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Ich-Erzähler

Ein Erzähler begegnet uns in epischen Texten. Er ist die Stimme oder der Sprecher des Werkes. Der Erzähler kann verschiedene Positionen oder eben Perspektiven einnehmen, aus denen er uns einen Blick auf die Figurenwelt der Geschichte ermöglicht: die Erzählperspektive. Dabei unterscheiden wir vier Erzählperspektiven: die auktoriale, personale, neutrale und den Ich-Erzähler. Um die letztgenannte Perspektive, den Ich-Erzähler, soll es nun gehen.

Ein Ich-Erzähler schildert die Geschichte aus der Ich-Perspektive und gebraucht folglich die Ich-Form. Die Geschichte wird demnach aus der Sicht einer einzigen Figur erzählt, weshalb der Leser nur wahrnehmen kann, was diese fühlt und sieht oder im Austausch mit anderen erfährt. Schauen wir auf ein Beispiel.


Ich habe schlecht geschlafen. Die ganze Nacht tobte ein Unwetter, es krachte die ganze Zeit und ich wäre beinahe aus dem Bett gefallen. Als endlich wieder Ruhe einkehrte – da war es wohl schon hell – beschloss Shiva, meine Katzendame, dass die Nacht vorüber sei. Ich wagte den Versuch, sie einfach zu ignorieren, aber es gelang mir nicht und letzten Endes bekam sie mich vorzeitig und hundemüde aus dem Bett.


Im obigen Beispiel haben wir die Signalwörter, die einen Ich-Erzähler kennzeichnen, farblich markiert. So verweisen Wörter wie ich, mich oder auch meine, wenn sie nicht nur im Gespräch mit einer anderen Figur gebraucht werden, ganz eindeutig auf ein Erzählverhalten aus der Ich-Perspektive.

Wir wissen als Leser in diesem Fall nur, was uns der Erzähler mitteilt. Alles andere bleibt uns verschlossen, wobei uns die Stimme auch keine Hintergrundinformationen zu anderen Figuren geben kann, geschweige denn, was im Kopf anderer vorgeht. Gäbe es solche Elemente, wäre es ein auktorialer Erzähler.

Weiterhin unterscheidet sich der Ich-Erzähler vom personalen Erzähler insofern, als dass die Ich-Form im Text gebraucht wird. Würde das obige Beispiel personal erzählt werden, wäre das Ich durch er, sie oder auch den Namen des Protagonisten ersetzt („Er hatte schlecht geschlafen…“).

Hinweis: Der Ich-Erzähler führt uns nicht durch Kommentare oder Wertungen durch die Geschichte, die außerhalb des Erlebten liegen. Wir können somit nur wahrnehmen, was die Figur, aus deren Sicht das Ganze erzählt wird, weiß, denkt oder fühlt. Der Leser ist auf den Horizont des Ichs beschränkt.

Was kann ein Ich-Erzähler?

Der Ich-Erzähler ist auf die Sicht der Figur beschränkt, aus deren Perspektive die Erzählung gezeigt wird. Demzufolge kann er auch nicht wissen, was andere Figuren der Geschichte denken, wenn sie es ihm nicht mitteilen oder mehrere Ich-Erzähler im Text vorkommen.

Das bedeutet, dass wir als Leser der Geschichte nur das wissen, was die dargestellte Figur weiß. Demnach können wir nur Mutmaßungen darüber anstellen, wie andere Figuren im Text verankert sind oder was diese in den einzelnen Szenen denken. Außerdem wissen wir nichts über den Ort oder die Zeit der Handlung, wenn es uns nicht durch den Ich-Erzähler mitgeteilt wird oder es dieser im Dialog erfährt.

Weiterhin ist der Ich-Erzähler eine gespaltene Erzählerfigur. Denn einerseits wird hierbei die epische Distanz, die ein Erzähler meist hat, vollkommen durch ihn aufgehoben, weil hier Erzähler und Protagonist zu einer Einheit verschmelzen und selbst mitten im Geschehen stehen. Andererseits schafft der Ich-Erzähler natürlich durch sich selbst eine gewisse Distanz zum Erzählten, da er ja nur erzählen kann, was bereits geschehen ist. Somit wird Distanz aufgehoben und durch den Ich-Erzähler selbst wieder geschaffen.

Deshalb unterscheiden wir den Ich-Erzähler in das erlebende und das erzählende Ich. Ein erlebendes Ich ist somit unmittelbar am Geschehen beteiligt und durchlebt es im Moment selbst, wohingegen ein erzählendes Ich die Retrospektive einnimmt. Also im Nachhinein über ein Erlebnis berichtet.

Diese Unterscheidung macht es nun möglich, dass der Ich-Erzähler einen sehr intimen Blick auf die Figur möglich macht, da wir das Innerste eines Charakters sehen können. Allerdings ist diese Innenansicht im Gegenzug auf ein ganz enges Blickfeld beschränkt, nämlich das eigene, weshalb die Gedanken anderer Figuren verschlossen bleiben. Hier nähert sich der Ich-Erzähler stark an den personalen Erzähler an.

Allerdings erzählt der Ich-Erzähler eine Geschichte und zwar in den meisten Fällen die eigene. Wenn dabei ein zeitlicher Abstand existiert, sich die Figur also an vergangene Dinge erinnert, kann sie kommentierend oder wertend auftreten und außerdem Einzelheiten über den Verlauf der Geschichte wissen, die sie dem Leser noch vorenthält. In diesem Fall ähnelt der Ich-Erzähler sehr stark dem auktorialen Erzähler.

Diese verschiedenen Merkmale des Ich-Erzählers sind verwirrend. Deshalb ist eine Einteilung möglich, die auf den möglichen Eigenschaften des Ich-Erzählers beruht. Dabei geht es um den zeitlichen Abstand, den der Erzähler zum Geschehen hat (ausgeprägte oder nicht ausgeprägte Retrospektive?) und außerdem darum, welche Rolle er in der Erzählung einnimmt (eigene Geschichte oder fremde?).

  • Retrospektive mit Zentralstellung: Der Ich-Erzähler blickt auf ein vergangenes Ereignis zurück und hat somit den notwendigen zeitlichen Abstand, um als auktoriales Ich aufzutreten. Weiterhin nimmt er eine Zentralstellung in der Erzählung ein, er hat die Geschichte also selbst erlebt (Bsp.: Autobiographie).
  • Retrospektive mit Randstellung: Der Ich-Erzähler hat einen zeitlichen Abstand zum Geschehen, kann es somit werten, kommentieren oder Handlungsstränge vorwegnehmen und beurteilen. Jedoch nimmt er nur eine Randstellung ein, weil er über die Erlebnisse einer anderen Figur spricht (Bsp.: Biographie).
  • Keine ausgeprägte Retrospektive bei Zentralstellung: Das erlebende Ich hat hier keinen zeitlichen Abstand zum Geschehen und erlebt die Situation selbst. Dennoch gibt es eine zentrale Position des Erzählers, es geht also um das, was dieser erlebt (Bsp.: Briefroman / Briefwechsel).
  • Keine ausgeprägte Retrospektive bei Randstellung: Hierbei hat der Ich-Erzähler eine Randstellung in der Geschichte, erzählt also etwas, was ein anderer erlebt. Außerdem gibt es keinen zeitlichen Abstand zum Erzählten, weshalb es unmittelbar erlebt wird (Bsp.: Reportage oder Bericht).

Hinweis: Die obige Einteilung des Ich-Erzählers geht auf den Literaturwissenschaftlicher Franz Karl Stanzel zurück, der es in seiner „Theorie des Erzählens“ (1989) ausführlich darlegte.

Wie wirkt ein Ich-Erzähler?

Wenn ein Autor einen Erzähler einsetzt, um die Geschichte zu erzählen, hat dies meist einen Grund. Demzufolge hat auch der Ich-Erzähler bestimmte Eigenschaften, Merkmale und eine Wirkung auf den Leser, weshalb er vornehmlich in bestimmten Texten auftaucht.

Es wurde gezeigt, dass der Ich-Erzähler prinzipiell zwei verschiedene Rollen einnehmen kann und sich somit an verschiedene Erzählsituationen annähert. Weist er auktoriale Züge auf, kann er sich mit dem Leser verbünden oder ihn auch direkt ansprechen, weiterhin weiß er natürlich jede Menge über die Hintergründe der Geschichte. Er hat also fast eine göttliche Draufsicht auf das Geschehen.

Häufiger ist es aber so, dass der Ich-Erzähler im Bewusstsein einer einzigen Figur gefangen ist. Dann wird die epische Distanz, die eigentlich durch den Erzähler zwischen Leser und Figur geschaffen wird, aufgelöst. Der Leser erlebt das Geschehen unmittelbar mit dem Ich zusammen.

Weiterhin ist die Position des Ichs natürlich einnehmend, da wir lediglich die Gedanken und Gefühle einer Person präsentiert bekommen. Da es allerdings keinen wertenden oder kommentierenden Erzähler gibt, müssen wir als Leser selbst beurteilen, ob alles, was uns das Ich erzählt, der Wahrheit entspricht.

Ein Ich-Erzähler bietet sich also immer dann an, wenn innere Abläufe, wie beispielsweise Gefühle oder auch eine Zerissenheit des Protagonisten dargstellt werden soll oder die erzählte Geschichte unmittelbar durch den Lesenden selbst durchlebt werden soll, da sie somit ungemein authentisch wirkt.

Übersicht: Das Wichtigste zum Ich-Erzähler im Überblick

  • Der Ich-Erzähler lässt sich daran erkennen, dass wir die Geschichte aus der Sicht einer einzelnen Figur erzählt bekommen, die die Ichform verwendet. Demnach greift sie beim Erzählen auf die Wörter ich, mich, mein usw. zurück.
  • Diese Erzählsituation ähnelt grundsätzlich der personalen. Das liegt darin begründet, dass der Leser nur das weiß, was die vorgestellte Figur weiß und somit an den Bewusstseinshorizont eines einzelnen Protagonisten gefesselt ist. Was andere Figuren wissen, bleibt ungewiss.
  • Allerdings kann das Ich auch auktoriale Züge annehmen. Das geschieht dann, wenn der Ich-Erzähler eine Geschichte aus einem großen zeitlichen Abstand erzählt. Diese hat er entweder selbst erlebt oder er berichtet von ihr als Zeuge.
  • Stoßen wir in einer Erzählung auf ein Ich, hat dies eine sehr einnehmende Wirkung und Funktion, da wir von diesem Erzähler alle Informationen aus erster Hand erhalten. Unklar ist allerdings, ob diese immer richtig sind oder sich das Ich täuscht.
  • Wichtig: Der Begriff des Ich-Erzählers ist auf die literarische Gattung der Epik beschränkt. Im Gedicht wird die sprechende Stimme als lyrisches Ich bezeichnet. Außerdem sind Autor und Erzähler nicht gleichzusetzen. Der Autor erschafft den Erzähler, ist es aber nicht selbst.