WORTWUCHS | Literaturlexikon

Begegnung

Heinrich Heine

  1. Wohl unter der Linde erklingt die Musik,
  2. Da tanzen die Burschen und Mädel,
  3. Da tanzen zwei die niemand kennt,
  4. Sie schau’n so schlank und edel.
  5. Sie schweben auf, sie schweben ab,
  6. In seltsam fremder Weise,
  7. Sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,
  8. Das Fräulein flüstert leise:
  9. „Mein schöner Junker1, auf Eurem Huth
  10. Schwangt eine Neckenlilje,2
  11. Die wächst nur tief in Meeresgrund –
  12. Ihr stammt nicht aus Adams Familie.3
  13. „Ihr seyd der Wassermann, Ihr wollt
  14. Verlocken des Dorfes Schönen.
  15. Ich hab’ Euch erkannt, beim ersten Blick,
  16. An Euren fischgrätigen Zähnen.“
  17. Sie schweben auf, sie schweben ab,
  18. In seltsam fremder Weise,
  19. Sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,
  20. Der Junker flüstert leise:
  21. „Mein schönes Fräulein, sagt mir warum
  22. So eiskalt Eure Hand ist?
  23. Sagt mir warum so naß der Saum
  24. An eurem weißen Gewand ist?
  25. „Ich hab’ Euch erkannt, beim ersten Blick,
  26. An Eurem spöttischen Knixe –
  27. Du bist kein irdisches Menschenkind,
  28. Du bist mein Mühmchen4 die Nixe.“
  29. Die Geigen verstummen, der Tanz ist aus,
  30. Es trennen sich höflich die beiden.
  31. Sie kennen sich leider viel zu gut,
  32. Suchen sich jetzt zu vermeiden.

[1] junger Landadliger oder adliger Gutsbesitzer.
[2] Lilie des Neck. Neck ist Althochdeutsch, bedeutet Wassergeist.
[3] Adam ist im Alten Testament der erste Mensch. Wer nicht zu Adams Familie gehört, ist somit kein Mensch.
[4] Diminutiv von Muhme. Muhme ist ein altes Wort für Tante.

» Zur Darstellung des Textes
Der oben stehende Gedichttext orientiert sich an der Schreibung Heinrich Heine. Folglich haben wir die Rechtschreibung kaum angepasst und sämtliche Einrückungen des Autors beibehalten.

Erläuterungen

Hintergrund

Die Ballade Begegnung von Heinrich Heine aus dem Jahr 1844 erzählt von einer eher unerwarteten Begegnung zwischen Wassermann und Nixe beim Tanz.

Heine greift in diesem Gedicht ein uraltes Sagenmotiv auf. Es geht um den Wassermann, der in zahlreichen Texten auftaucht, stets darauf aus, die jungen Mädchen zu verführen, sie in den Bann zu ziehen und in sein Unterwasserreich zu entführen.

In einigen Darstellungen ist dieser Nöck, wie er oft genannt wird, nicht bösartig, doch häufig zeigt sich seine mitunter hinterlistige Gestalt, wenn er die geraubten Seele nicht mehr an die Oberfläche zurücklässt. Doch auch wenn der Nix nicht böse ist, ist er doch stets wechselhaft und launisch – ein wenig wie das Wasser selbst.

Doch in Heines Ballade scheitert die Verführung – der Wassermann wird erkannt – und zwar von seinem weiblichen Gegenstück, der Nixe. Die beiden erkennen sich, erkennen ihre Verwandtschaft und gefallen sich darin, um sich dann aber, wenn das Lied ausklingt, voneinander zu lösen und ihrer Wege zu gehen.

Wer will, ist aber eingeladen mehr zu sehen. Dann geht es nicht mehr nur um Fabelwesen, die sich ihrer Verwandschaft, ihrer Ähnlichkeit bewusst werden, sondern um Gemüter, die nur die Verführung des Anderen im Sinn haben. Es geht um das Voneinanderlassens, weil man sich in ebendieser Beziehung zu ähnlich ist.

Wassermann und Nixe zeigen uns dann das Liebesspiel zwischen den Geschlechtern und die Erkenntnis, dass keiner vom Wechselhaften verletzt werden möchte, wenn er dies im Gegenüber erkennt.