Als Stichomythie, auch Zeilenrede, wird die schnelle und zeilenweise Wechselrede zwischen mehreren Figuren in einem Dialog bezeichnet. Das bedeutet, dass die verschiedenen Redner im Drama die Rede gestalten, wobei auf jeden Redner nur ein Vers entfällt und sie sich schnell abwechseln. Stichomythie wirkt rasant und dient zur starken Gegenüberstellung. Somit kann sie durchaus als Stilmittel gelten.

Der Begriff leitet sich aus dem Griechischen ab (stichomythía), wobei es aus den beiden Wärtern stichos und mythos gebildet wird, die sich mit Zeile und Rede übersetzen lässt. Die Übersetzung verrät uns demzufolge, dass es im Eigentlichen um eine Art Zeilenrede geht. Diese meint eine Wechselrede der Protagonisten und fällt im antiken Drama oft mit der Anagnorisis zusammen, also dem Durchschauen oder Wiedererkennen.

Diesem Wiedererkennen geht in der Regel der Irrtum voraus. Die dramatische Figur irrt sich und erkennt nun, wie sich die Situation tatsächlich verhält. Deshalb fällt sie oft mit der Peripetie, dem Wendepunkt, zusammen. Da eine solche Szene in der Regel sehr aufgeladen ist, eignet sich die Stichomythie ideal, um den erregten Wortwechsel der Handelnden zu verdeutlichen. Schauen wir zur Veranschaulichung auf ein Beispiel.


Iphigenie: Dies ist allein der Priest’rin überlassen.
Arkas: Solch seltnen Fall soll auch der König wissen.
Iphigenie: Sein Rat wie sein Befehl verändert nichts.
Arkas: Oft wird der Mächtige zum Schein gefragt.
Iphigenie: Erdringe nicht, was ich versagen sollte.
Arkas: Versage nicht, was gut und nützlich ist.
Iphigenie: Ich gebe nach, wenn du nicht säumen willst.

Dieses Beispiel stammt aus Iphigenie auf Tauris, einem Bühnenstück von Johann Wolfgang von Goethe. Hierbei wechseln sich Arkas, ein Vertrauter des Königs, und Iphigenie von Zeile zu Zeile ab und erhöhen so die Geschwindkeit der Figurenrede enorm. Hierbei fällt auf, dass der Konflikt durch den schnellen Wechsel verstärkt wird, wobei der Rhythmus der Sprache dennoch erhalten bleibt. Ein weiteres Beispiel:


Faust: Was soll das? Einen Strauß?
Margarete: Nein, es soll nur ein Spiel.
Faust: Wie?
Margarete: Geht! Ihr lacht mich aus.
(Sie rupft und murmelt)
Faust: Was murmelst du?
Margarete: Er liebt mich-Liebt mich nicht.
Faust: Du holdes Himmelsangesicht
Margarete:(fährt fort) Liebt mich-Nicht-Liebt mich-Nicht
(Das letzte Blatt ausrupfend, mit holder Freude.) Er liebt mich! …

Das Beispiel stammt abermals von Goethe und ist der Tragödie Faust entnommen. Hierbei unterhalten sich Margarete und Faust dialogisch, wobei abermals jedem Sprechenden lediglich ein einziger Vers zugedacht ist. Somit wird das Sprechtempo erhöht und die Rede der Figuren gewissermaßen miteinander verbunden, was den Dialog lebhaft erscheinen lässt.

Hinweis: Die beiden Beispiele zeichnen sich vor allem durch Lebhaftigkeit aus, was charakteristisch für die Stichomythie ist, weshalb sie vor allem seit dem 18. Jahrhundert sehr häufig längeren Monologen vorgezogen wurde und somit den dramatischen Text belebte (vgl. Literaturepochen).

Distichomythie und Stichomythie

Im Gegensatz zur Stichomythie, die jedem Sprechenden nur einen einzelnen Vers erlaubt, gewährt die Distichomythie jeweils zwei Verszeilen. Wir haben es somit mit einer Wechselrede aus Doppelversen zu tun, die aber immer noch eine Rhythmisierung und Lebhaftigkeit des Gesprochenen bewirkt.


Marthe: Die armen Weiber sind doch übel dran.
Ein Hagestolz ist schwerlich zu bekehren.

Mephistopheles: Es käme nur auf Euresgleichen an,
Mich eines Bessern zu belehren.

Marthe: Sagt grad, mein Herr, habt Ihr noch nichts gefunden?
Hat sich das Herz nicht irgendwo gebunden?

Mephistopheles: Das Sprichwort sagt: Ein eigner Herd,
Ein braves Weib sind Gold und Perlen wert.

Dieses Beispiel stammt ebenfalls aus dem Faust. Hierbei treten Mephistopheles und Marthe, eine Freundin Margaretes, in einen Dialog. Die Doppelverse schaffen eine Verbindung des Gesagten und sind unmittelbar ineinander verwoben. Im Laufe des Dialogs offenbaren sie außerdem eine Komik, so dass sich Marthe eingestehen muss, dass Mephistopheles sie nicht versteht oder verstehen will.

Kurzübersicht: Die wesentlichen Merkmale der Stichomythie

  • Die Stichomythie ist eine Art Zeilenrede. Hierbei treten mehrere Figuren in einen Dialog, wobei jedem Sprechenden nur eine einzige Verszeile zugestanden wird, weshalb ein sehr schneller Schlagabtausch in Form der Wechselrede erfolgt.
  • Wird dabei ein Wort des Gesprächspartner im eigenen Vers aufgegriffen, wird das als Anaklasis bezeichnet. Ein Beispiel dafür finden wir im ersten der vorgestellten Dialoge aus Iphigenie auf Tauris, wenn das Versagen durch Arkas aufgenommen wird.
  • Oftmals hat diese Rede eine belebende, rasante Wirkung und erscheint demnach vornehmlich im lebhaften Austausch sowie Streitgespräch. Durch rhythmische und klangliche Ähnlichkeiten der Verse kann dieser Effekt noch zusätzlich verstärkt werden.
  • Als Steigerung der Stichomythie kann die Figur der Antilabe gelten. Hierbei wird nicht nur wechselseitig ein Vers gesprochen, sondern der gesamte Dramenvers über mehrere der Figuren aufgeteilt, wodurch eine starke Dramatisierung des Dialogs erreicht wird.

  • Sonderformen sind die Distichomythie, die einen Dialog aus Doppelversen beschreibt, sowie die Hemistichomythie, wobei jede der sprechenden Figuren nur einen halben Vers äußert.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Stichomythie
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001