Anapher: Beispiele, Wirkung und Analyse
Die Anapher ist eine Wiederholungsfigur: Dasselbe Wort oder dieselbe Wortgruppe steht am Anfang aufeinanderfolgender Sätze, Teilsätze, Verse oder Strophen. Ein einfaches Beispiel lautet: „Wir brauchen Zeit. Wir brauchen Ruhe.“ Die wiederkehrenden Anfänge verbinden die Aussagen. Welche Wirkung dadurch entsteht, hängt davon ab, was wiederholt wird und in welcher Situation die Formulierung steht.
Aufbau: Eine Anapher sicher erkennen
Eigenes Beispiel · das Muster sichtbar machen
Ich schreibe jetzt.
Ich schreibe, was ich will.
Ich schreibe für mein Leben gern.
Gleicher Anfang: „Ich schreibe“. Wechselnde Fortsetzung: Zeitpunkt, Inhalt und Freude am Schreiben. Die drei Aussagen werden durch den gemeinsamen Beginn auf dieselbe Tätigkeit bezogen.
Die Grundform lässt sich als A … / A … / A … darstellen. Das A steht für die wiederholte Wortfolge. Bereits zwei entsprechend gebaute Einheiten können eine Anapher bilden; es müssen nicht drei sein. Die Einheiten müssen außerdem keine vollständigen Sätze sein. Auch „Ohne Lärm, ohne Hast, ohne Unterbrechung“ beginnt drei aufeinanderfolgende Wortgruppen gleich.
- Grenzen feststellen: Wo beginnen die Sätze, Teilsätze oder Verse? Orientiere dich nicht allein an einem Zeilenumbruch auf dem Bildschirm.
- Anfänge vergleichen: Welche Wortfolge kehrt dort tatsächlich wieder?
- Genau benennen: Schreibe beispielsweise „Wiederholung von ‚Ohne‘ am Anfang dreier Wortgruppen“ statt nur „Es gibt eine Anapher“.
Ein Vers kann mitten in einem Satz beginnen. Darum ist Versanfang nicht automatisch Satzanfang. Groß- und Kleinschreibung am Beginn eines Satzes ändert dagegen nichts daran, dass dasselbe Wort wiederkehrt.
Wirkung: Was bewirken die gleichen Anfänge?
Eine Anapher setzt wiederkehrende sprachliche Ansatzpunkte. Sie kann Aussagen bündeln, einen Gedanken beharrlich weiterführen oder Regelmäßigkeit darstellen. Daraus ergibt sich keine einzige, immer gleiche Stimmung. Die folgenden Beispiele sind eigens für diese Erklärung erfunden.
| Beispiel und Situation | Was die Anapher hier leistet |
|---|---|
| Eine Schülervertretung fordert Änderungen: „Wir wollen offene Räume. Wir wollen verlässliche Hilfe. Wir wollen mitentscheiden.“ | Jeder Punkt beginnt als gemeinsame Forderung. Das wiederholte „Wir wollen“ verbindet verschiedene Anliegen zu einem entschlossenen Auftreten der Gruppe. |
| Ein Erzähler schildert einen eintönigen Alltag: „Jeden Abend derselbe Flur. Jeden Abend dieselbe Stille.“ | Die regelmäßige Form entspricht dem regelmäßig wiederkehrenden Geschehen. Zusammen mit „derselbe/dieselbe“ lässt sie den Alltag gleichförmig erscheinen. |
| Eine Figur denkt an einen Abschied: „Vielleicht kommt sie zurück. Vielleicht schreibt sie. Vielleicht hat sie mich längst vergessen.“ | Jede Möglichkeit bleibt durch „Vielleicht“ ungesichert. Die Anapher verbindet Hoffnung und Befürchtung, ohne eine der Vermutungen als Tatsache auszugeben. |
| Eine Anleitung beruhigt vor einer Aufgabe: „Du kannst zuerst lesen. Du kannst Fragen stellen. Du kannst später entscheiden.“ | Der gleiche Beginn gliedert Handlungsmöglichkeiten. Im gegebenen Kontext kann die wiederholte Zusage Druck nehmen, weil nicht sofort eine einzige richtige Handlung verlangt wird. |
Beispiele aus der Literatur mit Erklärung
Eichendorff: „Im Walde“
Ich hör die Bächlein rauschen
Im Walde her und hin,
Im Walde in dem Rauschen
Ich weiß nicht, wo ich bin.
In Joseph von Eichendorffs Gedicht In der Fremde beginnen der zweite und dritte Vers mit „Im Walde“. Das ist eine Anapher an zwei benachbarten Versanfängen. Im dritten Vers kehrt zudem das „Rauschen“ aus dem ersten wieder. Ort und Höreindruck werden dadurch eng miteinander verbunden.
Die Ortsangabe schafft hier keine verlässliche Orientierung: Am Ende der Strophe weiß das lyrische Ich gerade nicht, wo es ist. Die wiederholte Nennung des Waldes lässt sich daher als ein Kreisen um denselben Wahrnehmungsraum lesen. Diese Deutung beruht auf dem Zusammenspiel von Anapher, Rauschen und abschließender Unsicherheit, nicht auf der Formel „Wiederholung macht unruhig“.
Grillparzer: eine Reihe gefürchteter Todesarten
Pfui über allen Tod! Durch Schwert, durch Feuer,
Durch Gift, durch Strick, durch Beil, pfui allem Tod!
Herzog Otto spricht diese Worte in Franz Grillparzers Drama Ein treuer Diener seines Herrn. Die Präposition „durch“ eröffnet fünf aufeinanderfolgende Wortgruppen. Sie sind jeweils gleich gebaut, obwohl nicht jede Gruppe am Anfang eines ganzen Verses steht.
Otto fürchtet in der Szene, gefangen und getötet zu werden. Das wiederholte „durch“ führt eine mögliche Todesart nach der anderen vor Augen; das umrahmende „Pfui“ weist sie gemeinsam zurück. Unmittelbar danach betont er seinen Wunsch zu leben. Im Zusammenhang lässt sich die Reihung daher als Ausdruck seiner Abwehr des drohenden Todes erklären. Die gleich gebauten Gruppen zeigen zusätzlich einen Parallelismus.

Schiller: zwei Sätze über dieselbe Figur
„Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen.“
Diese Äußerung steht im dritten Aufzug, vierten Auftritt von Friedrich Schillers Die Verschwörung des Fiesco zu Genua. Sie wird von der so bezeichneten Figur selbst gesprochen, nachdem Fiesco sie ins Vorzimmer geschickt hat. Beide Teilsätze beginnen mit derselben Wortgruppe. Die Anapher verbindet die erledigte Arbeit mit dem anschließenden Wegschicken und kann so den Eindruck vermitteln, die Figur werde vor allem nach ihrem Nutzen behandelt.
Der historische Ausdruck ist heute als diskriminierende Bezeichnung zu betrachten; hier wird er ausschließlich zur Erläuterung der Textstelle zitiert. Zum Wortlaut: Im Drama steht „Arbeit“. Die verbreitete Abwandlung „Schuldigkeit“ in der älteren Grafik ist keine wortgetreue Wiedergabe. Die Schreibung „getan“ wurde gegenüber „gethan“ modernisiert.
Ältere Wortwuchs-Grafik zum Schiller-Beispiel ansehen

Weitere literarische Beispiele
Das Buch der Unruhe, Fernando Pessoa
Wie ermüdend, geliebt zu werden, wahrhaft geliebt zu werden! Wie ermüdend, das Objekt emotionaler Belastungen eines anderen zu sein! Sich, wenn man sich frei, immer frei hat sehen wollen, mit einem Mal die Last der Verantwortung aufzubürden, Gefühle zu erwidern und so anständig zu sein, sich nicht zu entziehen, damit nur ja keiner auf den Gedanken kommt, man sei ein Prinz in Sachen Emotion und weise zugleich das Höchste zurück, das eine menschliche Seele zu geben vermag. Wie ermüdend, unsere Existenz ganz und gar abhängig zu sehen von der Gefühlsbeziehung zu einem anderen Menschen! Wie ermüdend, gezwungenermaßen ebenfalls ein bisschen lieben zu müssen, wenn auch ohne die volle Erwiderung!
Die wiederholten Satzanfänge „Wie ermüdend“ bündeln verschiedene Belastungen, die das erzählende Ich mit dem Geliebtwerden verbindet. Das Beispiel zeigt eine Anapher über einen längeren Prosaausschnitt; die wiederholte Wertung gibt den folgenden Gedanken eine gemeinsame Richtung.
Dreigroschenoper, Bertolt Brecht
Ja, da kann man sich doch nicht nur hinlegen,
Ja, da muß man kalt und herzlos sein.
Ja, da könnte so viel geschehen.
Ach, da gibt’s überhaupt nur: nein!
Die aufeinanderfolgenden Versanfänge „Ja, da“ markieren in diesem Ausschnitt die Anapher. Beim abschließenden „Ach, da“ wird der Anfang verändert. Eine vollständige Deutung muss darüber hinaus die jeweilige Situation des Songs berücksichtigen.
Anapher, Epipher und Parallelismus unterscheiden
| Begriff | Prüffrage | Beispiel und Abgrenzung |
|---|---|---|
| Anapher | Beginnen aufeinanderfolgende Einheiten gleich? | Hier wartet Mara. Hier beginnt die Reise. Gleich ist der Anfang. |
| Epipher | Enden sie gleich? | Mara wartet hier. Die Reise beginnt hier. Die Wiederholung steht am Schluss. |
| Parallelismus | Kehrt derselbe Satzbau wieder? | Mara öffnet das Fenster. Ben schließt die Tür. Beide Sätze bestehen aus Subjekt, Prädikat und Objekt, ohne gleiche Anfangswörter. |
| Anadiplose | Wird ein Schluss zum nächsten Anfang? | Sie sucht Ruhe. Ruhe braucht sie jetzt. Die Wiederholung verbindet Ende und Anfang. |
| Geminatio | Wird ein Ausdruck unmittelbar verdoppelt? | Ruhe, Ruhe! Hier wird ein Ruf wiederholt, ohne dass zwei unterschiedlich fortgesetzte Einheiten nötig sind. |
„Wir öffnen die Fenster. Wir öffnen die Türen.“ enthält Anapher und Parallelismus: gleiche Anfangswörter und gleiche Anordnung der Satzglieder. Die Begriffe schließen einander nicht aus. Werden sowohl Anfänge als auch Enden entsprechend wiederholt, spricht man von einer Symploke. Eine einzelne Einheit, die mit demselben Wort beginnt und endet, bildet dagegen einen Kyklos.
Eine Anapher analysieren: Beispielabsatz mit Kommentar
Eigener Übungstext · keine historische Rede
Bei einer Schulversammlung sagt eine Schülerin: „Wir brauchen einen Raum zum Lernen. Wir brauchen Menschen, die zuhören. Wir brauchen Entscheidungen, an denen wir beteiligt sind.“
Möglicher Analyseabsatz: Die Anapher „Wir brauchen“ eröffnet drei aufeinanderfolgende Sätze und bündelt die unterschiedlichen Forderungen der Schülerin. Während die Fortsetzungen einen Lernraum, persönliche Unterstützung und Mitbestimmung nennen, bleibt die Einleitung unverändert. Dadurch erscheinen die Anliegen als gleichrangige Bedürfnisse einer gemeinsam angesprochenen Gruppe. Das Pronomen „wir“ stellt dabei eine Gemeinschaft her, für die die Sprecherin einzutreten beansprucht.
Eine brauchbare Formulierungshilfe lautet: „Die Wiederholung von … am Anfang der … verbindet … . Weil …, lässt sich die Stelle als … verstehen.“ Fülle die Lücken mit Beobachtungen aus deinem Text. Für eine Gedichtanalyse solltest du zusätzlich auf Vers- und Strophengrenzen achten.
Anaphern üben: vier Aufgaben mit Lösungen
Die Beispiele sind selbst verfasst. Bei einer Analyse können mehrere Beobachtungen richtig sein, wenn sie am Text belegt werden.
1. „Ohne Eile, ohne Angst, ohne einen Blick zurück.“ Ist das eine Anapher?
Ja. „Ohne“ steht am Anfang dreier aufeinanderfolgender Wortgruppen. Vollständige Sätze sind nicht erforderlich. Die Präposition leitet jeweils das ein, was fehlt oder ausgeschlossen wird. Welchen Ton die Reihung erhält, müsste der weitere Zusammenhang zeigen.
2. „Am Morgen ist es still. Am Abend ist es still.“ Was wiederholt sich?
Die Wortgruppe „ist es still“ erscheint jeweils am Ende: Epipher. Zugleich beginnen beide Sätze mit „Am“, sodass auch eine Anapher auf Wortebene beschreibbar ist. Der gleichartige Satzbau bildet einen Parallelismus. Die unterschiedliche Länge der wiederholten Abschnitte ist kein Hindernis; benenne jeweils genau, auf welche Wörter sich deine Einordnung bezieht.
3. „Mara liest den Brief. Dann liest sie die Nachricht noch einmal.“ Wo ist die Anapher?
Es gibt hier keine Anapher. „Liest“ wiederholt sich, steht aber in keinem der beiden Sätze am Anfang. Die bloße erneute Verwendung eines Wortes reicht für diese Bezeichnung nicht. „Mara liest“ und „Dann liest“ sind verschiedene Anfänge.
4. Eine Figur sagt dreimal „Vielleicht“. Wie erklärst du die Wirkung?
Benutze nicht pauschal „Das macht die Aussage stärker“. Im Beispiel mit dem Abschied oben hält „Vielleicht“ alle Vorstellungen offen. Mögliche Lösung: „Die Anapher ‚Vielleicht‘ kennzeichnet sowohl die erhoffte Rückkehr als auch das befürchtete Vergessen als unsichere Möglichkeiten. Die Figur bewegt sich zwischen Hoffnung und Sorge, ohne Gewissheit zu erreichen.“ Diese Deutung bezieht die Fortsetzungen ein.
Wortwissen: Schreibweise, Grammatik und zweite Bedeutung
Es heißt die Anapher, im Plural die Anaphern. Das Wort wird mit ph geschrieben. Das Adjektiv lautet anaphorisch, beispielsweise „eine anaphorische Wiederholung“. Der Ausdruck geht auf griechisch anaphorá zurück; zum Bedeutungsbereich gehören das Zurückbeziehen und Wiederaufnehmen.
| Fall | Singular | Plural |
|---|---|---|
| Nominativ | die Anapher | die Anaphern |
| Genitiv | der Anapher | der Anaphern |
| Dativ | der Anapher | den Anaphern |
| Akkusativ | die Anapher | die Anaphern |
In der Sprachwissenschaft hat „Anapher“ noch eine andere Verwendung: Ein Ausdruck verweist auf etwas vorher Genanntes, zum Beispiel „Mara kommt. Sie trägt einen Rucksack.“ Das Pronomen „Sie“ bezieht sich auf Mara. Dies ist ein Rückverweis, aber keine rhetorische Anapher mit wiederholtem Satzanfang. Welcher Begriff gemeint ist, ergibt sich aus dem Zusammenhang der Aufgabe.
