WORTWUCHS | Literaturlexikon

Bauernaufstand

Börries Freiherr von Münchhausen

  1. Die Glocken stürmten vom Bernwardsturm,
  2. der Regen durchrauschte die Straßen,
  3. und durch die Glocken und durch den Sturm
  4. gellte des Urhorns Blasen.
  5. Das Büffelhorn, das lange geruht,
  6. Veit Stoßperg1 nahm’s aus der Lade,
  7. das alte Horn, es brüllte nach Blut
  8. und wimmerte: „Gott genade!“
  9. Ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft!
  10. Der Bauer stund auf im Lande,
  11. und tausendjährige Bauernkraft
  12. macht Schild und Schärpe2 zu Schande!
  13. Die Klingsburg hoch am Berge lag,
  14. sie zogen hinauf in Waffen,
  15. auframmte der Schmied mit einem Schlag
  16. das Tor, das er fronend geschaffen.
  17. Dem Ritter fuhr ein Schlag ins Gesicht
  18. und ein Spaten zwischen die Rippen –
  19. er brachte das Schwert aus der Scheide nicht,
  20. und nicht den Fluch von den Lippen.
  21. Aufrauschte die Flamme mit aller Kraft,
  22. brach Balken, Bogen und Bande –
  23. ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft:
  24. Der Bauer stund auf im Lande!

[1] Wir konnten bei der Recherche keine Quelle finden, die fundiert belegt, wer Veit Stoßperg war. Solltest Du helfen können, schreib uns.
[2] ein breites – oft als Bestandteil von Uniformen oder Trachten – zur Kleidung getragenes Band. Wird über Schulter oder Hüfte getragen.

Erläuterungen

Hintergrund

Die Ballade Bauernaufstand von Börries Freiherr von Münchhausen ist eine eher unbekannte Ballade, deren Erscheinungsjahr nicht genau rekonstruiert werden kann. Sie entstand vermutlich um 1900.

Bekannt geworden ist allerdings die musikalische Umsetzung von Hans Wendelmuth aus dem Jahr 1923. Sie gilt als Landsknechtslied und wurde so als Marschlied deutscher Söldner populär. Außerdem ist das Lied als Pfadfinderlied verbreitet.

Die Ballade erzählt von Bauern, die sich gegen die Herrschenden wenden und diese brutal entmachten. Im Werk stehen sich Bauern und Ritter gegenüber; die einen als Inbegriff des einfachen Volkes, die anderen als Personifikation eines gehobenen Standes.

Es geht also um das Entmachten von Obrigkeiten durch das einfache, arbeitende Volk. Dieser Aspekt ist es auch, der die Ballade mitunter in völkischen und nationalsozialistischen Zusammenhängen auftauchen lässt. Die Nähe Münchhausens zu deutschnationalen Bewegungen spielt hierfür natürlich ebenfalls eine entscheidende Rolle.