Der Elfenbeinturm ist in der Literatur sowie Philosophie eine Allegorie, die die Abgeschiedenheit, auch Isolation, eines Künstlers meint, der sich von der tatsächlichen Realität des Lebens abgrenzt, um sich nur der Meditation sowie dem Erschaffen von Kunst zu widmen. Weiterhin ist der Elfenbeinturm eine Metapher, die für einen abgeschiedenen, unberührten Ort steht. In der christlichen Tradition ist der Elfenbeinturm ein Symbol der Reinheit. Nach heutigem Verständnis meint die Kunstproduktion im Elfenbeinturm einen Künstler, der zurückgezogen ist und sich ausschließlich der Kunst widmet.

Das heutige Verständnis des Begriffs geht auf den Schriftsteller und Kritiker Charles-Augustin Sainte-Beuve zurück, der diesen prägte und auf Alfred de Vigny, der als einer der bedeutendsten französischen Romantiker gilt, bezog. In einem Briefgedicht, welches er Abel-François Villemain schrieb, charakterisiert er Victor Hugo als Wegbereiter und Alfred de Vigny als einen, der sich stets abseits hält und sich gleichsam in seinen Elfenbeinturm zurückgezogen habe. Sainte-Beuve veröffentlichte das Briefgedicht 1837.

Diese Einschätzung de Vignys meint, dass sich dieser aus dem Leben herausnimmt und ist darüber hinaus eine Kritik. Denn diese Äußerung unterstellt, dass de Vigny die Realität nicht korrekt einzuschätzen weiß und sein Schaffen realitätsfern ist. Neun Jahre später, 1846, widerruft Sainte-Beuve diese Kritik, wenn er festhält: er hat [den Elfenbeinturm] wieder verlassen […] sein Drama […] und seine Prosa […] zeigen, dass er nie aufgehört hat, sich mit [der] Gesellschaft auseinanderzusetzen […].

Dennoch blieb es dabei, der Begriff war einerseits eng mit dem Romantiker Alfred de Vigny verknüpft sowie andererseits als feststehende Bezeichnung etabliert, wobei er in der Folge von vielen Dichtern, Schriftstellern und Literaturkritikern gebraucht wurde. Im Laufe der Zeit fand der einstige Neologismus auch seinen Platz in den allgemeinen Sprachgebrauch und meinte einen abgeschiedenen, unberührten Rückzugsort.
Der Philosoph im Elfenbeinturm, der von der Menschheit abgeschottet lebt.

Das obige Bild zeigt einen Ausschnitt des Gemäldes Der Philosoph (1633) des Malers Rembrandt van Rijn. Es ist die Verbildlichung des Klischees des weltfremden Philosophen, der zurückgezogen lebt, sich gänzlich seinen Studien hingibt und sich selbst aus der Gesellschaft herausgenommen hat. Der Künstler lebt also für sein Werk, vertieft sich in Theorien und kreiert dabei Schriften, die zwar genial, aber mit dem echten Leben teils wenig zu tun haben. Der Begriff wurde dabei meist positiv – nicht so polemisch wie heute – verstanden.

Gilt der Begriff heutzutage oft als angreifend, wenn er Weltfremde charakterisiert, galt er im beginnenden 20. Jahrhundert als Ideal. Als eine Art künstlerischer Rückzugsort, welcher Kunst überhaupt erst ermöglichte – es war demnach üblich, sich in den (immateriellen) Elfenbeinturm zurückzuziehen, um hier zu reflektieren und letzten Endes im Rückzug von der Welt, in der Besinnung auf die Fantasie, Großes zu bewirken, Kunst zu erschaffen (vgl. Meisterwerk). Belegt ist der Begriff dann auch bei Oscar Wilde und Henry James.

Ebendieses Motiv und die positive Vorstellung greift auch Michael Ende in seinem Roman Die unendliche Geschichte auf. Die Geschichte erzählt von Bastian Balthasar Bux, einem Bücherwurm, der in der Schule gehänselt wird und dessen Wunsch nach einer fernen Fantasiewelt, die zum Träumen einlädt, seine Gedanken und seinen Buchgeschmack bestimmt. So heißt es im ersten Kapitel des Buches:


Er mochte keine Bücher, in denen ihm auf eine schlechtgelaunte und miesepetrige Art die ganz alltäglichen Begebenheiten aus dem Leben irgendwelcher ganz alltäglichen Leute erzählt wurden. Davon hatte er schon in der Wirklichkeit genug, wozu sollte er auch noch davon lesen? Außerdem hasste er es, wenn er merkte, dass man ihn zu was kriegen wollte. Und in dieser Art von Büchern sollte man immer, mehr oder weniger deutlich, zu was gekriegt werden. Bastians Vorliebe galt Büchern, die spannend waren oder lustig oder bei denen man träumen konnte. Bücher, in denen erfundene Gestalten fabelhafte Abenteuer erlebten und wo man sich alles Mögliche ausmalen konnte. (M. Ende: Die unendliche Geschichte. Thienemann Verlag, Stuttgart 1979.)


Kurz darauf findet Bastian ein Buch, das ihm scheinbar all das geben kann: Die unendliche Geschichte. Er taucht in die erzählte Welt ein und erfährt, dass das Land, Phantásien genannt, dem Untergang geweiht ist, weil die Kindliche Kaiserin, die Herrscherin, in der Realität in Vergessenheit gerät. Die Kindliche Kaiserin residiert in einem Elfenbeinturm, der das Zentrum Phantásiens darstellt und ringt dort mit dem Tod.

Dieser Beitrag soll die Geschichte nicht weiterverfolgen, sondern auf den zentralen Gedanken hinweisen: Bastian findet ein Buch, das vom Land der Fantasie (Phantásien) erzählt. Dieses droht unterzugehen, da die Äußeren, also die realen Menschen, sich nicht mehr an Phantásien erinnern. Das Zentrum dieses Landes ist der Elfenbeinturm. Der Elfenbeinturm kann demzufolge als Zentrum der Kreativität sowie Fantasie gedeutet werden, das von realen Menschen besucht werden muss, um die Kreativität selbst am Leben zu halten.

Michael Ende beschreibt in seiner unendlichen Geschichte einen Elfenbeinturm, wir er auch im 19. sowie 20. Jahrhundert verstanden werden konnte, also eine (immaterielle) Instanz des Rückzugs, die es einem Künstler ermöglicht, neue Kreativität zu schöpfen und dadurch Großes zu erschaffen. Ein Fehler wäre es, Endes Werk als Befürwortung des Eskapismus (Realitätsflucht) seitens Bastian zu deuten, denn der ist nach der Lektüre gestärkt. Der Ausflug zum (inneren) Elfenbeinturm hat ihm also selbst Kraft gegeben. Siehe dazu:


Es gibt Menschen, die können nie nach Phantásien kommen […] und es gibt Menschen, die können es, aber sie bleiben für immer dort. Und dann gibt es noch einige, die gehen nach Phantásien und kehren wieder zurück. […] Und die machen beide Welten gesund. (a.a.o., Kapitel 26)


Der Elfenbeinturm im Hohelied

Das Motiv des elfenbeinernen Turms wurde erstmals im Hohelied, also in der Bibel, genutzt. Dennoch war es Charles-Augustin Sainte-Beuve, wie bereits oben ausgeführt, der den Begriff auf die Art und Weise gebrauchte, wie er auch heutzutage verstanden wird. Trotzdem kann die erste literarische Nennung des Elfenbeinturms natürlich nicht unerwähnt bleiben und soll vorgestellt werden.

Das Hohelied, seltener auch Hohelied Salomons, ist ein Buch des Alten Testaments. Das Hohelied ist dabei eine Sammlung aus zärtlichen, teils eindeutig erotischen, Texten oder Liebesliedern. Thematisiert wird das Suchen, Finden und auch Sehnen zweier Liebender. Unter anderem findet sich dort das Folgende:


Dein Schoß ist ein rundes Becken, Würzwein mangle ihm nicht. Dein Leib ist ein Weizenhügel, mit Lilien umstellt. Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, wie die Zwillinge einer Gazelle. Dein Hals ist ein Turm aus Elfenbein. Deine Augen sind wie die Teiche zu Heschbon […] (Hohes Lied 7,5 EU).


Hierbei wird aber vermutlich auf die Reinheit des Materials angespielt und dessen blanke, nahezu weiche, Oberfläche, weshalb es eine inhaltliche Verbindung zwischen dem Elfenbeinturm im heutigen Sprachgebrauch und dem Hohelied wohl nicht gibt. Dafür spricht auch die Tatsache, dass man in der Litania de Beata (Maria Virgine), also der Litanei von der Seligen (Jungfrau Maria), einer Form des gemeinschaftlichen Gebets (Litanei), die Jungfrau Maria als elfenbeinern bezeichnet – sie gilt demnach als rein und edel.

Der Zusammenhang, der besteht, ist allenfalls durch das Material, also das Elfenbein, selbst gegeben. Wird der Hals der Geliebten im Hohelied als elfenbeinern bezeichnet und damit wahrscheinlich als edel, glatt und hell, gibt es eine Parallele. Immerhin pflegt der Künstler oder Gelehrte seine Studien zurückgezogen und widmet sich seiner edlen Aufgabe. Dafür wird er bewundert, aber auch als weltfremder Kauz verspottet.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zum Begriff im Überblick

  • Im Alten Testament der Bibel lässt sich der Elfenbeinturm erstmals in der Literatur belegen. Sehr viel später, 1837, ist es dann der Literaturkritiker Charles-Augustin Sainte-Beuve, der das Wort verwendet und ihm die allegorische Bedeutung beimisst, die auch heutzutage das Verstädnis vom Elfenbeinturm in der Kunst prägt.
  • Der Elfenbeinturm gilt heute als unberührter, abgeschiedener Ort, der nicht tatsächlich existiert und demzufolge immateriell ist. Wer im Elfenbeinturm lebt, ist weltfremd und befasst sich somit mit eigenen (geistigen) Inhalten. Der Künstler befasst sich also mit seiner Wissenschaft oder einem Kunstwerk, wobei er die tatsächliche Welt aus dem Blick verliert.
  • Diese Vorstellung wird von der Außenwelt ganz unterschiedlich bewertet. So wird der Künstler bewundert und verkörpert das Ideal des Kunstschaffenden, wenn er sich vor allem seiner Arbeit hingibt (Verwendung des Begriffs im 19. / 20. Jh.), andererseits wird er auch als der weltfremde, sich abschottende, Kauz wahrgenommen, der sein eigenes Ding dreht.
  • Demnach durchlebte der Begriff einen Bedeutungswandel. Erstmals wurde er durchaus positiv gebraucht, wenn er einen Künstler beschrieb, der zurückgezogen seinen Arbeiten nachging, wird heutzutage aber vermehrt polemisch, also angreifend und negativ verwendet.

  • Hinweis: Häufig wird der Begriff heutzutage auch auf die Wissenschaft angewandt. Hier meint er den Umstand, dass die Sprache der Wissenschaft (vgl. Fachjargon) für den Außenstehenden oftmals unverständlich ist und sich der Akademiker nicht darum bemüht, dies zu ändern. Das führt zur Kommunikationsstörung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Somit wohnt der Wissenschaftler bewusst im „sprachlichen“ Elfenbeinturm und schottet sich so ab.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Elfenbeinturm
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001