WORTWUCHS | Literaturlexikon

Hypotaxe

Die Unterordnung in der Satzgliederung wird als Hypotaxe bezeichnet. Das bedeutet, dass mit dem Begriff Hypotaxe die Unterordnung von Nebensätzen unter Hauptsätze beschrieben wird. Durch den Einsatz des Stilmittels können sehr komplexe Gedankengänge veranschaulicht und Themen detailliert dargestellt werden. Das Gegenstück zur Hypotaxe ist die Parataxe.

Gemeinhin erkennen wir die Hypotaxe daran, dass Sätze sehr lang erscheinen. In diesem Zusammenhang fällt oftmals der Begriff „Bandwurmsatz“, also ein Satzgefüge, das einfach nicht enden will. Typisch ist ein hypotaktischer Stil vor allem für Heinrich von Kleist oder auch Thomas Mann (→ Literaturepochen).

Hinweis: Das Wort lässt sich aus dem Griechischen ableiten. Dabei steht „hypo“ (ὑπό) für „unter“ und „táxis“ (τάξις) für „Ordnung“. Die Übersetzung zeigt auch recht schön, was es mit der Stilfigur auf sich hat: es geht um eine Unterordnung. In diesem Fall ordnen sich Nebensätze unter Hauptsätze.

Unterordnung von Nebensätzen unter Hauptsätze

In der Fachliteratur findet sich unter dem Stichwort Hypotaxe meist der Hinweis, dass es sich um eine Unterordnung von Neben- unter Hauptsätze handelt. Aber was bedeutet das?

Grundsätzlich unterscheiden sich Hauptsätze und Nebensätze durch die Stellung des konjugierten Verbes (~gebeugtes Tuwort). In einem Hauptsatz steht das konjugierte Verb an erster Position (Ja-/Nein-Fragen und Imperativ) oder an zweiter Position (Aussagesätze und W-Fragen).

HS
Ich gehe in die Bar.
Das Beispiel ist ein Aussagesatz und eben auch ein Hauptsatz. Das erkennen Sie daran, dass das Verb (~gehen), wie bereits beschrieben, an zweiter Stelle steht. Schauen wir auf den Nebensatz.

Grundsätzlich gleicht der Nebensatz dem Hauptsatz. Der Unterschied ist jedoch, dass das konjugierte Verb hierbei auf die letzte Position rutscht und nicht an einer anderen Position auftauchen kann.

HS
NS
Ich gehe in die Bar,
weil ich Jonas treffen möchte.
Der Nebensatz (NS) ist ähnlich aufgebaut. Das unregelmäßige Verb (mögen) steht hierbei allerdings an der letzten Position innerhalb des gesamten Konstrukts.

Hinweis: Nebensätze werden häufig durch Konjunktionen mit dem Hauptsatz verknüpft (dass, nachdem, ob, weil, …) und durch ein Komma von diesem getrennt. Wichtig ist außerdem, dass der Nebensatz vom Hauptsatz abhängig ist. Das bedeutet, dass er nicht ohne ihn stehen kann.

Die Hypotaxe erkennen

Wenn Sie anhand der Beispiele nachvollziehen konnten, was der Unterschied zwischen Nebensatz und Hauptsatz ist, sollte es Ihnen leichtfallen, die Hypotaxe zu erkennen.

Schauen wir zur Verdeutlichung auf ein einfaches Beispiel, um die Unterscheidung noch deutlicher herauszuarbeiten. Nehmen wir dafür einen einzigen Satz aus Kleists Michael Kohlhaas:


Es traf sich, daß der Kurfürst von Sachsen auf die Einladung des Landdrosts, Grafen Aloysius von Kallheim, der damals an der Grenze von Sachsen beträchtliche Besitzungen hatte, in Gesellschaft des Kämmerers, Herrn Kunz, und seiner Gemahlin, der Dame Heloise, Tochter des Landdrosts und Schwester des Präsidenten, andrer glänzenden Herren und Damen, Jagdjunker und Hofherren, die dabei waren, nicht zu erwähnen, zu einem großen Hirschjagen, das man, um ihn zu erheitern, angestellt hatte, nach Dahme gereist war […]


Grundsätzlich ist die wesentliche Aussage des Satzes, dass der Kurfürst aufgrund einer Einladung nach Dahme reist. Alle anderen Elemente des Satzes sind lediglich Einschübe, die uns zusätzliche Informationen zum Hauptsatz geben. Hierbei spricht man von einem hypotaktischen Satzbau oder eben einer Hypotaxe, da sich zahlreiche Nebensätze unterordnen.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang aber auch, dass die Hypotaxe oftmals eine kunstvolle Verschachtelung der Nebensätze meint. Es geht also nicht nur um den vielfältigen Einsatz solcher Nebensätze, sondern um die Verbindung mehrerer Nebensätze in einem Satzgefüge.

Beispiele für die Hypotaxe

Nachfolgend möchten wir noch weitere Beispiele für die Hypotaxe zeigen. Es sollte nunmehr ersichtlich sein, was die Stilfigur ausmacht, weshalb wir auf weitere Erläuterungen verzichten.


Am Hofe der Prinzessin von St. C… zu Neapel, befand sich, im Jahr 1788, als Gesellschafterin oder eigentlich als Sängerin eine junge Römerin, namens Franzeska N…, Tochter eines armen invaliden Seeoffiziers, ein schönes und geistreiches Mädchen, das die Prinzessin von St. C… wegen eines Dienstes, den ihr der Vater geleistet, von früher Jugend an, zu sich genommen und in ihrem Hause erzogen hatte.


Dieser Auszug stammt abermals aus der Feder Kleists und ist dem Werk Sonderbare Geschichte, die sich, zu meiner Zeit, in Italien zutrug entnommen. Auch hierbei wird der eigentliche Hauptsatz durch zahlreiche Einschübe erweitert, die sich diesem unterordnen.


Wieder ist […] ein Jahr vergangen […]: allmählich wird mir dieser ewigwährende Zyklus ein wenig leid, wozu verschiedene Faktoren, deren Urheber ich in diesem Zusammenhang, um mich keinen Unannehmlichkeiten, deren Folgen, die in Kauf zu nehmen ich, der ich gerne Frieden halte, gezwungen wäre, nicht absehbar wären, auszusetzen, nicht nennen möchte, beitragen.


Dieser Auszug ist Wolfgang Hildesheimers Mitteilungen an Max entnommen. Zwar ist der Einstieg noch recht „übersichtlich“, doch alsbald verwickeln sich die einzelnen Sätze ineinander und der hypotaktische Satzbau tritt recht deutlich zutage.


Ich, der mit meinem Haufen eben in einem Wirtshause abgestiegen und auf dem Platz, wo diese Vorstellung sich zutrug, gegenwärtig war, konnte hinter allem Volk am Eingang einer Kirche, wo ich stand, nicht vernehmen, was diese wunderliche Frau den Herren sagte; dergestalt, dass, da die Leute einander lachend zuflüsterten, sie teile nicht jedermann ihre Wissenschaft mit, und sich des Schauspiels wegen, das sich bereitete, sich sehr bedrängten, ich, weniger neugierig, in der Tat, als um den Neugierigen Platz zu machen, auf eine Bank stieg, die hinter mir im Kircheneingang eingehauen war.


Den Abschluss der ausgewählten Beispiele bildet abermals Heinrich von Kleist mit einem Auszug aus Michael Kohlhaas. Kleists Erzählungen strotzen übrigens von Hypotaxen, die sich mitunter über viele Zeilen erstrecken. Gerade für Schüler ist es deshalb häufig schwierig, den jeweiligen Worten zu folgen und einen Sinnzusammenhang herzustellen.

Wirkung und Funktion der Hypotaxe

Natürlich ist es schwierig, einem Stilmittel eine eindeutige Wirkung zuzuschreiben. Dennoch hat jede Stilfigur einen Effekt auf den Leser und diesen können wir in jedem Fall beschreiben.

  • Die Hypotaxe ist meist ein sehr, sehr langer Satz, weshalb es mitunter schwierig ist, dem genauen Sinn zu folgen. Umso stärker die Verschachtelung der einzelnen Nebensätze, umso schwieriger ist es auch, die Zusammenhänge beim Lesen zu sehen.
  • Hypotaxen finden sich häufig in der Sprache der Wissenschaft (Fachsprache). Man könnte meinen, dass es daran liegt, dass Wissenschaftler gern „reden“. Oftmals liegt es jedoch darin begründet, dass die Hypotaxe einen Hauptsatz mit weiteren Informationen anreichern kann.
  • Im Gegensatz zur Parataxe wirkt eine Hypotaxe oftmals erklärend und informativ, weil die beigefügten Nebensätze die Aussage des Hauptsatzes unterstreichen können.
  • Falls Sie in einem Text Hypotaxen finden, ist das natürlich ein Merkmal. Sprechen Sie aber erst von einem hypotaktischen Satzbau oder Stil, wenn sich mehrere solcher Bandwurmsätze im Text ausmachen lassen.