Die Contradictio in adiecto ist ein rhetorisches Stilmittel und wird aus einem Adjektiv und einem Substantiv gebildet, die sich gegenseitig ausschließen. Die Contradictio in adiecto ist somit eine Sonderform des Oxymorons, das zwei Begriffe verknüpft, die sich grundsätzlich widersprechen oder sogar ausschließen. Verwandt ist das Stilmittel außerdem mit dem Paradoxon.

Contradictio in adiecto ist Latein und lässt sich mit Widerspruch in der Beifügung übersetzen. Folglich verrät uns die Übersetzung schon, worum es hierbei grundsätzlich geht: einen Widerspruch zwischen einem Begriff und einem Wort, das diesem beigefügt ist (Adjektiv). Schauen wir dafür auf ein Beispiel.


Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe (Die Ärzte, Band)

Ein Schrei ist laut Duden ein „schriller Laut eines Lebewesens“, wohingegen stumm per Definition bedeutet, dass jemand nicht die Fähigkeit hat, [Sprach]laute hervorzubringen. Das Adjektiv stumm und das Substantiv Schrei sind also widersprüchlich, weshalb wir die gezielte Verbindung beider Worte als Contradictio in adiecto bezeichnen können.


Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken

Die drei Verse stammen aus der ersten Strophe der Todesfuge aus der Feder Paul Celans. In den Verszeilen finden wir eine Anapher (wir trinken) und außerdem die Contradictio in adiecto, die durch die widersprüchliche Verbindung von schwarz und Milch entsteht. Immerhin ist Milch bekanntlich weiß.

Hinweis: Die beiden Beispiele für die Contradictio in adiecto haben gemeinsam, dass wir beim Lesen über sie „stolpern“, wodurch die Stilfigur eine Aussage stärker in den Vordergrund rücken kann.

Contradictio in adiecto und Oxymoron

Die Contradictio in adiecto ist eine Sonderform des Oxymorons, da es zwei widersprüchliche Begriffe miteinander vereint. Allerdings ist nicht jedes Oxymoron eine Contradictio in adiecto.

Das heißt, dass das Oxymoron ein zusammengesetztes Substantiv sein kann oder eine widersprüchliche Verbindung anderer Wortarten. Die Contradictio in adiecto meint allerdings immer einen Widerspruch zwischen Substantiv und beigefügtem Adjektiv → Oxymoron, Beispiele für das Oxymoron

Hinweis: Interessant ist außerdem, dass ein Sprecher die Stilfigur bewusst einsetzen muss, damit wir von einer Stilfigur sprechen können. Tut er dies aus Unwissenheit, ist dies nicht als Stilmittel, sondern eher als Stilfehler zu interpretieren. Beispiel aus dem Alltag: Hallenfreibad.

Beispiele für die Contradictio in adiecto

Am besten lässt sich ein Stilmittel anhand von Beispielen veranschaulichen. Deshalb möchten wir Ihnen an dieser Stelle noch einige Beispiele für die Stilfigur mit auf den Weg geben.


Ein beredsam tiefes Schweigen
Ein Versteck, der offen liegt,
Ganz ergossen, sich nur eigen,
Ein Ergeben, nie besiegt.

Das obige Beispiel ist eine Strophe aus einem Liebesgedicht von Clemens Brentano. Die Widersprüche zwischen Adjektiv und Substantiv haben wir dabei farblich hervorgehoben. Klar ersichtlich sind dabei die Gegensätze zwischen beredsam / Schweigen, Versteck / offen und Ergeben / nie besiegt.

Weitere lose Beispiele für das Stilmittel
schwarze Sonne
viereckiger Kreis
weiser Narr
ehemalige Zukunft
absichtliches Versehen
eingefleischter Vegetarier
offenes Geheimnis

Wirkung und Funktion der Contradictio in adiecto

Prinzipiell ist es schwierig einer Stilfigur eine eindeutige Funktion zuzuschreiben. Dann laufen wir nämlich Gefahr, sie stets auf diese Funktion herunter zu brechen und nicht mehr auf den Gesamtkontext zu achten. Dennoch gibt es häufig einen Grund für den Einsatz.

Wirkung, Funktion und Effekt der Contradictio in adiecto

  • Durch den Einsatz der Stilfigur kann eine Aussage enorm verstärkt werden, da wir beim Lesen über den Widerspuch „stolpern“ und ihn so stärker wahrnehmen.
  • Weiterhin deckt das Stilmittel die Extrema eines Sachverhalts ab und kann so auf die Doppel- oder auch Mehrdeutigkeit einer Begebenheit verweisen. Alle Seiten eines Sachverhalts werden so in Lyrik und Prosa zum Ausdruck gebracht. Dadurch wird das sprachliche Bild erweitert.
  • Das Verbinden widersprüchlicher Wörter kann aber auch komisch wirken. Ein Beispiel dafür ist das Gedicht “Dunkel war’s der Mond schien helle“, das durchgehend in Oxymora verfasst ist. Dieses Gedicht finden Sie übrigens im Hauptartikel zum Oxymoron
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Contradictio in adiecto
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001