Night) von Katharine Burdekin (1937)
    • Kallocain von Karin Boye (1940)
    • 1984 von George Orwell (1948)
    • Die Mars-Chroniken von Ray Bradbury (1950)
    • Fahrenheit 451 von Ray Bradbury (1953)
    • Ich bin Legende (I am Legend) von Richard Matheson (1954)
    • Herr der Fliegen (Lord of the Flies) von William Golding (1954)
    • Die Gelehrtenrepublik von Arno Schmidt (1957)
    • Time Out of Joint von Philip K. Dick (1959)
    • Uhrwerk Orange (A Clockwork Orange) von Anthony Burgess (1962)
    • Simulacron-3 von Daniel F. Galouye (1964)
    • New York 1999 (Make Room! Make Room!) von Harry Harrison (1966)
    • Morgenwelt von John Brunner (1968)
    • Träumen Androiden von elektrischen Schafen? (Do Androids Dream Of Electric Sheep?) von Philip K. Dick (1968)
    • Die Wächter von John Christopher (1970)
    • Das Heerlager der Heiligen von Jean Raspail (1973)
    • Oxygenien von Klára Fehér (1974)
    • Eine andere Welt von Philip K. Dick (1974)
    • Planet der Habenichtse (The Dispossessed) von Ursula K. Le Guin (1974)
    • Judge Dredd von John Wagner (1977)
    • Der dunkle Schirm von Philip K. Dick (1977)
    • Todesmarsch von Stephen King (1979)
    • Menschenjagd von Stephen King (1982)
    • V wie Vendetta von Alan Moore (seit 1982)
    • Neuromancer von William Gibson (1984)
    • Der Report der Magd (The Handmaid’s Tale) von Margaret Atwood (1985)
    • Moskau 2042 von Wladimir Woinowitsch (1986)
    • Watchmen von Alan Moore (1986/87)
    • Ghost in the Shell von Masamune Shirow (1989)
    • Akira von Katsuhiro Otomo (1990)
    • Sin City von Frank Miller (1991)
    • Snow Crash von Neal Stephenson (1992)
    • Morbus Kitahara von Christoph Ransmayr (1995)
    • The Domination von S. M. Stirling (1999)
    • Battle Angel Alita von Yukito Kishiro (2000)
    • Oryx und Crake (Oryx and Crake) von Margaret Atwood (2003)
    • Cloud Atlas von David Mitchell (2004)
    • Der Mastercode von Scott McBain (2005)
    • Traveler (The Traveler) von John Twelve Hawks (2005)
    • Metro 2033 von Dmitri Alexejewitsch Gluchowski (2005)
    • Schule der Arbeitslosen von Joachim Zelter (2006)
    • Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten von Christian Kracht (2008)
    • Die Straße von Cormac McCarthy (2008)
    • Corpus Delicti: Ein Prozess von Juli Zeh (2009)
    • Die Tribute von Panem von Suzanne Collins (2009)
    • Mister von Alex Kurtagić (2009)
    • Die Auswahl von Ally Condie (2010)
    • Die Bestimmung von Veronica Roth (2011)
    • Unterwerfung (Soumission) von Michel Houellebecq (2015)

Dystopie-Beispiele (Film)

  • Chronologische Übersicht von literarischen Dystopien

    • Metropolis von Thea von Harbou und Fritz Lang (1927)
    • Planet der Affen von Franklin J. Schaffner (1968)
    • Das Millionenspiel von Tom Toelle (1970)
    • Uhrwerk Orange von Stanley Kubrick (1971)
    • THX 1138 von George Lucas (1971)
    • Jahr 2022… die überleben wollen (Soylent Green) von Richard Fleischer (1973)
    • Flucht ins 23. Jahrhundert von Michael Anderson (1976)
    • Die Klapperschlange von John Carpenter (1981)
    • Blade Runner von Ridley Scott (1982)
    • Brazil von Terry Gilliam (1985)
    • Running Man von Paul Michael Glaser (1987)
    • Akira von Katsuhiro Otomo (1988)
    • Ghost in the Shell von Mamoru Oshii (1995)
    • 12 Monkeys von Terry Gilliam (1995)
    • Neon Genesis Evangelion von Hideaki Anno (1995)
    • Gattaca von Andrew Niccol (1997)
    • Dark City von Alex Proyas (1998)
    • Matrix von Andy und Lana Wachowski (1999)
    • Battle Royale von Kinji Fukasaku (2000)
    • Equilibrium von Kurt Wimmer (2002)
    • Minority Report von Steven Spielberg (2002)
    • Die Insel (2005) von Michael Bay (2005)
    • Children of Men von Alfonso Cuarón, Tim Sexton und David Arata (2006)
    • V wie Vendetta (V for Vendetta) von James McTeigue (2006)
    • Idiocracy von Mike Judge (2006)
    • District 9 von Neill Blomkamp (2009)
    • The Walking Dead von Frank Darabont (2010)
    • In Time – Deine Zeit läuft ab von Andrew Niccol (2011)
    • Cloud Atlas von Tom Tykwer, Andrew Wachowski und Lana Wachowski (2012)
    • Die Tribute von Panem – The Hunger Games von Gary Ross (2012)
    • Oblivion von Joseph Kosinski (2013)
    • Elysium von Neill Blomkamp (2013)
    • Die Tribute von Panem – Catching Fire von Francis Lawrence (2013)
    • The Leftovers von Damon Lindelof (2014)
    • Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 1 von Francis Lawrence (2014)
Kurzübersicht: Das Wichtigste im Überblick

  • Als Dystopie, auch Anti-Utopie und Mätopie, wird in der Literatur das Gegenstück der positiven Utopie (vgl. Eutopie) bezeichnet. Die Dystopie ist eine Erzählung, welche ein sehr negatives Zerrbild der zukünftigen Menschheit zeigt. Diese Zukunft ist von einer Gesellschaft geprägt, die sich zum Negativen entwickelt hat und oft durch totalitäre Systeme, Fortschrittlichkeit und Aufhebung der Freiheiten des Einzelnen auszeichnet.
  • Dystopien lassen sich vermehrt ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausmachen und treten seither in zahlreichen Spielarten in Literatur und Film auf. Zuvor gab es zwar auch kritische Stimmen, die sich gegen den Fortschritt oder die Wissenschaft im Allgemeinen wandten, doch gab es keine literarischen Arbeiten, die gezielt ein negatives Bild der zukünftigen Gesellschaft zeichneten. Ursächlich ist wohl das Fin de Siècle
  • Es gibt ganz unterschiedliche Merkmale, die in dystopischer Literatur wiederholt auftreten (siehe obige Übersicht). Wichtige Themen sind aber besonders häufig in Literatur und Film auszumachen. Dazu gehören: Bevölkerungsexplosion, enormer wissenschaftlicher Fortschritt, Versklavung der Menschheit oder Unterdrückung bestimmter Schichten, Vernichtung oder Einschränkung der Freiheit des Menschen, andauernde(r) Bedrohung / Kriegszustand, mitunter auch postapokalyptisches Szenario, also nach einem Ereignis, das große Teile der Menschheit sowie die durch sie aufgebaute menschliche Zivilisation vernichtet hat,
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Dystopie
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001