WORTWUCHS | Literaturlexikon

Retardierendes Moment

Als retardierendes Moment bezeichnen wir meist eine Szene im Handlungsverlauf eines Dramas. Allerdings lässt sich das retardierende Moment auch in anderen Gattungen der Literatur ausmachen. Besonders in der Novelle oder Ballade finden sich durchaus vergleichbare Elemente (→ Literarische Gattungen).

Begriff

Der Begriff leitet sich vom französischen Verb retarder ab, das sich mit hinauszögern, verzögern oder auch zurückstellen übersetzen lässt. Diese Herleitung verweist unmittelbar darauf, worum es hierbei geht: nämlich um eine Verzögerung im Ablauf.

Das retardierende Moment ist eine Verzögerung im Handlungsablauf des Dramas und dient somit der Steigerung der Spannung. Dadurch steht das retardierende Moment dem vorwärtsdrängenden erregenden Moment gegenüber, das das dramatische Werk für gewöhnlich einleitet. Die typische Spannungskurve im Drama verläuft demnach folgendermaßen:

Retardierendes Moment im klassischen Drama

Tipp: Wo zeigt sich die Retardation?


  • Tragödie: In der Tragödie ist das retardierende Moment eine Szene, die dafür sorgt, dass wir als Zuschauer nochmals Hoffnung fassen, dass der Held (Protagonist) doch noch gerettet werden kann. Diese Hoffnung stellt sich jedoch als falsch heraus.
  • Komödie: Hier kann das retardierende Moment als ein Ereignis beschrieben werden, das das glückliche Ende einer Handlung, das meist schon greifbar scheint, nochmals zusätzlich hinauszögert, um die Spannung im Drama aufzubauen.
  • Klassischer Fünfakter: Das retardierende Moment findet sich typischerweise im vierten Akt des klassischen Fünfakters und gipfelt in der Peripetie (Umschwung), die die Katastrophe einleitet, wobei es dem erregenden Moment des Anfangs gegenübersteht.

Retardierendes Moment in Maria Stuart

Grundsätzlich lässt sich die Retardation sehr leicht erkennen. Sie fällt uns auf, weil sie die Handlung nochmals verzögert und somit die Spannung vor dem Ende in die Höhe treibt.

Dennoch möchten wir Ihnen das ganze anhand eines Beispiels verdeutlichen. Schauen wir dafür auf die einzelnen Akte von Maria Stuart. So sollte ersichtlich werden, in welchem Zusammenhang Exposition, erregendes Moment, Höhepunkt, retardierendes Moment und Katastrophe im Drama stehen.

FunktionInhalt
I. AktExposition
(erregendes Moment)
Vorgeschichte; Situation Marias (Gefangenschaft); Begründung für das Todesurteil, das ihr alsbald bevorsteht und die Konsequenzen daraus.
II. AktSteigerungVerhandlung des Staatsrates über das Todesurteil von Maria Stuart; das scheinbare Eingehen Mortimers auf den Mordauftrag von Elisabeth; Leicesters und Mortimers Auseinandersetzung über die Befreiung von Maria; Leicester bringt Elisabeth dazu, einem Treffen mit Maria einzuwilligen.
III. AktPeripetie (Höhepunkt)Die beiden Königinnen, Maria und Elisabeth, treffen sich im Garten von Fotheringhay; Mortimers leidenschaftlicher Gefühlausbruch gegenüber Maria.
IV. Aktretardierendes MomentVerrat durch Leicester; Mortimers Befreiungsplan scheitert; Mortimer stirbt; Auseinandersetzung über das Todesurteil, dem Leicester zustimmt.
V. AktKatastropheTod der Maria Stuart; Bestrafung der Elisabeth (Verlassenheit)

Schon in der Exposition wird uns als Leser gezeigt, dass Maria Stuart sterben wird, da sie zum Tode verurteilt wurde. Jedoch schöpfen wir Hoffnung, dass Maria diesem grausamen Ende entgehen könnte und sind gewillt zu glauben, dass Mortimers Rettungsversuch erfolgreich sein könnte. Allerdings scheitert er und das Drama endet unweigerlich in der Katastrophe: Marias Tod.

Folglich wird das dramatische Ende durch die Retardation im vierten Akt lediglich verzögert, auch wenn uns schon vorab klar ist, dass es so und nicht anders ausgehen wird.

In Maria Stuart wird das grundsätzliche Prinzip folglich sehr deutlich und wir können so eine exemplarische Spannungskurve ablesen, wie sie im obigen Kompositionsmodell gezeigt wurde.

Retardierendes Moment im Überblick

  • Das retardierende Moment ist eine Szene, die das Ende der dramatischen Handlung verzögert und somit die Spannung erhöht, auch wenn das Ende unausweichlich ist.
  • In der Tragödie ist es das Ende des Heldens, wodurch wir glauben, dass es noch Hoffnung geben könnte; in der Komödie ist es das Hinauszögern des Happy Ends.
  • Es bildet foglich die „letzte Chance„, dem eindeutigen Ende nochmals zu entkommen und ein anderes herbeizuführen. Dieser Versuch scheitert jedoch.
  • Der klassische Aufbau ist dabei: Exposition, erregendes Moment, Höhepunkt/Wendepunkt, retardierendes Moment, Katastrophe/Ende