Als Blankvers wird eine Verszeile bezeichnet, die ungereimt ist und einen fünfhebigen Jambus aufweist, wobei es männliche sowie weibliche Kadenzen geben kann. Also wird der Blankvers entweder aus zehn oder elf Silben gebildet und hat, im Gegensatz zum Alexandriner, eine bewegliche Zäsur. Den Blankvers finden wir oftmals im Drama und seltener in der Lyrik.

Der Begriff leitet sich aus dem Englischen ab (blank verse). Das Wort blank lässt sich mit leer oder auch unverziert übersetzen, meint in diesem Fall aber hauptsächlich den Umstand, dass der Blankvers ohne Reim auskommt. Verse ist die englische Entsprechung für eine Verszeile. Wir haben es also mit einem reimlosen Vers zu tun [der fünfhebig und jambisch ist]. Schauen wir dafür auf ein Beispiel.


Er ist es! Nathan!Gott sei ewig Dank,
Daß Ihr doch endlich einmal wiederkommt.

Das obige Beispiel ist dem Werk Nathan der Weise, einem Ideendrama von Gotthold Ephraim Lessing, entnommen. Die Passage ist der Anfang des dramatischen Textes, als Daja, eine Christin, die in Nathans Haus lebt, ihm entgegen eilt und ihn begrüßt. Daja spricht dabei in zehnsilbigen Blankversen, die betont enden, also eine männliche Kadenz haben.

Zur besseren Darstellung haben wir die unbetonten und betonten Silben farblich hervorgehoben. Dabei wird ersichtlich, dass die Betonung wechselhaft ist (alternierend) und die ausgewählten Verszeilen mit einer Senkung (unbetont) beginnen, der eine Hebung folgt (Jambus). Weiterhin sehen wir, dass beide Zeilen fünfhebig sind, also fünf betonte Silben aufweisen. Beide Zeilen sind demnach Blankverse.

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10
υ υ υ υ υ
υ υ υ υ υ

Der obige Aufbau ist somit das Grundmuster des Blankverses: eine jambisch alternierende Verszeile mit fünf Hebungen und demzufolge 10 Silben. Es fällt auf, dass die letzte Silbe hierbei betont bleibt, also eine männliche Kadenz hat. Die männliche Kadenz ist allerdings nicht zwingend erforderlich.

Da es für einen Blankvers lediglich entscheidend ist, dass er jambisch ist und weiterhin maximal fünf Hebungen aufweist, kann durchaus noch eine weitere Silbe angefügt sein, wodurch die Verszeile elfsilbig wird und auf eine unbetonte Silbe endet (weibliche Kadenz). Schauen wir dafür auf Nathans Antwort.

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Ja, Daja, Gott sei Dank. Doch warum endlich?

Nathans Antwort besteht hier aus 11 Silben und ist trotzdem als Blankvers zu deuten. Das liegt daran, dass wir deutlich das Wechselspiel zwischen unbetonten und betonten Silben erkennen, die so eindeutig jambisch sind und – auch wenn es eine Silbe mehr gibt – lediglich fünf Hebungen haben. Somit ist nur die Kadenz anders, als im ersten Beispiel, da der Auszug unbetont endet: eine weibliche Kadenz.

11
υ υ υ υ υ υ

Alle Beispiele verdeutlichen das grundsätzliche Prinzip. Der Blankvers ist folglich eine reimlose Verszeile mit alternierendem jambischen Metrum, das aus 10 Silben bei einer männlichen und 11 Silben bei einer weiblichen Kadenz besteht und somit fünfhebig ist. Die Zäsur ist dabei im Blankvers beweglich.

Die Zäsur im Blankvers

Als Zäsur wird eine (gedanklicher) Einschnitt innerhalb einer Verszeile bezeichnet. Das bedeutet, dass die Zäsur die Stelle im Vers markiert, an der wir beim Sprechen eine Sprechpause machen. Somit gliedert sie einen Vers in Sprecheinheiten und mitunter in Sinnabschnitte (→ Zäsur).

Die Position einer solchen Zäsur kann in einer Verszeile vorgeschrieben sein, wie beispielsweise beim eher strengen Alexandriner (Zäsur nach der dritten Hebung), der die Barockdichtung bestimmte, oder beweglich sein, wie es beim Blankvers der Fall ist, wo sie mitunter gar nicht auftaucht. Nehmen wir ein Beispiel.


Denn ach!  |  mich trennt das Meer von den Geliebten,

Das obige Beispiel ist dem ersten Aufzug von Goethes Iphigenie auf Tauris entnommen und ist aufgrund der Hebungen und Senkungen sowie dem jambischen Metrum, das fünf Hebungen hat, ganz eindeutig als Blankvers zu erkennen. Die Zäsur wurde farblich markiert und findet sich nach der ersten Hebung.

Vergleichen wir diesen Ausschnitt nun mit dem ersten Beispiel, das untersucht wurde, könnte uns auffallen, dass die Zäsur, also der sprachliche Einschnitt, in den jeweiligen Blankversen an einer anderen Stelle sitzt: sie ist somit im Blankvers beweglich und taucht teils überhaupt nicht auf (siehe zweite Zeile).


Er ist es!  |  Nathan!  –  Gott sei ewig Dank,
Daß Ihr doch endlich einmal wiederkommt.
Hinweis: Die bewegliche Zäsur im Blankvers lässt ihn sehr dynamisch und beweglich erscheinen, weshalb er vor allem in der Epoche des Sturm und Drang, die sich gegen eine allzu starre Poetik wandte, den verbreiteten Alexandriner verdrängte und zum Vers des deutschen Dramas wurde.

Ursprung der Blankverse

Nachdem wir nun auf den grundsätzlichen Aufbau des Blankverses und die freie Zäsur darin geschaut haben, möchten wir einen Abriss über den Ursprung der Blankverse anbieten.

Der Blankvers findet seinen Ursprung in der englischsprachigen Dichtkunst und wurde vornehmlich von William Shakespeare in seinen Dramen verwendet. Aber auch andere große englische Dramatiker wie beispielsweise Christopher Marlowe oder Ben Jonson griffen ihn auf und verfeinerten den Blankvers.

Im Zuge einer euphorischen Aufnahme der Werke Shakespeares fand der Blankvers seinen Weg im 18. Jahrhundert in die deutsche Lyrik und Dramatik. Er schien um ein vielfaches dynamischer, freier sowie beweglicher als der von Martin Opitz eingeführte Alexandriner, der seit der Barockdichtung in allerlei Werken Verwendung fand und wandte sich somit gegen eine starre Poetik.

Und so konnte es kommen, dass Gotthold Ephraim Lessing sein Drama Nathan der Weise ausschließlich in Blankversen verfasste und eben nicht auf die dominierenden alexandrinischen Verszeilen auswich, was dem Blankvers in der deutschen Literaturlandschaft zum endgültigen Durchbruch verhalf.

Fortan schrieben zahlreiche Autoren ihre Dramen in Blankversen und erklärten ihn somit indirekt zum eigentlichen Vers der deutschen Dichtung und zum bestimmenden Element dramatischer Werke.

Wirkung und Funktion der Blankverse

Wie eingangs dargestellt, ist der Blankvers um ein Vielfaches dynamischer, also beweglicher, einzusetzen, da er keiner starren Norm folgt. Allerdings hat der Siegeszug des Blankverses weitere Gründe, die maßgeblich mit seiner Funktion und Wirkung zusammenhängen.

Kurzübersicht sowie Ausblick auf Wirkung und Funktion

  • Der Blankvers folgt grundsätzlich einem recht eindeutigen Aufbau, da er beschreibt, dass eine Verszeile fünfhebig und jambisch sein muss und weiterhin fünf Hebungen umfassen sollte.
  • Diese Formgebung ist sehr flexibel, was vor allem im direkten Vergleich mit anderen Versformen oder Textarten auffällt. Dies liegt vornehmlich darin begründet, dass es keine feste Zäsur gibt, die an einer bestimmten Stelle des Verses auftauchen muss.
  • Ein weiterer Grund ist mit Sicherheit die Reimlosigkeit des Blankverses, welche zwar durchaus aufgehoben werden kann, aber dem Werk kein klares und starres Reimschema auferlegt.
  • Diese Freiheiten ermöglichen es, den Blankvers mühelos in dramatische Werke zu übertragen und ihn somit aus dem lyrischen Umfeld zu lösen und in ein prosaisches einzubetten, wobei dennoch ein sprachlicher Rhythmus existent ist.
  • Dadurch entstehen zahlreiche Spielarten der Gestaltung. Goethe orientierte sich beispielsweise meist an eine eher starre Form und wich selten vom metrischen Schema ab. Andere Dichter durchbrachen das Schema jedoch gekonnt. So lockerte Friedrich Schiller seine Blankverse oftmals durch Enjambements (Zeilsprünge) auf und andere Dichter lösten sich von der jambischen Struktur und setzten einen Trochäus an den Beginn einer Verszeile.
  • In der Summe seiner Teile kann der Blankvers also dynamischer wirken und weniger, wie mitunter der Alexandriner, wie ein Leierkasten. Durch die recht freie Gestaltung kann regelrecht Spannung in der Gestaltung erzeugt werden. Gerade dann, wenn die Erwartung des Empfängers (Leser) durchbrochen wird oder durch eine gesetzte Zäsur unerwartete Pausen entstehen oder eben schlagartig das Tempo beschleunigt respektive verlangsamt wird.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Blankvers
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001