Bahnwärter Thiel gilt als eine novellistische Studie des naturalistischen Schriftstellers Gerhart Hauptmann. Sie wurde 1887 geschrieben und erschien erstmals 1888.

Die Bezeichnung des Prosa-Stücks als Studie verweist auf den sozial-perspektivistischen Hintergrund der Novelle. Bei diesem Text handelt es sich um eines der Hauptstücke des Naturalismus. Auf eindrucksvolle Art gelingt es Hauptmann in Bahnwärter Thiel, das Schicksal eines einfachen Menschen darzustellen. Im Konflikt mit der Industrialisierung und dem technologischen Fortschritt, der durch die Eisenbahn symbolisiert wird, gelingt es Thiel nicht, die Hoheit über sein Leben zu behalten.

Im Zentrum der Handlung steht der namensgebende Bahnwärter Thiel, ein einfacher, aber frommer und gewissenhafter Mann. Er arbeitet in einem kleinen Bahnwärterhäuschen an der Zugstrecke zwischen Berlin und Frankfurt/Oder. Am Ausgang des 19. Jahrhunderts thematisiert die Novelle das Schicksal Thiels, der nach dem Tod seiner geliebten Frau Minna versucht, ihrem gemeinsamen Sohn Tobias ein gutes Leben zu bereiten.

Er heiratet erneut, um seinen Sohn nicht ohne Mutter aufwachsen zu lassen. Allerdings erweist sich die Magd Lene als herrschsüchtige Mutter, die auch nicht davor zurückschreckt, ihren Stiefsohn zu misshandeln. Bei einem tragischen Unglück wird Tobias von einem Schnellzug erfasst. Er stirbt.

Aufgrund dieses Unglücks zerbricht das Leben des Bahnwärters. Aus einer Gefühlsmischung aus Zorn und Schuldgefühlen bringt er in einer Affekthandlung seine Frau Lene und ihr neugeborenes Baby um. Am Ende der Novelle wird Thiel in eine Irrenanstalt nach Berlin gebracht.

Bahnwärter Thiel wohnt in Schön-Schornstein in der Nähe von Erkner bei Berlin. Er wird als ruhig und fromm beschrieben und arbeitet bereits seit zehn Jahren in seiner Tätigkeit als Bahnwärter an der Strecke zwischen Berlin und Frankfurt/Oder.

Seine Arbeit ist nicht sehr abwechslungsreich, dennoch ist Thiel sehr gewissenhaft. Durch einen herben Schicksalsschlag verstirbt seine geliebte Frau Minna, wodurch er in der Folge den gemeinsamen Sohn Tobias als alleinerziehender Vater und Witwer erziehen muss. Nach einem Jahr geht Thiel eine Ehe mit der kräftigen Magd Lene ein, da er nicht möchte, dass sein Sohn ohne Mutter aufwächst.

Es handelt sich eindeutig um eine Vernunftsehe, da sich Thiel nicht besonders zu der stämmigen Frau hingezogen fühlt. Dennoch gebärt Lene ein Kind. Ihr herrischer Charakter wird immer deutlicher, da sie versucht, ihren Einfluss in der Familie auszuweiten und Thiel immer mehr zurückzudrängen. Darüber hinaus vernachlässigt sie die Erziehung von Tobias und bevorzugt ihren eigenen Sohn.

Zunehmend gerät Thiel in eine Abghängigkeit zu Lene. Obwohl er mit der Entwicklung unzufrieden ist, hat er keine Möglichkeit, den Veränderungen irgendwie Einhalt zu gebieten. Lene wird zum Familienoberhaupt. Zu seinem Leidwesen wird sein Sohn Tobias von Lene misshandelt. Ohne eingreifen zu können, versucht Thiel nichtsdestotrotz, viel Zeit mit seinem Sohn zu verbringen.

Er ist ein liebevoller Vater und wird dennoch von Schuldgefühlen gegenüber seiner verstorbenen Frau geplagt. Vor ihrem Tod hatte er ihr nämlich versprochen, immer auf Tobias aufzupassen. Trotz der Abwesenheit seiner Frau fühlt sich Thiel noch immer zu ihr hingezogen und an sie gebunden. Er flüchtet sich in eine Fantasiewelt, die er sich jeden Tag neu in seinem engen Wärterhäuschen an der Eisenbahnstrecke erschafft.

In dieser geschützten Umgebung verehrt er seine tote Frau wie eine Heilige. In einer Vision, schreitet Minna über die Gleise. Sie trägt etwas in den Händen, was Thiel nicht erkennen kann, da es in Tücher gewickelt ist. Zunehmend verstärkt sich sein krankhaftes Verhalten. Er steigert sich mehr und mehr in diese Fantasiewelt, in die er aus seinem Alltag zu fliehen versucht.

Eines Tages wird ihm ein Stück Land rund um sein Wärterhäuschen zugesprochen. Doch kann Thiel sich nicht recht darüber freuen, da er nicht frei über das Land verfügen kann. Vielmehr ist er an die Entscheidung seiner Frau Lene gebunden, die das Land für sich beansprucht. Und so kommt es auch, dass Lene den Boden um das Häuschen als Acker verwendet, um Kartoffeln zu pflanzen.

Von nun an ist Thiels Rückszugsort durch das Eindringen seiner ungeliebten Frau gekennzeichnet. Doch ist Tobias nun auch mehr in seiner Nähe. Auf einem Spaziergang verstehen sich Vater und Sohn sehr gut. Tobias sagt, dass er sich vorstellen könnte, seinem Vater zu folgen und selber einmal Bahnwärter zu werden. Allerdings war Lene gegen den Spaziergang, da sie der Meinung war, dass jemand auf das junge Baby aufpassen müsste.

Als Thiel nun selber für die Arbeit fort gehen muss, bittet er Lene, auf seinen Sohn Tobias aufzupassen. Lene reagiert mit Gleichgültigkeit und zuckt nur mit den Schultern. Es geschieht ein Unglück, bei dem Tobias von einem Schnellzug erfasst wird. Thiel kann seinen Sohn nur noch zur nächstgrößeren Station bringen.

Er ist untröstlich und über den Unfall seines Sohnes zutiefst bestürzt. Er ist wie betäubt und kehrt stolpernd zur Arbeit zurück. In seinem Häuschen erliegt er wieder seinen Visionen und macht sich weitere Vorwürfe, nicht genug für Tobias da gewesen zu sein. In einem wahnhaften Anfall würgt er sein kleines Neugeborenes. Nur die Durchfahrt eines Zugs kann ihn vor einem Mord bewahren.

Er empfindet Hass gegen seine Frau Lene und spricht zu seiner verstorbenen Liebe Minna. Er verspricht ihr, Rache zu nehmen. Als ein paar Arbeiter die Leiche Tobias nach Hause bringen, bricht Thiel zusammen. Die Arbeiter tragen ihn nach Hause. Die nächsten Stunden kümmert sich Lene aufopferungsvoll um ihren verstörten Mann. Aber auch sie ist erschöpft und schläft ein.

Als die Arbeiter später an das Haus kommen, um der Familie den Leichnam des toten Sohnes zu übergeben, finden sie Lene erschlagen und das Baby mit durchgeschnittener Kehle. Der Mörder Thiel sitzt auf den Gleisen, an der Stelle, an der sein Sohn erfasst wurde. Nur mit einigen Mühen gelingt es den Männer, Thiel von der Bahnstrecke zu zerren. Ununterbrochen streichelt er Tobias Mütze. Thiel kommt zunächst in ein Untersuchungsgefängnis, wird aber noch am selben Tag in die Irrenanstalt der Berliner Charité eingeliefert.

Figurenkonstellation (Bahnwaerter Thiel) - klein
Bild: Figurenkonstellation von Bahnwärter Thiel, Netheka, CC BY-SA 3.0

Gerhart Johann Robert Hauptmann wurde 1862 in Schlesien geboren. Er gilt als bedeutendster Vertreter des literarischen Naturalismus und wurde in seinem Leben mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter dem Literaturnobelpreis im Jahre 1912.

Hauptmann kam als Sohn eines Hotelbesitzers zur Welt und suchte lange nach einer Möglichkeit, seine vielfältigen Interessen auszuleben. Er war ein mäßiger Schüler, der durch schlechtes Benehmen auffiel. Nach einer gescheiterten Schullaufbahn, musste er aus gesundheitlichen Gründen auch eine landwirtschaftliche Ausbildung bei einem Onkel abbrechen.

Zahlreiche Studien- und Ortswechsel prägten in der Folge sein Leben. Allerdings hatte Hauptmann auch großes Glück, seine spätere Frau Marie Thienemann kennen zu lernen, die ihm in der Folge nicht nur weitere Studienaufenthalte sondern auch Auslandsreisen finanzierte. Am Ende der 1880er gelang es Hauptmann schließlich mit der novellistischen Studie Bahnwärter Thiel und dem Drama Vor Sonnenaufgang in der literarischen Öffentlichkeit in Erscheinung zu treten.

Inspiriert von dem norwegischen Dramatiker Henrik Ibsen, gelang es Gerhart Hauptmann rasch, in Berlin und darüber hinaus bekannt zu werden. Anfang der 1890er Jahre erregte Hauptmann erhebliches Aufsehen mit seinem sozial-revolutionären Drama Die Weber. Dieses Stück verhalf ihm endgültig zum Erfolg und wurde von vielen Zeitgenössen bergrüßt.

In der Folge trennte sich Hauptmann von seiner Frau Marie und verbrachte mehr und mehr Zeit mit seiner Geliebten Margarete Marschalk. In den darauffolgenden Jahren steigerte sich Hauptmanns Ruhm so weit, dass er als erste Person überhaupt das repräsentativen Adlerschild erhält, die höchste Auszeichnung der Weimarer Republik.

Ihm wurde sogar das Amt des Reichskanzler angeboten, jedoch entschied sich Hauptmann gegen eine Karriere in der Politik. Zu dieser Zeit war er zu einer der bedeutensten Persönlichkeiten des damaligen Deutschlands geworden und weiter über die Landesgrenzen bekannt. Im Jahr 1846 wurden alle Deutschen aus Polen verwiesen, auch Hauptmann. Er starb im Alter von 84 Jahren an einer Bronchitiserkrankung.

Zentrales Motiv der Novellenstudie Bahnwärter Thiel ist die Eisenbahn, die in ihrer monumentalen Verfasstheit die Gegenwart des industriellen Maschinenzeitalters darstellt. Im Gegensatz zu den Eisenkolossen erscheint der Mensch als unbedeutendes Beiwerk, das von der auf Schienen geleiteten Macht überrollt wird (vgl. Dingsymbol).

Ebenso können die Schienen als schnurgerade Strecke gedeutet werden, die in einer hierarchischen Standesgesellschaft die Entwicklungsmöglichkeiten des Individuums determiniert. Als Adeliger oder Sohn eines reichen Bürgers scheint ein gutes Leben selbstverständlich.

Als Arbeiter oder Sohn eines Bahnwärters hingegen gibt es keine großen Aufstiegsmöglichkeiten. Letztlich sind es auch diese gesellschaftlichen Schranken und die herrschende Ungerechtigkeit, an der Bahnwärter Thiels Leben zerbricht.