WORTWUCHS | Literaturlexikon

Aus dem schlesischen Gebirge

Ferdinand Freiligrath

  1. »Nun werden grün die Brombeerhecken;
  2. Hier schon ein Veilchen – welch ein Fest!
  3. Die Amsel sucht sich dürre Stecken,
  4. Und auch der Buchfink baut sein Nest.
  5. Der Schnee ist überall gewichen,
  6. Die Koppe1 nur sieht weiß ins Tal;
  7. Ich habe mich von Haus geschlichen,
  8. Hier ist der Ort – ich wag’s einmal:
  9. Rübezahl!2
  10. Hört‘ er’s? ich seh ihm dreist entgegen!
  11. Er ist nicht bös! Auf diesen Block
  12. Will ich mein Leinwandpäckchen legen –
  13. Es ist ein richt’ges volles Schock!3
  14. Und fein! Ja, dafür kann ich stehen!
  15. Kein beßres wird gewebt im Tal –
  16. Er läßt sich immer noch nicht sehen!
  17. Drum frischen Mutes noch einmal:
  18. Rübezahl!
  19. Kein Laut! – Ich bin ins Holz gegangen,
  20. Daß er uns hilft in unsrer Not!
  21. Oh, meiner Mutter blasse Wangen –
  22. Im ganzen Haus kein Stückchen Brot!
  23. Der Vater schritt zu Markt mit Fluchen –
  24. Fänd‘ er auch Käufer nur einmal!
  25. Ich will’s mit Rübezahl versuchen –
  26. Wo bleibt er nur? Zum drittenmal:
  27. Rübezahl!
  28. Er half so vielen schon vorzeiten –
  29. Großmutter hat mir’s oft erzählt!
  30. Ja, er ist gut den armen Leuten,
  31. Die unverschuldet Elend quält!
  32. So bin ich froh denn hergelaufen
  33. Mit meiner richt’gen Ellenzahl!4
  34. Ich will nicht betteln, will verkaufen!
  35. Oh, daß er käme! Rübezahl!
  36. Rübezahl!
  37. Wenn dieses Päckchen ihm gefiele,
  38. Vielleicht gar bät‘ er mehr sich aus!
  39. Das wär‘ mir recht! Ach, gar zu viele,
  40. Gleich schöne liegen noch zu Haus!
  41. Die nähm‘ er alle bis zum letzten!
  42. Ach, fiel auf dies doch seine Wahl!
  43. Da löst‘ ich ein selbst die versetzten –
  44. Das wär‘ ein Jubel! Rübezahl!
  45. Rübezahl!
  46. Dann trät‘ ich froh ins kleine Zimmer,
  47. Und riefe: Vater, Geld genug!
  48. Dann flucht‘ er nicht, dann sagt‘ er nimmer:
  49. Ich web euch nur ein Hungertuch!
  50. Dann lächelte die Mutter wieder,
  51. Und tischt‘ uns auf ein reichlich Mahl;
  52. Dann jauchzten meine kleinen Brüder –
  53. O käm‘, o käm‘ er! Rübezahl!
  54. Rübezahl!‘
  55. So rief der dreizehnjähr’ge Knabe;
  56. So stand und rief er, matt und bleich.
  57. Umsonst! Nur dann und wann ein Rabe
  58. Flog durch des Gnomen5 altes Reich.
  59. So stand und paßt‘ er Stund‘ auf Stunde,
  60. Bis daß es dunkel ward im Tal,
  61. Und er halblaut mit zuckendem Munde
  62. Ausrief durch Tränen noch einmal:
  63. Rübezahl!
  64. Dann ließ er still das buschige Fleckchen,
  65. Und zitterte, und sagte: Hu!
  66. Und schritt mit seinem Leinwandpäckchen
  67. Dem Jammer seiner Heimat zu.
  68. Oft ruht‘ er aus auf moos’gen Steinen,
  69. Matt von der Bürde, die er trug.
  70. Ich glaub, sein Vater webt dem Kleinen
  71. Zum Hunger- bald das Leichentuch!
  72. – Rübezahl?!

[1] Als Koppe wird der oberste Teil eines Berges bezeichnet.
[2] Berggeist des Riesengebirges.
[3] ein Schock sind 6 Dutzend, also 50 Stück.
[4] ein altes Längenmaß unterschiedlicher Länge
[5] kleines, menschenähnliches Fabelwesen; Rübezahl gilt als König der Gnome.

» Zur Darstellung des Textes
Der oben stehende Gedichttext orientiert sich an der Schreibung Ferdinand Freiligraths. Folglich haben wir die Rechtschreibung kaum angepasst und sämtliche Einrückungen des Autors beibehalten.

Erläuterungen

Hintergrund

Die Ballade Aus dem schlesischen Gebirge aus dem Jahr 1844 von Ferdinand Freiligrath erzählt von einem Jungen, der ins Gebirge geht, um die Leinenwaren, die der Vater hergestellt hat, an den Berggeist Rübezahl zu verkaufen, um endlich Geld für Nahrung zu haben.

Freiligraths Gedicht stammt aus einer Zeit der wirtschaftlichen und sozialen Umbrüche. In Deutschland schritt die Industrialisierung in großen Schritten voran und zahlreiche Menschen arbeiteten zu Hungerlöhnen und konnten kaum mehr ihre Familien ernähren.

Davon waren vor allem die Weber betroffen, die sich mit einem enormen Preisverfall konfrontiert sahen und versuchten, diesem mit mehr Arbeit – bis zur Kinderarbeit – zu begegnen. Hierunter litt allerdings die Qualität der produzierten Waren, was das Problem noch verschärfte, weil die Abnehmer den Preis noch stärker drückten.

Und ebendiesen Umstand finden wir auch in der Ballade – die Lage der Familie ist so auswegslos, dass sich der älteste Sohn aufmacht, um Hilfe von einem Berggeist zu holfen. Doch auch dieses Vorhaben scheitert, kein Geist erscheint und überbringt den notwendigen Geldsegen und der Junge bleibt ausgezehrt und hungernd zurück.

Eine inhaltliche Nähe findet sich in Heinrich Heines Ballade Die schlesischen Weber.